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Burkhart Brückner: Geschichte der Psychiatrie

Cover Burkhart Brückner: Geschichte der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. 160 Seiten. ISBN 978-3-88414-494-7. 16,95 EUR, CH: 29,50 sFr.

Reihe: Basiswissen.
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Geschichte der Psychiatrie

Der Klappentext beschreibt die vorliegende Geschichte der Psychiatrie: In anschaulicher und spannender Weise bietet dieses neuartige Kompendium einen Überblick zur Geschichte psychiatrischer Arbeit. Prof. Dr. Burkhart Brückner schlägt den Bogen von der antiken Medizin und dem frühneuzeitlichen Umgang mit Visionen und Dämonen bis zur Ära der Seelenheilkunde in Irrenanstalten sowie der heutigen Gemeindepsychiatrie. Er beschreibt den Wandel der Institutionen und Theorien als Sozialgeschichte eines Fachs, das einen langen Weg von der Praxis der Verwahrung bis zur multiprofessionellen, biopsychosozialen Behandlung zurückgelegt hat. Fallgeschichten, Fotos und Dokumente illustrieren die „praktische“ psychiatrische Versorgung im Wandel der Zeiten.

Dieses gewaltige Programm auf circa 160 Seiten? Nun wissen wir, dass Klappentexte Leser gewinnen wollen, und so bleiben wir gegenüber dieser Zusammenfassung realistisch., die ja nichts direkt Falsches enthält, sondern das in diesem Buch Geleistete nur in einem allzu hellen Licht erscheinen lässt und damit doch erheblich überhöht. Dafür kann der Autor wohl nichts.

Mit auswählendem Blick hat er auf die bereits umfangreich dokumentierte, historische und theoretische Entwicklung der Psychiatrie geschaut , den Stoff gesichtet , notwendigerweise auf das für ihn als wesentlich Erkannte gekürzt und in eine Gliederung gebracht. Er nennt auch explizit die zentralen Kriterien, die seine Lektüre geleitet haben:

  • der soziale Ort der Behandlungen (Institutionen- und Professionsgeschichte)
  • die theoretischen Kontroversen (Begriffs- und Problemgeschichte)
  • die Erfahrungen im Umgang mit psychischem Leid (Alltags -und Patientengeschichte)

Wollen wir den historisch auswählenden Blick charakterisieren, so ist das Suchmuster letztendlich von der gegenwärtigen Psychiatrie vorgeformt, die als Gemeindepsychiatrie und auf biopsychosozialer Grundlage das aktuelle psychiatrische Leitbild darstellt. .Von dieser Basis aus werden Blicke in die Psychiatriegeschichte geworfen.

Autor

Burkhart Brückner ist Professor für Sozialpsychologie, Psychosoziale Prävention und Gesundheitsförderung an der Hochschule Niederrhein, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Zu seinen besonderen Arbeitsschwerpunkten zählt er die Geschichte der Psychiatrie.

Entstehungshintergrund

In der „Geschichte der Psychiatrie“, die als 20.Band der Reihe Basiswissen erschienen ist, geht es vor allem darum, dem Leser grundlegendes Wissen zu vermitteln. Der Leser soll erste fachliche Orientierungen erhalten, damit er sich im besten Falle durch eigene, weiterführende Lektüre weiterbilden und nach der Bedeutung des Gelesenen für seine Berufspraxis fragen kann. Vor diesem Hintergrund gelesen und beurteilt, wird dieses Buch, von der der Autor selbst sagt, es sei eine „Psychiatriegeschichte für Praktiker“, zu einer sinnvollen und lohnenswerten Lektüre.

Aufbau und Inhalt

Die einzelnen Kapitel folgen einer klassischen Epocheneinteilung. In jedem Kapitel gibt es Merksätze, damit der Leser sich vergewissern kann, worauf es ankommt. Auch die ausgewählte Literatur und die zahlreichen Abbildungen runden das Bild einer didaktisch durchdachten Konzeption ab.

Gut die Hälfte des Textes - circa 70 Seiten- beschäftigen sich mit den 2500 Jahren, die es vom Altertum (800 vor Christus bis 600 nach Christus) und Mittelalter (600 bis 1500 nach Christus) über die Renaissance (1450 bis 1600 nach Christus) sowie Barock und Aufklärung (1700 bis 1800 nach Christus)bis zum Vorabend der modernen Psychiatrie gedauert hat.

Hier eine Auswahl der im ersten Teil angesprochenen Themen:

  • Ägyptische ,griechische und römische Seelenheilkunde
  • Mittelalterliche Medizin
  • Tollkisten und Armenspitäler
  • Hexenverfolgung
  • Arme, Kranke und Behinderte
  • Aufstieg der Nervenkrankheiten
  • Behandlung im Tollhaus – die englischen Reformen
  • Die absolutistische Sozialpolitik der Ausschließung

.Die andere Hälfte des Textes beschäftigt sich mit den Entwicklungen der Psychiatrie im 19. und 20. Jahrhundert. Für das 19.Jahrhundert –Sicherung, Heilung und Forschung- lauten die Abschnittsüberschriften:

  • Die Anfänge der Anstaltspsychiatrie
  • Behandlungsethik und Krankheitsbegriff
  • Der Streit um die Ursachenmodelle
  • Der Nothschrei des Friedrich Krauß
  • Anstaltsbehandlung in Europa
  • Die Professionalisierung der Psychiatrie- Emil Kraeplin
  • Neuropsychiatrie und Degenerationstheorie
  • Debatten über die Irrengesetzgebung

Für das 20.Jahrhundert-auf dem Weg zur biopsychosozialen Psychiatrie- werden folgende Themen Gegenstand der Darstellung:

  • Emil Kraeplin, Karl Jaspers und Eugen Bleuler sowie Sigmund Freud.
  • Versorgungslandschaft in der Weimarer Republik
  • Psychiatrie im Nationalsozialismus
  • Die Ära der Psychopharmaka
  • Sozialpsychiatrie und Gemeindepsychiatrie
  • Biopsychosoziale Psychiatrie

Diskussion

Es ist klar, dass schon allein aus Platzgründen die jeweiligen Epochen sehr knapp und beispielhaft charakterisiert werden müssen. Umso mehr ist man überrascht, wie gut es dem Autor gelingt, in der gebotenen Kürze und mit ausgewählten Beispielen psychiatrierelevante Besonderheiten der jeweiligen Epochen darzustellen. Ein Beispiel: Im relativ knapp gehaltenen Kapitel über das Mittelalter ( 9 Seiten) weist ein Merksatz auf den flandrischen Ort Geel hin, in dem seit dem 14.Jahrhundert psychisch beeinträchtigte Personen in Familien gepflegt werden. Hier gibt es durchaus Anknüpfungspunkte und Rückhalt für die Diskussion gegenwärtiger Modelle der Familienpflege.

Natürlich können bei einer solchen Komprimierung der geschichtlichen Wissensbestände auch Fehleinschätzungen vorkommen. So sagt der Autor im Kapitel „Altertum- Natur und Kultur des Wahnsinns“, dass in der Antike weniger die „Individualität“ oder die „Persönlichkeit“ wichtig waren, sondern „kollektive Werte“ wie „soziale Rangfolge“ oder die „Bindung an kosmologische Kräfte“. Dabei übersieht er Entscheidendes, dass sich nämlich das auf der Selbstbehauptung des Individuums beruhende Freiheitsdenken der Griechen z. B. in Athen zu einem Programm der individuellen Freiheit und der Toleranz gegenüber der Freiheit der Anderen verdichtet hatte.

Dem gegenüber bleibt ein Merksatz über die griechische Seelenheilkunde wichtig, insofern er auf den Beginn der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise verweist, die psychische Erkrankungen auf körperliche Krankheitszustände zurückzuführen: Mit der hippokratischen Schule wächst die Bedeutung des Hirns als Ort der Entstehung von „vernunftlosen“ Zuständen , die unter anderem mit Begriffen wie „Manie“, „Melancholie“ und auch „Hysterie“ bezeichnet wurden.

Das für die deutsche Psychiatrie bis heute zentrale Kapitel über die Psychiatrie im Nationalsozialismus schließt mit einem Merksatz, den man durchaus mehrmals lesen kann: Die deutsche Psychiatrie ist nicht von den Nationalsozialisten „missbraucht“ worden, vielmehr war sie teilweise intellektuell, strukturell und personell in die Verbrechen verwickelt. Mindestens 296.000 psychisch beeinträchtigte Kinder und Erwachsene wurden ermordet.

Die abschließenden Kapitel über Sozialpsychiatrie und Gemeindepsychiatrie sowie über die biopsychosoziale Psychiatrie sollten als Antworten auf die Vernichtungspychiatrie gelesen und verstanden werden können.

Als Mitglied einer Verwaltung, die sich mit Gemeindepsychiatrie beschäftigt, hätte ich mir einen ausführlicheren Hinweis auf das Hungersterben in der Psychiatrie von 1914 bis 1949 (Faulstich) gewünscht. Denn hier wird sichtbar, wie auch Verwaltungen lautlos und schweigsam über alle politischen Systeme hinweg einen eigenen Beitrag geleistet haben und –ex negativo - wie wichtig eine gute Verwaltung für die Interessen psychisch kranker Bürgerinnen und Bürger ist.

Fazit

Jeder, der einen Einstieg in die Geschichte der Psychiatrie erhalten möchte, kann getrost dieses kleine Buch als erste Lektüre in die Hand nehmen und lesen. Er gewinnt einen problemorientierten , knappen, aber keineswegs die Materie unzulässig verkürzenden Einblick in die komplexe und vielfach noch nicht ausgeschöpfte Geschichte der Psychiatrie.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 24.01.2011 zu: Burkhart Brückner: Geschichte der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. ISBN 978-3-88414-494-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9310.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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