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Michael J. W. Angermaier: Lösungsorientierte Gruppenpsychotherapie

Cover Michael J. W. Angermaier: Lösungsorientierte Gruppenpsychotherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 2., vollst. überarbeitete Auflage. 225 Seiten. ISBN 978-3-621-27765-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 57,00 sFr.
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Thema und Aufbau

In diesem Buch geht es um die Anwendung des von de Shazer – vornehmlich für die Einzeltherapie – entwickelten lösungsorientierten Ansatzes (Solution Focused Brief Therapy – SFBT) in Gruppen. In einem Teil I (S. 11–120) geht es um die Vorstellung der Methode. Der Teil II (S. 121–218) behandelt aktuelle Ansätze der Gruppentherapie. Den Abschluss des Teils II und damit des Buches bildet ein Protokoll einer lösungsorientierten gruppenpsychotherapeutischen Sitzung.

Der Fließtext ist fortlaufend durchsetzt mit besonders formatierten Textkästen, die wesentlich, aber nicht nur, konkrete Beispiele aus therapeutischer Arbeit enthalten.

Autor

Der Autor wird in der Publikation nicht vorgestellt. Was in Erfahrung zu bringen war, ist, dass es sich um einen ehemaligen/emeritierten Professor für Psychologie handelt, um einen Mann, der in vielen der auch im Buch diskutierten therapeutischen Methoden gründlich ausgebildet ist, der auch in vielen Gebieten der Psychotherapie Pionierarbeit geleistet hat. – Und das ‚liest sich auch‘ in den Texten bzw. aus ihnen heraus. – Ein Kliniker mit Erfahrung auch im Jugendbereich, therapeutisch ganz zweifellos ‚unorthodox‘, d.h. nicht, wie es in unserem Land immer noch eher üblich ist, einer Methode oder Schulrichtung verschrieben.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich bei diesem Buch um die erweiterte und überarbeitete 2. Auflage eines Buches, das im Jahr 1994 unter dem Titel „Gruppenpsychotherapie. Lösungsorientiert statt problemorientiert“ im Beltz Verlag erschienen ist.

Inhalte

„Das Buch ist ein praktisches Buch für den lösungsorientierten Ansatz in der Gruppentherapie. Es beschäftigt sich nicht mit den epistemiologischen Hintergründen und Ableitungen einer solchen Therapie.“ – Treffender als Anne M. Lang in ihrem Geleitwort kann man das kaum sagen. Dass der Autor sich nicht mit epistemiologischen Hintergründen und Ableitungen der lösungsorientierten Methode beschäftigt, heißt aber nicht, dass ihm profundere Kenntnisse über derartige Hintergründe und Ableitungen der Mainstream-Therapierichtungen fehlen.

In Teil I des Buches erläutert Angermaier die grundlegenden Prinzipien der Kurzzeittherapie nach Shazer und allgemein lösungsorientierten Vorgehens, auch Techniken wie das Standarderstinterview und die Shazer‘sche „Wunderfrage“. Er geht auch detailliert auf die therapeutische Beziehung bzw. der Haltungen, mit denen KlientInnen zur Therapie kommen, ein: Der Besuchertyp, der Beschwerdeführer und der Kunde – vielleicht respektlos, aber treffend! Um Gruppenarbeit im Besonderen geht es in diesem Teil weniger, wenn auch einige der zahlreichen konkreten Beispiele in Textkästen und auch im Fließtext aus Gruppentherapien stammen. Nicht expliziert, aber deutlich wird, dass es sich wohl durchgängig um Beispiele aus Therapien im ambulanten Setting handelt.

In Teil II des Buches werden die Möglichkeiten, in den klassischen Therapien (Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch-analytische Gruppentherapie im Wesentlichen) lösungsorientiert – oder auch nicht – vorzugehen, entwickelt. Die Psychoanalyse als eher problem- (nicht lösungs-) orientiertes Verfahren, das leicht dazu führt, dass KlientInnen / PatientInnen in dem verharren, was Angermaier und andere ‚Problemhypnose‘ nennen, scheint zwar weniger geeignet, den lösungsorientierten Ansatz zu integrieren. Gleichwohl erscheint dem Autor die Öffnung auch psychoanalytischer gruppentherapeutischer Konzepte „ermutigend“ (S. 147). Die Verhaltenstherapie fußt zwar wie die Psychoanalyse auf dem klassischen medizinischen Krankheitsmodell, ist für die Aufnahme lösungsorientierter Strategien aber offenbar eher geeignet.
Unter den Überschriften „Praxis lösungsorientierter Gruppentherapie“ und „Die Karawane zieht weiter“ wird in Teil II das ‚reine Modell‘ erläutert, also eine Gruppentherapie, die frei ist von theoretischen Annahmen verhaltenstherapeutischer, psychoanalytischer oder anderer Art. Hier beschreibt der Autor diese – seine – Praxis sehr konkret. Hinweise finden sich u.a. zu äußeren Rahmenbedingungen wie Gruppengröße und Zeitplanung, auch zur Körperhaltung des Therapeuten/der Therapeutin usw. Spannend ist die Instruktion „Interaktion verringern“ (S. 151ff): Der/die TherapeutIn übernimmt die Gesprächsführung und steuert auch die Redezeit der KlientInnen, unterbindet aktiv Interaktion in der Gruppe. Das ist ungewohnt, auch gewöhnungsbedürftig, wird aber schlüssig erläutert – und überzeugt letztendlich auch.

Diskussion

Das Buch vermittelt einen guten Einblick in die Praxis der – lösungsorientierten – Kurzzeittherapie und vermittelt auch denjenigen, die den klassischen therapeutischen Schulrichtungen verbunden sind und das auch bleiben wollen, interessante Einsichten in die Effektivität so ungewohnter Mittel wie ‚Interaktion unterbinden‘, ‚Komplimente und Anerkennungen‘ etc. Geradezu erfrischend sind die Ausführungen darüber, wie hilfreich es sein kann, nicht an der ‚wahren Natur des Problems‘ zu arbeiten, auch wenn eine solche Haltung in Deutschland wohl schwer zu akzeptieren ist: „In Germany […], any type of relativism is digested with difficulty; the German tradition is to search for absolute truth, and in the sciences of man most of the great theorists of the western world were from the German culture area (Kant, Hegel, Marx, Freud, Weber, and Lewin)” (Hofstede, G., „Culture‘s Consequences, 1980:255).

Mit Anne M. Lang (im Geleitwort) bin ich der Meinung, dass die Darstellung des Buches mutig ist, „[…] weil der Autor dem häufigen Wunsch von Praktikern nach einer schnellen Integration von Interventionen in sonstige Therapiemodelle widersteht, die von den Herkunftsprämissen und implikatorischen Haltungen her völlig anderen Ursprungs sind“ (S. XIII). Was allerdings fehlt, zumal in der 2. Auflage eines Buches von 1994, sind dezidiertere Ausführungen zum Setting, konkret die Diskussion der Frage, ob sich die Durchführung von Kurzzeit- (Gruppen-) therapien im ambulanten Setting für die niedergelassenen KollegInnen, die sich außer mit ihren KlientInnen/PatientInnen mit einem extensive Schriftproduktion fordernden Verwaltungsapparat auseinanderzusetzen haben – überhaupt lohnt? Das Modell scheint in puncto Praktikabilität eher für die Arbeit mit SelbstzahlerInnen geeignet.

Eine weitere kritische Anmerkung betrifft eines der Beispiele in den Textkästen: Unter der Überschrift „Jetzt ist Schluss!“ schildert Angermaier (S. 15f) den Fall einer Familie, in der der Stiefvater die 14-jährige Tochter anderthalb Jahre lang missbraucht hat. Hier hat die Therapie dann – der Mutter bzw. dem Ehepaar geholfen: „Das Ergebnis waren klare Verhandlungen [zwischen den Eheleuten] über die wechselseitigen Erwartungen, die sehr viel mehr an Zufriedenheit auf beiden Seiten mit sich brachten und zusammen mit anderen Maßnahmen auch sicherstellten, dass sich die Missbrauchssituation nicht mehr wiederholte.“ Von der Tochter wird vermeldet, dass sie einen Freund fand und sich unter Gleichaltrigen orientierte. Hier scheint mir der lösungsorientierte Pragmatismus zu weit getrieben. Aber das mag daran liegen, dass ich, die Rezensentin, eine Frau bin, eine Frau, die Missbrauchs- und Inzestopfer behandelt hat, sie – und nicht ihre Familien. Ich habe hier ethische Vorbehalte.

Fazit

Ein lesenswertes Buch, das trotz seines Verzichts auf dezidiertere theoretische Ausführungen und seine Schwerpunktlegung auf Praxisschilderung und konkrete Anleitungen eher für PraktikerInnen mit viel Erfahrung interessant sein dürfte als für AnfängerInnen im Gebiet der Psychotherapie.


Rezensentin
Prof. Dr. rer. soc. Angelika Groterath
Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Professorin für Psychologie und Leiterin des Studiengangs Soziale Arbeit Plus - Migration und Globalisierung am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt.
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Zitiervorschlag
Angelika Groterath. Rezension vom 10.08.2010 zu: Michael J. W. Angermaier: Lösungsorientierte Gruppenpsychotherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 2., vollst. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-27765-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9387.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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