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Eckhardt Koch, Matthias J. Müller (Hrsg.): Asyl und Psychiatrie

Cover Eckhardt Koch, Matthias J. Müller (Hrsg.): Asyl und Psychiatrie. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2009. 130 Seiten. ISBN 978-3-7841-1949-6. 17,50 EUR.

Deutsch-Türkische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit [Schriftenreihe der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit e.V.]: Band ... der Schriftenreihe der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit e.V. - Band 6.
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Thema

Migranten sind stärker als die einheimische Bevölkerung gesundheitlich belastet, was vor allem auf Stress, Zugangsbarrieren zur Gesundheitsvor- und fürsorge und die Anreihung von Hürden im Alltag zurückzuführen ist. Oftmals kennen die Betroffenen großes Leid und traumatische Erfahrungen, die mit schweren Depressionen, Angstzuständen, Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) etc. einhergehen. Ein besonderes Dilemma bildet dabei das Verhältnis von psychosomatischen Störungen bzw. Erkrankungen und Entscheidungen über Abschiebung oder Bleibenkönnen, das Ganze in dem empfindlichen Spannungsfeld zwischen staatlichem Auftrag der Behörden und ärztlicher Fürsorgepflicht. Den meisten in diesem Bereich Tätigen ist dies bekannt, doch publiziert wurde dazu bisher noch relativ wenig. Ganz zu schweigen von noch immer ausstehenden wissenschaftlichen, empirischen Untersuchungen und umfassenden und verlässlichen Daten zu diesem Thema.

Herausgeber

Eckhardt Koch (Hrsg.) ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapie. Er leitete fünf Jahre die psychiatrische Behandlungsstätte Fulda. Seit 1991 ist er stellvertretender ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marburg und seit 2009 ist er zudem Migrationsbeauftragter des Vitos Klinikum Gießen-Marburg. Neben zahlreichen Publikationen, reger Vortragstätigkeit und Forschung engagiert er sich seit 1994 als Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosoziale Gesundheit e.V., ist außerdem Mitglied der World Association of Cultural Psychiatry (WACP) in Deutschland, leitet die Arbeitsgruppe Migration und Psychiatrie der Bundesdirektorenkonferenz Psychiatrischer Krankenhäuser und ist in weiteren Gremien tätig. Matthias J. Müller (Hrsg.) ist ebenfalls Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und ärztlicher Direktor am Vitos Klinikum Gießen-Marburg. Auch er kann auf eine Reihe Publikationen, rege Vortrags- und Weiterbildungstätigkeit im In- und Ausland verweisen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Affektstörungen bei Psychosen, Psychopathologie, Psychopharmakologie, sexuelle Funktionsstörungen, Mild Cognitive Impairment.

Entstehungshintergrund

Die Überzeugung der Herausgeber, „dass konstruktive und angemessene Lösungen im Sinne von „Asylsuchenden“ nur im interprofessionellen Dialog mit wechselseitigem Respekt für die jeweiligen Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Begrenztheiten denkbar sind,“ ist der Hintergrund für die Entstehung der Publikation. Dies führte zu einem am 07. Dezember 2007, in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marburg-Süd durchgeführten Symposium, auf welchem verschiedene Facetten dieser aktuellen Frage von Asyl und Psychiatrie in Impulsvorträgen vorgestellt und in einem Plenum diskutiert worden sind. Die Beiträge des Symposiums wurden dann, wegen ihrer kontroversen Aktualität in einem Reader zusammengestellt und fanden somit Eingang in die vorliegende Publikation.

Aufbau

Es handelt sich bei den einzelnen Beiträgen um die in Textform gebrachten Impulsvorträge des Symposiums von verschiedenen AutorInnen. Es sind insgesamt 8 Kapitel, die aus verschiedenen Blickwinkeln die Thematik „Asyl und Psychiatrie“ behandeln.

Inhalt

So erfährt man zunächst einmal etwas über die Problematik, die auslösend für die Publikation gewesen ist. Ein sich anschließender geschichtlicher Exkurs verweist auf verschiedene geschichtliche Entwicklungsphasen von Asyl. Mit weiteren sechs Kapiteln werden verschiedene Problemkreise der Thematik kritisch und aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert. Dazu gehören Zusammenhänge von Asyl (traumatischen) Erfahrungen und das Erleben als Fremder, von Begutachtung, psychischer Reaktion und aufenthaltsrechtlichen Verfahren, von Asyl und Ausländerrecht, von Asyl und Psychiatrie aus Sicht einer Ausländerbehörde und Zusammenhänge zwischen langen Asylverfahren und Gesundheit. Die spezifischen Erfahrungen in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Marburg schließen die Publikation ab.

  • Mit dem einleitenden Kapitel Asyl und Psychiatrie von M. J. Müller wird eine Begriffs- und Problembestimmung vorgenommen. Begriffe wie Asyl, Flüchtling und das Begriffspaar Asyl und Psychiatrie werden ihren Bedeutungen vorgestellt. Als Hauptdiskussionspunkt -im Spannungsfeld zwischen staatlichem Auftrag und ärztlich-medizinischer Fürsorge- wird dabei gesehen, dass die heutige psychiatrische Klinik in Deutschland und benachbarten Ländern weder ein Ort politischen Asyls noch einen schutzfreien Raum darstellt.
  • F. Katzenmeier zeigt mit seinem Beitrag Geschichte des Asyls, Stationen der Entwicklung in Griechenland und Rom, im Mittelalter, in seiner Entwicklung vom Kirchenasyl zum politischen Asyl der Neuzeit auf und resümiert die Suche nach einem beschützenden Ort als über alle Zeiten hinweg Beständiges.
  • Auf Zusammenhänge von Asyl und Trauma und der Flüchtling als Fremder geht St. Dünnwald in seinem Beitrag ein. Mit der Beschreibung des Status Asylsuchender verweist der Autor auf eklatante, problematische Auswirkungen deutscher Asylpolitik auf die Betroffenen und führt dies auch auf die Komplexität der Zusammenhänge und der Situationen und die Unkenntnis auf beiden Seiten – Asylsuchender und Asyl Gewährender – zurück. Daraus leitet er ab, dass ein Verständnis davon, was Trauma und Heimat bedeuten, die Wahrnehmung des basalen Grundbedürfnisses wie das Streben nach Normalität, die Betrachtung psychischer, sozialer und ökonomischer Dimensionen im Zusammenhang, sich bereits als nützlich in der Unterstützung Asylsuchender erweisen können.
  • Anhand von Fallbeispielen geht F. Haenel im Kapitel Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren der Frage nach, welche Gründe zu unterschiedlichen Ergebnissen in der Kausalitätsbeurteilung psychisch reaktiver Traumafolgen, durch die entsprechenden Gutachter, geführt haben. Dabei führt ihn seine Suche auf symptombezogene Hindernisse, traumaspezifische Aspekte, Abgrenzungsprobleme zwischen schädigungsabhängigen und schädigungsunabhängigen Störungen, sprachliche und kulturelle Erschwernisse und unzureichende Kenntnisse im Asyl- und Ausländerrecht. Hier sieht er vor allem Möglichkeiten der Problemlösung in der Entwicklung von Fortbildungscurricula.
  • Dem Asyl und Ausländerrecht geht dann A. Clodius nach. Sie nennt zunächst Daten und Fakten zur Zahl der Asylantragsteller in Deutschland bis 2007, zur Anerkennung als politischer Flüchtling bis zum Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes 2005 und danach etc. Dann geht sie auf die Grundlagen des Flüchtlingsschutzes ein und beschreibt abschließend Ablauf und Procedere von Asylverfahren.
  • Im Kapitel von M.Wiegand Asyl und Psychiatrie aus der Sicht einer zentralen Ausländerbehörde wird eine Bewertung des bisherigen und neun Rechts und seiner Anwendung auf das Verhältnis von PTBS und Abschiebungen vorgenommen mit der Feststellung, dass das Krankheitsbild der PTSB allein nicht reicht, um vor Abschiebung bewahrt zu werden, auch nicht nach neuem Recht. Die Voraussetzungen und Ausschlussgründe für den Erhalt des Bleiberechts werden anschließend aufgeführt.
  • Die Autoren K.J. Laban et al. setzen sich mit Auswirkungen eines langen Asylverfahrens auf die Gesundheit von Asylbewerbern auseinander. Dabei werden Teile einer Studie, die 2001 in den Niederlanden durchgeführt wurde, herangezogen.
  • Im abschließenden Kapitel Patienten im Asylverfahren in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marburg vonE. Koch wird noch einmal darauf verwiesen, dass in Deutschland nach wie vor keine über die Regeleinrichtungen hinausgehenden stationär-komplementären Versorgungsstrukturen existieren wie bereits in anderen Ländern wie etwa der Schweiz oder den Niederlanden. In dem Kapitel werden Versorgungsdaten der Vitos Klinik Marburg analysiert und komplexe Behandlungsprobleme dargestellt. Daraus leitet der Autor Grundsätze ab, die die psychiatrische Versorgung angemessener werden lassen können.

Diskussion

Das Buch richtet sich an all jene, die direkt im psychiatrischen Bereich interprofessionell mit Migranten und Asylsuchenden arbeiten, aber auch an politische Entscheidungsträger und Behörden, die über Bleiben und /oder Abschiebung zu entscheiden haben. Fokussiert wird dabei das entscheidende Dilemma, zwischen psychischen Erkrankungen und Abschiebeentscheidungen im Spannungsfeld von staatlichem Auftrag der Behörden und ärztlicher Fürsorgepflicht. Besonders wertvoll ist hierbei die Untermauerung benannter Problemfelder durch Studien, Analysen und Fallbeispiele so dass eine Zurückführung auf ausschließlich subjektiv gemachte Erfahrungen der Autoren geradezu obsolet erscheinen muss. Das Aufführen von Studien und das Verweisen auf gemachte Analysen ist besonders deshalb hervorzuheben, weil derartige Studien in diesem Bereich noch immer rar sind. Nicht zuletzt ist ein breites Spektrum möglicher Sichtweisen und Empfehlungen zur Problematik in dieser Publikation vereint vorzufinden.

Fazit

Die Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen Asylsuchender und Abschiebeentscheidungen bzw. Asylverfahren verdienen die Aufmerksamkeit all jener, die darin etwas bewirken können. Mit der vorliegenden Publikation wird dem gebührend Rechnung getragen.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 23.08.2010 zu: Eckhardt Koch, Matthias J. Müller (Hrsg.): Asyl und Psychiatrie. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2009. ISBN 978-3-7841-1949-6. Deutsch-Türkische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit [Schriftenreihe der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit e.V.]: Band ... der Schriftenreihe der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit e.V. - Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9318.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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