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Christine Hannemann, Herbert Glasauer u.a. (Hrsg.): Jahrbuch Stadtregion 2009

Cover Christine Hannemann, Herbert Glasauer, Jörg Pohlan, Andreas Pott, Volker Kirchberg (Hrsg.): Jahrbuch Stadtregion 2009. Schwerpunkthema: Stadtkultur und Kreativität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 250 Seiten. ISBN 978-3-86649-229-5. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Jede Stadt integriert ihre Bewohnerschaft auf die ihr eigene Weise; jede Stadt entwickelt unterschiedliche Vorstellungen, was ihre Lebensqualität und ihre Urbanität ausmacht; jede Stadt entwickelt ihre Eigendynamik und ihre eigene Grammatik, mit der sie sich gegen andere Städte abhebt.

Somit entwickelt jede Stadt auch ihre je eigene Stadtkultur, die dann wiederum auch eine spezifische Bewohnerschaft anzieht. Die Stadtkultur wird neben anderen Faktoren zu einem entscheidenden Faktor für Wohnstandortentscheidungen spezifischer gesellschaftlicher Gruppen. Die Attraktivität der Stadt wird zunehmend von der Kreativität abhängig gemacht, mit der sie sich stadtkulturell darstellt, Eigenstellungsmerkmale vermarkten kann, ja - überhaupt sich über den Charakter ihrer öffentlichen Räume, über ihre Wirtschaftspotentiale und ihre soziale Integrationspotentiale gegenüber anderen Städten abgrenzen kann. Der Wandel von der industriell geprägten Stadt zu einer Stadt, in der postindustrielle Branchen der Dienstleister und der informationstechnologisch arbeitenden Bevölkerung immer deutlicher ein Gewicht erhalten; in einer Stadt, in der immer mehr Arbeitsplätze nicht mehr an einen Ort gebunden sind, entstehen neue kulturelle und urbane Muster des Arbeitens und der Reproduktion, die auch durch Kreativität geprägt sind und damit auch die Stadtkultur entscheidend verändern.

Herausgeberinnen und Herausgeber / Autorinnen und Autoren

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

PD Dr. Christine Hannemann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt Universität zu Berlin, Stadt- und Regionalsoziologie.

Dr. Herbert Glasauer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel.

Dr. Jörg Pohlan ist Wissenschaftlicher Angestellter an der HafenCity Universität Hamburg, Studiengang Stadtplanung.

Prof. Dr. Andreas Pott ist Professor für Sozialgeographie an der Universität Osnabrück

Die Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Sozialforschung, der Sozialgeographie und der Stadt- und Regionalplanung und -soziologie.

Entstehungshintergrund

Das Jahrbuch StadtRegion erscheint bereits seit 2001 und greift stadt- und regionalspezifische Themen auf und bearbeitet sie in einem interdisziplinären Kontext.

Mit dem hier vorgestellten Schwerpunkt Stadtkultur und Kreativität werden die Autorinnen und Autoren einem Thema gerecht, das mittlerweile sowohl stadtpolitisch als auch stadtsoziologisch immer mehr Bedeutung erhält und die Städte vor neue Herausforderungen stellt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile.

Im ersten Teil wird der Schwerpunkt Stadtkultur und Kreativität theoretisch und konzeptionell vertieft diskutiert.

Im zweiten Teil werden Analysen und Kommentare vorgestellt, die sich auf den Schwerpunkt beziehen.

Der material umfangreichste dritte Teil widmet sich Rezensionen von Publikationen der Stadtsoziologie, ohne dass sie sich auf den Schwerpunkt unmittelbar beziehen lassen.

Im vierten sehr kurzen Teil geht es um Dokumentation und Statistik.

Das Buch schließt mit englischen Abstracts der Aufsätze und der Liste der Autorinnen und Autoren ab.

Inhalt

Nach dem Editorial der Hausgeberinnen und Herausgeber, das einen Überblick über die folgenden Beiträge gibt, startet der erste Teil mit einem Beitrag von Volker Kirchberg, der sich mit stadtsoziologischen Deutungen von Kreativität und Stadtkultur beschäftigt. Dabei geht es einmal und die Frage, wie der Begriff der Kreativität in der Stadtplanung, der Wirtschaftsgeographie und in Stadtsoziologie Verwendung findet. Zum anderen geht dann auch um den Rückbezug des Begriffs der Kreativität zu den drei wichtigsten amerikanischen Schulen: der klassischen Chicago-School, der neomarxistisch orientierten New Urban Sociology (New York) und der eher kulturalistisch geprägten postmodernen Schule, die sich in Los Angeles etabliert hat.

Scharon Zukin nennt seinen Beitrag: "Stadtkultur auf der Suche nach Authentizität. Kann eine Stadtkultur eine kollektive Identität des Städters ausbilden?" Können unter den Bedingungen kultureller und nationaler Heterogenität Bezugspunkte und Orte ausgebildet werden, die gleichsam Identifikationsmuster sind, wenn traditionelle Industrien weg brechen und transnationale Märkte in den Großstädten und Metropolen eine auf den Ort bezogene Identifikation erschweren?

Andrej Holm beschäftigt sich in einem Beitrag mit der "Gentrifizierung und Kultur: Zur Logik kulturell vermittelter Aufwertungsprozesse". Welche Rolle spielen Künstler als Akteure im Aufwertungsprozess? "Eine Analyse des Zusammenhangs von kulturellen Aktivitäten und kulturellem Kapital zeigt eine systematische Verknüpfung mit stadträumlichen Inwertsetzungsprozessen" (64). Es geht um Facetten der Aufwertung, um kulturelle, ökonomische und symbolische Aufwertung.

Frank Eckardt und Janet Merkel fragen nach der ethnischen Vielfalt als Ressource der Stadtentwicklung. Es geht ihnen um "Toleranz im städtischen Alltag", wobei sie die Integrationspolitiken von Berlin und Frankfurt vergleichen. Eine zentrale Frage zukünftiger Stadtentwicklung ist: Wie viel Heterogenität verträgt eine Stadt und wie lassen sich die Prozesse der Integration unter der Bedingung kultureller Differenzen und Diversivitäten steuern? Frankfurt und Berlin scheinen unterschiedlich mit dieser Frage umzugehen. "Berlin unangepasst: Nord-Neukölln - ein Ort der ethnischen und kulturell Vielfalt" (87). Nord-Neukölln als Ort der Spannungen und Widersprüchlichkeiten, der Kumulation von sozialen Problem- und Konfliktlagen. Frankfurt mit dem Beispiel Bornheim als Ort der Integration, der Wahrung von Traditionen bei gleichzeitiger Offenheit für den Fremden. Der Unterschied in den jeweiligen sozioökonomischen Bedingungen des Lebens prägt auch die unterschiedlichen Stadtteile, wie diese auch im Umkehrschluss spezifische Bevölkerungsgruppen anzieht, die dahin passen. Das verstärkt jeweilige Tendenzen der Integration und der Ausschließung, auch die Toleranz und Kreativität im Umgang mit dem Fremden als dem Gleichen, wenngleich Anderen.

Der zweite Teil - Analysen und Kommentare - wird eingeleitet mit einem Beitrag von Carsten Herzberg: "10 Jahre Bürgerhaushalte in Deutschland: eine Bilanz". Hinter dem Begriff des Bürgerhauhalts verbirgt sich eine Form der bürgerschaftlichen Beteiligung an der Aufstellung des Haushalts und damit an den zentralen Entscheidungen einer Kommune. Im Zuge überparteilicher Aushandlungsprozesse - so Herzberg - hat sich dabei die Kommunikationskultur zwischen Bürgerschaft und Verwaltung verbessert. Verwaltungsmodernisierungseffekte hingegen sind kaum spürbar.

Wibke Feldmann nimmt in ihrem Beitrag auf ein spezifisches Problem der Planung Bezug: "Instrumente und ihr Einfluss auf das 30-ha-Ziel zur Reduzierung des Flachenverbrauchs". Feldmann stellt die Entwicklung bis heute und ihre Auswirkungen und ihre Akteure dar. Nachhaltige Siedlungspolitik muss sich mit der Reduzierung des Flächenverbrauchs auseinandersetzen. Dazu werden Instrumente vorgestellt, mit denen dies erreichbar scheint.

Jan M. Stielike fragt: "Wieviel Gleichheit erfordert Gleichwertigkeit? Folgerungen einer Neuinterpretation des Gleichwertigkeitsziels für die Daseinsvorsorge". Im Rahmen des Sozialstaatsprinzips ist kollektive Daseinsvorsorge zu einem Ziel jedweder Politik geworden. Die Auffassung des Autors ist, "dass sich Kernbereiche der Daseinsvorsorge identifizieren lassen, die trotz erschwerter Voraussetzungen flächendeckend in ähnlicher Qualität vorgehalten werden müssen" (129).

Im dritten Teil werden eine Reihe einschlägiger Publikationen rezensiert und in längeren Rezensionsaufsätzen vorgestellt. Sie drehen sich alle um stadtsoziologische Themen und deren Grenzbereiche, wie demographischer Wandel oder kultursoziologische Fragen der Mentalität und des Verhaltens. Es sind Themen, die sich mit den Problemen der Stadtentwicklung beschäftigen und mit der modernen Stadt, wie Segregation und Ghettobildung bzw. Marginalisierung. Auch ein Thema des Jahrbuchs ist vertreten: Kreativität und stadtkulturelle Erfordernisse der modernen Stadt.

Schließlich wird im letzten Teil des Buches - Dokumentation und Statistik - von Jörg Pohlan ein Monitoringkonzept für Städte und Regionen vorgestellt. Mit den Bereichen Bevölkerung, Flächen- und Siedlungsentwicklung, Beschäftigung und Arbeitsmarkt, Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftskraft sowie Finanzen werden in 18 ausgewählten Stadtregionen die Indikatoren betrachtet und aufbereitet, die für die Beobachtung der Stadtregion von zentraler Bedeutung sind. Seine Überlegungen werden von Pohlan mit statistischen Daten und Zahlen untermauert.

Diskussion

Das Buch bereichert in vielfältiger Weise. In seinem ersten Teil werden eine Reihe fundamentaler Beiträge zu den Veränderungen in den Städten vorgestellt, die sich auf ihre Stadtkultur und auf die Art und Weise beziehen, wie Städte ihre Attraktivität unter Beweis stellen. Es geht um die Kreativität stadtkulturelle Repräsentation und es geht zunehmend um die Etablierung kreativer Milieus in der Stadt und durch die Stadt.

Es geht auch um die zunehmende Verflechtung von Bürgerwille und Verwaltungshandeln, um Aushandlungsprozesse, in denen beide aufeinander angewiesen sind.

Dies wird konkret deutlich in den im zweiten Teil analysierten und kommentierten Probleme und Fragestellungen zukünftiger Stadtplanung und Stadtentwicklung.

Wer das Jahrbuch zunächst nur so zur Kenntnis nimmt, wie es sein Titel verspricht, ahnt nicht, welcher Gehalt in den Rezensionsaufsätzen steckt, den man auf diesem Niveau nur selten findet. Da ist es schade, dass diese Aufsätze nicht mehr ins Blickfeld geraten.

Der Kenner des Jahrbuchs ist freilich damit vertraut, aber das kann ja nicht das alleinige Ziel sein.

Fazit

Das Buch ist ein Gewinn für die stadtsoziologische Diskussion wie Städte heute ihre Attraktivität unter Beweis stellen können und welche Kreativität dazu erforderlich ist. Wer sich mit der Stadt aus welchem Blickwinkel auch immer beschäftigt, kommt um das Jahrbuch eigentlich nicht herum.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 15.09.2010 zu: Christine Hannemann, Herbert Glasauer, Jörg Pohlan, Andreas Pott, Volker Kirchberg (Hrsg.): Jahrbuch Stadtregion 2009. Schwerpunkthema: Stadtkultur und Kreativität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-229-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9411.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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