Isabel Sievers, Hartmut Griese et al. (Hrsg.): Bildungserfolgreiche Transmigranten
Rezensiert von Kai Leptien, 03.11.2010
Isabel Sievers, Hartmut Griese, Rainer Schulte (Hrsg.): Bildungserfolgreiche Transmigranten. Eine Studie über deutsch-türkische Migrationsbiographien.
Brandes & Apsel
(Frankfurt) 2010.
200 Seiten.
ISBN 978-3-86099-642-3.
19,90 EUR.
CH: 35,90 sFr.
Reihe: Wissen & Praxis - wiss154. wissen & praxis - Bildung in der Weltgesellschaft - 3.
Thema
Auch wenn sie in den momentan zumeist polemisch geführten politischen Debatten leider so gut wie nicht vorkommen, gibt es sie natürlich trotzdem: Junge, hoch qualifizierte Migranten aus der Türkei, die in Deutschland ihre schulische und akademische Ausbildung absolviert haben und sich anschließend aus unterschiedlichen Motiven entschlossen haben, in die Türkei - das Land ihrer Eltern - zu gehen, weil sie sich dort bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhoffen. Bei den Motiven der Rück- bzw. Auswanderung im Einzelnen handelt es sich um ein neueres, bisher weitestgehend unerforschtes Phänomen. Dergestalt lassen sich die zentralen Fragestellungen des Buches von Sievers/Griese/Schulte wie folgt zusammenfassen: Wie lassen sich die Bildungsbiographien von hochqualifizierten türkischstämmigen Migranten aus Deutschland charakterisieren und was waren die Gründe für ihre Aus- bzw. Rückwanderung in die Türkei? In welchem Verhältnis stehen die Ergebnisse der Studie zur bisherigen Transnationalismusforschung und zur Gestaltung von Migration und Integration durch Politik und Wirtschaft?
Autorin und Autoren
Dr. Isabell Sievers ist seit 2008 Koordinatorin des interdisziplinären Studien- und Forschungsbereichs Interpäd (Interkulturelle Pädagogik) an der Leibnitz Universität Hannover. Prof. Dr. Hartmut Griese ist Hochschuldozent und apl. Prof. am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Hannover. Rainer Schulte arbeitete an verschiedenen Universitäten im Fach Erziehungswissenschaft, heute ebenfalls mit Lehraufträgen an der Universität Hannover.
Entstehungshintergrund
Das vorliegende Buch versteht sich als Nachfolgeprojekt des ebenfalls von den drei Autoren verfassten Forschungsberichtes „Soziokulturelle Kompetenzen von Studierenden mit Migrationshintergrund Türkei“ aus dem Jahre 2007 (https://www.socialnet.de/rezensionen/5676.php). Außerdem ist es als Vorstudie eines geplanten Projektes im Rahmen der „Forschungsinitiative“ der Philosophischen Fakultät der Leibnitz Universität Hannover unter dem Titel „Relations of Difference – Dynamics and Conflicts in Global Perspectives“ angelegt. Das Buch basiert im Wesentlichen auf sechs problemzentrierten Interviews und vier schriftlichen Befragungen von Hochqualifizierten mit türkischem Migrationshintergrund und entwickelt in Verbindung mit einer Analyse des bisherigen Forschungsstandes Hypothesen für die weitere Forschungsarbeit und –praxis in Bezug auf transnationale Migrationsphänomene zwischen Deutschland und der Türkei.
Aufbau
Das Buch lässt sich grob in drei Abschnitte gliedern.
1. Paradigmenwechsel in der Migrationsforschung.
Die Autoren verweisen zu Beginn ihrer Untersuchung auf den sich vollziehenden Perspektivwechsel in Forschung und Praxis, „weg vom Fokus auf Defizite hin zur Analyse von Kompetenzen, Ressourcen und Potenzialen.“(15). Kurz und prägnant werden aktuelle Studien, die sich mit „bildungserfolgreichen Migranten“ und ihrer Konstruktion von Identität auseinandersetzen, vorgestellt. Aufbauend auf Ihrer Studie aus dem Jahr 2007 sprechen die Autoren von „sektoraler Integration“, wobei sie zwischen kognitiv-rationalen und emotional-affektiven Aspekten unterscheiden, um bei der Analyse des Sozialisationsverlaufs individuelle Besonderheiten berücksichtigen zu können. Als Konklusion der vorgestellten Studien steht die Erkenntnis, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund trotz möglicher Diskriminierungserfahrung im Bildungssystem Kompetenzen wie Mehrsprachigkeit und Empathiefähigkeit entwickelt haben, die in einer durch zunehmende Vernetzung geprägten Welt von Wert sein können.
In einem weiteren Unterpunkt werden die Forschungsdesiderate kritisch weiterentwickelt. Hierbei steht insbesondere die Frage im Zentrum, warum es Jugendlichen mit Migrationshintergrund offensichtlich unterdurchschnittlich gelingt, ihre Kompetenzen in Deutschland „zu verwerten“, d.h. warum die Arbeitslosenquote von Akademikern mit Migrationshintergrund im Vergleich zu solchen ohne Migrationshintergrund deutlich höher ist. Begründet wird dies vor allem mit der fehlenden Wertschätzung von Seiten der Mehrheitsgesellschaft – was als zentrale Aussage der gesamten Untersuchung benannt werden kann.
2. Theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff und Phänomen der Transmigration
Im Gegensatz zur Remigration beschreibt der Transnationalismusansatz einen Migrationszyklus ohne festen Anfangs- und Endpunkt. In der Definition von Sievers/Griese/Schulte ist ein Transmigrant in „mindestens zwei sprachlich-kulturell-nationalen Kontexten aufgewachsen und kann seine Identität und seinen Lebensmittelpunkt nicht eindimensional verorten. Die Frage, wo er in drei oder fünf Jahren leben will, kann er nicht eindeutig beantworten. Darüber hinaus werden in diesem Kapitel weitere aktuelle Terminologien aus der aktuellen Migrationsforschung wie Transkulturalität, Hyperkulturalität und Intersektionalität exkursartig gestreift. Auch wenn die Begriffe im Folgenden nur noch eine randständige Bedeutung haben, ist es den Autoren wichtig, Verbindungslinien zum Konzept des Transnationalismus aufzuzeigen und hier auf Ansätze zu verweisen, die erlauben, gesellschaftliche Pluralität in ihrer Komplexität darzustellen.
3. Ziele, Fragestellungen und Ergebnisse
In der vorgelegten Untersuchung wird der Begriff des Hochqualifizierten äquivalent mit dem eines Hochschulabsolventen gebraucht. Ein „bildungserfolgreicher hochqualifizierter Transmigrant“ ist in diesem Fall eine Person mit türkischem Migrationshintergrund Tür, die in Deutschland das Abitur und Studium absolviert hat und in die Türkei ausgewandert ist. Neben der Identifikation spezieller transnationaler Merkmale aus der Gruppe der Untersuchten sollen darüber hinaus Empfehlungen gegeben werden, wie durch eine Weiterentwicklung des Bildungsbereiches die soziokulturellen Kompetenzen jener Gruppe auch in Deutschland unterstützt werden können.
In der Türkei wurden sechs Transmigranten in problemzentrierten Interviews auf der Basis eines Leitfadens interviewt. Ergänzt wurden diese Aussagen durch vier schriftliche Befragungen von weiteren Personen per Email. Bei den befragten Personen handelt es sich um Personen, die überwiegend der zweiten Migrantengeneration angehören und bereits in Deutschland geboren wurden oder als Kind dorthin eingewandert sind. Ihre Eltern leben nach wie vor in Deutschland, die vorgestellten Personen sind somit allein in die Türkei zurückgegangen. Aufschlussreich ist die ausführlich schematische Darstellung der Biographie aller Befragter. Des Weiteren werden exemplarisch einige Befragte, auch auf der Basis vieler Zitate, detaillierter vorgestellt.
Unter Zuhilfenahme weiterer Exkurse zu den Themen „Anerkennung“ und „Individualisierung“ werden Push- und Pull-Faktoren für die Auswanderung in die Türkei benannt und zugleich die Kennzeichen und Rahmenbedingungen für die Konstitution einer transnationalen Identität herausgearbeitet. „Die von uns befragten Probanden wollen etwas Besonderes sein, sie streben nach Anerkennung“(65), etwas, was ihnen nach eigener Aussage in Deutschland nicht entgegengebracht wurde. Trotzdem bieten reale und virtuelle soziale Netzwerke ebenso wie der Besitz der doppelten oder deutschen Staatsangehörigkeit die Möglichkeit, ein grenzüberschreitendes Leben zu führen und eine transnationale Identität aufzubauen. Transnationale Migranten sind, so das Fazit, „Prototypen der postmodernen Individualisierung“(87).
Als Fazit der Untersuchung plädieren Sievers/Griese/Schulte dafür, die nationale Sicht auf Migrationsphänomene zugunsten einer transkulturellen aufzugeben. Bildungsförderung von Migrantenkindern erhöhe die Identifikation mit Gesellschaft und Demokratie, zugleich müsse aber die Anerkennungs- und Willkommenskultur in Deutschland gefördert werden.
Diskussion
Die von Sievers/Griese/Schulte vorgelegte Studie zu bildungserfolgreichen deutsch-türkischen Transmigranten gibt Aufschluss darüber, warum gut ausgebildete, in Deutschland aufgewachsene Migranten nach Abschluss ihrer wissenschaftlichen Ausbildung das Land Richtung Türkei verlassen. Zurecht verweisen die Autoren darauf, dass es, wie man u.a. bei der Diskriminierung türkischer Namen auf dem deutschen Arbeitsmarkt sieht, einen Mangel an Anerkennung und Wertschätzung von gesellschaftlicher Vielfalt gibt. Da so gut wie alle Befragten in einen geistes- oder sozialwissenschaftlichen Abschluss haben, handelt es sich um eine ziemlich homogene Gruppe. Es wäre interessant zu erfahren, ob sich die Erkenntnisse auch auf andere Berufsfelder oder Migrantengruppen übertragen lassen, was auch angesichts des bereits bestehenden Fachkräftemangels eine bemerkenswerte Erkenntnis wäre. Auf der anderen Seite sind Auslandsaufenthalte, die durch den Besitz zusätzlicher Kompetenzen wie das perfekte Beherrschen der dortigen Landessprache erleichtert werden, jedoch schon längst der Normalfall in der globalisierten Welt und sollten möglicherweise auch ein bisschen mehr als ein solcher verstanden werden.
Fazit
Das Buch „Bildungserfolgreiche Transmigranten“ ermöglicht es, detaillierte Informationen über die Auswanderungsmotive von hochqualifizierten deutsch-türkischen Migranten zu erfahren. Es legt einen besonderen Schwerpunkt auf den Bereich Bildung und zeigt hier auch Defizite für den deutschen Fall auf. Darüber hinaus bietet es hilfreiche Anregungen, wie eine „Kultur der Anerkennung“ in Deutschland zu gestalten wäre. Dementsprechend ist das Buch sowohl für wissenschaftliche als auch praktische Arbeit empfehlenswert.
Rezension von
Kai Leptien
Studium der Politikwissenschaft in Kiel, Santander/Spanien, Münster und Augusta/Georgia, Arbeitsschwerpunkte: Kommunale Integrationspolitik, Diversity Management und Integrationsmonitoring.
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