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Walter Bruchhausen (Hrsg.): Hexerei und Krankheit [...]

Cover Walter Bruchhausen (Hrsg.): Hexerei und Krankheit : Historische und ethnologische Perspektiven. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2003. 264 Seiten. ISBN 978-3-8258-6240-4. 25,90 EUR.

Medizin und Kulturwissenschaft Band 1.
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Thema

Die Frage nach der Ursache bzw. der Schuld an einer Krankheit ist - in früheren und auch in heutige Zeiten - für viele Kranke ein zentraler Punkt im Krankheitsgeschehen. Da die Menschen sehr oft keine rechte Ursache in ihrem Leben dafür erkennen können, stellt sich schnell die Frage, ob hier nicht-normale Kräfte ein Rolle gespielt haben könnten. Dies trifft sicher auch für den heutigen Menschen zu, obwohl aufgrund der naturwissenschaftlichen Ausbildung derartige Überlegungen nicht offen besprochen werden. Da die Ärzte diese Gedanken völlig ablehnen, bleiben diese Fragen ungeklärt. Als Folge erfassen die Therapeuten die Gefühlslage des Kranken

nicht.

Entstehungshintergrund

Das Buch beruht auf einer Vortragsreihe "Krank durch Hexerei ?" im Sommersemester 2000 am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn.

Der Herausgeber W. Bruchhausen ist Mediziner und Theologe.

Aufbau und Inhalte

Die ersten vier Kapitel des Buches ( S. 1 - 92 ) stellen die "Hexenforschung" in Deutschland bzw. Europa dar.

Walter Bruchhausen bringt eine Einführung in das Thema "Medizin und Hexerei". Er weist daraufhin, dass die Trennung in Übernatürliches und Natürliches zutiefst eurozentrisch ist, weil sie ein naturwissenschaftliches Weltbild voraussetzt. Was innerhalb dieses Weltbildes nicht vorkommt, ist keiner empirisch-kausalen Erklärung zugänglich. In früheren und anderen Kulturen wird Magie als reale Wirkmöglichkeit akzeptiert. Der Verdacht auf übernatürliche Ursachen einer Krankheit entsteht, wenn keine Besserung eintritt, sich gewohnte Mittel als unwirksam erweisen, die Krankheit unvermutet bei einem Kerngesunden oder aber gehäuft auftritt. Unter Hexerei wird hier der gesellschaftliche verurteilte Schadenszauber oder die schwarze Magie verstanden, d. h. Krankheit als angehexter Schaden.

Kay Peter Jankrift stellt die "Kräfte zwischen Himmel und Erde. Magie in mittelalterlichen Krankheitskonzepten" dar und Thomas P. Becker beschreibt die "Hexenverfolgung im Rheinland".

Claudia Kauertz diskutiert das Verhältnis von Magie und gelehrter Medizin in der Frühen Neuzeit. Sie stellt fest, dass die Masse der von Medizinern verfassten dämonologischen Literatur bisher kaum erforscht ist. Sie erläutert ausführlich die Schriften der Medizinprofessoren der Universität Helmstedt aus den Jahren 1600 bis 1650. Darin wurden die Wirkungsweisen diskutiert, ob diese entweder als natürlich oder teuflisch zu klassifizieren waren. Sie bestritten die Möglichkeit natürlicher Magie und meinten, alle derartigen Erscheinungen seien an sich wirkungslos bzw. ein Werk des Teufels.

Über die Hexerei bei verschiedenen Völkern berichten die drei nächsten Kapitel.

W. Bruchhausen berichtet allgemein über die "Hexerei und Krankheit in Ostafrika". Er bringt in einem ausführlichen Überblick die Konfrontation der europäischen Missionare und dann der Juristen in den Kolonialländern mit diesem Phänomen. So wurden die naturwissenschaftlich akzeptable Kräuterheilkunde und die magischen Heilweisen auseinander dividiert. Die psychologische Deutung der mit Hexerei verbundenen Phänomenen ging einher mit einer Psychopathologisierung. Dies geschah nicht nur mit den Opfern sondern auch mit den Hexen. Die verwendeten Substanzen wurden auch im Labor untersucht und zeigten dabei meist keine Wirkung. Die Hexerei wurde auch in den Strafgesetzbüchern erfasst.

Die drei folgenden Kapitel bringen Beispiele aus dem Alltag aus verschiedenen Ländern. J. Harnischfeger schreibt über "Kreuzzüge gegen Hexen und Zauberer" im Südosten Nigerias. V. Herbst schildert diesen Bereich mit dem besonderen Schwerpunkt auf die sozialen Risiken unter dem Titel "Gerüchte, Konflikte, Magie" aus Mexiko. "Von Opfern und Tätern" bei dem Schadenszauber berichtet B. Wörrle aus einer Region in Guatemala. Hier wird gut verdeutlicht wie bei diesen heutigen Kulturen der Hexenglauben sich in allen Lebensbereichen auswirkt.

Im vorletzten Kapitel stellt W. v. Lucadou, der Psychologe und Physiker ist, die Erfahrungen einer paraspychologischen Beratungsstelle in Freiburg über die Verhexung dar. Die Stelle hat die Aufgabe Menschen zu helfen, die ungewöhnliche oder paranormale Erfahrungen machen. Über die Arbeit der Stelle sagt er nur, dass sich sehr häufig Menschen melden, die berichten, dass sie Opfer von schwarzer Magie oder Verhexung seien. Es wäre schon interessant, über dieses Klientel Näheres zu erfahren.

Im Folgenden diskutiert er die Ergebnisse der diesbezüglichen parapsychologischen Forschung bei einer außersinnlichen Wahrnehmung und der Psychokinese, wobei da hinter eine "nichtlokale Korrelation" stecke. Er stellt dann ein systemtheoretisches Modell über die Dynamik der Verhexung vor. Diese Entwicklung erfolgt in vier Phasen: Überraschungsphase, Verschiebungs- oder Displacementphase, Verhexungsphase und die Petrifizierungsphase.

Über die heutigen Vorstellungen bezüglich Hexerei und Krankheit schreibt B. Wolf-Braun. Sie führt eine statistische Befragung aus dem Jahr 2001 in Deutschland an, nach der u. a. 48% die Frage bejahen, dass es geheime magische Kräfte gibt. Weiter berichtet sie aus der zeitgenössischen Literatur über geistiges Heilen und Hexerei. Ausführlich berichtet sie über das geistige Heilen in Österreich. Sie stellt abschließend fest, dass durch ideologisch bedingtes Beharren auf Teilerkenntnissen die Möglichkeit einer funktionalen Analyse eingeschränkt ist und dass über das Ausmaß und Auswirkung der Gefährdungen durch schwarzmagische Praktiken nur spekuliert werden kann.

Diskussion

Wenn man sich mit diesen Fragen beschäftigt und davon ausgeht, dass solche Vorstellungen bei vielen - früheren und heutigen - Völkern existieren, dann muss die Frage gestellt werden: Wo sind diese seelischen Bereiche bei den modernen Menschen? Sind sie einfach durch das naturwissenschaftliche Wissen verschwunden oder bestehen sie noch irgendwo und werden verheimlicht? Es gibt keine Hinweise dafür, dass die Menschen anders geworden sind und derartige Vorstellungen nicht mehr existieren. Wenn dem so ist, dann muss angenommen werden, dass auch heute noch viele Menschen entsprechende Gedanken und Vorstellungen haben und dadurch beeinflusst werden.

Unter diesen Voraussetzungen ist die Kenntnis dieser Thematik für alle Therapeuten wichtig, um diesbezügliche "Hintergedanken" zu erkennen, anzusprechen und abzuklären. Deswegen ist das Buch grundsätzlich für alle Therapeuten zu empfehlen, insbesondere aber für diejenigen, die sich in diese Gedankenwelt einlesen wollen.

Fazit

Das Buch stellt den Themenkreis ausführlich, weit gefasst und gut dar. Die Artikel sind insgesamt gut lesbar und verstehbar. Es fehlt eine eingehendere Erörterung des psychischen Hintergrundes dieser Vorstellungswelt, die dem modernen Menschen weitgehend unglaublich erscheint.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 06.01.2004 zu: Walter Bruchhausen (Hrsg.): Hexerei und Krankheit : Historische und ethnologische Perspektiven. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2003. ISBN 978-3-8258-6240-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/931.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


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