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Luc Ferry: Leben lernen

Cover Luc Ferry: Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2009. 317 Seiten. ISBN 978-3-423-34537-8. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 17,40 sFr.

Reihe: dtv - 34537.
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Ohne die Philosophie versteht man nichts von der Welt

Das ist ein anspruchsvoller Satz, manche sagen vielleicht, ein unangemessener und überheblicher. Dass daran aber etwas ist, was der Alltagsmensch, der sich nicht professionell mit Philosophie beschäftigt, in bestimmten Situationen erahnt und gelegentlich entdeckt, ist eine Binsenweisheit – und sie ist doch immer wieder des Nachdenkens wert. Denn die philosophia ist, wie dies Aristoteles bereits erkannt hat, ja nicht mehr und nicht weniger als die „Liebe zur Weisheit“, und sie ermöglicht es, nach dem Sinn des Lebens und nach dem eu zên, dem guten Leben Ausschau zu halten und dieser Idealvorstellung möglichst nahe zu kommen; oder die menschlich-menschliche Anforderung zu erfüllen, das Leben zu lernen!

Autor und Entstehungshintergrund

Der französische Philosoph Luc Ferry ist als Denker in Deutschland bekannt und anerkannt, weil es ihm gelingt, philosophische Fragen weder platt noch kompliziert, sondern in verständlicher Sprache an die Frau, den Mann und das Kind zu bringen; etwa mit dem Buch „Leben lernen: die Weisheit der Mythen“, München 2009 (siehe die Rezension), in dem er über die „schlafenden Metaphern“ (Charles Perelman) in unserer Alltags- und Muttersprache spricht und „Philosophie in Erzählform“ darbietet. So wie Platons Ausspruch „Das Schöne ist schwer“ (vgl. dazu: Konrad Paul Liessmann, Hrsg., Vom Zauber des Schönen, Philosophicum Lech, 2010, siehe Rezension), könnte man im Sinne Ferrys sagen: „Harmonie ist schwer“; aber es macht Sinn, nach dem Sinn des Daseins zu fragen. In der ersten Geschichte der Philosophie, die der griechische Philosoph Epiktet (um 50 – 138 n. Chr.) verfasst hat, werden die Leser (Schüler) mit Du angesprochen. Diese Anrede nimmt Ferry in seinem Buch auf. Dabei begründet er seine Schreibe damit, dass er bei einem Urlaub im Freundeskreis angesprochen wurde, ob er für Eltern und Kinder am Ferienort nicht einen Kurs zum Philosophieren anbieten wollte. Das Dilemma dieser Anforderung bestand nun darin, dass er keine Lehre von der Philosophie vortragen, sondern über Philosophieren erzählen wollte; freilich nicht im Sinne einer Gebrauchsanweisung, als Ratgeber oder einer Aneinanderreihung von verschiedenen wissenschaftlichen Definitionen darüber, was Philosophie ist, sondern mit dem Anspruch, „eine Einführung vor(zu)legen, die so lesbar wie möglich ist, aber ohne dass Reichtum und Tiefe der philosophischen Vorstellungen darunter leiden“. Um es vorweg zu nehmen: Es ist ihm gelungen!

Aufbau und Inhalt

In sechs Kapiteln wählt der Autor Fragen aus, die beginnen mit „Was ist Philosophie?“, sich fortsetzen mit der Diskussion eines Beispiels aus der antiken Philosophie: „Die Liebe zur Weisheit bei den Stoikern“; weiter den „Sieg des Christentums über die griechische Philosophie“ thematisieren; über den „Humanismus oder die Geburt der modernen Philosophie“ reflektieren; an der Philosophie Nietzsches die Postmoderne“ vorstellen; und schließlich in mehreren Beispielen die zeitgenössische Philosophie darstellen.

Es ist die Frage nach der menschlichen Endlichkeit und nach dem Heil, als Lösung oder Erlösung des Lebens und damit nach der existentiellen und religiösen Bedeutung der drei Dimensionen der Philosophie: Verständnis, was ist (Theorie), Bedürfnis nach Gerechtigkeit (Ethik) und Suche nach dem Heil (Weisheit). Philosophie, so lässt sich sagen, dürfte von dem Zeitpunkt an entstanden sein, als die Menschen in der Lage waren, nicht mehr allein nach den Abhängigkeiten der Natur und der Götter zu leben, sondern ein rationales Bewusstsein zu entwickeln und sich in größeren Gemeinschaften zu organisieren, öffentlich argumentieren, diskutieren und freies Denken einzuüben. In der Geschichte der Philosophie wird diese Entwicklung um das sechste Jahrhundert vor Christus in Griechenland datiert. Die theoria, wie sie in der griechischen Philosophie verstanden und benutzt wird, heißt ja nichts anderes als: „Will man seinen Platz finden in der Welt, die uns umgibt, will man lernen, darin zu leben und sich zurechtzufinden, muss man sie als Erstes kennen“; den cosmos und das Universum, wie dies die Stoiker als „kosmische Ordnung“ verstanden. Und es ist die Frage nach dem gerechten Handeln in der Existenz der Menschen und seinen Erwartungen nach dem Tode. Während die Stoiker letztlich darauf keine (befriedigende) Antwort gaben, sprang das Christentum in diese Bresche, mit dem Heilsversprechen der Erlösung. Ferry betont zwar richtig, dass Philosophie nicht gleich Religion ist, doch bei der Frage, wie wir, vor allem im Abendland, geworden sind, was wir sind, ist christliches Gedankengut nicht wegzudenken, freilich mit der Gefahr – oder der Absicht? – „den Gebrauch der Vernunft einzuschränken, um dem Glauben Platz zu machen“. Immerhin aber auch mit der Macht der Ethik, die mit den Begriffen und Lebensvorstellungen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die modernen Vorstellungen der Menschheit beförderte. Es war die Überwindung des antiken kosmologischen Denkens und die Infragestellung der religiösen Autoritäten und Heilslehren, die mit dem Humanismus die Geburt der modernen Philosophie ermöglichte; mit Rousseau und seiner „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1755) und der Erkenntnis, dass Menschen „Träger von Geschichte, gleicher Würde und moralischer Sorge“ sind, mit Immanuel Kant und seiner „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), mit Descartes Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich. Mit der philosophischen Postmoderne, die sowohl Kritik des Humanismus, als auch Kritik des Rationalismus ist, haben wir Nietzsches Negation der Wirklichkeit, die unsere Denkanstrengungen herausfordert, mit „der Welt als Chaos, die nichts Kosmisches oder Göttliches hat“ und die sich verbindet mit der „hässlichen“ Einschätzung der antiken Denker, wie Sokrates und Platon. Es ist der „Wille zur Macht“, der die Menschen dazu bringt, irdisch zu sein und zu denken; der die Dekonstruktion der metaphysischen Idole offen legt, in einer Zeit, in der wir nicht mehr das denken können, was davor lag, nach Nietzsche, Marx und Freud; auch mit Heidegger und nach dem Scheitern des Materialismus. Doch was wir verlassen (müssen), ist kein Verlust, sondern eine Chance zum erweiterten Denken. Wir brauchen diese Perspektive der Selbstreflexion, weil wir eine offene Moral gegenüber einer globalisierten Welt benötigen, die es uns erlaubt, „jedes Mal herauszufinden, was eine große Weltanschauung, die nicht die Eigene ist, an Richtigem haben kann, wie man sie verstehen und was davon man sich vielleicht sogar zu eigen machen kann“. Wenn es gelänge, „ein bisschen weniger zu hoffen und ein bisschen mehr zu lieben“, sich selbst und damit auch die anderen, hätten wir einen guten Schritt hin zum philosophischen Denken heute und für morgen getan.

Fazit

Luc Ferrys Gebrauchsanweisung zum Philosophieren, die er titelt mit „Leben lernen“, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Hau-Ruck zum Denken, im Alltag und darüber hinaus. Es ist eine Anregung, sich mit den Philosophien aus allen Zeiten menschlichen Nachdenkens über das gute Leben auseinander zu setzen, mit dem Ziel, Anstöße für die eigene Lebensbewältigung zu erhalten. Mit der Du-Anrede nimmt uns der Autor persönlich, und es gelingt ihm, unsere Aufmerksamkeit für die Philosophie zu wecken!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.06.2010 zu: Luc Ferry: Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-423-34537-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9345.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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