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Theo R. Payk: Depression

Cover Theo R. Payk: Depression. UTB (Stuttgart) 2010. 112 Seiten. ISBN 978-3-8252-3372-3. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 22,90 sFr.

Reihe: UTB S (Small-Format) - 3372. UTB Profile.
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Autor

Theo R. Payk promovierte 1966 an der Medizinischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit einer Dissertation zum Traum bei den endogenen Psychosen. 1969 legte Payk an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn eine Dissertation zur auditiven Lateralität vor.

Thema

Seit einigen Jahren ist eine stetige Zunahme seelischer Leiden mit körperlichen Symptomen zu verzeichnen. Für diese psychosomatischen Beschwerden sind psychosoziale Stressoren verantwortlich zu machen. Statistisch ist ein „kontinuierlicher Anstieg der Inanspruchnahme medizinisch-psychologischer Leistungen in den westlichen Industrieländern“ (S. 7) zu verzeichnen. Depressionen rangieren hier auf den vorderen Plätzen. Sie „gehören zu den hauptsächlichen Risikofaktoren dafür, ein quälendes, unerträglich gewordenes Leben zu beenden […] Alles in allem sollen entsprechende Kenntnisse zu einem besseren Verständnis für das vielgestaltige Krankheitsbild Depression verhelfen, um zu einem angemessenen, vielleicht auch versöhnlicheren Umgang damit zu finden“ (S. 8).

Aufbau

Nach einer Einführung widmet sich der Autor im Hauptteil sechs Kapiteln:

  1. Krankheitsbilder
  2. Formen und Verläufe
  3. Untersuchungen
  4. Entstehung
  5. Therapieverfahren
  6. Rehabilitation und Prophylaxe

Der Anhang umfasst hilfreiche Adressen, die Nennung von Medikamenten, ein Glossar, ein Literaturverzeichnis und ein Sachregister.

Inhalt

Die Publikation soll, so der Autor in seiner Einführung, „über die unterschiedlichen Depressionsarten aufklären“ (S. 8). Um dies zu erreichen werden über zwei Falldarstellungen die typischen Krankheitsbilder dargestellt. Diese Darstellung wird „verbunden mit Hinweisen auf Anfangssymptome, Erläuterung der fachlichen Untersuchungsmethoden, die zur Diagnose führen, und Angaben über den üblicherweise zu erwartenden, weiteren Verlauf“ (S. 8).

Die seit Jahren feststellbare Zunahme seelischer Leiden, einhergehend mit psychosomatischen Beschwerden, hat unverkennbar Auswirkungen auf die Volkswirtschaft. Letztere wird durch die ansteigenden Gesundheitskosten sehr belastet. Für seelische Erkrankungen verantwortlich zu machen ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der gesellschaftliche Wandel. Hier spricht der Autor von veränderten „Lebensbedingungen und –gewohnheiten mit gestiegenen, bisweilen unrealistischen Ansprüchen an die eigene Lebensqualität und Fitness. Noch mehr allerdings dürften die wachsenden Anforderungen an Einsatz, Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit in der modernen Arbeitswelt die Ressourcen an Belastbarkeit und emotionaler Stabilität überfordern“ (S. 7).

Die seelischen Beeinträchtigungen erfordern - Payk folgend - professionelle Hilfe. Die oder der seelisch Leidende sucht die oder den Professionellen auf, um eine Linderung der Beschwerden zu erfahren. Diese Beschwerden „können von vorübergehenden Einschränkungen der Lebensfreude und Leistungsfähigkeit bis hin zu Verzweiflung und Lebensüberdruss reichen. […]

Depressionen gehören zu den hauptsächlichen Risikofaktoren dafür, ein quälendes, unerträglich gewordenes Leben zu beenden“ (S. 7 f.).

Für die Lernenden hervorzuheben sind aus der Einführung die beiden Merksätze:

  1. „Der Begriff Depression entstammt dem lateinischen Wort ‚depressus‘ und bedeutet ‚niedergedrückt‘. Er kennzeichnet einen schwer beschreibbaren, quälenden Verlust an Lebensfreude, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. […]
  2. Depressionen sind verbreitete Krankheiten. Sie sind keine isolierte Funktionsstörung, sondern betreffen den ganzen Menschen, indem sie sich auf alle geistig-seelischen und körperlichen Funktionen, Fähigkeiten und Leistungen auswirken“ (S. 9).

Depressionen sind weit verbreitet und seit geraumer Zeit bekannt. Lebensepisoden, die mit Schwermut, Niedergeschlagenheit oder Verzweiflung beschrieben werden, existieren seit Beginn der menschlichen Existenz. Dass Menschen diese Lebensepisoden erreichen hängt wahrscheinlich mit der menschlichen Fähigkeit zusammen, über sich und seine Lebensbeschwerlichkeiten nachzudenken. Zur Depression gibt es einen biblischen Bezug. In 1. Samuel 9,1 „ist die Rede von trübsinnigen Abwandlungen des ersten israelitischen Königs Saul aus dem 1. Jahrtausend v. Chr., den sein späterer Schwiegersohn David mit dem Harfenspiel aufheitern sollte“ (S. 10). Payk befasst sich in seiner Einführung mit historischen Begebenheiten zur Depression und seinen historischen Behandlungsmethoden. Beispielsweise wurde „in den mesopotamischen und ägyptischen Hochkulturen im 4. bis 3. Jahrtausend v. Chr. die gleichermaßen besänftigende wie euphorisierende Wirkung des Schlafmohns genutzt“ (S. 11). Kaiser Karl der Große hat den Gebrauch des im Schlafmohn enthaltenen Wirkstoffs Opium, aufgrund seiner berauschenden Wirkung, als Genussmittel ausdrücklich verboten.

Der Hauptteil beginnt mit der Präsentation von zwei Fallbeispielen:

Frau A., 36-jährige Abteilungsleiterin in einem großen Warenhaus klagt u. a. über folgende Symptome: Sie weiß nicht mehr weiter, schafft daheim die alltäglichsten Dinge nicht mehr, kann sich nicht mehr aufraffen, grübelt über Gott und die Welt nach und kann sich nicht einmal mehr ablenken. Ihr graut vor jedem neuen Tag, „der wie ein Riesenberg vor mir liegt“ (S. 18). Sie hat Angstvorstellungen, vermisst den gewohnten Kick, der sie dazu motiviert morgens wenigstens eine Tasse Kaffee zu trinken. Frau A. hat sich ganz und gar zurückgezogen. Die Leute nerven sie beim Einkaufen mit ihrem Gerenne. „Am unerträglichsten ist das Gefühl von Sinnlosigkeit und eigener Nutzlosigkeit. Wozu lebt man überhaupt noch? Rackert sich ab? Ich sehe alles schwarz, ohne Lichtblick. Mein Freund versucht mich abzulenken, zu trösten, aber ich kann ihm nicht richtig zuhören. Überhaupt fühle ich eigentlich nichts mehr richtig, bis auf eine grauenvolle innere Leere – schlimmer als körperliche Schmerzen. Das ist kein Leben, das ist wie Folter, eine Höllenstrafe“ (S. 18 f.).

Herr B., ein knapp 27-jähriger Versicherungskaufmann, „macht einen durch und durch niedergeschlagenen, verzweifelten Eindruck“ (S. 22). Er befasst sich fast nur mit seiner beruflichen Situation und nimmt in diesem Feld ein endgültiges Scheitern wahr. Sein Arbeitsvertrag wurde sechs Wochen vor der psychiatrischen Konsultation nicht verlängert. Die desolate Auftragslage zwang seinen ehemaligen Chef zur Kündigung. „Die Kündigung habe ihn wie ein Blitz getroffen“ (S. 22). Nun kann er, trotz Baldrianpillen, nachts nicht mehr schlafen, grübelt über seine Fehler, macht sich Vorwürfe, fühlt sich als Versager, ist energielos und befindet sich in einem Stimmungstief. Er verlässt kaum noch seine Wohnung und macht um seine ehemalige Arbeitsstelle einen großen Bogen. Herr B. kann sich daheim nicht richtig beschäftigen und klagt bei der Lektüre von Fachartikeln oder alten Akten über Kopfschmerzen.

Es folgt der Präsentation dieser Krankheitsgeschichten eine Besprechung.

Kapitel 2 befasst sich mit Depressionsformen und deren Verläufe, als da wären:

  • Melancholie, Angst und Leere
  • Unruhe trotz Erschöpftheit
  • Pseudodemenz
  • Todesgedanken
  • Körperliche Beschwerden
  • Depression bei Kindern
  • Geschlechtsunterschiede

In Kapitel 3 werden die Untersuchungen besprochen „Es geht […] um die Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen und um die Aufdeckung der Ursachen, zumindest ihrer vermutlichen Entstehungsbedingungen“ (S. 38). Im Einzelnen:

  • Körperliche Untersuchung
  • Untersuchungsgespräch/Exploration
  • Suizidrisiko
  • Ausdrucksverhalten
  • Fremdangaben/Fremdanamnese
  • Dauer und Schwere
  • Testverfahren

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Entstehung von Depressionen. Es geht schwerpunktmäßig um:

  • Veranlagung und Disposition
  • Hirnfunktionen
  • Körperkrankheiten
  • Lebensbedingungen
  • Burn out
  • Psychologische Krankheitsmodelle
  • Gesundheitskonzept
  • Chronische Depression

Therapieverfahren werden im fünften Kapitel vorgestellt. Hier befasst sich der Autor mit:

  • Leitlinien
  • Rahmenbedingungen
  • Medikamente
  • Biologische Therapien
  • Psychotherapie
  • Methodenkritik

Das sechste Kapitel befasst sich mit Rehabilitation und Prophylaxe. Zu diesem Schwerpunkt werden:

  • Therapeutenrolle

und

  • Rückfallverhütung

besonders in den Blick genommen.

Diskussion

Positiv hervorzuheben ist das Aufführen von Merksätzen, die das Wesentliche noch einmal auf den Punkt bringen. Weiterhin ist die knapp gehaltene Literaturliste, am Ende eines Kapitels, als sehr gut zu bewerten. Zur Prüfungsvorbereitung muss die Leserinnen- und Leserschaft dann nicht die gesamte Literatur der Psychiatrie rezipieren, sondern kann sich hier beschränken.

Depression scheint in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrisen in Mode zu kommen. Zahlungsunwillige Mietbetrüger begegnen meiner freundlich, aber bestimmt gehaltenen, Zahlungsaufforderung immer mit dem Argument an einer Depression erkrankt zu sein, die ihnen die Zahlung des fälligen Mietzinses verunmögliche. Die Frage ist also, ob hier nicht eine ernstzunehmende Erkrankung von einem bestimmten Personenkreis – und der rangiert in der jüngeren Altersgruppe bis etwa 30 Jahren – ausgenutzt und missbraucht wird.

Ein anderer Punkt ist der, ob es nicht Ärzte für Psychiatrie gibt, die nur allzu leichtfertig eine Depression fehldiagnostizieren, um sich - bei einer angespannten Haushaltslage des deutschen Gesundheitssystems – ihren finanziellen Haushalt aufzubessern. Also: Ist überall dort, wo Depression draufsteht, auch Depression drin? Gerade die Psychiatrie kann doch gut mit hypothetischen Konstrukten hantieren, die jeder Wissenschaftstheorie widersprechen.

Fazit

In seiner handlichen und kompakten Form ist das Buch gut und zügig lesbar. Es richtet sich, Payk folgend - und dem schließt sich der Rezensent an -, vor allem an angehende Ärzte, Psychologen, Therapeuten und Sozialarbeiter.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 24.06.2010 zu: Theo R. Payk: Depression. UTB (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-8252-3372-3. Reihe: UTB S (Small-Format) - 3372. UTB Profile. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9308.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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