Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Heinz Burghardt, Ruth Enggruber (Hrsg.): Soziale Dienstleistungen am Arbeitsmarkt [...]

Rezensiert von Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig, 25.06.2010

Cover Heinz  Burghardt, Ruth Enggruber (Hrsg.): Soziale Dienstleistungen am Arbeitsmarkt [...] ISBN 978-3-86596-282-9

Heinz Burghardt, Ruth Enggruber (Hrsg.): Soziale Dienstleistungen am Arbeitsmarkt in professioneller Reflexion Sozialer Arbeit. Frank & Timme (Berlin) 2010. 312 Seiten. ISBN 978-3-86596-282-9. 29,80 EUR. CH: 44,70 sFr.
Reihe: Transfer aus den Sozial- und Kulturwissenschaften - Band 12.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

In der Begründung und Umsetzung der Arbeitsmarktreformen greifen Sozialpolitik und Sozialverwaltung auf grundlegende Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit zurück. Bereits in einem Vorläuferwerk, erschienen 2005 unter dem Titel „Soziale Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, Soziale Arbeit zwischen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik“ hatten die Herausgeber HeinzBurghardt und Ruth Enggruber das neue Wechselspiel von Sozialer Arbeit und aktivierender Arbeitsmarktpolitik beleuchtet und kritisch reflektiert. Nun wird mit dem neuen Band eine Fokussierung vorgenommen und nach einer professionstheoretischen Verortung und Verständigung gefragt. Dazu versammeln die Herausgeber Autoren und Autorinnen aus der Forschung und Praxis einer arbeitsweltbezogenen Sozialarbeit, die sich dem Thema auf der doppelten Analyseebene von gesellschaftstheoretischer Begründung und empirischer Wirkungsanalyse nähern.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Herausgeber Ruth Enggruber, Professorin für Erziehungswissenschaften an der FH Düsseldorf und Prof. HeinzBurghardt, em. Professor für Sozial- und Arbeitsrecht an der FH Emden forschen, lehren und publizieren mit den Schwerpunkten Arbeits- und Berufsförderung.

Zielgruppen

Natürlich empfiehlt sich die Lektüre an erster Stelle für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der Praxis der Arbeitsförderung und Berufshilfe. Darüber hinaus sind Akteure im Feld angesprochen, die in der Arbeitsverwaltung oder der Sozialrechtspraxis tätig sind und hier einen hervorragenden Einblick erhalten können in das Professionsverständnis und die Arbeitsmethoden der Sozialen Arbeit.

Mit diesen berufsfeldbezogenen Eingrenzungen des Adressatenkreises wird man indes der Bedeutung des vorliegenden Sammelbandes nicht gerecht. Er richtet sich auch an alle an sozialpolitischen Grundsatzfragen und professionstheoretischer Verständigung Interessierte, mithin an Lehrende und Lernende in der Sozialen Arbeit, dem Sozialrecht und der Sozialpolitik.

Inhalt

Ruth Enggruber eröffnet den Band mit einem äußerst vielschichtigen Beitrag, mit dem sie den in den neuen Sozialtechnologien hergestellten Bezug auf das Methodenrepertoire der Sozialen Arbeit kritisch hinterfragt und auf die professionellen Grundlagen der Sozialen Arbeit bezieht. Empirische Ergebnisse der Wirkungsforschung werden damit in einem gesellschaftstheoretisch fundierten Kontext gedeutet und erweiterten Fragestellungen und Forschungsdesigns zugänglich gemacht. HeinzBurghardt diskutiert anschließend die Beziehungen zwischen professioneller Sozialer Arbeit und der Verwirklichung von Grundrechten und geht in einem zweiten Beitrag auf die Differenz und das Spannungsverhältnis zwischen Profession und Disziplin einerseits und Sozialrecht andererseits ein.

Die folgenden Beiträge widmen sich schwerpunktmäßig der empirischen Überprüfung der Handlungsspielräume und Restriktionen professioneller Sozialer Arbeit in der Praxis der „modernen“ Dienstleistungen am Arbeitsmarkt und speziell der Jugendberufshilfe.

Spielräume in der Umsetzung der sozialrechtlichen Vorgaben in der Praxis der Sozialen Arbeit loten Claus Reis und Lutz Wende aus, indem sie an Fallbeispielen aufzeigen, dass zumindest eine partielle Entkoppelung von sozialpolitischer Programmatik, organisationsinterner Umsetzung und praktischem Handeln festgestellt werden kann.

Auch die empirische Studie von Gerhard Christe und Lutz Wende diskutiert solche Bruchlinien. Indem professionelles Handeln konzeptionell in die Leitorientierungen und Organisationsstrukturen von Trägern eingebunden ist, wird es mittelbar auch von der Art und Weise betroffen, wie finanzielle Vorgaben und Restriktionen innerorganisatorisch umgesetzt werden.

Für ein professionelles Fallmanagement plädiert Henrik von Bothmar, das er mit der Philosophie der neuen Dienstleistungen am Arbeitsmarkt für grundsätzlich vereinbar hält, dem er aber in der Praxis enorme Qualifizierungs- und Umsetzungsdefizite attestiert. Dem widerspricht Andreas Polutta in seinem Beitrag zu den professionellen Paradoxien in der Jugendhilfe, denn die Einführung ergebnisorientierter Finanzierung und Prüfungsverfahren, die Effektivität, Effizienz und „Accountability“ sozialpädagogischer Praxis sicherstellen sollen, geht „mit einer Professionskritik bzw. einem Vertrauensverlust gegenüber professioneller Fallbearbeitung einher, die durch externen Nachweis von Ergebnissen ersetzt werden soll“(S. 217).

Auch der Beitrag von Beck befasst sich mit der Paradoxie, dass einerseits die neuen Steuerungsinstrumente der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik die Ziele, Prinzipien und die Bedeutung der Sozialen Arbeit in Frage stellen, andererseits derselbe Prozess die Soziale Arbeit zwingt, ihre Leistungen, Wirkungen und Nutzen deutlicher nachzuweisen. Am Beispiel der Jugendberufshilfe erläutert der Autor, dass die empirische Analyse der Wirksamkeit von komplexen sozialpädagogischen Förderprozessen mit besonderen forschungsmethodischen und –praktischen Anforderungen und Grenzen verbunden ist.

Wie stark sich das Handlungsfeld und fachliche Profil der sozialpädagogischen Arbeit in der beruflichen Integrationsförderung mit den Reformen am Arbeitsmarkt und speziell dem „Neuen Fachkonzept“ für die Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen der Arbeitsverwaltung verändert haben, können Manfred Eckert und Dietmar Heisler mit ihrer Analyse der Förderpraxen und ihrer Entwicklungsstufen aufzeigen.

Eine wiederum gesellschaftstheoretisch begründete Analyse und Kritik des Methodenrepertoires der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik legen die Autoren Michael Buestrich, Heinz-Jürgen Dahme, Gertrud Kühnlein und Norbert Wohlfahrt vor. Der auch in einigen Beiträgen des Bandes aufzuspürenden Bereitschaft „aus den Kontingenzen der Praxis, insbesondere aus neuen Praktiken und Techniken – wie bspw Sozialmanagement, Hilfeplanung, Eingliederungsvereinbarung etc. – Möglichkeiten einer neuen Professionalisierung abzuleiten.“(S. 237) setzen sie entgegen, dass es sich dabei um nichts anderes als eine „ordnungspolitisch gerahmte Form von Quasi-Pädagogik und Quasi-Sozialarbeit“ (S. 251) handelt. Der Widerspruch zwischen dem professionellen Auftrag der Sozialen Arbeit und dem politisch definierten Auftrag der Integration in das Erwerbsleben um fast jeden Preis lässt sich mit der Suche nach neuen und besseren methodischen Verfahren nicht, sondern nur sozialpolitisch bearbeiten.

Eine gesellschaftstheoretisch begründete Deutung der gegenwärtigen Entwicklung bietet der abschließende Beitrag von Konrad Maier zur Krise der Arbeitsgesellschaft. Ausgehend von dem Paradox, dass Erwerbsarbeit immer weniger eine Perspektive gesellschaftlicher Integration und Teilhabe bietet, sich der ideologische Überbau der Arbeitsgesellschaft aber verfestigt, plädiert Maier für eine Wiederbelebung der Debatte um eine gelingendes Leben und die Entwicklung alternativer Lebensentwürfe.

Diskussion

Der vorliegende Band steckt das Feld ab für die überaus wichtige Debatte um eine professionstheoretische Verständigung in der Sozialen Arbeit. Trotz aller Unterschiede, die sichtbar werden in der fachlichen Reflexion des beruflichen Handelns eint die Autoren der Bezug auf Professionalität als wissenschaftlich und ethisch fundiertes Handeln, in Abgrenzung sowohl von evidenzbasierten Wirkungsuntersuchungen wie auch von systemtheoretischen Ansätzen. Darin liegt m. E. die zentrale Qualität der Veröffentlichung.

Was mir in dem vorliegenden Band zu kurz kommt ist die Geschlechterperspektive. Gerade damit ließe sich aber zeigen, wie eine mit der Arbeitsmarktreform versprochene gesellschaftliche Modernisierung systematisch verfehlt wird. Mit der doppelten Orientierung an einem als „Arbeitskraftunternehmer“ gedachten Arbeitsmarktbürger einerseits und einer radikalisierten Familiensubsidiarität andererseits, wachsen gerade für Frauen die Risiken sozialer Exklusion.

Auch möchte ich zu Konrad Maiers Plädoyer für eine gesellschaftskritische Erweiterung des Arbeitsbegriffs die These vertreten, dass die Verfestigung des ideologischen Überbaus der (Erwerbs)Arbeitsgesellschaft auch in der Erfahrung eigener Verwundbarkeit und Unsicherheit mitbegründet ist, einer Erfahrung, die sich auch in der Berufsfeldern der Sozialen Arbeit ausbreitet. Anders formuliert, die von Konrad Maier so richtig angemahnte Debatte um das „Gute Leben“ muss die Frage nach der „Guten Arbeit“ einschließen. Und diese Frage wiederum ist auch die Frage nach Beschäftigungs- und Einkommenssicherheit, Arbeitszeitverkürzung und Familienfreundlichkeit in den Sozialberufen.

Beide denkbaren Erweiterungen verstehen sich nicht als Kritik an diesem umfangreichen Band, sondern könnten vielleicht als Anregung für einen weiteren Band in dieser Folge verstanden werden.

Fazit

Mit dem gegenwärtigen Umbau des Sozialstaats gerät die Soziale Arbeit in Gefahr, sich eine individualisierende Sichtweise der Ursachen und Folgen von Hilfebedürftigkeit zueigen zu machen und sich ganz in den Dienst des gesellschaftlichen Auftrags der Herstellung von Beschäftigungsfähigkeit und Erwerbsintegration um jeden Preis zu stellen. Mit der defizitorientierten Einschränkung von gesellschaftlicher Problemanalyse und Handlungsauftrag trägt die Soziale Arbeit nicht nur zur „Verschärfung des gesellschaftlichen Stigmatisierungsprozesses von Arbeitslosen und Verlierern in dem Prozess der Erosion der traditionellen Erwerbsarbeit bei“ (S. 302), sondern sie wird zum aktiven Teil der Selbstauflösung der Profession. Deshalb ist die soziale Arbeit mehr denn je gefordert, den Verständigungsprozess über die Grundlagen der Sozialen Arbeit und deren ethisches und gesellschaftspolitisches Fundament voranzutreiben.

Dazu bedarf es empirisch fundierter Forschung wie auch gesellschaftstheoretischer Begründung und Reflexion. Der vorliegende Band integriert beide Zugangsweisen zu einer Analyse aktueller sozialpolitischer Neujustierung und ihrer Folgen für die Soziale Arbeit und bietet damit eine gute Grundlage für die Notwendigkeit, das eigene professionelle Selbstverständnis zu hinterfragen und sozialpolitisch wirksam zu werden.

Rezension von
Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig
Fachhochschule Frankfurt/Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Mailformular

Es gibt 8 Rezensionen von Brigitte Stolz-Willig.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Brigitte Stolz-Willig. Rezension vom 25.06.2010 zu: Heinz Burghardt, Ruth Enggruber (Hrsg.): Soziale Dienstleistungen am Arbeitsmarkt in professioneller Reflexion Sozialer Arbeit. Frank & Timme (Berlin) 2010. ISBN 978-3-86596-282-9. Reihe: Transfer aus den Sozial- und Kulturwissenschaften - Band 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9324.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht