socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Preis, Gisela Thiele: Sozialräumlicher Kontext sozialer Arbeit

Cover Wolfgang Preis, Gisela Thiele: Sozialräumlicher Kontext sozialer Arbeit. Eine Einführung in Studium und Praxis. RabenStück Verlag (Berlin) 2002. 233 Seiten. ISBN 978-3-935607-09-4. 7,20 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung in das Thema

Der Begriff des Sozialraums nimmt in der gegenwärtigen Diskussion um die Perspektiven Sozialer Arbeit eine bedeutende Position ein und ist Bezugspunkt zahlreicher neuerer Veröffentlichungen in diesem Kontext. Unter den Stichworten Sozialraumorientierung und Sozialraumbudgetierung wird eine Neuorientierung in der Sozialen Arbeit eingefordert, von der eine größere Effizienz sozialarbeiterischer Praxis erwartet wird und dies möglichst verbunden mit Einsparungen finanzieller Aufwendungen in diesem Bereich. Die Orientierung auf den Sozialraum als wichtigen Bereich der Lebenswelt ist keineswegs ein neues Thema, sie hat ihre Wurzeln in der Diskussion über die Gemeinwesenarbeit in den 70er Jahren (hier vor allem im Umfeld der Victor Gollancz Stiftung, insbesondere die Arbeiten von Dieter Oelschlägel, Dorothea Wendt und Friedrich Hauss) und bei dem Ansatz, den Aneignungsbegriff aus der frühen sowjetischen Lerntheorie in raumorientierte Jugendarbeit zu integrieren (siehe dazu insbesondere den von Lothar Böhnisch und Richard Münchmeier 1990 herausgegebenen Band "Pädagogik des Jugendraumes"). Christian Reutlinger weist darauf hin, dass die gegenwärtigen Debatten nur wenig rückbezüglich auf diese (Vor-)Arbeiten sind und versucht diese Lücke mit seinem 2003 erschienenen Buch "Jugend, Stadt und Raum" zu schließen.

Dabei reflektiert er wichtige Veränderungen, die Erklärungen für die publizistische Emsigkeit zu diesem Begriff erklären: Die zunehmend zu beobachtende sozialräumliche Polarisierung in den größeren Städten und die damit einher gehenden Tendenzen zur Ausgrenzung. Hinzuzufügen ist, dass mit der dauerhaften Ausgrenzung großer Bevölkerungsteile vom Arbeitsmarkt (!) und der räumlichen Konzentration dieser Gruppen den Auseinandersetzungen um die Lebensqualität der betroffenen Wohnquartiere und um den Zugang zum öffentlichen Raum im gesamten Stadtgebiet eine zunehmende Bedeutung zukommt, die in ihren Folgen für die Entwicklung der Demokratie bislang nur ansatzweise reflektiert wird.

Zum Hintergrund des Entstehens des Buches

Die Veröffentlichung versteht sich als ein weiterer Baustein in einer Reihe "Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit", deren Ziel es ist, "auf der Grundlage einer einheitlichen Terminologie und Systematik, verschiedene Aspekte und Betrachtungsebenen der Sozialen Arbeit in einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu stellen" (S.9). "Die Publikation richtet sich gleichermaßen an Studierende und Praktiker/innen der Sozialen Arbeit" (S. 9). Gegenstand einer weiteren Veröffentlichung in der Reihe ist die "Integrierte Fallbearbeitung". Die beiden Autor/innen sind als Lehrende an der Hochschule Zittau/Görlitz (FH) tätig und als Initiator/innen der Reihe aktiv.

Aufbau und Inhalt

Erklärter Anspruch der Veröffentlichung ist, "die Untersuchung der Bedeutung des sozialräumlichen Kontextes in der Integrativen Fallbearbeitung". Die Autor/innen stellen heraus, dass es ihnen nicht darum geht, eine "vollständige Darstellung sozialraumorientierter Ansätze in der Sozialen Arbeit" zu entwickeln (S.12).

In einer "Annäherung vom Allgemeinen zum Besonderen" (S. 12) wird zunächst der Raumbegriff "als menschlicher Lebensraum" erläutert (die Kapitel sind nicht nummeriert). Dies erfolgt in sehr kurzen Absätzen und relativ allgemein gehalten, unter zahlreichen Stichworten/Überschriften, u.a. "Raum und Zeit – Eine Philosophische Betrachtung", "Raumgebundenheit… und Räumliche Mobilität des Menschen", "Raumbezogene Identität", "Territorialverhalten". In diesem Kapitel finden sich auch kurze Hinweise auf Segregationsprozesse (S. 26f.) und "Dekonzentration" (S. 31f.) als Elemente der gegenwärtigen Stadtentwicklung.

Es folgt ein Kapitel "Raum als Kategorie Sozialer Arbeit", in der ein zentrales Anliegen die Darstellung "Sozialräumlicher Bezüge in der Einzelfallhilfe" ist:: "Da in jedem Einzelfall exemplarisch strukturelle Problemlagen deutlich werden und umgekehrt, struktureller Probleme individuelle Hilfebedürftigkeit bedingen, müssen beide Bereiche als gleichwertige Konzepte miteinander verknüpft werden" (S. 39). In diesem Kapitel sind mehrere Grafiken enthalten, die u.a. das "Dualproblem Sozialer Arbeit" und "Sozialarbeiterische Handlungskompetenz" veranschaulichen sollen.

Im folgenden Kapitel wird der "Sozialräumliche Kontext Sozialer Arbeit" mit den Unterpunkten "das sozialräumliche Zentrum" – "der sozialräumliche Nahraum" und "die sozialräumliche Peripherie/Inseln" vorgestellt. Eine solche Strukturlegung ist bedeutsam, zumal auf diese in den Kapiteln "Sozialräumliche Problemlagen" (S. 86ff.) und "Sozialräumliche Interventionsmöglichkeiten" (S. 161 ff.) zurückgegriffen wird. Allerdings zeigt sich bereits an dieser Stelle, dass entgegen der eingangs genannten Zielsetzung, doch versucht wird, die sehr unterschiedlichen Zugänge zum Thema Sozialraum möglichst allumfassend abzuhandeln. So wird unter der Begriffbestimmung "Sozialräumliches Zentrum" ausgeführt: "Es ist der Ort, an dem sich âRückzugsmöglichkeitenÕ bieten. Kennzeichend für diesen Sozialraum ist die Abgeschlossenheit nach außen, die Privatheit, Vertraulichkeit, Intimität und emotionale Geborgenheit zulässt" (S.57). In der darauf folgenden Aufzählung von "Sozialräumliche(n) Zentren in diesem Sinne" werden dann auch aufgeführt: "Notunterkünfte für Wohnungslose", "Heimunterbringungen" und "Justizvollzugsanstalten" und diese finden an anderer Stelle (z.B. S. 121-137) auch eine verhältnismäßig ausführliche Erläuterung. Ein weiteres Beispiel für die (zu) umfassende Darstellung möglicher Bezüge findet sich unter dem Punkt "Sozialräumliche Peripherie/Inseln" – hier werden neben der Beschreibung von "Spaß- und Erlebnisräumen" auch die "Gärten der Sinne" vorgestellt: "Seitdem der Mensch sesshaft wurde, hat er Gärten kultiviert. In ihnen realisiert er seine Vorstellung vom Paradies als einer auf den Menschen ausgerichteten eigenen Schöpfung" (S. 85).

Nach der Einführung der o.g. sozialräumlichen Kategorien "Zentrum, Nahraum und Peripherie/Inseln" werden "Lebensräume spezieller Zielgruppen", u.a. Kinder, Jugendliche, Alte, Menschen mit Behinderungen, Migranten, straffällig gewordene Menschen vorgestellt und dann auf die "Folgen sozialräumlicher Problemlagen" eingegangen. In diesem zuletzt genannten Kapitel finden sich auch 3 Seiten zur Problematik der Segregation (S.147ff.). Es folgen Ausführungen über "Ursachen und Erklärungsansätze", die nach Mikro-, Meso- und Makroebenen unterschieden werden, deren Zusammenwirken kurz angesprochen wird (S. 153). Das anschließende Kapitel "Sozialräumliche Interventionsmöglichkeiten" stellt nach den drei Ebenen "Zentrum, Nahraum, Peripherie" ein sehr breites Spektrum von Maßnahmen vor, welches vom (Miet-)Kündigungsschutz und Wohngeld, vom betreuten Wohnen, Kinder- und Jugenddörfern bis zur Unterbringung in psychiatrische Klinken und Krankenhäuser, eingeschlossen Hospize, reicht. Erst im letzten Abschnitt wird hier mit 3 Seiten auf das Bundesförderprogramm "Soziale Stadt" (S. 189ff.) eingegangen.

Im vorletzten Kapitel (S. 193ff.) wird die selbst gestellte Aufgabenstellung der Verbindung von Einfallhilfe und Sozialraumorientierung in Angriff genommen. Auch hier findet sich ein systematischer Bezug auf die Kategorien "Zentrum, Nahraum, Peripherie" (S. 195). An dieser Stelle bieten die Autor/innen in Form von Erhebungsbogen "Arbeitshilfen" für die Erfassung der "Persönliche(n) Bedeutung sozialer Räume" und der "Persönliche(n) Zufriedenheit". Es folgen einige weitere Grafiken/Skalen u. a. mit "Übungen" zur "Alltagsbewältigung im sozialen Nahraum" (S. 200) und "Arbeitshilfen" zur Erfassung von "Latente(n) und Manifeste(n) Gefährdungen" (S. 201f.). Die anschließenden Ausführungen zu "Interventionsmöglichkeiten" beziehen sich fast ausschließlich auf Hilfestellungen für Menschen in Wohnungsnot (S. 204-213). Diesem Unterkapitel wird auf einer Seite mehr oder weniger kommentarlos ein Schaubild aus einer Veröffentlichung von Vaskovics 1982 mit dem Titel "Reintegration durch Desintegration" (S.214) angehangen.

Abschließende Bemerkungen

Die Aussparung einer numerischen Skalierung in der Gliederung erschwert beim Lesen die Zuordnung der einzelnen Punkte. Bei der Angabe der Quellen ergeben sich einige Fragezeichen, so wird z.B. Bezug auf eine Veröffentlichung von Häußermann und Siebel 2001 genommen (S. 32) und diese auch im Literaturverzeichnis aufgeführt, die so nicht zu recherchieren ist. So findet sich auf

S. 38 die Quellenangabe "vgl. Hinte Internet" und wird auf Seite 214 auf eine Veröffentlichung von Vaskovics 1998 verwiesen, die im Literaturverzeichnis nicht auffindbar ist. In einigen Fällen werden Begriffe verwendet, ohne diese näher zu definieren bzw. per Literaturangabe dem Ansatz einer/m Autor/in zuzuordnen, so z.B. die Begriffe "soziales Problem" (S.35) und "Empowerment" (S.194). Dies widerspricht dem selbst gestellten Anspruchs der Verwendung einer "einheitlichen Terminologie und Systematik" (s. o.). Auch die kurze (auf 2 Seiten) vorgestellte "Armutstheorie" entbehrt definitorischer Klärung und das dort vorgestellte Zahlenmaterial stammt aus Quellen von 1991 und 1993 (S.155 ff.).

Fazit

Die in der Veröffentlichung vorgenommene Strukturierung von Sozialräumen, die Zuordnung von Problemlagen und Interventionsmöglichkeiten ist für die Einführung in "Studium und Praxis" hilfreich. Die Bearbeitung des Themas ist jedoch zu breit angelegt, wobei wesentlichen Schwerpunkten sozialräumlicher Problemlagen, u.a. die Verhältnisse in benachteiligten Stadtteilen und die Entwicklungsmöglichkeiten von Jugendlichen, kaum Raum gegeben wird.


Rezensent
Prof. Dr. Reinhold Knopp
Professor für Stadt- und Kultursoziologie Hochschule Düsseldorf


Alle 25 Rezensionen von Reinhold Knopp anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Reinhold Knopp. Rezension vom 10.06.2003 zu: Wolfgang Preis, Gisela Thiele: Sozialräumlicher Kontext sozialer Arbeit. Eine Einführung in Studium und Praxis. RabenStück Verlag (Berlin) 2002. ISBN 978-3-935607-09-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/932.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung