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René Grummt, Peter Schruth u.a.: Neue Fesseln der Jugendhilfe

Cover René Grummt, Peter Schruth, Titus Simon: Neue Fesseln der Jugendhilfe. Repressive Pädagogik : historische Bezüge, rechtliche Grenzen und aktuelle Diskurse. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. 204 Seiten. ISBN 978-3-8340-0677-6. 18,00 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

In den letzten Jahren mehren sich nicht nur in Deutschland Stimmen, die die gegenwärtigen Erziehungskonzepte sowohl von Familien als auch von Institutionen infrage stellen und deren grundsätzliche Neuanlage in Form einer Wiedereinführung von Macht und Autorität sowie von Grenzsetzungen und Strafen einfordern. Oft landen dabei die Kritik an einer antiautoritären Erziehung, der höhnische Spott auf eine sogenannte Schmuse- und Kuschelpädagogik und die Feststellung, dass sich der Verzicht auf eine gewaltgeprägte Umgangsweise mit Kindern und Jugendlichen überholt habe, undifferenziert in einem Topf, aus dem Erfahrungen und alles bisherige Wissen um die Wirksamkeit bestimmter pädagogischer Konzepte mit dem Bade ausgekippt werden. Mit Blick auf massenmedial inszenierte einzelne Jugendliche, die durch Gewalt, Delinquenz und emotionale Kälte auffallen und Angst machen, aber auch durch weidlich ausgeschmückte Berichte über Institutionen, in denen mit geradezu militärischer Härte eine bestimmte Elite herangezogen werden soll, scheint es en vogue, prinzipiell eine härtere Gangart gegenüber Kindern und Jugendlichen fordern. Für diejenigen Jugendlichen, die bereits auffällig geworden sind und die die Jugendhilfe mit ihren pädagogischen Ansätzen und Institutionen immer auch vor große Herausforderungen stellen, scheinen in diesem Zusammenhang auch schon passende Antworten gefunden: Boot Camps, „Zero Tolerance“ und die Wiedereinführung von Konfrontation, Zwang und Drill.

Inhalt

Der vorliegende Reader greift den Ruf der vermeintlichen Realisten nach einer repressiven Pädagogik auf, von denen insbesondere die Jugendhilfe umstellt ist. In dem vorliegenden Buch wird die Auseinandersetzung um die immer wieder vorgetragenen Argumente der Befürworter eines grundsätzlichen Kurswechsels in der Jugendhilfe geführt und dies sowohl vor dem Hintergrund einer Aufarbeitung historischer Erfahrungen mit einer strafenden Pädagogik, als auch an Hand empirischer Befunde zur Wirksamkeit gegenwärtig praktizierter Formen und Konzepte, mit denen schwierige Jugendliche einer gewünschten Verhaltensänderung unterworfen werden sollen und schließlich mit Blick auf die rechtspolitische Rahmenbedingungen, die in Deutschland durch die gesamte Rechtsordnung vorgegeben werden. Die Aussagen werden in der Regel mit Blick auf Methoden formuliert, bei denen Jugendliche in stationären Settings in Form von Lagern, Heimen oder internatsartigen Bezügen zusammengefasst werden. Die auf diese Weise formulierten Aussagen, insbesondere die rechtlichen Argumentationen sind jedoch allgemeingültig, so dass sich Denkanstöße auch für diejenigen ergeben, die in anderen institutionellen Bezügen arbeiten und über die Möglichkeiten und Grenzen pädagogischer Methoden nachdenken.

Den Ausgangspunkt bildet die Auseinandersetzung mit der Sicherheitsdebatte, die in ähnlicher Weise nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Ländern geführt wird. Hier zeichnen die Autoren nach, wie insbesondere in den letzten zwanzig Jahren aus in der Gesellschaft auftretenden Störungen durch Jugendliche, die sozialstrukturell und sozialpolitisch zu verantworten sind, jugendliche Störer werden. Deren Auffälligkeit wird nunmehr zu einen individuellen Problem deklariert, das nicht vorrangig auf sozialpolitische Missstände deutet, sondern auf individuelle Unwilligkeit, für das es folgerichtig vor allem individuelle Maßregelungen geben müsse. Die deutliche Ansprache der Einäugigkeit derartigen Argumentationen ist eine couragierte Aufforderung an alle Pädagogen, sich nicht durch einen solchen Kuschelkurs der Politik einschlummern zu lassen.

Eine zweite großer Analyse widmet sich der Betrachtung historischer Fragmente einer Erziehung mit Gewalt, Zwang und Drill unter dem Dach der öffentlichen Erziehung. Nachgezeichnet wird, dass diese Erziehungsmethoden schon seit Antike und Mittelalter praktiziert wurden, in den Anfängen der Jugendpflege im 19. Jahrhundert ihren Stellenwert hatten und von dort über bündische Jugendbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts einen Beitrag zur Militarisierung der Erziehung leisteten. Diese Wurzeln überdauerten selbst in den Nachkriegsjahren in beiden Teilen Deutschlands und fanden auf Seiten der DDR im Jugendwerkhof Torgau und auf Seiten der BRD im Rahmen der Kinderheime einen bedrückenden Höhepunkt. Interessant für das Nachdenken über nötige Anregungen für die Jugendhilfe ist der Exkurs in die Pädagogik Makarenko`s, der mit seinem Prinzip „Fördern durch Fordern“ und den Ansätzen einer ganzheitlichen Erziehung, in die als wichtige Elementen die Kollektiverziehung, Ästhetik und die Traditionsbildung eingebunden waren, durchaus erfolgreich war.

Ein nächster Abschnitt beschäftigt sich mit Mythos und Realität von Boot Camps. Vielen in der Regel bekannt aus Versatzstücken, die in der Massenmedien kolportiert werden, bietet dieses Kapitel die Möglichkeit, sich eingehend und differenziert zu informieren über die historischen Hintergründe der Entstehung der Boot Camps, Ziele und Zielgruppen, die verschiedenen Arten sowie die vorliegenden Forschungsergebnisse zu Effekten und Effektivität dieser Ansätze – dies zum einen in Bezug auf die Nachhaltigkeit der bewirkten Verhaltensänderungen bei den Insassen und zum anderen in Bezug auf die Kosten des Strafvollzugssystems, aus dem sich die Boot Camps entwickelt haben! Spätestens nach dem Lesen dieses Abschnittes sollte bei allen „Realisten“ Ernüchterung einsetzen und der Vorsatz reifen, aus dem Chor der Rufer auszusteigen.

Weniger bekannt dürfte in Deutschland das amerikanische Projekt der „Glen Mills Schools“ im USA-Bundesstaat Pennsylvania sein, das versucht, in seinen institutionellen Bezügen eine delinquente jugendliche Subkultur durch prosoziale Werte und Normen zu ersetzen, die zudem über das gezielte Wirken von Peer Groups erlernt werden sollen. Diesen Ansätzen kann offensichtlich zugesprochen werden, ein ressourcenorientiertes, günstiges und hochwertiges Lernumfeld zu bieten, das zugleich mit einem strukturierten und vielfältigen Bildungs- und Sportangebot sowie glaubhaften Vorbildern nachhaltig auf die jugendlichen Klienten Einfluss nehmen kann. Allerdings zeigen die Autoren mahnend auf, dass eine Übertragung dieses Modells auf Deutschland mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten verbunden ist, die sich nicht allein aus dem völlig anderen kulturellen Umkreis dieses amerikanischen Projekts ergeben.

Bevor das Buch mit einem rechtspolitischen Diskurs der Rahmensetzungen in Deutschland abschließt, widmet sich ein Statement der konfrontativen Pädagogik, wie sie im Rahmen von sogenannten Anti-Aggressionstrainings und mit, der psychotherapeutischen Selbsterfahrung entlehnten konfrontative Methoden wie beispielsweise „Der heiße Stuhl“ praktiziert werden. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Methoden, die gegenwärtig ebenfalls Konjunktur haben, schärft ein genaues Hinschauen und das Hinterfragen, was in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die gewissen institutionellen Bedingungen ausgeliefert sind und deshalb nur bedingt frei über ihre Teilnahme an derartigen Aktionen entscheiden können – was also unter diesen Rahmenbedingungen zulässig ist und wo sich moralisch-ethische und auch rechtliche Grenzen ergeben.

Damit wird schließlich zu einem letzten Abschnitt übergeleitet, der die rechtlichen Rahmensetzungen für eine repressive Pädagogik in Deutschland und die dabei zu beachtenden grundlegenden Normen und Werte der Rechtsordnung Deutschlands überhaupt betrachtet. Dezidiert zeigt der Autor nicht allein auf einzelne Paragraphen und Regelungen einzelner Gesetzesbücher, durch die weder physische, noch psychische und auch keine existentielle Gewaltanwendung zulässig sind. Ausdrücklich wird damit auf das gegenwärtig viel praktizierte Verfahren einer Strafe unter Bezugnahme auf das SGB II und dem dort möglichen Sondersanktionsrecht für erwerbsfähige, arbeitslose junge Menschen zwischen 15-25 Jahren verwiesen. Dieses ermöglicht Kürzungen und den gesamten Entzug von Regelleistungen der Grundsicherung. Herausgestellt wird dazu, dass sich alle gesetzlichen Regelungen an nicht hintergehbaren Grundsätzen orientieren müssen. Dazu gehören die Achtung der Selbstbestimmung und der Ehre junger Menschen, das Gewaltverzichtsgebot, das Verbot einer grob sozialwidrigen Verletzung des Körpers, das Verbot erniedrigender Einschränkungen elementarer Freiheitsrechte, das Verbot kollektiver Strafen, das Verbot der geschlossenen Unterbringung zum Zwecke der Sanktionierung sowie das Gebot der Beachtung des Übermaßverbotes regelmäßiger Strafen. Dieser Abschnitt des Buches ist ein Rechtsberater, der allen Pädagogen, die in der öffentlichen Erziehung tätig sind, geradezu als Pflichtlektüre ans Herz gelegt werden muss. Hier erfährt er Hilfe, das eigene Handeln und eingeschliffene Routinen zu hinterfragen und klare Maßstäbe selbst für schwierige und entmutigende Situationen, die oft nicht nur emotional aufgeladen sind, sondern auch das Gefühl vermitteln, mit Ansätzen zur Entwicklung von Mündigkeit und Emanzipation nicht weiterkommen zu können.

Fazit

Das vorliegende Buch geht fundiert und umfangreich auf die ethischen und rechtlichen Grenzen einer strafenden Pädagogik ein. Es weist an Hand vorliegender empirischen Befunde nach, dass pädagogische Ansätze, die schwierige, mitunter gewaltbereite und unverbesserlich erscheinende Jugendliche wegsperren, abschrecken oder durch Zwang und Drill läutern wollen, ihre Ziele nur selten erreichen. Nach der Lektüre dieses Buches dürfte jedem Leser einsichtig sein, dass der, in den letzten Jahren populäre Ruf nach repressiven und konfrontativen pädagogischen Methoden zwar Bedürfnisse der Bevölkerung bedient, die sich – auch durch eine manipulative Berichterstattung der Medien – in ihrer Sicherheit bedroht fühlt. Die geringe Nachhaltigkeit des erzwungenen Wohlverhaltens während der pädagogischen Maßnahme führt jedoch nicht zu einer tatsächlichen Besserung. Insofern bleibt weiterhin die große Aufgabe gestellt, durch eine kreative Sozialpolitik aber auch durch eine Kultur der Achtsamkeit, von gegenseitigem Respekt und Hilfe den Spielraum für Störungen zu verkleinern.


Rezensentin
Prof. Dr. Gundula Barsch
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Zitiervorschlag
Gundula Barsch. Rezension vom 17.03.2010 zu: René Grummt, Peter Schruth, Titus Simon: Neue Fesseln der Jugendhilfe. Repressive Pädagogik : historische Bezüge, rechtliche Grenzen und aktuelle Diskurse. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. ISBN 978-3-8340-0677-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9338.php, Datum des Zugriffs 28.04.2017.


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