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Luc Ferry: Leben lernen

Cover Luc Ferry: Leben lernen. Die Weisheit der Mythen. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2009. 427 Seiten. ISBN 978-3-88897-586-8. 24,90 EUR.
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Ist das „gute Leben“ langweilig?

Der griechische Philosoph Aristoteles sieht im eu zên, dem „guten Leben“, das alles umfassende Gut und Ziel, das Menschen erstreben können. Es unterscheidet sich vom bloßen Leben, etwa der Tiere, dadurch, dass „der Mensch, weil er am Göttlichen teilhat, zum guten Leben fähig“ ist (F.Ricken, in: Otfried Höffe,Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 224). Diese Definition des Menschlichen hat sich von der antiken Philosophie bis in unsere heutigen Vorstellungen als ein Mythos und gleichzeitig als eine Weisheitslehre durchgesetzt und erhalten. Ob wir in unseren Sprichwörtern „den Stier bei den Hörnern packen“, ob unsere Entscheidungen „zwischen Skylla und Charybdis“ verlaufen, ob wir dazu aufrufen, den „Augiasstall auszumisten“ oder in unseren Sehnsüchten den „Ariadnefaden folgen“ möchten – immer denken wir dabei, meist unbewusst und nicht immer in der Geschichte zu Hause, griechische Mythen mit. Es sind die „schlafenden Metaphern“ (Charles Perelman) in unserer Alltags- und Muttersprache, die der Aufmerksamkeit und Entdeckung wert sind, ohne dass man dabei Historiker oder Sprachwissenschaftler sein muss.

Autor und Entstehungshintergrund

In der populären Literatur, in Filmen, Zeichentrickepen, Fernsehserien, Brett- und virtuellen Spielen, sind Themen aus der griechischen Mythologie en vogue. Der französische Philosoph Luc Ferry, von 2002 bis 2004 Erziehungsminister, ist ein vielgelobter und ausgezeichneter Schreiber. In Deutschland wurde er besonders bekannt durch den Bestseller „Leben lernen: Eine philosophische Gebrauchsanweisung“ (Kunstmann, 2007). Nun gibt der gleiche Verlag den 2008 in Paris erschienenem Band „La sagesse des mythes. Apprendre à vivre 2“ in deutscher Sprache heraus. Das Besondere: Es handelt sich dabei nicht um eine hochgelehrte Abhandlung über die griechische Mythologie, sondern um eine „Philosophie in Erzählform“. Und zwar mit dem Anspruch, Lernen zu definieren als „eine Heilslehre ohne Gott, eine Antwort auf die Frage nach dem guten Leben, die nicht über ein `höheres Wesen` oder den Glauben führt, sondern von der eigenen Gedankenleistung und der Vernunft ausgeht“; eine wahrhaft philosophische Deutung, denn, das lernen wir von Aristoteles, der Mensch ist ein vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen. Luc Ferry geht es dabei darum, die historischen Mythen sowohl geschichtlich einzuordnen und zu erläutern, als auch die urständig philosophische Frage „nach der Weisheit, definiert als Überwindung der Angst, die den Menschen erlaubt, freier und offener gegenüber anderen zu sein und selbständig zu denken und zu lieben“; als eine inter- und transkulturelle Herausforderung anzunehmen. Immerhin gibt es mittlerweile eine Reihe von philosophischen Ansätzen, die darauf hinweisen, dass ein „gutes Leben“, die „Lebenskunst“ also, nur menschlich und nicht göttlich erreicht werden kann. Es ist die Erkenntnis von der Vergänglichkeit des Lebens, das uns Sterbliche von den Unsterblichen aus der Mythologie trennt – und gleichzeitig mit ihnen verbindet. Diese sibyllinische Deutung bedarf der Erläuterung: Weil Philosophie als das Nachdenken über das Leben nichts anderes ist als Mythologie vernunftgemäß zu verstehen und zu interpretieren, lässt sich eine Beschäftigung mit Mythen begreifen als „ein Leben in Harmonie mit der kosmischen Ordnung… (als) echte Weisheit, (als) authentische (r) Weg zum Heil“. So wie Platons Ausspruch „Das Schöne ist schwer“ (vgl. die Rezension zu: Konrad Paul Liessmann, Hrsg., Vom Zauber des Schönen, Philosophicum Lech, 2010), könnte man im Sinne Ferrys sagen: „Harmonie ist schwer“. Es sind fünf Fragen, die der Autor der Betrachtung der ausgewählten griechischen Mythen zugrunde legt: Die Frage nach dem Ursprung des Lebens und der Menschen, als universale und kosmologische Erzählung; die zweite orientiert sich daran, in welcher Form die Erzählungen „menschlich“ und nicht „göttlich“ sind, oder, in welcher Weise eine Vermenschlichung der Götter und eine Vergöttlichung der Menschen sich vollzieht; mit der dritten Frage setzt sich der Autor damit auseinander, wie der „Wahnsinn der hybris“ in die Welt kommt und die „Maßlosigkeit des Lebens“ die Menschen bestimmt; viertens soll aufgezeigt werden, wie Helden oder Halbgötter in Menschengestalt die Spannweite von Weisheit und Wahnsinn zu überbrücken in der Lage sind; und schließlich die fünfte Frage, die sich damit befasst, dass neben Göttern und Helden die ganz normalen Menschen Glück, Freude und Katastrophen erleben und wie sie es erfahren können durch das Lesen der Mythen.

Es bleibt nicht aus, auch wenn der Autor betont, dass er sein Buch nicht in erster Linie wegen der Konsum- und Medienüberflutung, besonders der Kinder und Jugendlichen, geschrieben hat, dass bedenkenswert ist: „Über je mehr kulturelle, moralische und geistige Kräfte jemand verfügt, umso weniger wird er das Bedürfnis empfinden, zu kaufen um des Kaufens willen und zu zappen, um des Zappens willen“. So ist auch seine Schreibe angelegt, zum einen, die erwachsenen Leserinnen und Leser anzusprechen, zum anderen direkt Kinder und Jugendliche. Unerschütterlich überzeugt ist Luc Ferry, dass die Erzählungen aus der griechischen Mythologie Kinder wie Erwachsene in stärkerem Maße beeindruckt (und prägt), als dies Medien, mögen sie auch noch so motivierend aufbereitet und präsentiert werden, könnten.

Aufbau und Inhalt

Er gliedert sein Buch in sechs Kapitel und schließt es mit Schlussfolgerungen ab.

Im ersten Kapitel geht es um die „Geburt der Götter und der Welt“, vom „Chaos“ bis „Gaia“ bis zum „Eros“, der Liebe, die in den Mythen immer auch in Zwietracht wie auch in Korrespondenz zum „Eris“, dem Hass, dem Bösen und Schrecklichen steht. Sogar wie eine Lehrtafel präsentiert der Autor die zahlreichen Götternamen auf Griechisch und Lateinisch, nicht belehrend sondern informierend, schon gar nicht mit dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger; eher schon gelegentlich allzu „verflächlich“.

Im zweiten Kapitel wird die Spanne „von der Geburt der Götter zur Geburt der Menschen“ gezogen. Bei der Schilderung lässt er sich von drei Grundgedanken leiten: Das gute Leben, der Götter wie der Menschen, wird als ein Leben in Harmonie mit der kosmischen Ordnung gedeutet; es ist die „hybris“, die arrogante Maßlosigkeit, die die Sterblichen wie die Unsterblichen veranlasst, ihren angestammten Platz im Universum zu verlassen; es ist drittens die positive Einstellung der „dike“, der Gerechtigkeit, die ein Leben in Übereinstimmung mit dem Kosmos ermöglicht. In die einzelnen Erzählungen über die Götter- und Menschengestalten aus der griechischen Mythologie flicht Ferry immer wieder historische Zitate und Textstellen ein, die es dem Leser ermöglichen, tiefer und weiter zu denken und seine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen einzubringen.

Das dritte Kapitel widmet der Autor „Odysseus` Weisheit“, indem er sich auf die Entdeckungsreise nach der verlorenen Harmonie und ihrer Wiedererlangung begibt. Dabei benutzt er einen interessanten, erzählerischen Trick. Er gibt dem Leser einen Schlüssel in die Hand, einen Leitfaden, mit dem er Odysseus` Erlebnisse und Erfahrungen, Kämpfe und Abenteuer nachvollziehen kann.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der immer alten, immer aktuellen Frage, wie der Mangel an Weisheit das Leben der Sterblichen verderben kann; es ist die Hybris, die das fundamentale „Erkenne dich selbst!“ so missachtet und die Spanne zwischen Weisheit und Verrücktheit so einebnet. Sisyphos als Menetekel und gleichzeitig als Posaune der List: „Tod und Leben wechseln sich ab in einem Rhythmus, der dem entspricht, was oben und unten geschieht“, in den Höhen wie im Hades.

Im fünften Kapitel führt der Autor den Auftrag der Helden vor, die Ordnung des Kosmos gegen die Wiederkehr des Chaos zu garantieren: Der Heros als Überwinder der Sterblichkeit wird im Mythos durch die Schrift verewigt, so wie Herakles dies in der stoischen Philosophie symbolisiert. Es ist die Unordnung, die sich in dem unvorstellbaren Schmutz von Augias` Rinderställen darstellt; es sind die Taten des Theseus, der Mythos des Ikarus, die im Namen der Dike kämpfen, siegen und verlieren. Und es sind die Verlockungen des Goldenen Vlieses, die die Helden zu Sterblichen machen und trotzdem zum Mythos werden lassen.

Im sechsten Kapitel geht es um die Fragen, die Alltagsmenschen in vielen Situationen ihres Lebens berühren, aufregen und in Opposition bringen: Wie können die Götter das zulassen? In der griechischen Mythologie wimmelt es von solchen Machtkämpfen gegen das Schicksal, das meist als ungerecht empfunden wird. Ödipus` Leben als Albtraum und das seiner Tochter Antigone, die Bedeutung des Orakels, das man heute wohl als psychoanalytisches Mittel einsetzen würde, um Tragödien zu deuten und vielleicht auch zu verhindern – in der Antike bedeutete, sich gegen das Schicksal aufzulehnen eben nicht, wie heute, eine menschliche Erklärung dafür zu suchen und Schuldige dagegen anzuklagen, sondern „die Absurdität der Welt zu akzeptieren“, nicht fastalistisch und ohnmächtig,; vielmehr als Kraft zu verstehen, die Bedingungen des menschlichen Daseins besser zu verstehen.

Luc Ferrys Schlussfolgerungen aus den aufgezeigten und dargestellten Beispielen aus der griechischen Mythologie führen zurück auf das Grundprinzip, wie sich heute die Mythen lesen lassen: In Harmonie mit der kosmischen Ordnung leben. Wenn der Autor dazu ausgerechnet die tragische Gestalt des Dionysos nimmt und ihn gewissermaßen zum Olympier stilisiert, dann verfolgt er damit das, was man tatsächlich als eine Lebenslehre für uns heutige Menschen bezeichnen könnte: Es gibt keine Harmonie ohne Berücksichtigung der Unterschiede: „Die Andersheit, das Fremde, die Unordnung und der Tod, kurzum all das, was sich vom Göttlichen unterscheidet, muss mit einbezogen werden“.

Fazit

Bei der spannenden Lektüre des Buches drängt sich dem Leser zwangsläufig die Frage auf: Sind Mythen Erzählungen, die mehr sein können als an- und aufregende Geschichten? Ferry gibt darauf seine Antwort. Es ist die Auseinandersetzung mit den Ansprüchen des Religiösen und ihre Hinführung zum Profanen, Säkularisierten und Menschlichen als philosophisches Denken und der Frage nach dem guten Leben. So landet der Autor – zwangsläufig – bei seinen Interpretationen und Reflexionen über die griechischen Mythen beim Hier und Heute, wie dies in der globalen Moralcharta, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, in der Präambel eindeutig festgestellt wird: Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt. Ferrys Buch lässt sich auch als Versuch lesen, dem flüchtigen, oberflächlichen und unverbindlichen Zeitgeist den Geist der griechischen Mythen entgegen zu setzen, nicht im Sinne eines ewig-gestrigen Bedauerns, sondern als Aufforderung zum Gebrauch des menschlichen Verstandes, der historisch, sozial, eben human entwickelt werden muss, bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Der Autor verspricht, diesem zweiten Band seiner Weisheitslehren weitere Lebenslehren für unsere Zeit folgen zu lassen. Darauf darf man gespannt sein!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.03.2010 zu: Luc Ferry: Leben lernen. Die Weisheit der Mythen. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2009. ISBN 978-3-88897-586-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9313.php, Datum des Zugriffs 16.11.2019.


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