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Grit Behse-Bartels, Heike Brand (Hrsg.): Subjektivität in der qualitativen Forschung

Cover Grit Behse-Bartels, Heike Brand (Hrsg.): Subjektivität in der qualitativen Forschung. Der Forschungsprozess als Reflexionsgegenstand. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 241 Seiten. ISBN 978-3-86649-235-6. D: 28,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 39,00 sFr.

Studien zur qualitativen Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung - ZBBS-Buchreihe.
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Thema

Der zu besprechende Band befasst sich mit den Gütekriterien qualitativer Forschung, welche „sich jenseits der klassischen Kriterien Validität, Reliabilität und Objektivität verorten lassen“ (S. 14).

Herausgeberinnen

Grit Behse-Bartels ist Diplom-Sozialpädagogin und zertifizierte systemische Organisationsberaterin. Sie ist gegenwärtig Doktorandin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkt liegen in subjektiven Vaterschaftskonzepten, Gesundheits- und Entwicklungsförderung von Kindern und deren Familien, Elementarpädagogik, sowie interdisziplinären und pädagogischen Konzepten.

Heike Brand ist Diplom-Sozialpädagogin (FH). Sie absolviert gegenwärtig den Aufbaustudiengang „Qualitative Bildungs- und Sozialforschung“ an den Universitäten Magdeburg und Halle-Wittenberg und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls Allgemeine Pädagogik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Brands Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in der qualitativen Sozialforschung – und hier dann in der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung, sowie qualitativen Bildungsforschung und der rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung – und in Professionalisierungstheorien.

Entstehungshintergrund

Das bearbeitete Thema fand seinen wissenschaftlichen Rahmen für Graduierte im Promotionsstudiengang „des Graduiertenzentrums des ZBBS (Zentrum für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung – CR); kommende Matrikel absolvieren diesen Promotionsstudiengang am weiterentwickelten Zentrum für Sozialweltforschung und Methodenentwicklung (ZSM) der Universität Magdeburg“ (S. 14).

Aufbau

Nach dem Vorwort von Werner Fiedler, welches den Weg zu einer strukturierten Doktorandenforschung aufzeigt, folgt eine Einleitung der Herausgeberinnen zur Subjektivität in der qualitativen Forschung – Der Forschungsprozess als Reflexionsgegenstand.

Die weiteren Ausführungen werden 5 Teilen zugeordnet.

Teil I: Subjektivität im Kontext der Forschung zu Professionalisierungsprozessen

  1. Winfried Marotzki: Einführung: Subjektivität im Kontext der Forschung zu Professionalisierungsprozessen
  2. Nicole Kupfer: Eine biographieanalytische Studie zu psychosozialer Belastung der BerufsschullehrerInnen
  3. Kathrin Hirschmann: Rekonstruktion als Professionalisierungsindikatoren Sozialer Arbeit
  4. Heike Brand: Rekonstruktionsmodi als Professionalisierungsindikatoren Sozialer Arbeit
  5. Uta Bräuner: Visuelle Darstellungsformate in der Präsentation von Daten am Beispiel einer narrationsanalytischen Fallstudie

Teil II: Subjektivität im Kontext der Forschung zum Expertentum

  1. Fritz Schütze: Einführung: Subjektivität im Kontext der Forschung zum Expertentum
  2. Jutta Berthold: Experteninterviews und das Ergründen grenzüberschreitender Kooperationsbeziehungen im sächsisch-böhmischen Grenzraum. Einige Anregungen zur Weiterentwicklung der Methode
  3. Katrin Werwick: Grenzen und Herausforderungen bei der Auswertung von Experteninterviews

Teil III: Subjektivität im Kontext der Forschung zu kunstorientierten Sozialwelten

  1. Heinz-Hermann Krüger: Einführung: Subjektivität in kunstorientierten Sozialwelten
  2. Oliver Schnoor: Künstlerischer Ausdruck biographischer Erfahrungshaltungen. Ein Beispiel für die Triangulation von Bildinterpretation und Biografieanalyse
  3. Saskia Bender: Ästhetische Erfahrungen in der Schule – SchülerInnenforschung mit dem Verfahren der objektiven Hermeneutik

Teil IV: Subjektivität im Kontext der Geschlechterforschung

  1. Ursula Rabe-Kleberg: Einführung: Das Geschlecht ist nicht absehbar! Einige Gedanken zur Relevanz der Kategorie Geschlecht in der sozialwissenschaftlichen Forschung
  2. Grit Behse-Bartels: Väter sprechen LASSEN. Ein Modell zum Prozess der Interviewführung mit Vätern in einem sogenannten sozialen Brennpunkt
  3. Maren Zeller: Die Bedeutung der Kategorie Geschlecht als ein Aspekt biographischer Bildungsprozesse

Teil V: Freier Teil

  1. Jutta Ecarius: Kulturbildung, Institutionen und soziales Milieu
  2. Grit Behse-Bartels: Subjektivität von Forschenden – Fragen zum (Einbezug des) subjektiven Erkenntnispotentials

Abgeschlossen wird dieser Herausgeberband mit einem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

Inhalt

„Subjektivität kann als zentrales Gütekriterium und entscheidende Ressource thematisiert werden, wenn das Handeln im wissenschaftlichen Kontext, d.h. der Forschungsprozess selbst, zum Reflexionsgegenstand wird“ (S. 14). Die Herausgeberinnen schreiben der qualitativen Forschung, in welche sich das Phänomen der Subjektivität einordnet, eine positive Bedeutung zu. Eine Voraussetzung der qualitativen Forschung ist die Fähigkeit zur Deutung und Analyse von Wahrnehmungen. Der oder die qualitativ Forschende hat sich der Frage nach der Herstellung von Sinn und Bedeutung durch Individuen zu stellen. Das Methodenrepertoire qualitativer Sozialforschung „besteht aus zahlreichen Analyseverfahren, deren zentrales Anliegen es ist, der Subjektivität der Informantinnen und Informanten […] über eine – unterschiedlich ausgeprägte – Offenheit des Rahmens Rechnung zu tragen“ S. 15).

In einigen Beiträgen des zu besprechenden Werkes nehmen die jeweiligen Autorinnen und Autoren ihre eigene Persönlichkeit in den Fokus. Hier erfolgt dann „eine Reflexion des subjektiven Einflusses auf die Erkenntnis bzw. eine theoretische Reflexion der Subjektivität des bzw. der Forschenden“ (S. 15). Es geht hier also nicht um Objektivität – und das weder unter einem rekonstruktiven noch unter einem hypothesenprüfenden Aspekt. Mit Bezugnahme auf Ernst von Glasersfeld führen die Herausgeberinnen kritisch aus das Objektivität die Selbsttäuschung eines Subjekts ist. Der objektiv Forschende meint, dass Beobachtung ohne ein Subjekt möglich sei. Objektivität ist das Verweigern von Verantwortung.

„Zu den Themen Subjektivität und Selbstreflexivität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der qualitativen Forschung liegen inzwischen insbesondere aus der kritischen Psychologie, einige Beiträge vor“ (S. 16). „Den einzelnen Beiträgen steht jeweils eine Einführung in den Themenschwerpunkt voran, die eine inhaltliche Zusammenfassung der entsprechenden Studien und erste Einblicke hinsichtlich der Forschungsfragestellungen und konkreten Forschungsstrategien bietet. Die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes reflektieren in ihren Beiträgen den Stand ihrer Forschungsprojekte, indem sie die Prozesse und Ergebnisse hinsichtlich theoretischer und methodischer Entwicklungen in den Vordergrund rücken. Die individuellen Herausforderungen im Rahmen der Anwendung, der kritischen Auseinandersetzung und der Weiterentwicklung von Ansätzen und Methoden qualitativer Sozialforschung werden exemplarisch im Rahmen der einzelnen Studien dargestellt“ (S. 17).

Diskussion

Es ist schön zu erkennen, dass sich die qualitative Sozialforschung einer nicht gering zu schätzenden Popularität erfreut. Dies rührt sicher nicht zuletzt auch daher das für dieses Unternehmen das Zentrum für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung gegründet wurde. Leider hat aber wohl die quantitative Sozialforschung noch einen so hohen Stellenwert das Letztere dem qualitativen Vorgehen den Graben abläuft. Für einige Forscherinnen und Forscher scheint das Herumhantieren mit umfangreichem Zahlenmaterial mehr Gewicht zu haben als die Subjektivität der Informantinnen und Informanten. Eigene qualitative Forschungsunternehmungen haben den Vorzug qualitativer Sozialforschung bewiesen (Rensinghoff 2006; 2008; 2009).

Ich erinnere mich noch sehr an ein Gespräch mit einem Angehörigen des Instituts für Psychologie der Universität Bremen (und dieses Gespräch fand um die letzte Jahrtausendwende statt), welcher der qualitativen Sozialforschung – und hier ging es um die Durchführung der sozialen Problemlösemethode Zukunftswerkstatt (vgl. Kuhnt/Müllert 1996; Koch 1999) – sehr negativ gegenüberstand. In Bremen hatte seinerzeit nur die quantitative Forschung (etwa in Anlehnung an Bortz/Döring 1995) Zukunft. Daher ist es sehr erfreulich in dem zu besprechenden Werk zu lesen, dass inzwischen, insbesondere aus den Reihen der kritischen Psychologie, zu den Themen Subjektivität und Selbstreflexivität Forschungsbeiträge vorliegen.

Fazit

Dies ist ein Buch, dessen Lektüre sich vor allen Dingen für die das soziale Feld Erforschenden lohnt, die sich hinsichtlich ihrer anzuwendenden Forschungsmethode noch nicht so ganz im Klaren sind. Gerade diese Forschungsindividuen sollen die Vorzüge der qualitativen Sozialforschung kennen- und begreifen lernen. Auch wenn das in einigen Fällen ein umfangreicheres oder aufwendigeres Arbeiten verlangt, zeugt das Resultat von einer subjektiven Erforschung der sozialen Welt – und das ist sehr lohnens- und lobenswert.

Literatur

Bortz, Jürgen/Döring, Nicola: Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler. Berlin ²1995.

Koch, Gerd: Die Methode „Zukunftswerkstatt“ in der Sozialpädagogik. Berlin ²1999

Kuhnt, Beate/Müllert, Norbert R.: Moderationsfibel Zukunftswerkstätten: verstehen – anleiten – einsetzen. Das Praxisbuch zur Sozialen Problemlösemethode Zukunftswerkstatt. Münster 1996.

Rensinghoff, Carsten: Zu den psychotraumatischen Ursachen schwer hirntraumatischer Ereignisse – eione (auto-)biographische Studie. In: Sonderpädagogik 36(2006)16-25.

ders.: Peer Support in der beruflichen Habilitation schwer hirnverletzter Jugendlicher und junger Erwachsener. Saarbrücken 2008.

ders.: Integration, Inklusion oder etwa doch Verbesonderung? In: Empirische Sonderpädagogik 1(2009)132-142.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 20.04.2010 zu: Grit Behse-Bartels, Heike Brand (Hrsg.): Subjektivität in der qualitativen Forschung. Der Forschungsprozess als Reflexionsgegenstand. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-235-6. Studien zur qualitativen Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung - ZBBS-Buchreihe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9395.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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