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Michael Winterhoff, Isabel Thielen: Persönlichkeiten statt Tyrannen

Rezensiert von Beate Sonsino, 24.06.2010

Cover Michael Winterhoff, Isabel Thielen: Persönlichkeiten statt Tyrannen ISBN 978-3-579-06867-1

Michael Winterhoff, Isabel Thielen: Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen. Gütersloher Verlagshaus Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH (Gütersloh) 2010. 189 Seiten. ISBN 978-3-579-06867-1. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Im Zuge seiner Annahme, dass immer mehr Kinder in Verhältnissen von Beziehungsstörungen aufwachsen, ist dieses Buch eine logische und konsequente Folge der ersten beiden „Tyrannen- Bücher“ des Autors Winterhoff (vgl. Rezension 1 und Rezension 2). Denn Kinder werden älter und münden irgendwann einmal ins Berufsleben. Das Handwerk beklagt seit vielen Jahren, dass es immer schwieriger wird, geeignete Auszubildende zu finden. Diese Erfahrungen sind keine Einzelfälle. Die Defizite der Jugendlichen wurden schon bei der Pisa Studie erfasst und der neueste Bildungsbericht der Bundesregierung fällt nicht günstiger aus. Winterhoff hat sich dieser Problematik gestellt, bietet Erklärungen an und versucht, Lösungswege aufzuzeigen. Dies ist der fachliche Hintergrund des Buches. Sicher gibt es auch einen kommerziellen Aspekt. Klaus Altepost, der Verlagsleiter des Gütersloher Verlagshauses, in dem Winterhoffs Bücher erscheinen, hofft mit diesem Buch auch auf eine Gesamtauflage im sechsstelligen Bereich. Schon an dem letzten Erfolgsjahr des Verlages hatte Winterhoff keinen unerheblichen Anteil, wie auf der Homepage des Verlages in einem Interview nachzulesen ist. Bei den ersten Büchern gab es großen medialen Rummel. Bevor dieses dritte Buch erschienen war, hatte sich die Bild- Zeitung schon Exklusivrechte für die Veröffentlichung von Buchauszügen gesichert und Auftritte in Fernsehshows und Podiumsdiskussionen mit bis zu 1000 Besuchern waren im Vorfeld organisiert worden. Ein neuer Bestseller wurde erwartet.

Autoren

Dr. Michael Winterhoff, geb. 1955, ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Er ist seit 1988 in einer Gemeinschaftspraxis tätig und ist Initiator eines Kinderheimes. Dr. Isabel Thielen, geb. 1971, ist Juristin und Psychologin. Sie ist als Personalleiterin in einem großen Medienunternehmen tätig und arbeitet freiberuflich als Business Coach und Mediatorin.

Aufbau und Inhalt

Für sein drittes Buch hat sich Winterhoff fachliche Unterstützung in der Person von Isabel Thielen an die Seite geholt. Als Arbeitspsychologin und Personalverantwortliche in einem Wirtschaftsunternehmen bringt sie die Erfahrung aus der betrieblichen Praxis mit.

Das Buch ist in neun Kapitel, teilweise mit Unterkapiteln, gegliedert. Viele anschauliche Beispiele verdeutlichen die Problematik der Defizite von vielen Jugendlichen, die sich täglich in den Betrieben bemerkbar machen und den Problemen, die Betriebe damit haben.

Die Devise dieses Buches ist, wie schon bei den vorangegangenen Büchern: „Bewusstwerdung geht vor Lösung“. Es besteht nicht der Anspruch, einen Ratgeber zu liefern. Vielmehr soll die Eigenreflexion angeregt werden und der Leser so zu individuell passenden, eigenen Lösungen kommen. Als Zielgruppe sollen Eltern, Erzieherinnen und Lehrer, aber auch Chefs, Ausbilder, Berufsschullehrer und Politiker angesprochen werden.

Im ersten Kapitel wird in die Thematik der Veränderungen im Ausbildungs- und Berufsalltag eingeführt. Die Autoren untermauern ihre Erfahrungen der Zunahme von Jugendlichen mit mangelnder Ausbildungsreife mit Zitaten aus der Berufspraxis und aus dem Handwerk.
Im Alltag werde meist im Zusammenhang von nicht ausbildungsfähigen bzw. nicht arbeitsfähigen Jugendlichen von fehlender Erziehung gesprochen. Auch Migrationshintergrund, hohe Scheidungsrate und Patchworkfamilien werden angeführt, reichen aber laut der Autoren als Erklärung für die stetige Zunahme von nicht ausbildungsfähigen Jugendlichen nicht aus. Es muss sich um ein übergeordnetes Problem handeln, von dem Familien aller Schichten betroffen sind. Winterhoff sieht die Ursache aus kinderpsychiatrischer Sicht in psychischen Reifedefiziten und betont, dass dieser Erklärungsansatz in diesen Zusammenhängen neu sei. Es gehe hier nicht um Erziehung, sondern um Fehlentwicklungen im Bereich der psychischen Reife, die aus Beziehungsstörungen entstanden sind. Auf die Beziehungsstörungen, die in den ersten beiden Büchern sehr ausführlich behandelt wurden, geht Winterhoff hier nicht mehr so tiefgehend ein und verweist auf Kapitel neun, wo sich interessierte Leser, die die ersten Bücher nicht kennen, mit den Beziehungsstörungen vertraut machen können.

Im zweiten Kapitel beschreiben die Autoren mit Hilfe einiger Beispiele, welche Probleme das Handwerk beklagt. Es ist die Rede von permanentem Berufsschulschwänzen eines Auszubildenden, der auch auf die folgende Abmahnung nur gleichgültig reagiert und der trotz erneuter Chance stundenlang seinen fehlenden Nachtschlaf nachholt, in der Mittagspause, die eigentlich nur eine halbe Stunde beträgt . Ein anderer Jugendlicher kommt ohne einleuchtende Entschuldigung zum Vorstellungstermin viel zu spät, bringt die Mutter mit, die dann das Gespräch führt und voller Überzeugung berichtet, wie ordentlich und zuverlässig ihr Sohn sei. Es wird mit einer Langzeitstudie, die über dreißig Jahre lief, über Rechtschreib- und elementare Rechenkenntnissen bei Ausbildungsbewerbern von der Firma BASF berichtet, dass Verschlechterungen in diesen Leistungen im zweistelligen Bereich liegen (vgl. S. 31). Eine Studie der IHK Oberbayern, die 1250 Betriebe von verschiedenen Branchen erfasst, stellt eine enorme Zunahme von Nicht-Besetzung von Ausbildungsstellen wegen „mangelnder Ausbildungsreife“ fest (vgl. S. 33). Aber auch bei Hochschulabsolventen scheint der Einstieg in verantwortungsvolle Positionen immer seltener nach den Vorstellungen der Personalchefs zu laufen. Hier wird eine ausgeprägte Ich-Bezogenheit, übersteigertes Anspruchsdenken und mangelnde Praxistauglichkeit angeführt, die ebenfalls auf nicht gelungene psychische Reifeentwicklung zurückzuführen seien. Die Autoren gehen von der Annahme aus, dass ein Großteil der heutigen Jugendlichen und folgender Generationen nicht mehr so aufwachsen, dass sie eine optimale psychische Reifeentwicklung durchlaufen. Diese ist aber die Voraussetzung, um ausbildungs- und arbeitsfähig zu werden. Um die Fremdbestimmung im Berufsleben akzeptieren und eigene Bedürfnisse hinten anstellen zu können, müssen bestimmte Reifevorgänge in der Kindheit positiv verlaufen. In den dargestellten Beispielen, so die Annahme, habe diese nicht stattgefunden. Diese Jugendlichen sollen in beziehungsgestörten Verhältnissen aufgewachsen sein. Vorwiegend sollen sie in Partnerschafts- und Projektionsverhältnissen groß geworden sein. Dabei wollen die Autoren weder den Eltern, noch den professionellen Erziehern oder Lehrern eine Schuld zuweisen. Die Erwachsenen unterliegen ständigen neuen Anforderungen im Berufsleben und im Alltag. Es ist von einer „ins schier Unendliche beschleunigenden Welt“ (S. 40) die Rede und dass Kindern nicht mehr die Zeit gegeben wird, die eine gesunde Entwicklung voraussetzt. Es werden großangelegte Studien gefordert, die die Zusammenhänge zwischen psychischer Reife und Arbeitsfähigkeit untersuchen.

Das dritte Kapitel befasst sich u. a. damit, wie Betriebe mit diesen Jugendlichen umgehen können. Wichtig sei das Hinterfragen, ob das eigene Verhalten von Chefs, Ausbildern, Berufsschullehrern und Berufsberatern nicht zu partnerschaftlich mit den Jugendlichen sei. Es soll nicht um mehr Strenge, Konsequenz und Grenzen gehen, sondern um mehr Beziehungsarbeit und Anleitung. Mit Hilfe einer zitierten Studie des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) werden Merkmale des Sozialverhaltens und Grundfertigkeiten aufgezählt, die eine Voraussetzung für die Ausbildungsreife darstellen. Darunter fallen, neben der Beherrschung der Grundrechenarten und einfachem Kopfrechnen, z. B.: „Zuverlässigkeit, die Bereitschaft zu lernen, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen, Rücksichtnahme, Höflichkeit, die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Bereitschaft, sich in die betriebliche Hierarchie einzuordnen“ (vgl. S. 52). Es wird angemerkt, dass schon seit Jahren eine Tendenz besteht, in Kindergärten und Schulen die Anforderungen den gesunkenen Leistungsniveaus der Kinder anzupassen. Dem steigenden Anteil von nicht ausbildungsreifen Jugendlichen ist wohl so nicht zu begegnen, da der Beruf immer höhere Anforderungen stellt. Ein Weg, dieser Misere zu begegnen, ist das Bewusstmachen der Ursachen bei den Ausbildern und spezielle Schulungen für die in der Ausbildung Tätigen, damit sie Nachreifeprozesse unterstützen können. Ein Nachreifen der Jugendlichen ist nach Winterhoff bis Mitte des dritten Lebensjahrzehnts möglich, dann nicht mehr. Aber die Verantwortlichen müssen lernen, wie sie Jugendliche konkret dabei unterstützen können.

Im vierten Kapitel werden die Defizite vieler Auszubildenden erneut an Beispielen aufgezeigt. Es geht u. a. um das Nichtakzeptieren von Fremdbestimmung im Betrieb und um die mangelnde Fähigkeit, Situationen richtig einschätzen zu können. Als Ursache werden die Beziehungsstörungen der Partnerschaftlichkeit, der Projektion und der Symbiose angeführt. Die Erwachsenen, somit Eltern, Erzieherinnen und Lehrer, werden immer mehr gefordert. Technischen und elektronischen Einflüssen, vor allem dem „medialen Dauerbeschuss“ (S. 71), können sich die Menschen nur sehr schwer entziehen und berufliche Ansprüche wachsen immens. Statt sich nach der Arbeit auszuruhen, besteht für sehr viele Menschen der unbewusste Zwang, irgendetwas tun zu müssen. Gesellschaftliche Entwicklungen, wie die wachsende Gefahr, Arbeit, Lebensgrundlage, Lebensstandard und Lebensqualität zu verlieren, macht den Erwachsenen Angst. Positive Bestätigung durch andere Menschen, nimmt immer mehr ab und für all dies bietet sich für die Autoren das Kind als Kompensation an. So soll sich Anfang der 90er-Jahre eine „stringent partnerschaftliche Sicht kleiner Kinder“ entwickelt haben mit der Vorstellung, dass schon Fünfjährige ausschließlich über Erklären und Verstehen erzogen werden könnten. Kinder werden demnach nicht mehr als Kinder gesehen, sondern als „kleine Erwachsene“ wahrgenommen und auf „Augenhöhe“ behandelt (vgl. S.71, 72). Kinder erhalten so nicht die Struktur und den Halt, den sie benötigen. Wie schon in den ersten Büchern, spricht Winterhoff erneut davon, dass es so zur „Machtumkehr im Verhältnis von Eltern und Kind“ kommt, was als Projektion bezeichnet wird (S. 74). Das Anerkennungsdefizit des Erwachsenen kompensiert dieser unbewusst über das Kind und verhindert so dessen psychische Reifeentwicklung. Das Kind macht die Erfahrung, dass sein Gegenüber jederzeit steuerbar ist. Dies bewirkt die später in Erscheinung tretende Defizite, mit Frustrationen umgehen zu können und das Akzeptieren-Können von Bedürfnissen anderer Menschen und das Befolgen von Anweisungen. Zumindest sind sich Kinder, die in partnerschaftlichen Verhältnissen oder im Rahmen der Projektion groß geworden sind, bewusst, dass das Gegenüber ein anderer Mensch ist. Jugendliche, die in einer symbiotischen Beziehungsstörung aufgewachsen sind, können ihr Gegenüber nicht mehr als Mensch wahrnehmen, sie sind diesbezüglich auf einer frühkindlichen Reifestufe zurückgeblieben.
In diesem Zusammenhang werden auch sehr extreme Beispiele aufgezeigt, wie der Fall Dominik Brunner, der von Jugendlichen auf einem S-Bahnsteig getötet wurde. Der Mensch, der da geschlagen oder sogar getötet wird, ist in der psychischen Verarbeitung überhaupt kein Mensch.
Es sollen nicht alle Auffälligkeiten und Probleme eines Betriebes mit einem Auszubildenden auf dieser Grundlage erklärt werden, aber die Autoren gehen davon aus, dass wiederkehrende Verhaltensweisen wie z. B:

  • geringe Frustrationstoleranz,
  • häufige Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen,
  • mangelnde Fähigkeit, andere Perspektiven einzunehmen,

auf fehlende psychische Reife zurückzuführen sind (vgl. S. 88).
Als Möglichkeit, den betroffenen Auszubildenden zu helfen, wird das Nachreifen genannt. Ein Nachreifen könnte dazu führen, dass sich viele Berufsanfänger darauf einlassen könnten, Arbeitsanweisungen anzunehmen und als normalen Tagesablauf zu akzeptieren.

In das fünfte Kapitel führen gleich zwei Beispiele ein, die wieder von Auszubildenden berichten, die ihre privaten Eigeninteressen am Arbeitsplatz, bzw. in der Arbeitszeit, vor die Pflichten als Arbeitnehmer stellen. Bei dem zweiten Beispiel, das als Musterbeispiel für die Entwicklung im Ausbildungsbereich angeführt wird, bewirbt sich die Auszubildende „Sabine“ eines Betriebes bei einem Tanz-Casting. Der Termin kollidiert mit ihrer Arbeitszeit. Statt mit dem Chef zu reden, lässt sie sich einfach krankschreiben und nimmt am Casting teil. Im öffentlich zugänglichen Intranet kündigt Sabine über E-Mails ihren Auftritt an. Außerdem wird sie beim Casting gesehen. Die folgende Abmahnung bestärkt sie in ihrer Meinung, dass sie ungerecht behandelt wurde. Es wird betont, dass Sabine keinen schwierigen Lebenshintergrund hat, sondern aus normalen, sogenannten „gutbürgerlichen“ Verhältnissen stammt. Da sie vom Bildungsgrad her in der Lage wäre, die Bedeutung und Organisation ihrer Ausbildung einzuschätzen, müssen die Gründe für das Fehlverhalten woanders gesucht werden. Die Autoren sehen die Ursache in einer mangelnden Reifeentwicklung. Es wird mit Hilfe weiterer Beispiele aufgezeigt, wie sich im Berufsalltag große Defizite im Verhalten von Auszubildenden äußern und die Zusammenarbeit mit ihnen erschweren. So sollen psychische Funktionen wie Arbeitshaltung, Sinn für Pünktlichkeit, Frustrationstoleranz und das Aushalten von Fremdbestimmung fehlen. Die betroffenen Jugendlichen seien von ihrem Selbstgefühl her omnipotent (allmächtig), glauben alles zu können und alles zu wissen und dies besser als alle anderen. Außerdem zeigen sie wenig Eigenreflexion oder Problemeinsicht. Hier sollten Ausbilder und Chefs die Hilfsbedürftigkeit dieser Mitarbeiter erkennen und das Fehlverhalten nicht mehr als bewusste Provokation deuten. Das Beziehungsangebot und eine enge Führung sind ebenso wichtig wie das deutliche Auftreten des Chefs oder Ausbilders in seiner Funktion. Für psychisch unreife Auszubildende wird ein Lernaufbau empfohlen, der von Strukturiertheit und Schritt für Schritt lernen geprägt ist. Die Arbeitsabläufe müssen nachvollziehbar sein und als Orientierung wirken. Da diese Jugendlichen durch die mangelnde Reife noch nicht in der Lage sind, die zugewiesenen Aufgaben aus eigener Einsicht heraus auszuführen, werden sie diese der Beziehung wegen ausführen, wie ein Kleinkind den Eltern zu liebe den Tisch deckt, wenn zuvor ein Beziehungsaufbau von Seiten des Ausbilders stattgefunden hat. Das bedeutet, dass sich die Funktion des Ausbilders erweitert, was auch in die Ausbildereignungsprüfung einfließen muss. Auch hierzu soll das Buch dienen. Ebenso wichtig ist, dass alle die mit der Ausbildung Betrauten an einem Strang ziehen. In diesem Kapitel wird noch von spezifischen Projekten berichtet, in denen auf die Problematik von noch nicht ausbildungsreifen Jugendlichen eingegangen wird, so in der Schweiz mit time-out-Schulen und in Deutschland mit dem Projekt „Du bist Zukunft“. Ausgehend von der Annahme, dass es unter den Berufseinsteigern zunehmend mehr mit nicht ausreichender psychischer Reife gibt, müsste auch unter Berufsschullehrern ein „grundlegender Bewusstseinswandel stattfinden“ (S.134) , dass nämlich die Auffälligkeiten vieler Jugendlichen nicht soziologisch, sondern entwicklungspsychologisch zu erklären sind und natürlich dementsprechend auch so umgegangen werden muss. Es werden keine Handlungsanleitungen geliefert, aber der dauerhafte, direkte Kontakt der Berufsschullehrer zu den Firmen der Auszubildenden und klare Absprachen zwischen Betrieb, Berufsschule und Auszubildenden werden als eine erforderliche Voraussetzung für die notwendige Nachreifung angeführt.

Das sechste Kapitel besteht aus fünf Seiten und widmet sich den Eltern von Auszubildenden, die mit ihren Kindern in einer Beziehungsstörung leben und mit den daraus folgenden Auswirkungen.

Im siebten Kapitel möchten die Autoren auch die abstrakte Ebene der Politik ansprechen, da hier die Entscheidungen über Rahmenbedingungen gefällt werden. Es wird erneut angesprochen, dass die Bedeutung von Beziehung im Verhältnis zu Kindern, im Elternhaus, Kindergarten oder der Schule zu wenig Beachtung findet. Die Autoren wünschen sich das Thema psychische Reife, bzw. Unreife auf die Agenda der bildungspolitisch Verantwortlichen. Sowohl ein besserer Betreuungsschlüssel als auch qualitative Veränderungen werden benannt. Akademisch ausgebildetes Kindergartenpersonal, wie in vielen anderen Ländern, das Kenntnisse in Entwicklungspsychologie, Ergotherapie und Logopädie aufweist, wäre eine wichtige Voraussetzung für positive Veränderungen.

Das kurzgehaltene achte Kapitel bildet das Schlusswort. Die Autoren richten erneut den Appell, Kinder wieder als Kinder zu sehen und auch so zu behandeln, an alle Verantwortlichen: Eltern, öffentliche Erzieher, Firmeninhaber, Ausbilder und Entscheidungsträger in Politik und Kultur.

Im neunten Kapitel werden die Beziehungsstörungen Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose kurz beschrieben. Hier können die Leser, die die beiden ersten Bücher nicht gelesen haben, nachschlagen. Auch das nächste Buch wird am Ende schon angekündigt.

Diskussion

Als Zielgruppe sollen „alle Menschen, die mit Berufseinsteigern unterschiedlichster Art zu tun haben“ angesprochen werden, also Eltern, Erzieher, Lehrer, Firmeninhaber und Ausbilder gleichermaßen. Auch den politisch Verantwortlichen haben die Autoren etwas zu sagen. Doch was haben uns die Autoren zu sagen? Sie beschreiben sehr ausführlich die Situation auf dem Ausbildungssektor, berichten über die Defizite, die Jugendliche heute im Ausbildungsbetrieb aufweisen und über die Probleme, die die Betriebe damit haben. Mit Hilfe vieler Beispiele wird von Jugendlichen berichtet, die einerseits große Mängel im schulischen Bereich haben, kaum über die Fähigkeit einer realistischen Wahrnehmung verfügen und auch gravierende Auffälligkeiten im Verhalten aufweisen.

Manches Beispiel erinnert an Texte aus alten Zeiten, so heißt es etwa schon bei Platon um 400 v. Chr.:“ Die Jungen scheinen jetzt das Wohlleben zu lieben, haben schlechte Manieren und verachten die Autorität, sind Erwachsenen gegenüber respektlos und verbringen ihre Zeit damit, herumzulungern.“ (Zitiert nach einer Folie von Bert Butz, Universität Flensburg, zur Ausbildungsreife.) Es ist demnach nicht neu, dass die Alten über die Jungen klagen. Auch unser Handwerk klagt nicht erst seit gestern über mangelnde Ausbildungsreife. So könnte man sich die Frage stellen: Übertreiben die Autoren etwa, dramatisieren sie etwas, was schon immer so war? In der Sache übertreiben sie keinesfalls. Alle Beispiele sind sehr realistisch und diese Fälle kommen sicher täglich in vielen deutschen Betrieben vor. Das ist die eigentliche Dramatik. Die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher ist vorhanden. Jeder interessierte Leser kann sich mit dem Bildungsbericht der Bundesregierung, den Zeitungen des deutschen Handwerks oder den vielfältigen Tageszeitungsberichten auseinandersetzen und wird verstehen, was Winterhoff und Thielen meinen. Die Datenlage zu den nicht ausbildungsfähigen Jugendlichen ist umstritten. Aus dem neuen Berufsbildungsbericht der Bundesregierung, soll hervorgehen, dass 47,3 Prozent der Jugendlichen zwischen der Schule und dem Eintritt ins Berufsleben einen ergänzenden Lehrgang oder Kurs besuchen. Das Bundesbildungsministerium weist in einer Pressemitteilung darauf hin, dass daraus nicht geschlossen werden kann, dass fast jeder zweite Schulabgänger nicht ausbildungsreif sei, denn in dieser Zahl seien nicht nur aktuelle Schulabgänger erfasst, sondern auch Abgänger aus früheren Jahren und Jugendliche, die ausbildungsreif sind, sich damit aber weiter qualifizieren möchten (vgl. www.bmbf.de/press/2800.php).

Die Unternehmen erwarten zu Recht Ausbildungsbewerber, die neben konkreten Basiskenntnissen (z. B. im mathematischen und sprachlichen Bereich), auch persönliche Kompetenzen (z. B. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Lehr- und Leistungsbereitschaft und Fähigkeit zur Selbstkritik) und soziale Kompetenz (z. B. Teamfähigkeit, Höflichkeit und Freundlichkeit) mitbringen. Auch wenn die Schule nicht für mangelnde Erziehungsversäumnisse in den Elternhäusern verantwortlich gemacht werden kann, soll Schule dennoch ihrer Aufgabe der Wissensvermittlung von Basiswissen und auch der Vermittlung der sogenannten Sekundärtugenden, gerecht werden. Diese notwendigen Forderungen lassen sich auf der Homepage der IHK Frankfurt nachzulesen. Aus einer groß angelegten Ausbildungsumfrage der DIHK, an der mehr als 15.000 Unternehmen beteiligt waren, geht die Unzufriedenheit der Wirtschaft mit vielen Auszubildenden deutlich hervor. Fast die Hälfte aller Betriebe beklagten u. a. die fehlende Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit und Disziplin der Auszubildenden. Außerdem mangele es an den schulischen Leistungen. Mehr als die Hälfte aller Betriebe organisiere in verschiedensten Formen Nachhilfe im Unternehmen. Die Fachkräftesicherung, die für unsere Wirtschaft unerlässlich ist, steht in Gefahr (vgl. dihk_ausbildungsumfrage_10.pdf).

Was uns die Autoren zur Thematik der Probleme auf dem Ausbildungssektor bieten, ist nichts Neues. Auch Forderungen, mehr Erzieher einzustellen und wie in anderen Ländern mit besserer Qualifikation auszustatten, werden immer wieder erhoben.

Was ist aber neu und diskussionswürdig? Es ist die Annahme der Ursache für diese Misere. Nicht, wie häufig zu hören oder zu lesen, werden die fehlende Erziehung im Elternhaus oder zu wenig Erziehung und Wissensvermittlung in der Schule verantwortlich gemacht, sondern eine nicht positiv verlaufene Reifeentwicklung. Sehr verkürzt wiedergegeben, haben „Beschleunigungsprozesse heute die Oberhand“ (S. 39) und viele Erwachsene sind einer sozial überfordernden Situation ausgesetzt (S. 40), dazu fehlt häufig die Anerkennung und Wertschätzung. Dies ist, wieder verkürzt wiedergegeben, der Nährboden für Beziehungsstörungen. Wenn Kinder in Familien mit Beziehungsstörungen groß werden, kann sich die psychische Reife nicht normal entwickeln. Diese psychische Reife ist aber die Voraussetzung um den Anforderungen im Berufsleben entsprechen zu können. Wenn z. B. ein Jugendlicher unbedingt Bankkaufmann werden möchte, obwohl er jahrelang eine mangelhafte Benotung in Mathematik hatte, fehlt hier eine realistische Einschätzung der Situation. Diese notwendige Kompetenz konnte durch die Fixierung in der frühkindlichen Allmachtsphase nicht ausreichend gebildet werden (vgl. S. 80). Bei dem im fünften Kapitel als Musterbeispiel geschilderten Fall von Sabine, die sich zum Tanz-Casting anmeldete, obwohl dieses mit der Arbeitszeit kollidierte und sie keine Rücksprache mit dem Chef gehalten hatte, wird auch die mangelnde Reifeentwicklung als Ursache für das Verhalten angeführt. Es ist Sabine nicht möglich, die Abläufe in einer Firma nachzuvollziehen. Der Lustfaktor Casting kommt bei ihr vor dem Verantwortungsgefühl der Firma gegenüber. Auch die Fähigkeit, den Eigenanteil an den Folgen (Abmahnung) zu erkennen, ist nicht entwickelt, so die Autoren.

Es wäre wissenschaftlich zu klären, ob bei den geschilderten und ähnlich gelagerten Fällen die nicht gelungene Reifeentwicklung auf Grund einer Beziehungsstörung die Ursache ist, oder doch nur fehlende Erziehung. Die Autoren sehen als Möglichkeit, diesen Jugendlichen zu helfen, einen Nachreifeprozess. Allerdings müssen hierfür erst einmal die Verantwortlichen in den Betrieben erkennen, wo die Ursachen liegen, und dass sie sehr gezielt den betroffenen Jugendlichen die Bedingungen für den Nachreifeprozess bieten müssen. Beziehungsangebote stehen an erster Stelle. Chef und Ausbilder müssen in ihren Funktionen klar erkennbar auftreten. Ein Lernaufbau, der klar strukturiert ist, und ein Schritt für Schritt Lernen wird empfohlen. Auch wieder sehr verkürzt wiedergegeben. Sowohl in Elternhäusern, als auch in Kindergärten und Schulen sollen Kinder wieder als Kinder gesehen und behandelt werden und die Rolle als Erwachsener wieder gelebt werden. Ein Kind ist kein Partner und soll es auch nicht sein. Nur so können Kinder die nötige Reifeentwicklung vollziehen und dann auch die nötige Ausbildungsreife erreichen und somit zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft werden.

Die Autoren betonen immer wieder, dass all das nicht mit fehlender Erziehung und Grenzen setzen zu tun habe, sondern mit Beziehungsstörungen und nicht gelungenen Reifeprozessen. Also „Entwicklungsstörungen auf breiter Front“ (vgl. z. B. S. 14, S. 176). werden verantwortlich gemacht Es wird hervorgehoben, dass es sich hier um Jugendliche handelt, die sehr wohl erzogen und liebevoll behandelt wurden, behütet aufgewachsen sind und um die sich gekümmert wurde. Ist es nicht so, dass Reifung ohne Erziehung gar nicht möglich ist? Und ist es nicht möglich, dass viele Eltern von den ständig wachsenden Anforderungen und „Beschleunigungsprozessen“, die zweifellos existieren, einfach so überfordert sind, dass sie dem Auftrag der Erziehung und dem Grenzen setzen einfach nicht mehr nachkommen (können oder wollen, das sei noch zu klären)? Kinder werden auffällig, wenn Eltern sie aus Bequemlichkeit immer wieder dann gewähren lassen, wenn ein „Stopp“ angesagt wäre. Kann es nicht sein, dass Sabine aus dem Musterbeispiel, einfach nicht genügend Erziehung genossen hat, dass die Eltern haben alles durchgehen lassen und sie nun denkt, dass sie sich im Beruf ähnlich verhalten kann? Na ja, dass sie im Intranet die Mails mit der Ankündigung des Castings schreibt, war vielleicht doch nur einfach etwas dümmlich. Unsere Gesellschaft hat sich in jedem Falle verändert. Soziale Kontrolle, die auch zur Erziehung mit beiträgt, hat allgemein abgenommen, wie viele Beispiele von Ereignissen in öffentlichem Raum belegen.

Es fällt auf, dass noch im ersten Buch das „Versagen auf der Ebene von Eltern, Erzieher, Lehrern, u. a.“ (vgl. Warum unsere Kinder Tyrannen werden, S. 183) sehr deutlich benannt wurde und nun mehrfach betont wird, dass niemand schuld sei, da das Ursachenphänomen, bisher nicht bekannt war. Es erscheint so, dass niemand verprellt werden soll, warum auch immer.

Wie Winterhoff selbst sagt, beruhen die Darstellungen in seinen Büchern, so auch in diesem auf Empirie. Auf diesem Hintergrund erscheint die von ihm gewünschte groß angelegte wissenschaftliche Studie an der Zeit zu sein. Besonders wegen der von ihm angenommenen Ursache, die bisher wirklich in diesem Zusammenhang ganz neu zu sein scheint. Es muss sich nur noch jemand finden, der eine solche Untersuchung übernimmt und die Finanzierung sichert .Ich würde mir einen Erfahrungsaustausch wünschen von Winterhoff mit seriösen Erziehungswissenschaftlern, Psychologen und anderen Psychiatern, die andere Positionen vertreten. Die fachlichen Differenzen ausklammernd, nur zu dem Wohle unserer Kinder.

Ob dieses Buch die gewünschte Auflagenzahl erreichen wird, bleibt abzuwarten. Nachdem sich die ersten beiden Bücher sehr lange auf der Bestsellerliste des Spiegels auf oberen Plätzen behauptet haben, ist dieses relativ schnell abgestiegen und verschwunden. Auch erscheint der Medienrummel nicht so stark zu sein, wie erwartet.

Fazit

Unabhängig davon, wie man das Buch beurteilt, Winterhoff hat den richtigen Zeitpunkt für das Erscheinen getroffen, der Bildungsbericht der Bundesregierung belegt die Misere auf dem Ausbildungsmarkt und Erklärungen werden gesucht. Das Buch ist interessant zu lesen für Menschen, die entweder von den konkreten Erscheinungen auf dem Ausbildungssektor noch nicht so viel Kenntnis haben und/oder für Leser, die sich einer neuen Betrachtungsweise der Ursachen nähern möchten. Als Erziehungswissenschaftlerin tue ich mich allerdings mit dieser sehr einseitigen Ursachenerklärung sehr schwer. Muss dies nicht viel differenzierter und verzahnter gesehen werden? Keine Frage, der Mensch durchläuft Reifeprozesse. Aber wachsen wirklich so viele Kinder in Beziehungsstörungen auf? Werden wirklich in so einer großen Zahl Kinder in Familie, Kindergarten und Schule als kleine Erwachsene angesehen und auf „Augenhöhe“ behandelt (vgl. S. 72)? Oder ist in der zweifelsohne sich „schier unendlich beschleunigenden Welt“ (vgl. S. 40) jeder so mit sich beschäftigt und überfordert, dass es schlicht zu anstrengend ist, Kinder zu erziehen und ihnen Grenzen zu setzen? Und so bedingen und beeinflussen sich wichtige Elemente, die zur Entwicklung erforderlich sind, mehr oder weniger. Meines Erachtens bedarf es hierzu unbedingt einer objektiven Erforschung. In jedem Falle, ob mangelnde Erziehung oder mangelnde Reifung als Ursache für die Auffälligkeiten angesehen wird, Eltern, Erzieher, Lehrer, Ausbilder und Politiker sind in der Pflicht. Ein Teil unserer Kinder und Jugendlichen erhalten nicht die Chancen, die sie verdienen und dies birgt große Gefahren für die Gesellschaft und Wirtschaft.

Rezension von
Beate Sonsino
M.A. - Tätig in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischem Fachpersonal
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Es gibt 18 Rezensionen von Beate Sonsino.

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Zitiervorschlag
Beate Sonsino. Rezension vom 24.06.2010 zu: Michael Winterhoff, Isabel Thielen: Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen. Gütersloher Verlagshaus Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH (Gütersloh) 2010. ISBN 978-3-579-06867-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9344.php, Datum des Zugriffs 27.05.2022.


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