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Christa Urech: Die heterogene Schulklasse

Rezensiert von Prof. Dr. Andrea Platte, 26.08.2010

Cover Christa Urech: Die heterogene Schulklasse ISBN 978-3-7253-0946-7

Christa Urech: Die heterogene Schulklasse. Fallstudien zum pädagogischen Handeln in Basisstufen. Edition Rüegger (vormals Rüegger Verlag) (Zürich) 2010. 282 Seiten. ISBN 978-3-7253-0946-7. 28,20 EUR. CH: 38,00 sFr.

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Autorin

Christa Urech ist Dozentin an der Pädagogischen Hochschule des Kantons St. Gallen in den Studienbereichen Erziehungswissenschaft und Deutschdidaktik und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Lehr- und Lernforschung.

Entstehungshintergrund

Die Publikation knüpft als Forschungsarbeit an die Evaluation der Schweizer Grund- und Basisstufen an und wurde unterstützt durch den „Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung“. Das Forschungsprojekt hat das Ziel, pädagogisch relevante Handlungskompetenzen für das Unterrichten in der Basisstufe, einem neuen Schuleingangsmodell in der Schweiz, aufzuzeigen. Es wurde im November 2009 als Dissertation der Universität Freiburg (Schweiz) angenommen.

Aufbau

Das Buch umfasst 12 Kapitel, die den vier übergeordneten Teilen A – D zugeordnet sind. Teil A legt den „Kontext Basisstufe“ mit Blick auf die Bedeutung von Bildung für vier- bis achtjährige Kinder in historischer und internationaler Einbettung zugrunde. Teil B beschreibt das „Forschungsmethodische Vorgehen“. Im Teil C werden „Ergebnisse und Theoretische Reflexionen“ präsentiert, die dann unter D „Ertrag und Ausblick“ eine Zusammenfassung finden.

Inhalt

Im Teil A unter dem Titel „Kontext Basisstufe“ bietet das erste Kapitel einen umfassenden Überblick über das in der deutschsprachigen Schweiz praktizierte drei- bis vierjährige Basisstufenmodell. Von diesem wird u. a. erwartet wird, „dass es die beiden Kulturen Kindergarten und Primarschulstufe zu einer neuen Kultur verbindet“ (S.53). Im Bewusstsein über die Heterogenität von Kindern bereits beim Eintritt in den Kindergarten und der drastischen Selektion am Ende des Kindergartens ist ein Anspruch des neuen Modells, die Chancengleichheit zu erhöhen. Christa Urech zeigt die Aktualität des Modells auf, dem – im Spannungsfeld bisher weitgehend getrennter Welten des Kindergartens als Lebens-, Spiel- und Erfahrungsraum und der Schule als Ort des Lernens – bisher pädagogische und didaktische Vorbilder fehlen. Vor diesem Hintergrund versteht sich die Arbeit als Beitrag zur pädagogischen Qualität des Unterrichts in Basisstufen. Auf 80 Seiten präsentiert Teil A die Ausgangslage des Forschungsvorhabens mit Blick in die Historie und über die Grenzen, auf Forschungsergebnisse und auf den aktuell vieldiskutierten Bildungsauftrag, der lange vor Schuleintritt beginnt. Dabei werden spezifische Fragestellungen wie die Übergänge und das Verständnis von Lernen und Entwicklung in ihrem aktuellen Diskurs zusammenfassend dargestellt.

Teil B begründet das methodische Vorgehen in einer gründlichen Präsentation des Forschungsdesigns. Als Erkenntnis leitende Fragestellung wird formuliert: „Welches sind Merkmale pädagogischen Handelns der Lehrpersonen in einem Basisstufen-Unterricht, in welchem die Schülerinnen und Schüler einen hohen Lernzuwachs erzielen?“ Fünf Stichproben wurden nach den Kriterien Lernfortschritt im Klassendurchschnitt/ Heterogenität/ erschwerte Bedingungen/ Verteilung ausgewählt und nach örtlichen Begebenheiten, Zusammensetzung und Besonderheiten vorgestellt. Das qualitative Vorgehen wird in die Forschungsdiskussion eingebettet; pädagogische Fallstudien, der Zugang der teilnehmenden Beobachtung und die Art der Interpretation werden begründet.

Teil C bildet mit 120 Seiten den Kern und Schwerpunkt des Buches: „Ergebnisse und Theoretische Reflexionen“. Die drei Kapitel „Planung und Reflexion des Unterrichts“ (Kapitel 8), „Klassenführung und Lernbegleitung“ (Kapitel 9) und „Soziale Beziehungen im Klassenzimmer“ (Kapitel 10) sind jeweils nach „Ergebnissen aus den Feldnotizen“, „Theoretischer Reflexion“ und „Relevanz für die Basisstufe“ gegliedert, einige haben noch den zusätzlichen Gliederungspunkt „Ergebnisse aus den Feldnotizen: Benachteiligte Kinder“. Die in den Feldnotizen festgehaltenen Beobachtungen werden mit Bezug zu einschlägiger Forschung und Literatur jeweils reflektiert und mit Hinweisen, teilweise auch Empfehlungen für die Basisstufe abgeschlossen. Die umfangreiche Darstellung mit vielen Beispielnotizen zu Situationen des pädagogischen Alltags bietet eine Fülle an Material zu den Aspekten

  • Planung und Reflexion des Unterrichts
  • Organisation des Unterrichts
  • Übergänge und Rhythmisierung
  • Klassenführung
  • individuelle Förderung
  • Erwartungshaltung und Motivation
  • Interaktionen
  • Umgang mit Fehlern
  • Mit- und Selbstbestimmung
  • Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Kind
  • Sozialverhalten der Kinder
  • Verhalten benachteiligter Kinder

Der Abschlussteil D zieht Bilanz (11) entlang der basisstufentypischen Eigenheiten Schuleintritt (Kap.11.1), Nutzen der Altersmischung (11.2), Umgang mit Heterogenität, Chancen der Heterogenität (11.3) und Teamteaching (11.4) sowie der Aspekte Startchancengleichheit, Förderung benachteiligter Kinder (11.5) und Individualisierung, Lernbegleitung (11.6). Dabei kommt es zu deutlichen Auswertungen, z.B. bezüglich der Effektivität des Teamteachings oder des großen Potentials für die individuelle Förderung durch die Flexibilität des Modells.

Ein Ausblick (12) gibt Empfehlungen für Aus- und Weiterbildung – Bedarf sieht die Autorin z.B. in angemessener Planungszeit, in einem breiten Repertoire an Methoden und im Einsatz von Diagnoseinstrumenten. Im Blick auf die bildungspolitische Diskussion um Basisstufen hebt die Autorin hervor, dass diese den Kindern den Schuleintritt erleichtert, individuellen Lernzuwachs ermöglicht und entwicklungsbedingten Ansprüchen gerecht wird. Abschließend regt sie eine Vielzahl weiterführender Forschungsmöglichkeiten an, so z.B. eine Längsschnittstudie zur Entwicklung benachteiligter Kinder in Basisstufen oder den forschenden Blick auf Interaktionen zwischen Lehrpersonen und Kindern.

Diskussion

Die Publikation fokussiert ein pädagogisches Feld, das aktuell auch außerhalb der Schweiz viel diskutiert und beforscht wird und sich in Wandel und Erprobung befindet. Der gezielte Blick auf die Basisstufe liefert zum einen sehr konkrete Anhaltspunkte zu diesem spezifischen Modell und darüber hinaus übertragbare Ergebnisse für die Gestaltung der Schuleingangsphase und der Bildungsübergänge in anderen Ländern. Für dieses Forschungsfeld bietet vor allem der Teil C vielfältige Beobachtungen, die z.B. in Aus- und Weiterbildungen oder auch in kollegialen Fortbildungen reflektiert und mit Erfahrungen aus weiteren Praxisfeldern verglichen werden können. Einzelne Kapitel können auch unabhängig voneinander bearbeitet werden. Interessant ist das Buch zudem als Forschungsarbeit mit einem klaren Gliederungsaufbau und einem gründlich vertretenen Forschungsdesign und damit als Beispiel für den Aufbau eines Forschungsvorhabens.

Fazit

„Die heterogene Schulklasse“ gibt konkrete Antworten auf die Frage nach pädagogisch bewährtem Handeln in Basisstufen und ist damit anregend und richtungweisend für die pädagogische und bildungspolitische Diskussion um Bedeutung und Gestaltung von Bildung für Kinder zwischen 4 und 8 Jahren. Sein Aufbau kennzeichnet es deutlich als Ergebnis eines Forschungsvorhabens. Lesenswert ist es in seiner Relevanz für Theorie und Praxis für alle, die im Bereich der frühkindlichen Bildung arbeiten, lehren, forschen oder studieren und für alle, die sich ein Bild vom Modell der Schweizer Basisstufen machen möchten.

Rezension von
Prof. Dr. Andrea Platte
Professorin für Bildungdidaktik an der TH Köln
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Es gibt 9 Rezensionen von Andrea Platte.

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ISSN 2190-9245