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Hans Bertram, Birgit Bertram: Familie, Sozialisation und die Zukunft der Kinder

Cover Hans Bertram, Birgit Bertram: Familie, Sozialisation und die Zukunft der Kinder. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 234 Seiten. ISBN 978-3-86649-287-5. D: 24,90 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 49,00 sFr.
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Thema und Autorenpaar

Die Veröffentlichung ist eine Stellungnahme zu gegenwärtigen Debatten in der Familienforschung und Familienpolitik. Sie ist von zwei engagierten FamilienforscherInnen geschrieben, die beide in Lehre und Forschung tätig sind. Die Basis dieser Untersuchung bildet deren umfassendes Wissen über die sozialwissenschaftliche Familienforschung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die aktuellen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts. Entsprechend weit ist der Bogen, der in der Studie versucht wird zu schlagen.

Aufbau und Inhalt

Die behandelten Themen beginnen mit Überlegungen zum Paar, dessen Liebe als Basis jeder Familie gesehen wird. Im Kontext dieses Abschnittes wird dargestellt, dass die idealisierende Vorstellung, Menschen hätten früher in Großfamilien gelebt, eine romantisierende Phantasie ist.

Im nächsten Schritt wird unter der Überschrift „Ökonomie und Familie“ verdeutlicht, dass familiale Lebensformen die jeweiligen kulturellen, politischen und ökonomischen Strukturen widerspiegeln. Hier wird argumentiert, dass Parsons Beschreibung familialer Rollen und deren jeweiliger Erwerb durch Töchter und Söhne lediglich zutrifft für die Familie der Industriegesellschaft. In dem jetzt zu beobachtenden Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft sei dieses Familienmodell nicht mehr passend. In diesem Abschnitt wird weiterhin beschrieben, dass ein Zusammenhang zwischen schlechten Mathematikleistungen eines Kindes und sozialer Zugehörigkeit des Vaters zur Unterschicht nicht plausibel sei.

Im Folgenden wird die „Demografische Revolution und ihre Folgen“ diskutiert. Es geht den AutorInnen in diesem Kapitel darum, die Folgen der verlängerten Lebenserwartung sowie der Ausbildungszeiten in ihrer konkreten Bedeutung für die Menschen zu beschreiben. Als besonders bedeutsam wird die Entwicklung angesehen, dass die Mutter- und Vaterrolle zeitlich nur noch einen geringen Anteil am gesamten Lebenslauf ausmachen. Entsprechend müsse davon ausgegangen werden, dass die Frauen- und Mutterrolle sowie die Männer- und Vaterrolle auseinander treten. Dies habe große Bedeutung für die Lebensgestaltung, da die Zeit ohne Kinder gestaltet werden müsse. Hinzu komme, dass längere Ausbildungszeiten verbunden seien mit einer länger andauernden ökonomischen Abhängigkeit der Kinder von der Elterngeneration. Insgesamt entstehe eine Art „Rush hour“ für junge Menschen, denen in komprimierter Zeit der Einstieg in den Beruf, die Gründung einer Familie sowie das Absichern des Alters gelingen soll.

Im fünften Abschnitt geht es um „Der Aufstieg der Dienstleistungsgesellschaft und die Erosion der Familie der Industriegesellschaft“. Hier wird festgestellt, dass es kaum möglich ist, sich verändernde Familienstrukturen in einer Situation familialen Wandels zu beschreiben, denn die Entwicklungen wären noch nicht klar sichtbar. Deshalb würde man sich auf Urie Bronfenbrenners Mehrebenenmodell beziehen, damit die Wandlungstendenzen als Phänomene deutlich würden. Gemeint ist damit, die sich ändernde ökonomische Grundlage von Familien zu beschreiben wie auch die davon beeinflussten Beziehungen der Menschen in Familien zueinander. Insbesondere müsse hier berücksichtigt werden, dass die lange Lebenserwartung der Menschen eine historisch nie dagewesene Situation sei, die ebenfalls bedeutsam für die Beziehungsentwicklung sei. Die Familie sei eine Herstellungsleistung ihrer Mitglieder und entsprechend sei die These von der Pluralisierung der Lebensformen nicht geeignet, die Kontextbedingungen dieser Herstellungsleistung zu erklären.

Im Kapitel „Die innere Dynamik der Familie“ werden Forschungsergebnisse aus Pädagogik und Soziologie zu den Beziehungen zwischen den Generationen und Geschlechtern vorgestellt. Unter der Zwischenüberschrift „Das Paar: Die Suche nach Gleichheit“ wird erläutert, dass im Lebensverlauf das Erwachen sexueller Bedürfnisse und die Möglichkeiten einer ökonomisch unabhängigen Lebensgestaltung zeitlich auseinanderfallen. Rollenmuster seien deshalb in dieser Lebensphase bedeutungslos geworden. Inwiefern Gleichheit gesucht wird macht der Text nicht deutlich. Bezüglich der Eltern-Kind-Beziehungen werden die Ergebnisse der Shellstudien zitiert, wonach die Jugendlichen die Beziehungen zu ihren Eltern viel positiver einschätzen, als es Jugendliche in den 50er Jahren getan hätten. Entgegen dem eigenen Anspruch der AutorInnen, familiale Phänomene in ihrem Kontext zu sehen, wird hier nicht die Bedeutung der Nachkriegszeit für die Generationenbeziehungen berücksichtigt.

Das sicherlich am klarsten strukturierte Kapitel ist das siebte „Kindliche Entwicklung in sozial-ökologischer Perspektive“. Hier wird endlich erläutert, worum es sich bei dem Mehrebenenmodell von Bronfenbrenner handelt, auf das in früheren Kapiteln Bezug genommen wird. Mit dessen Hilfe, so die Schilderung, wird die Kontextgebundenheit aller Sozialisationserfahrungen von Kindern belegt. Dies wird genutzt, um die Beschränktheit der PISA-Studie zu verdeutlichen, die sehr reduzierend elterliche Hintergrundvariablen messe, ohne weitere vielfältige Einflüsse auf kindliche Kompetenzentwicklung zu betrachten. Um diese Argumentation zu untermauern, wird entwickelt, dass Anlagen und Umwelt sich gegenseitig beeinflussend an der Herausbildung von Intelligenz beteiligt seien. Eine Reduktion des Kindes auf seine intellektuelle Leistungsfähigkeit sei allerdings auch nicht vertretbar.

Im Zentrum des achten Abschnittes steht die These, dass Eltern eine Ressource für kindliches Wohlbefinden darstellen. Kindliches Wohlbefinden zu sichern führe zu viel komplexeren und vielfältigeren Fähigkeiten als die Förderung einzelner Kompetenzen. Dies, so im letzten Kapitel der Studie, müsse das Ziel familienpolitischer Maßnahmen sein, die dann nachhaltig seien, wenn sie Zeit und Geld für Familien ermöglichen und Infrastrukturen sichern würden.

Diskussion und Fazit

Um den Argumentationsstrang der Veröffentlichung zu rekonstruieren, ist die Leserin, der Leser gefragt: Die Fülle der Wissensbestände der AutorInnen werden nicht konsistent in die Thesen eingearbeitet, sondern wirken häufig aneinander gereiht oder als Beleg für eine Argumentation nicht schlüssig durchdacht. Diese Problematik hat offenbar dazu geführt an jeden Abschnitt einen Kasten mit auf den Text bezogenen Fragen anzuhängen, um die Lesenden aufzufordern, sich noch einmal bewusst zu machen, was sie eigentlich gerade gelesen haben. Allerdings sind auch diese Fragen auf einzelne Elemente des Textes bezogen und die Struktur des Textes wird dadurch nicht nachvollziehbarer. Außerdem wird damit unklar, an wen sich die Veröffentlichung richtet: Ist sie als Lehrbuch gemeint? Dann bleibt der Text zu voraussetzungsreich, um verständlich zu sein. Beispielsweise muss man wissen, weshalb 1978 plötzlich so ein tiefer Einschnitt in die Zahl der von Scheidung betroffenen Kinder festzustellen ist (Abbildung 17). Im Text wird es nicht erläutert und woher soll Studierenden heute bekannt sein, dass 1977 das Eherecht reformiert wurde?

Die Kritik an den oft starren Perspektiven der Familienforschung auf ihr Gebiet ist hoch plausibel, leider werden über türkische Familien ebenso statische Annahmen geäußert (81). Dort ist der soziale Wandel jedoch genauso spürbar wie in Westeuropa.

Für ein Fachbuch aber wünscht man sich mehr Präzision: Was verstehen die AutorInnen unter Dienstleistungsgesellschaft? Gibt es einen Unterschied zum Begriff der Wissensgesellschaft? Wichtige Fragen bleiben offen: Beispielweise interessiert, inwieweit sich der Soziale Wandel auf Wertevorstellungen oder Verunsicherungen der Eltern auswirkt und welche Bedeutung dies für ihr Erziehungsverhalten hat.

Dabei gibt der Band wichtige Impulse zur Diskussion: Es ist verdienstvoll, klar zu machen, dass Familienstrukturen von ökonomischen Strukturen in der Gesellschaft abhängig sind und es deshalb nicht weiterführend ist, die Familienform der Industriegesellschaft zu idealisieren.

Kritisch sehen die AutorInnen, dass in der gegenwärtigen Familienforschung wie auch in der öffentlichen Debatte die Familie nicht als Beziehungsgeflecht, in dem ein Paar durch die Geburt von Kindern zur Familie erweitert wird, gesehen wird, sondern die Familie als Leistungserbringerin für eine gelingende kindliche Sozialisation gefordert wird. Abweichendes Verhalten von Kindern wie auch als unangemessen angesehene kognitive Leistungen werden in diesem Diskurs als Folge unzureichender elterlicher Verhaltensweisen angesehen, die „kompensiert“ werden müssten. Von dieser Grundhaltung grenzen sich die AutorInnen klar ab und stellen dagegen, dass es um die politische Förderung kindlichen Wohlergehens gehen müsse. Familienforschung habe die Aufgabe dazu den sozialwissenschaftlichen Hintergrund zu liefern, damit Politik angemessen handeln könne.

Entsprechend sieht das Autorenpaar es als Hauptaufgabe an, „das Kompensationsmodell theoretisch wie empirisch infrage (zu) stellen“ (12) und stattdessen Aspekte zu fokussieren, die in der Regel nicht beachtet werden: die kindliche Gesundheit, Beziehungen zu den Eltern, zu anderen Kindern, die Sicherheit im Verkehr und der Schutz vor Gewalt. Unter Bezug auf Urie Bronfenbrenner gehen die AutorInnen davon aus, dass eine Politik, die am kindlichen Wohlergehen ausgerichtet ist, implizit auch zu guten kognitiven Entwicklungen und angemessenem sozialen Verhalten führt.

Ein mutiges Lektorat hätte sicherlich geholfen, aus der Studie ein Buch zu machen, dass die wichtigen Intentionen der AutorInnen für seine LeserInnenschaft nachvollziehbar macht.


Rezension von
Prof. Dr. Cornelia Mansfeld


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Zitiervorschlag
Cornelia Mansfeld. Rezension vom 27.06.2011 zu: Hans Bertram, Birgit Bertram: Familie, Sozialisation und die Zukunft der Kinder. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-287-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9408.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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