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Bettina Lösch, Andreas Thimmel (Hrsg.): Kritische politische Bildung

Cover Bettina Lösch, Andreas Thimmel (Hrsg.): Kritische politische Bildung. Ein Handbuch. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2010. 542 Seiten. ISBN 978-3-89974-550-4. 49,80 EUR.

Reihe: Politik und Bildung - Band 54.
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Herausgeber

Bettina Lösch ist wissenschaftliche Assistentin im Institut für Vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften der Universität zu Köln. Neben der knappen, zusammen mit Andreas Thimmel verfassten „Einleitung“, stammt folgender Buchbeitrag von ihr: „Ein kritisches Demokratieverständnis für die politische Bildung“. Andreas Thimmel ist Professor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Köln. Sein Buchbeitrag: „Internationale Jugendarbeit und kritische politische Bildung“.

Aufbau des Handbuchs

44 Beiträge, gegliedert in 4 Großkapitel, sind auf den 542 Seiten der Anthologie versammelt.

Die vier Großkapitel lauten:

  1. Grundlagen und Erfordernis kritischer politischer Bildung
  2. Kritische Sozialwissenschaften als theoretische Bezugspunkte (zugleich mit 220 Seiten das umfangreichste Kapitel)
  3. Reflexiver Blick auf didaktische und pädagogische Praxis
  4. Institutionelle Kontexte politischer Bildung (zugleich mit 80 Seiten das schmalste Kapitel)

Politische Bildung in der Defensive

Der betriebswirtschaftliche Imperialismus und sein Vokabular haben den Bildungsbereich ergriffen. Schüler und Sudenten heißen „Kunden“ und im Lehr- und Lernprozess geht es primär um „Effizienz, Controlling und Evaluation“ (S. 21) Die „employability“ des Absolventen steht im Vordergrund, nicht seine Mündigkeit, das heißt die vernünftige Selbstbestimmung des Einzelnen. Der Einzelne als gesellschaftliches Subjekt ist ohnehin im allgemeinen Brei der „Humanressource“ verschwunden. Um die Wettbewerbsvorteile des „Standortes Deutschland“ geht es, nicht um eine „gerechte Gesellschaft“ im Land. Marktförmige Bedarfsqualifikation ist an die Stelle emanzipatorischer Persönlichkeitsbildung getreten. Hiergegen wendet sich das Buch: Kritische politische Bildung ist heute als eine „Kategorie des Widerstands zu denken“. (vgl. S. 93) – War sie das nicht immer?

Das Gegenteil einer kritischen politischen Bildung ist eine affirmative, „positivistische“ politische Bildung, die zum individuellen Funktionieren unter gegebenen Bedingungen erzieht, ohne die Bedingungen gerechtigkeitstheoretisch zu hinterfragen und sich gegebenenfalls gegen sie zu engagieren.

Wenn man nach einem Vorbild kritischer politischer Bildung in Deutschland sucht, so wird man es in Gestalt der „Hessischen Rahmenrichtlinien Gesellschaftslehre“ von 1972 (vgl. S. 19) finden. Deren Verfechter kamen aus der südhesischen SPD; heute wird der Anhänger kritischer politischer Bildung wohl eher Mitglied bei „Attac“ als in einer der etablierten Parteien. (vgl. S. 529ff)

Braucht kritische politische Bildung eine „Leitdisziplin“? Im Buch wird eine ökonomische Allgemeinbildung, werden „ökonomische Kernkompetenzen“ als „Grundlage politischer Urteilsfähigkeit“ genannt. „In einer Zeit, in der immer mehr Gesellschaftsbereiche nach dem Vorbild des Marktes geordnet werden, ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit dessen (Dys-)Funktionalitäten … geradezu unabdingbar.“ (S. 393)

Neue Probleme, alte Theorien

Angesichts der diagnostizierten neuen Megatrends – Stichworte: „Globalisierung“, „Zweite Moderne“, „Wissensgesellschaft“, „Individualisierung“ – sind die Ideale emanzipatorischer Bildung ( Autonomie des Individuums und partizipative Demokratisierung der Gesellschaft) auf neue Bewährungsproben gestellt. Die Aufgabe lautet, zeitgenössische Antworten im Hinblick auf das erstrebte Ziel einer „planetarischen Zivilgesellschaft“ zu finden. (vgl. S. 90).

Kritische politische Bildung hat viele theoretische Anknüpfungspunkte: Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie; Freuds Psychoanalyse; Horkheimers Kritik der instrumentellen Vernunft; Adornos Erziehung nach Auschwitz; Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns; Gramscis Hegemonietheorie; Foucaults Theorie der Subjektivierung; Bourdieus Sozioanalyse, um nur die wichtigsten zu nennen, die im Buch zur Sprache kommen. – Alles „altes“ Gedankengut, möchte man meinen. Sind denn die diagnostizierten neuen Megatrends allein mit den alten Theorien zu begreifen? Oder sind die Megatrends gar nicht „neu“ im originären Sinne, sondern lediglich die modernen Erscheinungsbilder des alten Kapitalismus, der dabei ist, die Weltherrschaft („Globalisierung“) zu monopolisieren? Was die innerstaatlichen Probleme angeht, auf die kritische politische Bildung zu reagieren hat: „Rechtsextermismus, Rassismus und Gewalt“ (S. 269), so sind diese in der Tat weder neu noch gelöst.

Konkrete Vorschläge

Zu den „alten“ Problemen der Arbeitslosigkeit als herrschaftsssicherndem „Angstrohstoff der Gesellschaft“ gesellt sich heute das „neue“ Problem des „Prekariats“. Das Buch versteht Prekariat mit Bourdieu als „Teil einer neuartigen Herrschaftsform, die auf der Errichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmer zu Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zu zwingen“ (S. 296) Was hat eine kritische politische Bildung dem entgegenzusetzen? Zunächst einmal sollte sie ermutigen, „vermeintliche Sachzwänge (des Wettbewerbs, der Globalisierung, der leeren öffentlichen Kassen etc.) zu hinterfragen und so dazu beizutragen, subjektive Gefühle des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht zu überwinden.“ Dann sollte sie Alternativen aufzeigen. Hierzu gehört die Förderung eigener Vorstellungen von „guter Arbeit“ und „gutem Leben“. Aber auch die Forderung nach „Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, um die Abwärtsspirale prekärer Arbeitsverhältnisse zu bremsen…“ (S. 298) Solche pragmatischen Anregungen finden sich in dem Buch eher selten; darum sei auch noch auf einen zweiten praktischen Vorschlag hingewiesen: Nach Jean Piaget und m. E. auch nach Lawrence Kohlberg haben Kinder ab zehn, elf Jahren die kognitiven und moralischen Voraussetzungen zur politischen Mitsprache erfüllt. – Warum dann nicht das aktive Wahlrecht ab 12 einführen? (vgl. S. 353)

Fazit

Das Buch vermittelt den merkwürdigen Eindruck eines Déja-vu, besser: Déja-lire. Wer seit 30 Jahren in der politischen Bildung tätig ist, hat das alles schon einmal gelesen. Und als er es erstmals las, war es mit kämpferischem Elan und großer Zuversicht geschrieben. Wenig davon ist im vorliegenden Buch zu spüren. Irgendwo scheint die Welt der politischen Bildung seit 1976 regelrecht still zu stehen. Denn der nach einer Tagung in dem Schwarzwaldort benannte „Beutelsbacher Konsens“ taucht auf S. 27 das erste und auf Seite 475 das letzte Mal auf, und zwischendurch immer wieder. Seit 1976 gilt für die politische Bildung eine gewisse pädagogisch-didaktische Moral, die sich im „Überwältigungsverbot“, im „Kontroversitätsgebot“ und im Gebot der „Teilnehmerorientierung“ ausdrückt. Der Beutelsbacher Konsens – Selbstverständlichkeiten für das aufgeklärte Bewusstsein! - einigt sie alle: kritische und unkritische politische Bildung, egal, ob dem „Politiklernen“ oder dem „Demokratielernen“ der Vorrang gebührt, auf Beutelsbach versteht man sich. Immerhin das also gibt es im weiten Feld der politischen Bildung: einen Konsens der Demokraten. Der allerdings aufpassen muss, nicht zum Schlaf der Vernunft zu werden.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 30.07.2010 zu: Bettina Lösch, Andreas Thimmel (Hrsg.): Kritische politische Bildung. Ein Handbuch. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2010. ISBN 978-3-89974-550-4. Reihe: Politik und Bildung - Band 54. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9322.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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