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Eveline Wuttke, Marianne Friese u.a. (Hrsg.): Dimensionen der Berufsbildung

Cover Eveline Wuttke, Marianne Friese, Bärbel Fürstenau, Ralf Tenberg (Hrsg.): Dimensionen der Berufsbildung. Bildungspolitische, gesetzliche, organisationale und unterrichtliche Aspekte als Einflussgrößen auf berufliches Lernen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 250 Seiten. ISBN 978-3-86649-316-2. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Schriftenreihe der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE).
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Autoren

  • Dr. Evelin Wuttke ist Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftspädagogik an der Goethe Universität Frankfurt am Main.
  • Dr. Marianne Friese ist Professorin für Berufspädagogik & Didaktik der Arbeitslehre an der Justus-Liebig-Universität Giessen.
  • Dr. Bärbel Fürstenau ist Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftspädagogik an der Technischen Universität Dresden.
  • Dr. Ralf Tenberg ist Professor und Leiter des Arbeitsbereichs Technikdidaktik der Technischen Universität Darmstadt.

Entstehungshintergrund

Der Kompetenzerwerb von Lernenden, der Ertrag von Aus- und Weiterbildungsprozessen sowie die Professionalisierung des pädagogischen Personals sind derzeit Schwerpunkte berufspädagogischer Forschung. Diese drei Themenkomplexe bilden das Grundgerüst der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die in dieser Publikation wiedergegeben wird. Die Beiträge basieren auf den Tagungsbeiträgen der Herbsttagung 2009 der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) an der Universität Gießen.

Aufbau

Es wird ein weiter Bogen gespannt und unter verschiedenen Blickwinkeln reflektiert.

Der erste Themenkomplex „Kompetenzerwerb und Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung“ setzt sich dieser aktuellen Frage auseinander. Hierzu gehören insbesondere die zunehmende Bedeutung informell erworbenen Kompetenzen durch Erfahrungswissen und die Anforderungen an die sogenannte einfache Arbeit.

Der zweite Themenblock ist wenig prägnant als „Fragestellungen der beruflichen Aus- und Weiterbildung“ benannt. Entsprechend lässt sich auch kaum ein „roter Faden“ finden, sondern es ist eher eine Zusammenstellung unterschiedlicher berufspädagogischer Forschungen. Von der Kosten-Nutzen-Analyse in der Weiterbildung, Überbetrieblichen Bildungsstätten bis hin zum VET Policy Transfer in Ägypten, Malaysia und Korea sowie 40 Jahre Berufsbildungsgesetz reichen die Beiträge.

Themenkomplex III ist konkreter gefasst als die „Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Personals“. Während es bei den ersten beiden Aufsätzen um die Studienbedingungen in der Wirtschaftspädagogik geht, handelt der dritte Aufsatz von „diversity professionals“ als den Personen, die ethnisch und kulturell verschiedene Lernende adäquat unterstützen können.

Insgesamt finden sich in Teil I auf den Seiten 9 bis 69 fünf Beiträge, in Teil II von Seite 71 bis 147 sechs Beiträge und in Teil III von Seite 149 bis 186 drei Beiträge. Glossar, Index oder Autorenverzeichnis gibt es nicht.

Zu Teil I

Teil I beschäftigt sich mit dem Themenkomplex „Kompetenzerwerb und Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung“. Den Anfang macht Sarah Berg, RWTH Aachen, mit dem Beitrag „Wissen als Bestandteil berufsbezogener Problemlösungskompetenz – nicht weniger, aber auch nicht mehr!“ Sie geht der Frage nach, ob ein inferentieller Ansatz nicht besser als ein reiner Wissensansatz dazu geeignet ist, berufsbezogene Lösungskompetenz abzubilden.

Der Beitrag „Förderung kognitiver und nichtkognitiver Bildungsziele durch problemorientiertes Lernen. Befunde aus dem schweizerischen Projekt APU“ wird von den drei Autoren (Dr.) Maren Oepke, (Dr.) Stephan Schumann & (Prof. Dr.) Franz Eberle vom Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik der Universität Zürich vorgelegt. APU ist hierbei das Nationalfondsprojekt „Anwendungs- und problemorientierter Unterricht in gymnasialen Lehr-Lernumgebungen“ bzw. „anwendungs- und problemorientierter Unterricht“ (S. 22). Es schließt sich ein ebenfalls didaktisch ausgerichteter Aufsatz von Mandy Hommel, TU Dresden, mit dem Titel „Aufmerksamkeitsverlauf im Planspielunterricht“ an. Hierzu wurde der gesamte Verlauf von Lehr-Lern-Situationen videobasiert erhoben.

Im Rahmen der Benachteiligtenförderung setzt sich Frank Ahrens, Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung der Leibniz Universität Hannover mit der Frage nach „Informell erworbene Kompetenzen – ihre Bedeutung für die Benachteiligtenförderung“ auseinander. Er beschreibt erste Ergebnisse einer qualitativ angelegten Studie. Den Abschluss dieses Themenbereichs bildet der Aufsatz von Irene Stroot, ITB der Universität Bremen, „Neue Anforderungen in der „einfachen Arbeit“ und ihre Bewältigung“. Auch hierbei geht es um eine Zielgruppe, die sich durch eher geringere Kompetenzen definiert: die An- und Ungelernten bzw. Fachkräfte.

Zu Teil II

Themenbereich II beginnt mit dem Aufsatz „Kosten-Nutzen-Analyse: Ein Instrument zur Bewertung betrieblicher Weiterbildungsprozesse in der öffentlichen Verwaltung“ von Juliana Schlicht vom Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität Leipzig. Ob allerdings der unklare Nutzenbegriff wirklich zielführend ist, muss bezweifelt werden. Schließlich hat das Humankapital außer in der Bildungsökonomie nirgendwo Relevanz erhalten, insbesondere nicht in den Rechnungslegungsstandards nach HGB oder IAS. Mit den ÜBS in Hessen beschäftigt sich sodann (Dr.) Daniela Ahrens, ITB der Universität Bremen, in ihrem Aufsatz „Überbetriebliche Bildungsstätten auf dem Weg zu multifunktionalen Lernorten.“ Auch der Aufsatz von Marcel Walter, Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik der TU Darmstadt, „Gutscheine in der beruflichen Weiterbildung – worüber sprechen wir eigentlich?“ beschäftigt sich, wie der Titel bereits sagt, mit der Weiterbildung.

Ein neues Thema wird mit dem Aufsatz von Cornelia Wagner, Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, angesprochen: „Schulleitungen und Qualitätsentwicklung – Eine triangulative Studie an beruflichen Schulen“. Es werden die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung im Rahmen eines Modellversuchs in Berlin mit quantitativen und qualitativen Teilstudien vorgestellt. Daher Triangulation, da verschiedene Methoden der empirischen Sozialforschung miteinander verbunden werden, um möglichst valide Ergebnisse zu erzielen.

Der englisch-deutsche Titel „VET Policy Transfer in Ägypten, Malaysia und Korea“ beschreibt unterschiedliche Kooperationen in der Berufsbildung (VET) mit den genannten Ländern. Als „Policy Transfer“ bezeichnen die Autoren (Dr.) Antje Barabasch & Stefan Wolf, Institut für Berufs- und Betriebspädagogik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, die Nutzung von Wissen, das auf Erfahrungen Anderer beruht.

Den Abschluss dieses Themenkomplexes bildet der Beitrag von (Prof. Dr.) Friedhelm Schütte, Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre der TU Berlin zu „40 Jahre Berufsbildungsgesetz – eine disziplinhistorische Anmerkung zur Vorgeschichte (1959-1969)“. Anhand eines Gutachtens des Deutschen Ausschusses von 1964, einer von der Zeitschrift „stern“ veröffentlichten Dokumentation (1964-1966) und einer Studie von Wolfgang Lempert & Heinrich Ebel (1965) geht er auf die Berufsbildung vor Erlass des BBiG ein.

Zu Teil III

In Themenkomplex III geht es um die „Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Personals“. Dina Kuhlee & (Prof. Dr. Dr. h. c. ) Jürgen van Buer, Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, betrachten in ihrem Beitrag „Learning for Testing? (Erfolgreich) Studieren zwischen institutionellen und individuellen Kontextbedingungen“ die Lehrerbildung im Rahmen des Bologna-Prozesses. Ähnlich ist die Thematik, mit der sich Cindy Grzanna, Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik der TU Dresden, in „Die Subjektiven Theorien von Studierenden der Wirtschaftspädagogik über ihre Berufsidentität“ auseinandersetzt.

Den Abschluss bildet der Beitrag von (Dr.) Nicole Kimmelmann, Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung der Friedrich-Alaxander-Universität Erlangen-Nürnberg „Standards für den Weg zum Diversity Professional“. Angesichts der sich verstärkenden Vielfalt der deutschen Gesellschaft ist es sicherlich ein aktuelles Thema, ob und wenn ja welche Standards Lehrkräfte erfüllen sollten, die multikulturelle Lernendengruppen unterrichten.

Diskussion

Es handelt sich um einen Sammelband, woraus folgt, dass Art und Qualität der einzelnen Beiträge sich zwangsläufig unterscheiden. Hilfreich zum Verständnis und zur Einordnung wäre es für diejenigen Leser, die nicht an der Herbsttagung teilgenommen haben, wenn die Herausgeber eine einordnende Beschreibung vor jedes Kapitel, zumindest jeden Themenbereich gestellt hätten, aus dem hervorgeht, warum der entsprechende Beitrag aufgenommen wurde. So stehen die einzelnen Aufsätze isoliert nebeneinander.

Sinnvoll wäre es auch, wenn es ein Verzeichnis der Autoren und Autorinnen geben würde, indem kurz ihre wissenschaftliche Heimat und ggf. das Forschungsprojekt, über das sie berichtet haben, vorgestellt würden. Da dem nicht so ist, muss der Leser erst – teilweise mühsam – im Internet recherchieren, wo der entsprechende Beitrag einzuordnen ist. Positiv ist zu bewerten, dass viele junge Forscherinnen und Forscher die Gelegenheit erhalten haben, ihre Arbeit vorzustellen. Da viele von ihnen aber deshalb auch noch nicht bekannt sind, fällt die Einordnung in die Scientific Community schwer.

Insgesamt zeigt sich, dass ein weiter – vielleicht zu weiter? – Bogen über die Berufs- und Wirtschaftspädagogik gespannt wurde. Im Fokus stand die Aktualität der Beiträge, die sowohl auf empirischen Befunden beruhen als auch rein theoriebasiert angelegt sind. Es bleibt offen, ob wirklich die derzeit aktuellsten Themen behandelt werden. Aber die Herausgeber erheben auch gar nicht den Anspruch, umfassend alle aktuellen Themen aufzugreifen. So bleibt denn einzig die Frage offen, warum diese Zusammenstellung.

Der thematisch interessierte Leser sollte sich die einzelnen Aufsätze ansehen. Falls interessierende Themen darunter sind, lohnt sich der Kauf der Publikation allemal. Denn es gibt durchaus aktuelle und auch neue Erkenntnisse in den einzelnen Beiträgen.

Fazit

Diese Publikation richtet sich insbesondere an Lehrende, Forschende und Lernende in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Diese finden – je nach eigenem Forschungsinteresse – durchaus neue und relevante Ergebnisse und Erkenntnisse. Es werden einige Dimensionen der Berufsbildung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aufgegriffen. Eine in sich geschlossene Abhandlung über die Dimensionen der Berufsbildung will und kann ein Tagungsband auch nicht sein. Eines hat der Rezensent gelernt: Denglisch – die Mischung aus Deutsch und Englisch – scheint auf dem Vormarsch zu sein. Immerhin in drei Beiträgen werden die Sprachen in den Überschriften gemischt. Geht damit nicht auch berufspädagogische Identität verloren?


Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 29.06.2010 zu: Eveline Wuttke, Marianne Friese, Bärbel Fürstenau, Ralf Tenberg (Hrsg.): Dimensionen der Berufsbildung. Bildungspolitische, gesetzliche, organisationale und unterrichtliche Aspekte als Einflussgrößen auf berufliches Lernen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-316-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9418.php, Datum des Zugriffs 25.09.2020.


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