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Susan Bittkau-Schmidt (Hrsg.): Biographische Risiken und [...] professionelle Herausforderungen

Cover Susan Bittkau-Schmidt (Hrsg.): Biographische Risiken und neue professionelle Herausforderungen. Identitätskonstruktionen - Wandlungsprozesse - Handlungsstrategien. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2007. 202 Seiten. ISBN 978-3-86649-058-1. D: 22,00 EUR, A: 24,60 EUR.

Studien zur qualitativen Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung - ZBBS-Buchreihe.
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Herausgeberinnen

Susan Bittkau-Schmidt hat den akademischen Grad einer Magistra Artium für Erziehungswissenschaften, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre. Sie ist als Lehrbeauftragte an der Universität zu Köln tätig. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen in der Wissenssoziologie und –theorie, der Wissensgesellschaft, der qualitativen Sozialforschung und der Online-Ethnographie.

Jeanette Drygalla ist Diplom-Kauffrau. Seit 1994 ist sie in der Forschungs-, Beratungs- und Vorstandsarbeit der Forschungsgemeinschaft für Konflikt- und Sozialstudien e. V. Halle (FOKUS) aktiv. Im November 2004 nahm die Herausgeberin eine Fraktionsassistentenstelle bei der Fraktion WIR FÜR HALLE –BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – MitBürger an. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind Arbeit(szufriedenheit), Arbeitsplatzkonflikte und Mobbing.

Martina Schuegraf hat Diplom-Pädagogik und Musikwissenschaft studiert und ist Diplom-Pädagogin. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität Chemnitz und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die qualitative Medien- und Sozialforschung, die Fernseh- und Internetforschung, Musik und Populärkultur.

Aufbau

Nach einem Aufsatz von Werner Fiedler, der sich mit Wegen zur strukturierten Promotion befasst und einem Beitrag von Heinz-Hermann Krüger und Winfried Marotzki, der die Studien aus dem Promotionskolleg „Biographische Risiken und neue professionelle Herausforderungen“ in den Blick nimmt, folgen weitere Artikel, welche drei Themenkomplexen zugeordnet sind.

Themenkomplex 1: Identitätskonstitutionen

  1. Martina Schuegraf: Performative Subjektkonstitution am Beispiel von Musikfernsehen
  2. Susanne Schlabvs: Biographische Bedingungen von Überschuldungsprozessen bei Frauen
  3. Carsten Detka: Zur Wirkung biographischer Bedingungen in Krankheitsprozessen

Themenkomplex 2: Wandlungsprozesse

  1. Andrea Thiekötter: Die Berufsausbildung in der Kranken- und Kinderkrankenpflege in der DDR. Ein Beitrag zur Berufsgeschichte und zum Professionalisierungsdiskurs der Pflegeberufe
  2. Susan Bittkau-Schmidt: Pädagoginnen und Pädagogen in neuen beruflichen Handlungsräumen
  3. Ines Kadler: Einführung von BA/MA-Konzepten im Rahmen der Umstrukturierung des geisteswissenschaftlichen Magisterstudiums

Themenkomplex 3: Handlungsstrategien

  1. Antje Meißner-Trautwein: Exemplarische Analyse biographischer Voraussetzungen von Professionalisierung
  2. Karsten Sulek: Typen und Probleme der Arbeit mit onkologischen Patienten bei den verschiedenen Gruppen von Medizinprofessionellen und die Schwierigkeiten der biographischen Bearbeitung ihrer Berufsprobleme
  3. Jeannette Drygalla: Subjektive Perspektiven auf Mobbingsituationen im Berufsalltag von Pflegenden in sechs ausgewählten Universitätsklinika. Ausgewählte empirische Ergebnisse
  4. Heike Ditzinger-Aigner: Sozialarbeiterhandeln unter Bedingungen kultureller Fremdheit

Es folgt ein Nachwort der Herausgeberinnen zu Varianzen und Spannungsverhältnissen als ein resümierender Blick über die vorliegenden Beiträge.

Das Buch endet mit einem AutorInnenverzeichnis.

Inhalt und Diskussion

Werner Fiedler übt in seinem Beitrag massiv Kritik an der Doktorandenausbildung und der damit einhergehenden Qualifizierung von Nachwuchswissenschaftlern „Im Rahmen des Bologna Prozesses wird die Doktorandenausbildung als dritter Zyklus nach Bachelor- und Masterstudiengängen verstanden und die Fragen der Qualitätsstandards und der Qualitätssicherung treten mehr und mehr in den Vordergrund der Debatten. Evaluierungen und Rankings sind mittlerweile in vielen Hochschulen Standard und auch die Anstrengungen der Hochschullehrer im Zusammenhang mit der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses werden mehr und mehr Gewicht bekommen. Materielle Anreize, professionalisiertes Hochschulmanagement und Reputationsaspekte stärken diese Entwicklung, wie man am Beispiel der Exzellenzinitiative zeigen kann“ (S. 7). Dies sieht der Verfasser jedoch als Irrweg an, denn „Exzellenzprogramme, die nur allein die Förderung von bereits vorhandenen Spitzenleistungen in der Wissenschaft unterstützen und nicht die Vielfalt der Fördermöglichkeiten auch in der Breite und insbesondere für die ‚kleinen Fächer‘ (als da wäre beispielsweise die auch politisch derzeit sehr vernachlässigte Erziehungswissenschaft mit all ihren Sonder- und Zusatzdisziplinen – CR) einbeziehen, führen letztlich zu Kathedralen in der Wüste“ (ebd.).
Dem kritischen Standpunkt Fiedlers kann ich mich voll anschließen. Im Fall eines sich im Status eines administrativ Behinderten qualifizieren Wollenden, wie das in meinem Fall der Fall war und für die Weiterqualifizierung - gerade im sozialen Feld – ist, stoßen wir hier auf noch mehr Härten. Es bewahrheitet sich hier das, was Wolfgang Jantzen 1998 für die Anstaltssituation veröffentlicht hat: „Ersichtlich ist die Anstalt ein Ort, der nach dem gleichen Muster Wohlverhalten seiner InsassInnen erzwingt, das Zuhälter, Pornoproduzenten oder mißhandelnde Männer gegenüber Frauen und sexuelle Gewalt praktizierende Väter gegenüber ihren Kindern ausüben. Im übrigen ein Muster, das auch bei der Mißhandlung politischer Gefangener und in der Folter regelmäßig Anwendung findet. ‚Der Täter versucht nicht nur Angst zu erzeugen, sondern auch das Gefühl der Autonomie beim Opfer zu vernichten. Dazu werden Körper und Körperfunktionen des Opfers peinlich genau überwacht und kontrolliert. Der Täter bestimmt, was das Opfer ißt, wann es schläft, wann es zur Toilette geht und was es anzieht‘“ (ders., 141)
Fiedler schreibt der Promotion als der ersten Phase eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit und damit gleichzeitig als Qualifikationsarbeit zwei Aufgaben zu:

  1. stellt sie die zu Promovierenden vor besonders anspruchsvolle Aufgaben und
  2. fordert sie die betreuenden Hochschullehrer dazu heraus, dem Aspekt des Förderns und Forderns gerecht zu werden.

Aus diesem Grund ist die Doktorandenausbildung besser zu strukturieren und institutionell zu organisieren. Die Doktorandenausbildung sollte in Zentren der Doktorandenausbildung durchgeführt werden. „Die konkreten Formen können dabei recht vielfältig sein, angefangen von kleinen Forschungs- und Promotionsverbünden, über Promotionskollegs bis hin zu Graduiertenzentren, die fächer- oder gar fakultätsübergreifend organisiert sind“ (S. 8).

Heinz-Hermann Krüger und Winfried Marotzki stellen in ihrem Kapitel dar, dass der zu besprechende Band die Ergebnisse empirischer Studien bündelt, welche im Rahmen des Promotionskollegs „Biographische Risiken und neue professionelle Herausforderungen“ ermittelt wurden. Als Forschungsmethode für die, den pädagogischen Kernberufen entnommenen Themen, diente ein qualitatives Forschungsdesign – wie Biographieanalysen (vgl. Rensinghoff 2006; 2009; 2010), mikrologisch orientierte Interaktionsstudien bzw. Lebensweltanalysen (vgl. zur Lebensweltanalyse schwer hirnverletzter Jugendlicher und junger Erwachsener im Übergang von der Ausbilduing in das Erwerbsleben Rensinghoff 2008) -, reaktive Verfahren - als da wären narrative Interviews, Gruppendiskussionen oder teilnehmende Beobachtung -, sowie nichtreaktive Verfahren – z. B. Dokumentenanalyse oder Auswertung von Archivdaten. Qualitative Forschungsmethoden, so die Verfasser, sind für die Exploration empirischer Phänomene gut geeignet.

Das Promotionskolleg wurde von der Hans-Böckler-Stiftung finanziert und ist dem Zentrum für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung (ZBBS) an der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften der Universität Magdeburg sowie dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Halle zugeordnet. „Zu den Kernaspekten des Zentrums zählen die Veranstaltung eines jährlich stattfindenden bundesweiten Methodenworkshops sowie die Herausgabe der zweimal im Jahr erscheinenden ‚Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung‘ (ZBBS). […] Für die beiden Universitäten von besonderer Relevanz ist das Graduiertenzentrum für qualitative Bildungs- und Soziaforschung, zu dem das 6-jährige Promotionskolleg sowie der 4-semestrige Aufbaustudiengang ‚Qualitative Bildungs- und Sozialforschung‘ zählen“ (S. 12).

Fazit

Dies ist ein sehr gelungenes Methodenwerk, welches für die sich mit der qualitativen Sozialforschung Befassenden sehr zu empfehlen ist. Zeigt sich in dem zu besprechenden Werk doch eine breite Varianz in der Forschungsmethodik der jeweiligen Forschungsprojekte. Vielleicht kann bei einer stärkeren Nutzung der qualitativen Forschung auch der scheinbar allein selig machenden quantitativen Forschung Einhalt geboten werden, weil eben doch jedes Forschungsobjekt – und hier ist das der Mensch – einmalig ist!

Literatur

  • Jantzen, Wolfgang: Die Zeit ist aus den Fugen. Marburg 1998.
  • Rensinghoff, Carsten: Zu den psychotraumatischen Ursachen schwerer hirntraumatischer Ereignisse – eine (auto-)biographische Studie. In: Sonderpädagogik 36(2006)16-25.
  • ders.: Peer Support in der beruflichen Habilitation schwer hirnverletzter Jugendlicher und junger Erwachsener. Saarbrücken 2008.
  • ders.: Integration, Inklusion oder etwa doch Verbesonderung? In: Empirische Sonderpädagogik 1(Heft 1/2009)132-142.
  • ders.: Wie man behindert wird – Persönliche Erfahrung nach einer Hirnverletzung im Kindesalter. In: Baumann, Menno/Schmitz, Carmen/Zieger, Andreas (Hg.): RehaPädagogik – RehaMedizin – MENSCH. Einführung in den interdisziplinären Dialog humanwissenschaftlicher Theorie- und Praxisfelder. Baltmannsweiler 2010, 31-43.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 16.04.2010 zu: Susan Bittkau-Schmidt (Hrsg.): Biographische Risiken und neue professionelle Herausforderungen. Identitätskonstruktionen - Wandlungsprozesse - Handlungsstrategien. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2007. ISBN 978-3-86649-058-1. Studien zur qualitativen Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung - ZBBS-Buchreihe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9394.php, Datum des Zugriffs 20.11.2018.


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