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Andreas Oppacher: Deutschland und das Skandinavische Modell

Rezensiert von Prof. Dr. Walter Wangler, 03.04.2010

Cover Andreas Oppacher: Deutschland und das Skandinavische Modell ISBN 978-3-89144-426-9

Andreas Oppacher: Deutschland und das Skandinavische Modell.. Der Sozialstaat als Wachstumsmotor. Pahl-Rugenstein (Bonn) 2010. 144 Seiten. ISBN 978-3-89144-426-9. 14,90 EUR.
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Autor

Andreas Oppacher, Jahrgang 1978, ist Diplom-Betriebswirt. Als überzeugter Anhänger einer solidarisch geprägten, tatsächlich „sozialen“ Marktwirtschaft begleitet er kritisch die deutsche Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahrzehnte.

Aufbau

Das schmale Bändchen ist in vier Hauptteile gegliedert.

  1. Im ersten Teil benennt Oppacher nationalökonomische Theorien und Auffassungen, soweit sie geeignet sind, einerseits angebotsorientierte, andererseits nachfrageorientierte Standpunkte zu stützen.
  2. Im zweiten Teil skizziert er die gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Probleme in Deutschland.
  3. Dem schließt sich ein dritter Abschnitt an, in dem das skandinavische Wirtschafts- und Sozialmodell vorgestellt wird.
  4. In einem Schlussteil versucht der Autor, daraus Anregungen für die Wirtschafts- und Sozialpolitik hierzulande zu gewinnen.

Inhalt

In der klassischen Nationalökonomie hat besonders Say (1767-1832) die These aufgestellt, dass sich das volkswirtschaftliche Angebot jeweils seine entsprechende Nachfrage schafft (Saysches Theorem): bei der Produktion von Gütern werden alle die Einkommen erzielt, die anschließend für den Konsum notwendig sind, das volkswirtschaftliche Gleichgewicht wird nur gestört, wenn der Staat sich einmischt.

Im Gefolge dieser Grundaussage werden heutzutage von neoliberalen Ökonomen Sachverhalte wie Kündigungsschutz, durch Gewerkschaftsmacht erreichte Lohnerhöhungen und Sozialtransfers wie das Arbeitslosengeld als für den volkswirtschaftlichen Erfolg schädlich angeprangert. Globalisierung und Staatsverschuldung sind weitere Schlagworte, die staatliche Abstinenz begründen sollen.

Demgegenüber verweist Oppacher auf die „Lehren aus Weimar“, als der Staat durch Haushaltseinsparungen und Kürzung von Sozialleistungen die Weltwirtschaftskrise noch beförderte. Der Autor plädiert für eine „nachfrageorientierte Ökonomie“ in der Tradition von Keynes. Es sei die Nachfrage, die das Angebot steuere und nicht umgekehrt. In Zeiten der Stagnation sei eine Stärkung der (Binnen) Nachfrage das beste Mittel, die gesamtwirtschaftliche Lage zu verbessern.

Das „mit Abstand“ größte wirtschaftliche Problem in Deutschland sei der „seit vielen Jahren äußerst schwache Binnenkonsum“, für den Autor auch eine Folge der immer ungleicheren Einkommensentwicklung. Von 2000 bis 2007 ist die Lohnquote am Volkseinkommen von 72 auf 65 Prozent gesunken, folgerichtig sind im gleichen Zeitraum die Unternehmens- und Vermögenseinkommen von 28 auf 35 Prozent gestiegen. Neben dem rapiden Anwachsen von geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen schwächt auch das niedrige Rentenniveau die Nachfrage: von 20 Millionen Renten gehen 12 Millionen an Frauen, deren durchschnittliche Rente bei nur 538 € liegt. Mannigfache Eingriffe in die Rentengesetzgebung haben dazu geführt, dass das Rentenniveau hierzulande einen Vergleich inzwischen durchaus zu scheuen braucht. Und vor allem die Zukunft hält ein düsteres Szenario bereit: wer als Durchschnittsverdiener in Deutschland 2004 mit 20 Jahren in den Arbeitsmarkt eintrat, den erwartet laut OECD im Alter eine Rente in Höhe von 40 Prozent seines letzten Bruttoeinkommens. Zum Vergleich: ein dänischer Arbeitnehmer wird 78 Prozent, schwedische und finnische Arbeitnehmer werden jeweils 62 Prozent erreichen. Noch bemerkenswerter: legt man einen halben Durchschnittsverdienst zugrunde, wird sich beim deutschen Rentner nichts verändern. Der dänische Halbverdienst-Rentner indes wird 122 Prozent (!) seines letzten Verdienstes erhalten, der schwedische 80 Prozent und der finnische immerhin noch 71 Prozent.

Allein diese Zukunftsprojektion dürfte Grund genug sein, sich hierzulande gründlicher mit dem skandinavischen Wirtschafts- und Sozialmodell zu beschäftigen, das Oppacher im dritten Abschnitt vorstellt. Dessen Kennzeichen allgemein: hoher Lebensstandard bei relativ gleichmäßiger Einkommensverteilung, starke Umverteilung, gewichtiger öffentlicher Sektor (in Schweden und Dänemark arbeitet nahezu jeder dritte Beschäftigte für den Staat, in Deutschland jeder neunte). Wichtigste Felder: Erziehung und Bildung, Gesundheit; Fürsorge und Pflege. Die Frauenerwerbstätigkeit ist fast ebenso hoch wie die der Männer. Hinzu kommen eine relativ geringe Arbeitslosigkeit, vor allem eine extrem geringe Langzeitarbeitslosenquote.

Das nordische Modell ist auch durch starke Gewerkschaften (der „Organisationsgrad“ in Finnland liegt bei 80 Prozent!) und eine tarifvertragsgeprägte Lohnlandschaft geprägt. Dadurch existieren in den nordischen Ländern weder ein Niedriglohnsektor noch sind Mindestlöhne erforderlich!

Der skandinavische Sozialstaat erfasst jeden Erwerbstätigen, also auch Selbständige, Freiberufler und Beamte. Das egalitäre Denken zeigt sich vor allem bei der Krankenversicherung, die ganz überwiegend über Steuern finanziert wird. Besondere Wartezimmer für Privatpatienten gibt es in den nordischen Ländern weit weniger als anderswo.

Im Bereich der Altersversorgung gewähren Schweden, Dänemark und Finnland eine steuerfinanzierte Grundrente, die nicht an Beiträge gebunden ist. Daneben gibt es Ansprüche, die von Einzahlungen während des Erwerbslebens abhängen.

Dies alles kostet Geld, bedingt naturgemäß eine hohe Steuerbelastung der Bürger (was allerdings teilweise durch eine niedrige Sozialabgabenbelastung kompensiert wird: so beträgt in Dänemark der Arbeitnehmeranteil zur Rentenversicherung lediglich 2 Prozent). Dennoch: ein Schwede hat an seine Kommune zunächst 29 bis 35 Prozent seines Bruttoeinkommens abzuliefern. Verdient er mehr als 3300 € im Monat, sind nochmals zwischen 20 und 25 Prozent fällig.

Der nordische Mensch, auch der gutverdienende, scheint deshalb keine Revolution anzetteln zu wollen - Grund genug für Oppacher, Elemente dieses Modells auch dem deutschen Gesetzgeber zur Nachahmung zu empfehlen: Einbeziehung aller Erwerbstätigen in eine gesetzliche Krankenversicherung, Beschränkung der privaten Krankenversicherungen auf Zusatzleistungen, Einbeziehung auch der Beamten, Selbständigen und Freiberufler in die Rentenversicherung, Rückkehr zur Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit, Stärkung der Finanzkraft der Kommunen nach nordischem Vorbild, Rückkehr zu einem korporativen, oft als „rheinischer Kapitalismus“ geschmähten Wirtschaftsmodell.

Diskussion

Natürlich weiß der Autor um die Schwierigkeiten der Umsetzung seiner Vorschläge. Manches würde nur nach einer sehr langen Übergangszeit realisierbar sein. Aber bedenkenswert sind seine Anregungen allemal. Vorbildlich, nicht zuletzt für unsere „produktiven“, „steuerzahlenden“ mittelständischen sozialen Schichten, die angeblich die in den Hängematten Faulenzenden subventionieren, ist die Souveränität, mit der ihre sozialen Verwandten in Skandinavien dieses Sozialmodell – im eigenen Interesse - offensichtlich mittragen. Das Argument vom angeblich ineffektiven öffentlichen Sektor und die Forderung nach dessen Privatisierung entpuppt sich vor dem Hintergrund der skandinavischen Gegebenheiten als interessengeleitetes Gerede

Oppacher jedenfalls gibt dem „linken“ oder auch nur an Keynes oder dem Wirtschaftsweisen Bofinger Orientierten zahlreiche Argumentationshilfen an die Hand.

Formal ist kritisch anzumerken, dass viele interessante Gedanken und Informationen in den 361 (!!) Fußnoten versteckt sind. Einen Teil zumindest hätte man mühelos in den Text einarbeiten können.

Fazit

Ein anregendes, verständliches, gut lesbares Büchlein, das vor allem einen Einblick in das skandinavische Wirtschafts- und Sozialmodell gewährt, vor diesem Hintergrund die deutsche Wirtschafts- und Sozialpolitik kritisch beleuchtet und Vorschläge zu dessen Reform unterbreitet.

Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 31 Rezensionen von Walter Wangler.

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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 03.04.2010 zu: Andreas Oppacher: Deutschland und das Skandinavische Modell.. Der Sozialstaat als Wachstumsmotor. Pahl-Rugenstein (Bonn) 2010. ISBN 978-3-89144-426-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9431.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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