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Wilfried Breyvogel (Hrsg.): Wie aus Kindern Risikoschüler werden

Cover Wilfried Breyvogel (Hrsg.): Wie aus Kindern Risikoschüler werden. Fallstudien zu den Ursachen von Bildungsarmut. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. 248 Seiten. ISBN 978-3-86099-641-6. 24,90 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Wissen & Praxis - 153.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Lehr-Forschungsprojekt mit dem o.g. Thema konzentriert sich auf eine zentrale Problematik im Bildungssektor:

  • Wie entstehen Karrieren, die gezeichnet sind durch Bildungsarmut?
  • Was sind die Ursachen?
  • Wie können diese Risiken minimiert werden?
  • Welche Bedeutung hat noch die Hauptschule?

Im Mittelpunkt der Veröffentlichung stehen diesbezügliche theoretische Überlegungen vor allem aber der Bezug zur realen Schulsituation an Hauptschulen.

Dieses Lehr-Forschungsprojekt im Studium zum Lehramt und zum erziehungswissenschaftlichen Diplom bleibt deshalb nicht innerhalb der Universität, sondern geht in die schulische Praxis. Neben Hospitationen, Teilnehmenden Beobachtungen und Interviews wird in diesem Projektstudium an der Universität Essen-Duisburg auch versucht, über Patenschaften seitens der Projektstudenten eine Verbesserung durch Unterstützung und Förderung für die beobachteten Schülerinnen und Schüler herbeizuführen. Das Ziel der Untersuchungen ist, Bedingungen des Lernens aus dem Blick und den Erfahrungen der Kinder kennen zu lernen. Der methodische Zugriff in diesem beispielhaften Projekt erfolgt über Fallstudien, die letztlich einem qualitativen Forschungskonzeptes zuzurechnen sind. Die Akteure im Projekt, also Studentinnen und Studenten, sind auch die Autoren der zehn Fallstudien.

Aufbau

Das erste Kapitel beinhaltet fünf Fallstudien über Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund, das zweite Kapitel fünf Fallstudien mit Migrationshintergrund. Das dritte Kapitel stellt einen theoretischen Rahmen dar durch einen Aufsatz von Christoph Butterwegge sowie von Klaus Wermker und Joanna Dolinski. Zu Beginn des Buches führt Winfried Breyvogel sowohl in das Forschungsprojekt ein, wie auch umfänglich in die Problematik der Bildungsarmut.

Inhalt

Die einführende Analyse von Bildungsarmut und ihre Wirkung auf Schülerschaft und Schule beruft sich insbesondere auf die Pisa- und Iglustudien. Über die Begrifflichkeit von extremer, absoluter und relativer Bildungsarmut wird eine Differenzierung vorgenommen. Extreme Bildungsarmut bezeichnet z.B. das Scheitern am Hauptschulabschluss (ca. 10 Prozent eines Jg.). Beschrieben wird weiterhin wie Bildungsarmut mit einer Zuschreibung beginnt und sich dann vertiefend zu einem Persönlichkeitsmerkmal der Betroffenen entwickelt und u.a. Identitätsschädigungen und psychische Belastungen hervorruft. Schulisches Scheitern, begleitet durch familialen Ressourcenmangel, mündet in andauernde Rückkopplungen und stellt somit die Grunderfahrung der betroffenen Hauptschülerinnen und Hauptschüler dar.

Auf diesem Hintergrund sind die zehn Fallstudien verankert. Diese Studien beschreiben den Schüler oder Schülerin, nehmen die Schul- und Klassensituation in den Blick wie auch die Familiensituation. In unterschiedlichem Ausmaß werden tangierte Lehrpersonen, der Schulsozialarbeiter aber auch Klassenmitglieder interviewt. Das Beobachtungs- und Gesprächsmaterial stellt die Basis für die durchaus anspruchsvollen Fallanalysen dar, die entsprechende Fachliteratur einbeziehen. Die Autorinnen und Autoren verzichten weitgehend auf die Darstellung von pädagogischen Unterstützungskonzepten, was das Buch allerdings auch nicht zu leisten beabsichtigt.
Die beschriebene Vorgehensweise sei an einem Beispiel verdeutlicht: „Stabilisierung im Gangsta-Rap – Der Fall Marvin“ (Anna Wikarek). Der Fall M. aus der 6. Klasse ist gegliedert in die Darstellung der Hauptschulsituation, der Familienstruktur und einer tiefenpsychologisch ausgerichteten Fallanalyse mit abschließendem Fazit. M. erfährt im Elternhaus keine Anerkennung und auch keine Vorbilder durch Mutter und Vater. Dafür aber massive Gewalt durch seine Eltern, die diesbezüglich auch zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt werden. M. wächst mit acht Geschwistern, gezeugt durch unterschiedliche Väter, auf. Die gesamte Situation führt zu einer Übernahme Marvins in eine Außenwohngruppe des zuständigen Jugendamtes. Die entstehenden Ohnmachtgefühle und die mangelnde Frustrationstoleranz führen zur Gewalttätigkeit und starken Trotzreaktionen in der Schule. Die Schulleistungen sind mangelhaft, die Prognose geht von einem Scheitern M.s in der Hauptschule aus. In der Freizeit ist die subkulturelle Szene des Hip-Hop nicht nur eine Kompensation, sondern auch eine Stabilisierung des reduzierten Selbstkonzeptes (M: „Ich lass mir von niemanden was gefallen, auch nicht von den Betreuern“ ebd., S.59). Die Autorin der Fallstudie konstatiert letztlich ein hohes Maß an Aussichtslosigkeit. M. ist ein Beispiel für das Segment der extremen Bildungsarmut.

Im letzten Kapitel analysiert der Armuts- und Migrationsforscher Butterwegge Globalisierungsfolgen für das Gemeinwesen, d.h. insbesondere für Migrantinnen und Migranten und ihre gesellschaftliche Integration. In der zunehmenden Polarisierung der globalen Welt nach Reichtum und Armut, die durch die neoliberale Modernisierung verstärkt wird, entstehen für ihn weitreichende Spaltungsprozesse, die zur sozialen Exklusion und verstärkter Migration führen. Einen solchen Spaltungsprozess sieht er besonders in den Städten durch verstärkte Prozesse der räumlichen Segregation und damit einhergehender Marginalisierung benachteiligter Bevölkerungsgruppen.
Diesen letztgenannten Aspekt nimmt auch der Folgeaufsatz auf, der sich der Herausbildung sozialer Exklusion sowie der Stadt- und Schulentwicklung widmet. Um dieser Situation etwas entgegenzusetzen schlagen Wermker und Dolinska für Kommunen die Entwicklung lokaler Bildungslandschaften vor, um auf dieser Ebene integrierte Bildungsprozesse zu fördern, z.B. in vernetzten Handlungsfeldern zwischen Schule und Jugendhilfe.

Diskussion

Das Lehr-Forschungsprojekt zeigt wie intensiv die Wichtigkeit sozialpädagogischer Kompetenz in der Lehrerausbildung verankert sein kann. Auch signalisiert das einem Projektstudium ähnelnde Konzept, dass durchaus Parallelitäten in schulpädagogischen und sozialpädagogischen Studiengängen vorhanden sind. Insofern eignet sich die Veröffentlichung sehr gut für Studierende und Lehrende in beiden Domänen, die bekanntermaßen nicht immer konfliktfrei zusammenarbeiten. Gerade auch für Lehrende, Studierende und Praktiker der Schulsozialarbeit, ist das Buch mit Gewinn zu lesen.

Fazit

Breyvogel zeigt ein beispielhaftes Lehr-Forschungsprojekt aus der Lehrerausbildung. Das Thema Bildungsarmut und insbesondere die von Studierenden an der Universität Essen-Duisburg erstellten Fallstudien bzw. Einzelfallbeispiele verweisen zugleich auf beachtliche sozialpädagogische Ausbildungssegmente innerhalb der Schulpädagogik. Deutlich vor Augen geführt wird, wie sich die gesellschaftliche Entwicklung bezüglich sozialer Ungleichheit, Migrationseinflüssen und Bildungsarmut im Hauptschulsystem auswirkt und dort Schülerbiografien erschreckend belastet.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 22.10.2010 zu: Wilfried Breyvogel (Hrsg.): Wie aus Kindern Risikoschüler werden. Fallstudien zu den Ursachen von Bildungsarmut. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-86099-641-6. Reihe: Wissen & Praxis - 153. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9337.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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