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Christan Müller: Psychiatrische Miniaturen

Rezensiert von Prof. Dr. Margret Dörr, 25.07.2011

Cover Christan Müller: Psychiatrische Miniaturen ISBN 978-3-88414-495-4

Christan Müller: Psychiatrische Miniaturen. Spitalsgeschichten. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. 160 Seiten. ISBN 978-3-88414-495-4. 19,95 EUR. CH: 42,90 sFr.
Reihe: Edition Das Narrenschiff
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Thema

„Spitalsgeschichten“ von Christian Müller ist ein ungewöhnlicher, kunstvoller Lesestoff über gewöhnliche (bunte, traurige, zweifelnde, sonnige, unheimliche, ironische, ängstigende, nachdenkliche, sanfte und skurrile …) Alltagsgeschichten in einer psychiatrischen Großklinik vergangener Jahre. Erzählt wird aus der Perspektive eines Wissenden, der es vermag, letztlich Unsagbares in eine Bilderflut einzuspinnen und in der Leserin überraschende, erhellende Eindrücke über diesen besonderen(?) Ort zu hinterlassen.

Autor

Prof. Dr. Christian Müller, Jg. 1921, ist seit 1959 ordentliches Mitglied der Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse. Von 1961-1987 war er Direktor des Hopital de Cery und Ordinarius für Psychiatrie in Lausanne. Als einer der frühen Psychiatrie-Reformer machte er Psychiatrie-Geschichte. Dabei bemühte er sich um die Vertiefung der psychotherapeutischen Methoden in der Klinik, trieb die Sektororganisation der Institutionen voran und gründete die Alterspsychiatrie in der Schweiz. Zudem war er mehrere Jahre Mitherausgeber des Lehrbuchs „Psychiatrie der Gegenwart“ sowie der Monographiereihe beim Springer-Verlag, Heidelberg. Seit seiner Emeritierung widmet er sich der Psychiatriegeschichte.

Entstehungshintergrund

Christian Müller, der als Sohn des Psychiaters Max Müller und seiner Frau Gertrud Müller-Adrian auf dem Gelände einer psychiatrischen Anstalt aufwuchs, in der sein Vater Anstaltsdirektor war, hat - wie er schreibt - bis zu seiner Pensionierung „insgesamt nur etwas sieben Jahre außerhalb von Psychiatriespitalmauern erlebt.“ (9) Später selber Klinikdirektor, reformierte er inhaltlich, formal und baulich das „Haus seiner Kindheit“. In zahlreichen Beiträgen hat er sich theoretisch und empirisch mit der Disziplingeschichte der Psychiatrie (einschließlich ihrer Irrtümer) auseinandergesetzt. Inzwischen fast 90 jährig schließt Müller mit dem vorliegenden Band an diesem Interesse an, aber ausdrücklich nicht als eine wissenschaftliche Vertiefung, sondern in Form feuilletonistisch gefasster Erkenntnisse, Erfahrungen und Erinnerungen.

Aufbau und Inhalt

Der Verfasser erzählt 55 kurze „Spitalsgeschichten“, die seine Erinnerungen an Tage und Nächte mit diversen Begegnungen im und außerhalb des Hospitals, über seine berufliche Lebensspanne hinweg (vom Assistenzarzt zum Chefarzt), verdichtet wiedergeben. Gleichsam als Initiation seines beruflichen Schaffens malt er das Bild eines kleinen Jungen, der verstört die Schreie, Proteste sowie Klagen der Patienten wahrnimmt, sie nicht begreift und doch erfasst, dass es um ein notwendiges Hören, Teilnehmen und geduldiges (Nicht)Verstehen der verbalen wie nonverbalen Mit-teilungen von Menschen geht.

Mit seinen weiteren Geschichten, allesamt farbige Szenen von alltäglichen Episoden, lädt Christian Müller die Leserin unausgesprochen ein, ganz ähnlich, mittels einer gleichschwebenden Aufmerksamkeit, in Kontakt zu treten mit seinen inneren Szenen: seinen Antrieben, Handlungsentwürfen und Vorstellungskomplexen über seine Arbeit in der Psychiatrie. Doch hineingezogen in eine Flut sinnlicher Symbole, involviert in die poetisch gestalteten menschlichen - lustigen, traurigen, skurrilen, nachdenklichen wie auch dramatischen - Szenen, gelingt der Leserin eine annähernde Entschlüsselung nur über das Weben eines eigenen Assoziationsnetzes. So sieht sie sich gleichsam konfrontiert mit ihren eigenen Lebensentwürfen, mit ihren eigenen widersprüchlichen Erlebnisszenen: mit ihren Ängsten vor Ohnmacht wie vor Verantwortung, ihren Wünschen nach einem Ausbrechen aus Rollenerwartungen durch normwidriges, gar aggressives Verhalten, mit ihrem Schmerz des Nicht-Wissens, ihren Sehnsüchten nach Sicherheit gebender Gleichförmigkeit, wie mit ihrer Lust auf Lebendigkeit und Grenzerfahrungen und den Zweifeln über eigene Entscheidungen. Christian Müllers szenisch-bildhafte Konfigurationen seiner „Psychiatrische Miniaturen“ vermögen durch ihre leichte, sanft ironische Intonierung nicht nur die eigene wütend-empfindliche Unfähigkeit, Kritik über das eigene Tun zu ertragen (ob berechtigt oder nicht), zum Klingen zu bringen, sondern gestatten der Leserin auch Momente des Stolzes über das wichtige Gebrauchtwerden im Tumult eines Alltags. Beginnt der Verfasser seine Spitalsgeschichten mit dem kleinen, ob der vernommenen Schreie, verschreckten Jungen, der er einmal war, so endet er mit einer nachdenklichen dichten Vignette über die Ambivalenz des Abschieds, die aufmerksam macht auf die mögliche Erfahrung einer neuen gehaltvollen Stille.

Diskussion und Fazit

Ja, die Momentaufnahmen der Erinnerungen, Gefühle und Erfahrungen des Psychiaters Christian Müller „zeichnen ein buntes Bild vom Leben im psychiatrischen Spital und laden zum Vergleich ein, was heute anders oder auf ähnliche Weise doch ganz gleich ist.“ (Umschlagstext). Gleichwohl vermögen die schlichten und doch tiefsinnig sensiblen Spitalsgeschichten mehr noch das Panorama auf die vielfältige, farbige und vor allem widersprüchlich-bizarre innere Welt von uns Menschen zu eröffnen, gleichgültig, ob wir innerhalb oder außerhalb von Mauern leben, als Patient oder Chefarzt. So lässt sich dieses kleine charmante Buch auch als eine Art Anti-Psychiatrie-Buch lesen, als ein Plädoyer für den Abbau von Mauern aus Vorurteilen und Scheingewissheiten. Ein Lese-Vergnügen, dass für Professionelle jeglicher psychosozialen - eben nicht nur psychiatrischen - Praxis zu empfehlen ist, die ihren eigenen Erfahrungen, Erlebnissen und Gefühlen auf die Spur kommen wollen.

Rezension von
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“ an der Katholischen Hochschule in Mainz.
Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,’ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik’, ‚Klinische Sozialarbeit’‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie’.
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Es gibt 25 Rezensionen von Margret Dörr.

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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 25.07.2011 zu: Christan Müller: Psychiatrische Miniaturen. Spitalsgeschichten. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. ISBN 978-3-88414-495-4. Reihe: Edition Das Narrenschiff. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9311.php, Datum des Zugriffs 12.08.2022.


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