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Danielle Quinodoz: Älterwerden - Eine Entdeckungsreise

Cover Danielle Quinodoz: Älterwerden - Eine Entdeckungsreise. Erfahrungen einer Psychoanalytikerin. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2010. 230 Seiten. ISBN 978-3-8379-2012-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema

Entdeckungsreisen sind lustvoll-neugierige, aufregende Expeditionen, die der Entdeckung, Erforschung und Erschließung von Ländern, Landstrichen und Gegenden dienen und für den Reisenden, trotz strapaziöser Phasen und oft auch beängstigender Teilrouten, eine Bereicherung für das eigene Leben sind. Dass das Ziel jener Erforschung auch das eigene Innere – das „innere Ausland“ – sein kann, ist seit Freuds Gründung der psychoanalytischen Methode bekannt und anerkannt. Aber, lohnt sich so eine aufregende und anstrengende Expedition ins eigene Innere überhaupt noch, wenn wir bereits am erwartbar nahen Ende unseres Lebens stehen? Diese häufig verneinte Frage wird von der Autorin Danielle Quinodoz durch zahlreiche eindrucksvolle Fallepisoden aus ihrer psychoanalytischen Arbeit mit alten Menschen eindeutig bejaht.

Autorin

Danielle Quinodoz ist Psychoanalytikerin in freier Praxis in Genf. Lehranalytikerin in der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse und Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Veröffentlichungen: „Worte, die berühren“ (2004); „Emotional Vertigo. Between Anxiety and Pleasure“ (1997).

Aufbau und Inhalt

Der Band beginnt mit einem kurzen Prolog, in dem die Psychoanalytikerin Quinodoz ihre Motivation zum vorliegenden Buch skizziert und die Leserin mit ihrem Vorhaben vertraut macht, sie auf eine Entdeckungsreise über den Reichtum des Alters einzuladen, der auch jene eher ängstlichen und besorgten Menschen ermuntern soll, dem Gefühl nahe zu kommen, „im jeweils gegebenen Augenblick zu sein“ (S. 13), statt sich vor dem Altern zu fürchten, lange bevor sie wirklich alt sind.

Die nachfolgenden 14 Kapitel ermöglichen der Leserin, das Buch jeweils bei den Stichworten aufzuschlagen, auf die man persönlich – aus welchen Gründen auch immer – besonders neugierig ist. Diese ‚Zwitschen‘ bringt zwar den kleinen Nachteil mit sich, die vorher in den jeweiligen Kapiteln eigens eingeführten Fallskizzen – auf die manchmal wieder rekurriert wird – nicht immer vollständig zu erfassen, gleichwohl kann durch eine eigensinnige Komposition der Abschnitte die Leselust zusätzlich angeregt werden. Dennoch werde ich in der folgenden Darstellung die von Quinodoz angebotenen Stationen einhalten.

Die eigene innere Geschichte rekonstruieren (Kap. 1) macht auf wesentliche Dimensionen einer „Alternsarbeit“ von Menschen aufmerksam, die sowohl aktiv gestaltet als auch passiv erfahren werden kann. Erläutert wird, dass nicht die Fülle von Erinnerungen, sondern erst die Integration der Erinnerungen eine Kohärenz des Selbst erzeugen kann. Denn es ist schwierig, „das Leben in Frieden zu verlassen, ohne das Gefühl, eines gehabt zu haben.“ (S. 20)

Eine Sekunde Ewigkeit (Kap. 2) führt uns zu unseren impliziten Vorstellungen von der Zeit, die vergeht, - zu einem inneren Wissen, das aus Angst vor der Endlichkeit allzu oft verleugnet wird und einer Passivität zum eigenen Leben Vorschub leistet. Wenn wir allerdings intensive Momente durchleben, dann können wir in eine andere Zeitdimension eintreten, die uns ermöglicht, eine qualitativ andere Zeit (eine Sekunde Ewigkeit) zu empfinden, obgleich sich das Leben in der Gegenwart abspielt: „Der ganze Strom des Lebens drängt sich durch die Tür des gegenwärtigen Augenblicks, um dort die Vergangenheit aufleben zu lassen und sich zur Zukunft hin aufzuspannen, wobei jede Zeit der anderen einen Sinn verleiht.“ (S. 36)

Arbeit an der Erinnerung (Kap. 3) fragt nach der Bedeutung der (Re-)Integration verlorener Erinnerungen und macht entlang einzelner Vignetten anschaulich, wie über eine bedeutungsvolle (Wieder)Erinnerung von verdrängten bzw. abgespaltenen Episoden des Lebens auch alte Menschen „wiederbelebt“ werden können. Dabei versteht die Psychoanalyse die Elemente unserer inneren Gesamtgeschichte nicht als Teile eines Puzzles, sondern als Bestandteile eines lebendigen Organismus, der mit einem dynamischen Netz von Assoziationen und anderen Erinnerungen verbunden ist. Auch in diesem Abschnitt bringt uns die Autorin durch ihre zahlreichen Beispiele das Panorama der inneren Welt nahe und begründet die Sinnhaftigkeit, auch schmerzhafte Erfahrungen zu integrieren, statt im Wiederholungszwang stecken zu bleiben.

Im Kapitel 4 - Die Lebensalter macht Quinodoz bildhaft, dass unsere Gegenwart die Spuren aller Altersstufen trägt, die wir durchlebt haben. Sie zeigt verschiedene Arten auf, sich von der Kindheit oder der Jugend abzuschneiden oder so von einem Lebensalter durchdrungen zu sein, dass neue Erfahrungen kaum noch möglich sind. In einer lebendigen Sprache macht sie der Leserin Lust auf die Anstrengung „man selbst zu bleiben, ohne der Gleiche zu bleiben“, und damit Kontinuität und Veränderung nicht als unvereinbar zu halten. Bunt ist der intensive Blick auf die Wünsche auch von alten Menschen, im Interesse der Kreierung einer Gesamtgeschichte die verschiedenen Altersstufen des eigenen Lebens zu integrieren und so einen Lebensbogen zu bauen.

Angst vor dem Tod (Kap. 5) eröffnet uns den Horizont für das Verstehen und den Umgang mit existenziellen Zweifeln an dem Sinn des Lebens angesichts seiner Endlichkeit. Obgleich auch die Psychoanalyse auf diese grundlegenden Fragen keine Antworten geben kann, weist uns die Autorin auf die vielfältigen Möglichkeiten hin, die jedem helfen können, seine eigene Antwort selbst zu entdecken, sie aus sich selbst heraus und für sich zu entwerfen. Entlang ihrer auch für Laien gut verständlichen Vertiefung psychoanalytischer Konzepte, der Unterscheidung von bewusster Angst vor dem Tod und unbewusster Todesangst sowie durch Rekurse auf zahlreiche Romansequenzen stellt sie Bezugspunkte zur Verfügung, die entweder dem älteren Menschen direkt nützlich sein können oder aber den Menschen, die ihn am Ende seines Lebens begleiten.

Die Antwortbewegung von Quinodoz auf die Frage, „Was steckt hinter Verarmung im hohen Alter?“ (Kap. 6) führt uns zur grundsätzlichen Unterscheidung von psychischer Verarmung und Alter, zum Zusammenhang von psychischer Verarmung und Trauerprozess, über die Differenz von innerer und äußerer Armut hin zur Frage, ob Demenz auch als Abwehr gegen die Angst vor dem Tod gelesen werden kann? Zudem macht sie Station bei der Rolle des Neids, der als Teufelskreis und Tugendspirale seinen Ausdruck finden kann und gibt uns einen Einblick in die aufregende Entdeckung, auch am Ende des Lebens die Freiheit entwickeln zu können, ins Unbekannte zu starten.

Kapitel 7 - Alles verlieren, ohne sich selbst zu verlieren hebt die Fähigkeit von manchen Menschen hervor, in ihrem Inneren auf psychischer und symbolischer Ebene das bewahren zu können, was sie in der Realität verloren haben. Anhand von Fallbeispielen zeigt die Autorin, wie Psychotherapie dazu beitragen kann, real verlorene ‚Objekte‘ auf psychischer Ebene zu bewahren. Erkennbar wird, dass – besonders gegen Ende des Lebens – es keine leichte Aufgabe ist, die Originalität unserer Innenwelt einschließlich unserer psychosexuellen Identität, immer wieder neu zu entdecken. Daher können bei drohendem Verlust gerade die affektiven inneren Antworten der Therapeutin den alten Menschen helfen, ihre innere Welt (wieder) zu bevölkern. Vor allem beim extremen Formverlust einer Alzheimer Erkrankung ist ein aufmerksamer spiegelnder Blick des Gegenübers auf die oft verborgenen Reichtümer der Gegenwart des alten Menschen erforderlich.

Der Reichtum des hohen Alters (Kap. 8) eröffnet das Panorama des „inneren Auslandes“ alter Menschen und gibt den Blick frei für den Reiz der kleinen Dinge; den affektiven Wert eines ‚Objekts‘; die Wichtigkeit anwesender Menschen. Der Mut zur Verwunderung angesichts der Gegenwart des anderen ermöglicht, sich von bisher unentdeckten Werten überraschen zu lassen und somit den anderen lieben zu lernen. An kurzen Fallbeispielen macht die Autorin sichtbar, wie das Schweigen eine hilfreiche Kommunikationsform sein kann, der Innenwelt eines anderen zu begegnen: - die Stille hören. Unter Bezugnahme auf die Psychoanalytikerin Hanna Segal zeigt sie auf, wie auch alte Menschen trotz Verlust, Zerstörung, Zerfall und Schmerz aus ihrer „alten“ Welt ein neues Kunstwerk erschaffen können.

In Kapitel 9 „Die enge Pforte“ geht Quinodoz sensibel der universellen psychologischen Evidenz dieser Symbolik nach und erhellt die oft erschöpfende Anstrengung, „einfach nur wir selbst zu sein“. Diese Anstrengung enthält beängstigende, krisenreiche und doch auch erfreuliche Erfahrungen, wenn der eigene Lebensstrom durch die Entdeckung der individuell zugeschnittenen Pforte zu fließen beginnt und damit der Wert des Eigenen aufgespürt wird. Auch in diesem Kapitel führt uns die Autorin durch wesentliche Theorieelemente der Psychoanalyse, die ihre Beispiele prägnant erläutern.

Psychoanalytische Psychotherapie (Kap. 10) sowie Psychoanalyse und alte Menschen (Kap. 11) nehmen noch einmal gebündelt die grundsätzlichen Überlegungen der Autorin in den Blick, mit denen sie überzeugend den Wert einer Psychoanalyse oder Psychotherapie auch für alte Menschen darlegt. Obgleich man in allen Altersgruppen auf die gleichen grundlegenden Bezugnahmen auf das Unbewusste stößt, - die Übertragung, den ödipalen Konflikt mit seinen genitalen und prägenitalen Anteilen sowie den Wiederholungszwang und die Abwehrmechanismen etc., sind bei alten Patienten spezifische Probleme vorrangig. Unabgeschlossene Trauerarbeit sowie die Suche nach Identität stehen im Vordergrund, die von spezifischen Abwehrmechanismen begleitet werden, denen sich die AnalytikerInnen im Prozess der Analyse stellen müssen.

Psychoanalytiker sein und älter werden (Kap. 12) thematisiert die Perspektive der Psychoanalytiker, die zugleich ihrem realen Alter verantwortlich Rechnung tragen und die jeweils zugeschriebenen Übertragungsrollen (mithin die damit je verbundenen Phantasiealter) berücksichtigen müssen. Als wesentlich erachtet Quinodoz die Fähigkeit des Analytikers, mit seiner eigenen Todesangst hinreichend umgehen zu können, um den alten Patienten einen inneren Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie frei ihre Ängste bearbeiten können. Eigens betrachtet werden zudem mögliche Dynamiken des generativen Verhältnisses zwischen Senior- und Junioranalytiker.

Großeltern und Generationsunterschied (Kap. 13) greift die Generationenfolge als ubiquitäre Erfahrung unserer Existenz auf, in der sich die (bekannten und/oder unbekannten) Großeltern in unsere eigene transgenerationelle Lebensgeschichte einschreiben, ein Tatbestand der uns auffordert, uns selber in Bezug auf die vorangegangene Generationen zu positionieren. Wodurch diese Positionierung erschwert und damit sowohl die Fähigkeit zu lieben wie zu altern belastet wird, beleuchtet die Autorin am Mythos des ‚Narziss‘ und macht darüber erkennbar, dass eine fehlende Differenzierung zwischen den Generationen eine konstruktive Alternsarbeit erheblich erschweren kann.

Der blaue Ton und die Entdeckung der Liebe (Kap. 14) ist die letzte Etappe der Entdeckungsreise über das Altern und die Alternsarbeit. Die Autorin führt uns noch einmal an den Beginn der Reise und damit zur Frage „Welchen Sinn hat mein Altern“. Aufgrund der bisherigen Expeditionsstationen erhofft sie für die Leserin, die neu gewonnenen Perspektiven mögen den Horizont zur individuellen Beantwortung erweitert haben. Wie eng die Fähigkeit zu Lieben mit der Fähigkeit zu Altern im Zusammenhang steht, wird von Quinodoz abschließend in der Symbolik des „blauen Tons“ komponiert.

Diskussion

Unsere Bilder bzw. Vorstellungen, die wir über Alter und Altsein haben, sind sehr vielfältig und widersprüchlich und befinden sich in einem andauernden sozialen Herstellungsprozess. Aber während in den verschiedenen (wissenschaftlichen wie alltäglichen) Überlegungen zu Altern und Altsein vorzugsweise eine distanzierte, objektivierende Rede gehalten wird, so eröffnet uns die Autorin mit ihrem Buch einen Denkhorizont, der Raum lässt für die Erfahrungen und Erlebnisse der leiblich-affektiven Ebene des Alterns. - Eine Ebene, in der sich das persönliche biographische Gewordensein, samt seiner schmerzhaften Brüche und unabgeschlossener Aspekte, manifestiert. Hierzu gehören auch die intimen Selbst- und Objektrepräsentanzen – als inneres Ausland –, die wirkmächtig unser Älterwerden von Beginn unseres Lebens bewusst und unbewusst beeinflussen. Sich den Erfahrungen dieser Ebene des Alterns anzunähern, erfordert aber, sich auch mit den eigenen ‚Figuren‘ des Alterns, den intimen Ängsten, Schrecken, Sehnsüchten und Hoffnungen auseinander zu setzen. Die Autorin zeigt unter Bezugnahme wesentlicher Denk- und Handlungsmuster der Psychoanalyse (die sie in einer vortrefflichen Klarheit darlegt), wie auch im hohen Alter eine (Selbst)Verständigung über den Reichtum des Alters möglich wird. Bilderreich und damit sehr anschaulich komponiert sie einen Blick auf das Älterwerden, der den gegenwärtigen einseitig pejorativen Bedeutungszuschreibungen über das Altern entkommen kann. Obgleich Quinodoz die vielfältigen Integrations-Anstrengungen einer psychoanalytisch-biographischen Alternsarbeit unterstreicht, regen ihre lebendig gezeichneten Wege die Lust auf ein Reiseabenteuer ins eigene ‚innere Ausland‘ an.

Fazit

Daniella Quinodoz ist es mit ihrem Buch gelungen, der Leserin einen besonderen Erfahrungsbericht über das Alter und Altern zu präsentieren. Ihre kundige Entdeckungsreise in vielfältige, berührende Prozesse des Älterwerdens liefert zahlreiche Anregungen und Erkenntnisse für Personen aus Wissenschaft und Praxis die im Altenbereich tätig sind. Zudem können nicht nur Studierende der Medizin, Psychologie und (Sozial)Pädagogik sondern auch Privatpersonen von vielen Überlegungen, Beispielen und Fingerzeige enorm profitieren.


Rezension von
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“ an der Katholischen Hochschule in Mainz.
Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,‘ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik‘, ‚Klinische Sozialarbeit‘‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie‘.
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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 31.08.2010 zu: Danielle Quinodoz: Älterwerden - Eine Entdeckungsreise. Erfahrungen einer Psychoanalytikerin. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2010. ISBN 978-3-8379-2012-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9355.php, Datum des Zugriffs 23.09.2021.


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