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Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Frühe Risiken und Frühe Hilfen

Cover Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Frühe Risiken und Frühe Hilfen. Grundlagen, Diagnostik, Prävention. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. 293 Seiten. ISBN 978-3-608-94630-7. 34,90 EUR, CH: 55,90 sFr.
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Herausgeber und Entstehungshintergrund

PD Dr. Rüdiger Kißgen und Prof. Dr. Norbert Heinen sind beide an der Humanwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln tätig.

Das Buch basiert auf einem wissenschaftlichen Kongress mit gleichem Titel, der im September 2008 von der Humanwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln veranstaltet wurde: Es enthält eine Auswahl der Beiträge, ergänzt durch weitere Themen.

Thema

Presseberichte über spektakuläre Fälle von Vernachlässigung, Missbrauch, Misshandlung und Tötung von Kindern erfahren höchste Beachtung. Frühe Risiken für Kindeswohlgefährdung werden in der (Fach-)Öffentlichkeit diskutiert.

Kinder, die psychosozialen, körperlichen und seelischen Entwicklungsrisiken ausgesetzt sind, stellen eine Hochrisikogruppe dar. Sinnvoll und notwendig ist es, Früherkennungs- und Präventionsangebote zu vernetzen und ausreichend zu finanzieren. Um der kindlichen Entwicklung und den familiären Bedürfnissen gerecht werden zu können, braucht es für Identifikation und Begleitung disziplinübergreifende Konzepte und eine professionelle, interdisziplinäre Herangehensweise.

Aufbau

Das Buch umfasst zwei Teile.

Teil 1: Frühe Risiken

In diesem Teil werden aus verschiedenen Perspektiven frühe Risikokonstellationen vorgestellt, aktuelle Forschungsergebnisse präsentiert und die Notwendigkeit von Frühprävention diskutiert und belegt.

Es beginnen Tanja Jungmann (Rostock) und Christian Pfeiffer (Hannover). Sie stellen Ergebnisse einer umfassenden Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen vor, in der über 18000 Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse befragt wurden, und zeigen den Zusammenhang zwischen Gewalterfahrung in der Familie und gewalttätigem Verhalten der Jugendlichen auf. Im Rahmen einer entwicklungsorientierten Gewaltprävention sprechen sie sich für früh einsetzende Programme mit Konzentration auf Risikofamilien aus und besprechen Präventionsmöglichkeiten, beginnend im Säuglingsalter und der frühen Kindheit über das Kindergartenalter bis zu Schulzeit und Jugend.

Hans Weiß (Reutlingen) beschäftigt sich mit Kindern in Armutslagen. Er stellt die multiplen und komplexen Zusammenhänge mit Entwicklungsgefährdungen her, zeigt die positiven Wirkungen von Frühfördermaßnahmen auf und fordert die gute Vernetzung der „Frühen Hilfen“ mit der Frühförderung und den interdisziplinären Frühförderstellen.

Hans-Joachim Roth und Henrike Terhart (beide Köln) diskutieren das Risikopotential eines Migrationshintergrunds, der nicht per se einen Risikofaktor darstellt, und gehen besonders auf den Spracherwerb bei Zwei- und Mehrsprachigkeit ein.

Maria von Salisch und Uta Kraft (beide Lüneburg) beschreiben die Entwicklung der Emotionsregulation und des Emotionsverständnisses im Kindergartenalter sowie die Bedeutung dieser Entwicklungsbereiche für die Entwicklung aggressiven Verhaltens.

Martin Walger (Köln) geht kurz auf eine spezielles Risiko ein, auf die Folgen einer nicht erkannter Hörschädigung für die psychosoziale Entwicklung.

Roland Schleiffer (Köln) diskutiert frühe Risiken bei sozial benachteiligten Familien aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht.

Rüdiger Kißgen (Köln) diskutiert frühe Risiken und Interventionen aus der Sicht der Bindungstheorie und geht dabei besonders auf die desorganisierte Bindungsstruktur und die Bedeutung eines feinfühligen Umgangs mit den Signalen des Kindes ein.

Michael Fingerle (Frankfurt) referiert über die Möglichkeiten und Grenzen des Resilienzkonzepts und den Konsequenzen für die Planung von Hilfs- und Fördermaßnahmen und leitet damit zum zweiten Teil über.

Teil 2: Frühe Hilfen

In diesem Teil steht die Praxis früher Hilfen im Mittelpunkt.

Heinz Kindler und Alexandra Sann (beide München) stellen die Frage nach Vor- und Nachteilen von universellen versus selektiven Präventionsprogrammen. Sie beklagen, dass in Deutschland die Diskussion um frühe Hilfen sich oft auf Misshandlung und Missbrauch reduziert; dies könne jedoch eher kontraproduktiv sein, die Familien der Zielgruppe verunsichern und von Inanspruchnahme abhalten. Zur Früherkennung mehrfach risikobelasteter Familien wird ein „Anhaltbogen“ vorgestellt, der im Rahmen des Projekts „Guter Start ins Kinderleben“ entwickelt wurde.

Als erstes Projekt früher Hilfen stellt Irène Candido (Zürich) die schweizerische Praxis der Mütter- und Väterberatung als schon lange bewährtes Modell vor.

Die folgenden zwei Beiträge befassen sich mit in Amerika entwickelten, erprobten und evaluierten Programmen, die an deutsche Verhältnisse angepasst wurden; erste Ergebnisse von Implementations-, Begleit- und Evalutionsforschung werden präsentiert. Beide Programme beginnen bereits in der Schwangerschaft und arbeiten schwerpunktmäßig mit Hausbesuchen. Tanja Jungmann (Rostock) stellt das Modellprojekt „Pro Kind“ vor, ein Hausbesuchsprogramm für Erstgebärende in schwierigen Lebensumständen, das von Hebammen (in einer Projektvariante im Team zusammen mit einer Sozialpädagogin) als Familienbegleiterinnen durchgeführt wird. Gerhard Suess (Hamburg) beschreibt das STEEP-Programm, dessen Kernstück die Videointervention „Seeing is Believing“ darstellt und in dem zusätzlich zur Videoarbeit u.a. eigene Kindheitserinnerungen bearbeitet werden.

Anschließend werden zwei Programme der Primärprävention sowie Daten aus Evaluationsstudien vorgestellt, die im Kindergarten zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen konzipiert wurden; beide sind sehr ansprechend und können gut in den Kindergartenalltag integriert werden: „Lubo aus dem All“ (Clemens Hillenbrand, Oldenburg; Thomas Hennemann und Annika Schell, beide Köln) und das „Papilio-Programm“ (Herbert Scheithauer, Berlin, und Heidrun Mayer, Augsburg).

Hermann Scheuerer-Englisch (Regensburg) und Herbert Fröhlich (Würzburg) verorten Erziehungsberatung als Partner im Hilfeverbund früher Hilfen und zeigen konkrete Beispiele auf. Abschließend beschreibt Michael Schieche (München) frühe Hilfen bei Regulationsstörungen, das Angebot der Münchener Schreibabysprechstunde, als lösungs- und ressourcenorientierte Kurzzeittherapie.

Diskussion

Frühe Risiken gefährden die allgemeine Entwicklung der Kinder und erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Misshandlung und Missbrauch. Die Komplexität dieser Faktoren wird eindrücklich dargestellt. Im zweiten Teil werden einige Modellprojekte, aber auch bereits gut etablierte Hilfeformen dargestellt und in ihrer Bedeutung für frühe Hilfen diskutiert. Es wird deutlich, dass es am sinnvollsten ist, statt immer neue Projekte aufzulegen und das Bewährte nicht mehr wertzuschätzen, bestehende Hilfssysteme zu verbessern und effektiv miteinander zu vernetzen.

In diesem Zusammenhang vermisse ich ein eigenes Kapitel über eine originäre frühe Hilfe für Kinder und ihre Familien, die „Interdisziplinäre Frühförderung“, ein Angebot, dass es in allen Bundesländern, in allen Kommunen und Landkreisen gibt. In dem vorliegenden Buch wird sie nur jeweils kurz bei Hans Weiß im Kapitel zur Armut und bei Hermann Scheuerer-Englisch und Herbert Fröhlich im Beitrag zur Erziehungsberatung angesprochen.

Frühe Hilfen sind nicht nur für die betroffenen Kinder ein Gewinn, Kosten-Nutzen-Analysen zeigen auch einen gesamtgesellschaftlichen (fiskalischen) Gewinn. Deshalb muss es das Ziel sein, „Frühe Hilfen“ positiv zu formulieren, sowohl für potentiell betroffene Familien wie auch für die (Fach-)Öffentlichkeit.

Zielgruppe

Alle Berufsgruppen, die risikobelastete Familien und deren Kinder betreuen.

Fazit

Ein interessantes Buch zu einem wichtigen Thema. Es trägt dazu bei, für frühe Risiken zu sensibilisieren und frühe Hilfen bekannt zu machen.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 04.06.2010 zu: Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Frühe Risiken und Frühe Hilfen. Grundlagen, Diagnostik, Prävention. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-608-94630-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9374.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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