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Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung

Cover Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 813 Seiten. ISBN 978-3-593-39049-9. D: 179,00 EUR, A: 184,10 EUR, CH: 280,00 sFr.
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Thema

Die Entwicklungsgeschichte der Sexualwissenschaft blickt mittlerweile auf eine mehr als 100 Jahre bestehende Tradition zurück; die maßgeblichen Protagonisten dieser „Schnittstellendisziplin“ sind jedoch nur in den wenigsten Fällen bekannt. Das vorliegende Personenlexikon führt in das Leben und Werk von 199 Akteuren ein, die mehrheitlich im Bereich der Medizin oder der Psychologie, aber auch des Rechts, der Pädagogik, der Literatur, der Soziologie oder der Philosophie tätig waren. Sie haben auf unterschiedliche Weise und zu unterschiedlichen Zeiten gewirkt, ihnen ist jedoch gemeinsam, dass sie (implizit oder explizit) wesentlich zur Konstitution der Sexualwissenschaft beigetragen haben.

Herausgeber

Das Lexikon wurde von einem interdisziplinären Autorenteam verfasst. Die beiden Herausgeber Volkmar Sigusch und Günter Grau (die auch die meisten Beiträge pro Autor verfasst haben) haben den Band entlang ihrer Forschungsschwerpunkte konzipiert: Beide sind Soziologen. Grau arbeitet überdies als Medizinhistoriker, Sigusch leitete das Institut für Sexualwissenschaft im Klinikum der Frankfurter Goethe-Universität und gilt als der führende Vertreter der Kritischen Sexualwissenschaft, die sich ab den 1960er Jahren in Abkehr sowohl von der „sozialitätslosen“ medizinischen Perspektive wie auch von der ideologisch-moralischen Thematisierung der Sexualität als ein neuer Weg heraus kristallisiert hat.

Entstehungshintergrund

Die 199 biobibliographische Übersichtsartikel des Lexikons sind Pionierleistung und Großtat in einem: Jahrzehnte des Sammelns und Nachforschens in Bibliotheken und Archiven haben ein mehr als 800 Seiten umfassendes Nachschlagewerk ergeben, das in dieser Form einzigartig ist. Der Band füllt eine wissenschaftshistorische Lücke, insofern er die zentralen Figuren der „Geschichte der Sexualwissenschaft“ vorstellt (die Sigusch 2008 in einem gleichnamigen Band bei demselben Verlag bilanziert hat). Zugleich lässt er sich aber auch als „Begleitmaterial“ für die Untersuchung aktueller Debatten zum Thema verwenden, um die Erkenntnisfortschritte im Diskursfeld Sexualität nachvollziehbar zu machen (wobei auch Irrwege als Erkenntniswege verstanden werden können). Nicht zuletzt ist das Personenlexikon ein reichhaltiges Kompendium, das die Notwendigkeit eines eigenständigen Forschungsgebietes zur Sexualität – für das insbesondere Sigusch seit Jahrzehnten einsteht – plastisch macht.

Aufbau

Auf die Einleitung der Herausgeber folgen die Übersichtsartikel in alphabetischer Reihenfolge. Die Ausführlichkeit der Beiträge divergiert abhängig von der Relevanz, dem historischen Einfluss und der heutigen Anschlussfähigkeit der Akteure bzw. der von ihnen entwickelten Fragestellungen, Methoden und Theorien. (Die kürzesten Artikel sind eine Seite lang, die umfangreichsten – z. B. zu Sigmund Freud – füllen über zehn Seiten). Der stets identische Aufbau der Artikel stellt zunächst in separaten Abschnitt das Leben und anschließend das Werk der besprochene Person vor; daran schließen sich zwei Literaturlisten an, die (in Auswahl) zum einen die zentralen eigenen Werke, und zum anderen die wichtigste Sekundärliteratur auflisten. Nahezu alle Artikel sind mit Fotos der Protagonisten versehen, soweit Bildmaterial auffindbar war. Ein ausführliches Autorenverzeichnis stellt im Anhang die Verfasser der Lexikonartikel vor.

Inhalt und Diskussion

Das Lexikon deckt ein breites Spektrum ab: die Auswahl ist international, auf der Ebene der Professionen reicht die Bandbreite vom philosophischen Literaten bis hin zum Neurologen, hinsichtlich der politischen Implikationen sind Rassehygieniker ebenso vertreten wie Frauenrechtlerinnen, die Zeitschiene reicht von der Mitte des 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, und auch die Autoren der Beiträge entstammen unterschiedlichen Disziplinen und Forschungsfelder.

Was die vorgestellten Sexualwissenschaftler angeht (die, genau genommen, ganz überwiegend als Vorläufer einer stringent sexualwissenschaftlichen Betrachtungsweise betrachtet werden müssen), so treffen viele heute kaum mehr bekannte Namen auf einige wenige weltberühmte Akteure. Das mag zum einen dem Umstand geschuldet sein, dass die scientia sexualis kein Forschungsfeld ist, das von kontroversen Theoriedebatten zwischen konkurrierenden Schulen geprägt ist, wie dies bei den – ungefähr zeitgleich etablierten – Disziplinen Soziologie und Psychologie der Fall ist. Andererseits dürften auch die Berührungsängste des akademischen Establishments mit zur relativen „Namenslosigkeit“ zumindest der frühen Sexualwissenschaft beigetragen haben.

Es ist evident, dass die Herausgeber der Personenlexikons wert darauf gelegt haben, Sexualität – bei aller Multidimensionalität, die dem Thema inneliegt, und die sich in der Vielschichtigkeit der Artikel widerspiegelt – von einem dezidiert wissenschaftlichen Standpunkt aus thematisiert zu sehen; als verbindende Klammer fungiert also der jeweilige Beitrag für die (titelgebende) „Sexualforschung“. Gleichwohl lässt sich dieser Fokus nicht lösen vom Einfluss politisch-moralischer Anliegen, zumal die Instrumentalisierung der Sexualität als „Projektionsfläche“ für ideologische Überzeugungssysteme, Sozialprognosen und Bewahrpädagogik diese Unterdisziplin lange Zeit begleitet hat. Viele der vorgestellten Personen sind denn auch als Parteigänger für gesellschaftspolitische Zielsetzungen in Erscheinung getreten, die über das „Scharnier“ Sexualität hinaus die Konstitution einer spezifischen Sozialordnung im Blick hatten. Das andere Extrem sind Grenzgänger, die sich unter Aufopferung ihrer Reputation an der Versachlichung von Themengebieten versucht haben, die in ihrer Zeit als „Sprengstoff“ wider die wissenschaftliche Karriere galten. Dafür gibt die Homosexualität das wohl prominenteste Beispiel in der Geschichte der Sexualwissenschaft ab. Das, wenn man so möchte, „akademische Vorurteil“ der Kaiserzeit, dass Homosexualität ein Diskurs sei, der vorrangig die Betroffenen interessiert, lässt sich mithilfe des „Personenlexikons“ nachdrücklich revidieren: einfache Kausalzusammenhänge zwischen Untersuchungsinteresse und Lebenseinstellung sind, wie überall, auch im Bereich der Sexualforschung nicht haltbar. (Um nur ein Beispiel zu nennen, das simples Kategoriendenken aufhebt: Hans Blüher war sowohl Homosexualitätsaktivist als auch Propagandist des Antisemitismus).

Dennoch ist es kein Zufall, dass die Entstehung der institutionalisierten Sexualwissenschaft sich zu weiten Teilen der Vorarbeit von Außenseitern verdankt, die die engen Bahnen des glatten akademischen Karriereverlaufes gemieden haben. Entsprechende Interdependenzen zwischen Leben und Werk werden in den Artikel des Lexikons prägnant hervorgehoben. Sie machen deutlich, dass Sexualforschung immerzu ein Gebiet war (und ist), dass sich nicht als neutrales Sachgebiet betreiben lässt, sondern als „Sinnballast“ stets die gesellschaftlichen Fragen und Ansichten ihrer Zeit mittransportiert. Der Weg der Sexualwissenschaft von einer skeptisch beäugten Randexistenz hin zur universitären Anerkennung lässt sich, so gesehen, auch als Spiegelung sozialer Entwicklungen verstehen, die in den letzten 100 Jahren Phänomene wie Prostitution, Homosexualität, Geschlechtskrankheiten und Abtreibung einer neuen gesellschaftlichen Bewertung und Liberalisierung unterworfen haben.

Fazit

Grau und Sigusch haben ein Standardwerk vorgelegt, das seinesgleichen sucht. Als Frucht langjähriger Recherche, und mehr noch als Ergebnis eines sorgfältigen Abwägens zwischen Informationsvermittlung und prägnanter Zuspitzung dürfte das „Personenlexikon“ auch auf längere Sicht kaum zu übertreffen sein. Die gute Lesbarkeit der Beiträge lädt dazu ein, das Buch auch abseits konkreter Nachforschungen zur Hand zu nehmen, um in die Geschichte der Sexualwissenschaft einzutauchen. Die Leistung, die hinter dem Buchprojekt steht, ist auch deshalb so beeindruckend, weil zu keinem Zeitpunkt der Eindruck aufkommt, dass es sich um eine Enzyklopädie zu einem exotischen Fachgebiet handelt, das nur Spezialisten interessiert; die Geschichte der Sexualwissenschaft wird hier nachvollziehbar als Geschichte sowohl der Sexualität, wie auch der Wissenschaft.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 07.06.2010 zu: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-39049-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9327.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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