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Hendrik Haase: Lebensgeschichten (Demenz)

Cover Hendrik Haase: Lebensgeschichten. Mit altersverwirrten Menschen ins Gespräch kommen. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2010. 20 Seiten. ISBN 978-3-86739-055-2. 12,95 EUR, CH: 22,90 sFr.

Reihe: BALANCE Ratgeber.
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Thema

Der Kommunikationsdesigner Henrik Haase entwickelte ein Set aus 25 mit Bildern versehenen Karten, einem Notizheft und einem kleinen Heft zum Gebrauch, um Menschen mit Demenz das Erzählen ihrer Lebensgeschichte zu erleichtern.

Aufbau und Inhalt

Das zwölfseitige Heft besteht aus neun Abschnitten.

Nach einer kurzen Einleitung über die Bedeutung der Lebensgeschichten und Erinnerungen für Menschen mit Demenz wird auf den Ort des Gespräches, der möglichst ruhig und ungestört sein sollte, und das Vorgehen bzw. den Umgang mit den Karten eingegangen. In den nächsten Abschnitten beschreibt der Autor, wie anfängliche Bedenken der Person mit Demenz gelöst werden sollen und wie der Umgang mit dem Notizheft erfolgt. Danach wird erklärt, dass es bei einem Gespräch mit einer demenzkranken Person nicht um Quantität, sondern die Qualität gehen kann; d.h. es sollte nicht in unangenehmen Erinnerungen gebohrt, aber Freude und Spaß des Gesprächspartners hervorgerufen werden. Dies bedeutet auch, dass es kein richtig oder falsch gibt und es nichts nützt, Menschen mit Demenz zu verbessern und ihnen dadurch die Falschheit ihrer Gedanken oder Aussagen vor Augen zu führen.

Die zweite Hälfte des Heftes beschäftigt sich mit dem Thema Kommunikation mit Menschen mit Demenz. Hier wird mehrmals darauf hingewiesen, dass demenzkranke Menschen eine klare und deutliche Sprache brauchen und ihnen genügend Zeit zum Nachdenken und Antworten gelassen werden muss. Dies wird mit konkreten Beispielen beschrieben. Weiterhin ist es wichtig, keine Quizfragen an die demenzkranke Person zu stellen, sondern Informationen, wie beispielsweise welcher Tag heute ist, nebenbei einfließen zu lassen. Auch sollten keine persönlichen Reizwörter des demenzkranken Menschen verwendet werden. Der Autor nennt als weiteren Punkt für eine positive Kommunikation eine ruhige und leise Sprechweise, da lautes Sprechen verwirrt. Die Person mit Demenz soll weiterhin behutsam durch das Gespräch geführt werden, indem einfache Sachverhalte zuerst benannt und die Stichwörter der erzählenden Person aufgegriffen werden. Es wird als letztes darauf hingewiesen, dass die Person mit Demenz mit erzählauffordernden Phrasen zum Sprechen ermutigt, aber nicht überfordert werden soll.

Die 25 Karten sind auf der Vorderseite mit Bildern von Gegenständen aus der Zeit bedruckt, in der die heute 70- bis 90-jährigen junge Erwachsene waren. Es handelt sich beispielsweise um eine Schreibmaschine, eine Puppe oder ein Gesangbuch. Auf der Rückseite befinden sich detaillierte Beschreibungen der Gegenstände, die sich auf ihre geschichtliche Entwicklung, ihren Gebrauch und ihre Bedeutung beziehen. Sie sollen der Person mit Demenz vorgelegt werden und durch gezielte Fragen, die ebenfalls auf der Rückseite zu finden sind, zum Erzählen über ihr Leben anregen. In dem beiliegenden Notizheft sollen, gegliedert nach den Gegenständen, biografische Daten aufgezeichnet werden.

Diskussion

Henrik Haase greift mit seinem Set aus Karten, Notizbuch und Begleitheft zum Umgang das Gebiet der Kommunikation mit Menschen mit Demenz auf. Dies ist ein interessantes Thema, da in der Gesellschaft die Tatsache, dass Menschen mit Demenz kommunizieren können oft negiert wird. Anhand der Karten soll es nun einer demenzkranken Person erleichtert werden, mit einem Gegenüber über ihr Leben zu sprechen. Das anleitende Heft ist sehr kurz gehalten und doch kommt es immer wieder zu Wiederholungen, wie beispielsweise dass es kein richtig oder falsch in einem Gespräch mit demenzkranken Menschen gibt.

Einige Aussagen und Hinweise sind durchaus geeignet, um die Kommunikation mit Menschen mit Demenz zu erleichtern. Allerdings sind einige Stellen ohne weiteres Hintergrundwissen über die Krankheit und den Umgang mit Personen mit Demenz zu undifferenziert, um der komplexen Kommunikationssituation gerecht zu werden. Beispielsweise kann der Hinweis Haases, „lieber den Satz des Dementen“ zu wiederholen, als mit einem bestärkenden oder aufmunternden „Mhhh“ zu antworten, in einigen Situationen durchaus sinnvoll sein. Dies gilt jedoch nicht uneingeschränkt. Ein kurzer Zuspruch ist manchmal sicherlich hilfreicher, als ein ständiges Wiederholen der Aussagen. Hier wäre eine detaillierte Anleitung wünschenswert. Weiterhin reduziert die Wortwahl, die die Person mit Demenz beschreibt, den Menschen auf die Krankheit Demenz („der Kranke“). Diese und auch andere Aussagen (z.B. dass dem Kranken erläutert werden soll, was als nächstes getan wird), erwecken zu stark den Anschein, dass die „gesunde“ Person das Gespräch leitet. Je nach Krankheitsstadium könnte der Mensch mit Demenz durchaus selbst entscheiden, über was er reden oder was er tun möchte. Die beschriebene Vorgehensweise kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass sich der Mensch mit Demenz herabgesetzt fühlt und dadurch die Lust an einer Fortführung des Gespräches verliert.

Unklar bleibt auch, ob das Set ein Spiel, eine Beschäftigungsmöglichkeit oder für die Gewinnung biografischer Erkenntnisse bestimmt ist. Die Adressatengruppen „Angehörige und andere Bezugspersonen“ ist zu ungenau. Andere Bezugspersonen könnten sowohl professionell Pflegende, als auch ehrenamtliche Personen z.B. in Betreuungsgruppen oder andere Personen, die Kontakt zu Menschen mit Demenz haben, sein. Dies ist für die Art des Gespräches und ob bzw. wie Notizen gemacht werden sollten von Bedeutung.

Das Design sowohl des Kastens, in dem die gesamten Materialien liegen, als auch der Bilder auf den Karten sind sehr ansprechend. Die Gegenstände sind deutlich aus früherer Zeit und gut dazu geeignet, um bei Menschen mit Demenz, die in besagter Zeit aufgewachsen sind, Erinnerungen zu wecken.

Fazit

Insgesamt ist die ansprechend gestaltete Kreation von Henrik Haase eine gelungene Möglichkeit, um mit Menschen mit Demenz ins Gespräch zu kommen. Allerdings sind die Anleitungen und Hinweise nur stellenweise hilfreich, um eine Konversation mit Menschen mit Demenz auch für diese angenehm zu gestalten. Generell ist fragwürdig, ob das Konzept, einen komplexen Kommunikationsvorgang sehr kurz zusammenzufassen, aufgeht, wenn die Adressatengruppe so ungenau definiert ist. Durch die einerseits sehr detaillierten, andererseits eher generellen Aussagen hängt der letztendliche Erfolg viel von der Einfühlsamkeit und Sensibilität des Anwenders ab.


Rezensentin
MScN Iris Hochgraeber
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Zitiervorschlag
Iris Hochgraeber. Rezension vom 17.04.2010 zu: Hendrik Haase: Lebensgeschichten. Mit altersverwirrten Menschen ins Gespräch kommen. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2010. ISBN 978-3-86739-055-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9312.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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