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Silke Klewin, Herbert Reinke u.a. (Hrsg.): Hinter Gittern. Zur Geschichte der Inhaftierung [...]

Cover Silke Klewin, Herbert Reinke, Gerhard Sälter (Hrsg.): Hinter Gittern. Zur Geschichte der Inhaftierung zwischen Bestrafung, Besserung und politischem Ausschluss vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Leipziger Universitätsverlag (Leipzig) 2010. 297 Seiten. ISBN 978-3-86583-232-0. 24,00 EUR.

Reihe: Zeitfenster - Band 3.
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Schutzbedürfnis und Freiheitsentzug – Die Hochzeit des Gefängnisses

Die gesellschaftliche Ordnung lässt sich nicht ohne Repressalien aufrechterhalten – diese Maßnahmen treffen sowohl Kollektive, wie auch Individuen, und basieren idealerweise in Setzung, Geltung und Durchführung auf gerechten rechtsstaatlichen Prinzipien. Der französische Soziologe Henri Lefebvre beschreibt diese Repression als hegemoniales Machtinstrument, das bis in die Alltagskultur reicht: „Die Repression erstreckt sich auf das biologische und physiologische Leben, auf die Natur, die Kindheit, die Erziehung, die Pädagogik, auf den Eintritt in das Leben.“(Levebvre 1972: 200) Daraus erwächst eine Gesellschaftsform, die im Laufe ihres Bestehens immer wieder versucht, diese Repression zu optimieren - „Die überrepressive Gesellschaft verändert die Modalitäten der Repression, ihre Verfahren, ihre Mittel, und ihre Stützen.“(Levebvre 1972: 201) Diese Optimierungsversuche gehen mit einer Reihe von Rechtfertigungsstrategien einher – Strategien, die der amerikanische Sozialpsychologe Charles Tilly in seinem letzten Buch (wenngleich in einem anderen Kontext) versucht hat zu systematisieren: „Whatever else they are doing when they give reasons, people are clearly negotiating their social lives. They are saying something about relations between themselves and those who hear their reasons. Giver and receiver are confirming, negotiating, or repairing their proper connection.” (Tilly 2006: 15) Diese gegebenen und akzeptierten Gründe lassen sich nun einteilen in: Konventionen, Geschichten (Narrative), Regeln (Regelwerke), Technische Annahemen (Expertenwissen) – dieser Ansatz kann dabei helfen, die geschichtlichen Entwicklungen von Repressalien und deren Rechtfertigung besser zu verstehen, wie sie in dem Sammelband von Silke Klewin, Herbert Reinke und Gerhard Sälter nachgezeichnet werden.

Der Strafpraxis kommt in der Organisation einer Gesellschaft eine besondere Rolle zu, gilt es doch trotz dem Schutzbedürfnis der Gesellschaft die Freiheitsrechte, Bürgerrechte und Menschenrechte der Delinquenten zu wahren: “Wie es um die Menschenwürde in einer Gesellschaft bestellt ist, läßt sich nirgendwo so deutlich ablesen wie an ihrer Strafpraxis.” (Margalit 1999: 301)

Staatlicher Freiheitsentzug ist ein heikles Thema – schließlich bedeutet jegliche Strafsanktion eine Einschränkung der persönlichen Freiheit und der Bürger- und Menschenrechte. Auch wenn diese Sanktionen durch den rechtsstaatlichen Rahmen legitimiert werden, innerhalb dessen es zu Anklage und Verurteilung des Delinquenten gekommen ist, bleibt doch die Frage offen, wie mit der Bürger- und Menschenrechtsverletzung, die im Zuge der Verurteilung zu Gefängnisstrafe umgegangen wird – „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat das Ein- und Wegsperren von Menschen Hochkonjunktur. Nimmt man den in den einschlägigen Disziplinen üblichen und aktuellen quantitativen Indikator der Einsperrung von Menschen als Maßstab für die Praxis der Gesellschaft, sich vielfältiger Probleme durch Einsperrung … zu entledigen, so sind das letzte Jahrzehnt des 20. Und das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die Hochzeiten des Gefängnisses geworden.“ (S.9)

Gefängnisse sind mittlerweile eine selbstverständliche Form staatlicher Sanktionen – diese Selbstverständlichkeit scheint selbst auf zwei unterschiedlichen, aber jeweils, fundamentalen Selbstverständlichkeiten zu beruhen: es ist dies die „Einfachheit der ‚Freiheitsberaubung‘“ und das Verständnis vom Gefängnis als „Apparat zur Umformung der Individuen“ (Foucault 1988: 296/297). Das Aufzeigen der historischen Bedingtheit dieser Selbstverständlichkeiten ist ein wichtiges Thema in dem Buch „Hinter Gittern“.

Zu den Autoren und der Entstehung des Sammelbandes

Silke Klewin ist Historikerin und arbeitet als wissenschaftliche Leiterin der Gedenkstätte Bautzen, dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts modernsten Gefängnisbau Sachsens. Der Name Bautzen steht allerdings für zwei voneinander unterschiedliche Gefängnisgebäude in der Region: Beiden Gebäuden gemeinsam ist, dass sie sowohl in der NS-Zeit, als auch während der Zeit der Sowjetischen Besatzung als auch zu DDR-Zeiten als Gefängnisse (auch für politische Gefangene) dienten.

Herbert Reinke ist Kriminologe und Historiker. Er publiziert zur Polizei- und Kriminalitätsgeschichte.

Gerhard Sälter ist ebenfalls Historiker, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Berliner Mauer tätig ist.

Der vorgelegte Band „Hinter Gittern“ ist im Rahmen der Buchreihe „Zeitfenster – Beiträge der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten zur Zeitgeschichte“ als dritter Band erschienen: er dokumentiert die Ergebnisse einer Tagung, die 2005 in der Gedenkstätte Bautzen stattgefunden hat. Den darin wiedergegebenen 17 Beiträgen ist gemeinsam, dass sie sich mit den verschiedenen Aspekten des Wegsperrens von Menschen im deutschsprachigen Raum auseinander setzen.

Aspekte des Wegsperrens – Gefängnisse als institutionalisierte Repression

Der österreichische Philosoph Peter Strasser hat sich in einem Buch intensiv mit der Frage befasst, welche Aspekte von “Verbrechenserklärung und Strafkonzeptionen” (Strasser 2005: 12ff.) sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben. Das Aufspüren von „Verbrechermenschen“ steht in einem engen Verhältnis zur Entwicklung des Gefängnisses als Institution.

„Konjunkturen des Ein- und Wegsperrens von Menschen sind zugleich auch häufig Konjunkturen von Skandalen in und um das Gefängnis – wie oft auch Zeiten besonderer Bemühungen um Reformen des Gefängnisses.“ (S.12) Diese Konjunkturen werden vor allem durch gesellschaftliche Diskussionen belebt und angeheizt – die Artikulation von sozialen Bedürfnissen, Ängsten, Wünschen nimmt großen Einfluss auf die Diskussion um die Durchführung der gesellschaftlichen Institution von Gefängnis.

Das Buch „Hinter Gittern“ greift eine Vielzahl an Aspekten auf, die mit dieser Institution zusammenhängen. Die drei Herausgeber führen theoretisch in den Band ein, umreißen die verschiedenen Perspektiven des Themas und stellen kurz die einzelnen Autoren vor (S.9-31).

Im ersten Teil des Buches „Methodische Aspekte der Geschichte der Inhaftierung“ (S.33-82) geht es vor allem die Innenperspektive von Gefängnissen – wie Insassen das Eingesperrtsein empfinden und darüber berichten; auch darum, wie architektonische Maßnahmen dieses Gefühl verändern können.

Der zweite Teil deckt vor allem die Ziele ab, die im Laufe der Zeit mit dem Ein- und Wegsperren von Menschen verbunden wurden – die Besserung von Menschen, das Erziehen und ihre mögliche Wiedereingliederung in die Gesellschaft (S.83-157) In diesem Abschnitt setzen sich die Autoren mit der historischen Akzentuierung dieser Ziele auseinander – diese Ziele korrespondieren mit Vorstellungen darüber, was Menschen zu Verbrechern macht, und welche Vorstellungen sich darüber durchgesetzt haben, wie Menschen sich ändern lassen – sei es durch Arbeit, durch Gebet, durch straffe Organisation, oder durch Deprivation.

Der dritte Teil konzentriert sich auf die politische Haft in den deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts (S.159-239). Die Kriminalisierung von Meinungen und politischen Einstellungen gibt den Ansprüchen, die man an Gefängnisse stellt (Besserung, Bestrafung, Ausschluss aus der Gesellschaft) ein besonderes Gewicht – wenn Meinungen zu Verbrechen gestempelt werden, dann ist das tatsächliche Verbrechen nicht mehr nur an nach außen hin sichtbare Taten gebunden – sondern dann wird der Mensch selbst zum möglichen Verbrechen: durch seine Gedanken, Ideen, Vorstellungen. Aber nicht nur den Gefängnissen kommt damit eine besondere Rolle zu, auch der Exekutive und der Bevölkerung – schließlich muss man in einer solchen Situation prinzipiell vor allen Menschen auf der Hut sein – der Mensch unter Generalverdacht!

Der vierte Teil beschäftigt sich mit dem Thema Inhaftierung im Nachkriegsdeutschland (S.240-294) und rundet das Bild des Bandes ab, das sich schließlich mit dem Thema Gefängnis seit dem 18. Jahrhundert auseinander gesetzt hat.

Was von der Geschichte zu lernen ist

Es könnte doch so einfach sein: “Prisons and jails are designed to keep offenders separated from law-abiding citizens, and this task is accomplished by building walls to separate prisoners from the rest of society” (Tartaro 2006: 300). Doch gerade die Ausweisung von Menschen als Bedrohung, als Straftäter hängt eng mit dem Verständnis von Gefängnissen und ihren gesellschaftlichen Aufgaben zusammen. Staatlicher Freiheitsentzug ist ein heikles Thema – schließlich bedeutet jegliche Strafsanktion eine Einschränkung der persönlichen Freiheit und der Bürger- und Menschenrechte, und darüber hinaus eine Klassifizierung von Menschen in Kategorien von weitreichender Konsequenz für das weitere Leben dieser Individuen als Menschen und Bürger. Welche historischen Entwicklungen hinter diesem gesellschaftlichen Prozess stecken kann das Buch „Hinter Gittern“ sehr gut vermitteln. Der Schwerpunkt DDR (fünf der vierzehn Beiträge beschäftigen sich mit dieser Zeit) macht das Buch thematisch etwas unausgeglichen – schließlich herrschte in der DDR eine besondere gesellschaftliche Situation vor. Nichtsdestotrotz ermöglichen auch diese Beiträge einen geschärften Blick auf die Situation der Gefängniskultur im 21. Jahrhundert.

Fazit – Hochzeiten müssen vorbereitet werden

Gefängnisse sind Machtmittel – und werden als gesellschaftlich akzeptable Formen staatlicher Repression gesehen. Diese Macht fungiert aber bloß als Instrument, als Mittel, um gesellschaftlich--politische Werte durchzusetzen – diese Macht lässt sich aber auch mit sehr unterschiedlichen normativen Bedeutungen versehen. „We must not merely consider what will produce change in the larger context, such as a reduction in the recidivism rate, but rather, what will produce positive development within each inmate seen as a unique individual.” (Dahlen / Johnson 2010 117) Das Buch „Hinter Gittern“ von Silke Klewin et al. zeigt aus einer historischen Perspektive sehr detailliert auf, um welche normativen Vorgaben es sich dabei handeln kann: „Bestrafung“, „Besserung“ und „politischer Ausschluss“ stehen dabei für die verschiedenen Versuche, Zugriff auf das imaginierte Böse zu bekommen, um es aus der Gesellschaft zu verbannen.

Was der ehemalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky vor knapp 20 Jahren einem Journalisten vor laufender Kamera entgegnete „Lernen S“ a bisserl Geschichte, Herr Reporter!“ – ist auch heute noch aktuell: Die staatlichen Repressionen finden nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum statt – es ist durchaus eine aufklärerische Idee, die historischen Rechtfertigungen von Bestrafung, Besserung und politischem Ausschluss publik zu machen. Sammelbände wie „Hinter Gittern“ tragen dazu bei, dass aktuellen Begründungen, weshalb Freiheitsrechte eingeschränkt werden sollten, und was es unserer Gesellschaft für Vorteile bringen könnte, immer mehr Menschen wegzusperren, mit mehr Skepsis begegnet wird.

Literatur

  • Dahlen, K. and R. Johnson (2010). "The Humanism is in the Details: An Insider‘s Account of Humanistic Modifications to a Cognitive-Behavioral Treatment Program in a Maximum-Security Prison." The Prison Journal 90(1): 115-135
  • Foucault, M. (1988 [1975]). Überwachen und Strafen - Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Taschenbuch Verlag
  • Lefebvre, H. (1972 [1968]). Das Alltagsleben in der modernen Welt. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag Margalit, A. (1999). Politik der Würde - Über Achtung und Verachtung. Frankfurt am Main (GER), Fischer Taschenbuch Verlag
  • Strasser, P. (2005). Verbrechermenschen. Zur kriminalwissenschaftlichen Erzeugung des Bösen. Frankfurt/Main (GER) & New York, NY (USA), Campus Verlag
  • Tartaro, C. (2006). "Watered Down: Partial Implementation of the New Generation Jail Philosophy." The Prison Journal 86(3): 284-300
  • Tilly, C. (2006). Why? What Happens When People Give Reasons ... and Why? Princeton, NJ (USA), Princeton University Press

    Rezensent
    Mag. Harald G. Kratochvila
    Homepage www.kompetenz-coaching.at
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    Zitiervorschlag
    Harald G. Kratochvila. Rezension vom 29.06.2010 zu: Silke Klewin, Herbert Reinke, Gerhard Sälter (Hrsg.): Hinter Gittern. Zur Geschichte der Inhaftierung zwischen Bestrafung, Besserung und politischem Ausschluss vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Leipziger Universitätsverlag (Leipzig) 2010. ISBN 978-3-86583-232-0. Reihe: Zeitfenster - Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9400.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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