Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Po Bronson, Ashley Merryman: 10 schockierende Wahrheiten über Erziehung

Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 23.04.2010

Cover Po Bronson, Ashley Merryman: 10 schockierende Wahrheiten über Erziehung ISBN 978-3-570-50119-1

Po Bronson, Ashley Merryman: 10 schockierende Wahrheiten über Erziehung. Was eine Stunde Schlaf mit ADS zu tun hat, warum Sie Ihr Kind besser nicht loben sollten und warum besonders gut gemeinte Erziehung keine ´Engel´ produziert. Riemann Verlag (München) 2010. 370 Seiten. ISBN 978-3-570-50119-1. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,90 sFr.
Aus dem Englischen übersetzt von Richard Barth.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

In ihrem Buch zeigen Po Bronson und Ashley Merryman auf, dass viele weit verbreitete Annahmen über Kinder und deren Erziehung einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten.

Autor und Autorin

Po Bronson und Ashley Merryman haben zahlreiche Artikel zum Thema Erziehung veröffentlicht, u.a. für „Time”, die „Washington Post“ und das „New York Magazine”, und sind dafür mit mehreren Journalismus-Preisen ausgezeichnet worden.

Aufbau und Inhalt

In dem einführenden Kapitel verdeutlichen Po Bronson und Ashley Merryman, dass es keinen „Mutterinstinkt“ gibt – und auch keine anderen „Instinkte“ für den Umgang mit (Klein-) Kindern. Wenn Menschen also glauben, dass sie bei der Erziehung ihren „Instinkten“ folgen, so lägen sie oft daneben. Auch wären „Erziehungsweisheiten ein veritables Durcheinander an Wunschdenken, moralistischen Vorurteilen, Modeerscheinungen, persönlichen Erfahrungen und längst überholten psychologischen Erkenntnissen“ (S. 17). Mit Hilfe neuer Forschungsergebnisse wollen Bronson und Merryman falsche Vorannahmen widerlegen und Anstöße geben, Kinder in einem anderen Licht zu sehen. Dies geschieht in folgenden 10 Kapiteln:

  1. Lob kann kontraproduktiv sein. So zeigen wissenschaftliche Studien, dass Kinder, denen häufig gesagt wurde, wie intelligent sie seien, hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Sie strengen sich bei neuen Anforderungen wenig an und können nur schwer mit Misserfolgen umgehen. Besser wäre es, Kindern folgende Idee mit auf den Weg zu geben: „Das Gehirn ist wie ein Muskel. Wenn man es ordentlich trainiert, wird man gescheiter“ (S. 31). Nach anderen Untersuchungen führt ein hohes Selbstwertgefühl weder zu besseren Noten noch zu mehr beruflichem Erfolg, reduziert es weder Alkoholkonsum noch Gewalttätigkeit. Ältere Schüler erkennen auch, dass Lob von Erwachsenen häufig unehrlich ist oder taktisch eingesetzt wird (z.B. um schwache Schüler zu motivieren). Zudem führt zu häufiges Loben zu einem Verlust an intrinsischer Motivation. Stattdessen sollte die Anstrengungsbereitschaft von Kindern gefördert werden.
  2. Die verlorene Stunde. Viele Schüler sind tagsüber extrem müde oder schlafen sogar im Unterricht ein. Das liegt wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge daran, dass sie im Durchschnitt eine Stunde weniger schlafen als vor 30 Jahren. Dieser Schlafmangel beeinträchtigt die Gehirnentwicklung, die erst mit 21 Jahren abgeschlossen ist. Die negativen Folgen seien nicht nur abnehmende schulische Leistungsfähigkeit und psychische Stabilität, sondern wahrscheinlich auch Übergewicht, ADS, Launenhaftigkeit und Depressivität. Beispielsweise erzielen Kinder, die weniger als andere schlafen, schlechtere Testergebnisse und Schulnoten.
  3. Warum weiße Eltern nicht gern über Schwarze reden. Obwohl amerikanische Eltern sich als Befürworter des Multikulturalismus bezeichnen, reden sie mit ihren Kindern nur sehr selten über das Thema Hautfarbe. So zeigen weiße Kinder weiterhin Präferenzen für die eigene Gruppe und Vorurteile gegenüber anderen Gruppen. Je stärker Schulen rassisch gemischt sind, umso mehr halten sich Schüler an Kinder mit derselben Hautfarbe. Nur wenn Eltern und Lehrer von Anfang an das Ziel der Integration aktiv unterstützen, werden positivere Einstellungen zu anderen Ethnien entwickelt. Wenn Kinder aus Minderheiten von ihren Eltern auf Vorurteile gut vorbereitet werden, sehen sie die Welt als ihnen feindlich gesinnt an und führen Misserfolge eher auf Diskriminierung als auf mangelnde Anstrengung zurück.
  4. Warum Kinder lügen. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen wissen Erwachsene (auch Eltern!) zumeist nicht, ob ein Kind lügt – ja sie haben sogar falsche Erwartungen (z.B. dass Mädchen weniger als Jungen und kleinere Kinder seltener als größere lügen). Schon viele Vierjährige lügen – zu Hause etwa alle zwei Stunden. Kinder lügen, um einer Bestrafung zu entgehen oder um einen höheren Status in einer Gruppe zu erhalten. Oft lernen sie das Lügen von Erwachsenen, die im Durchschnitt einmal am Tag eine „Notlüge“ machen.
  5. Die Fahndung nach zukünftigen Nobelpreisträgern im Kindergarten. In den USA werden jedes Jahr zehntausende Kinder vor der Aufnahme an privaten Eliteschulen oder Programmen zur Begabtenförderung an öffentlichen Schulen getestet. Nach neueren wissenschaftlichen Studien sind diese Tests höchst unzuverlässig, um die späteren Schulleistungen vorauszusagen. Erst (Intelligenz-) Tests in der Mittelschule erlauben verlässliche Prognosen. Für Hirnforscher ist dies verständlich: In der Kindheit wird das Gehirn umstrukturiert, verlagern sich Denkprozesse in andere Bereiche. Werden Fünfjährige getestet, so haben in deren Gehirnen die radikalen Umwälzungen, die einmal ihre eigentliche Intelligenz ausmachen werden, noch nicht einmal begonnen.
  6. Was sich liebt, das neckt sich? Trotz vieler Studien konnten keine größeren Unterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern herausgefunden werden. Das könnte damit zusammenhängen, dass in Geschwisterbeziehungen sowohl positive als auch negative Kompetenzen erworben werden. Auch geraten Geschwister im Alter von drei bis sieben Jahren im Durchschnitt 3,5 Mal pro Stunde in Konflikte, wird oft das Jüngere schikaniert oder eingeschüchtert. Positive Beziehungen entstehen nur, wenn Geschwister zu Freunden werden.
  7. Rebellierende Teenager aus wissenschaftlicher Sicht. Jugendliche lügen oft ihre Eltern an, haben heimlich sexuelle Beziehungen, trinken Alkohol wenn unbeobachtet und verheimlichen Drogenkonsum – zumeist, um die Beziehung zu ihren Eltern nicht zu gefährden, aber auch um sich abzugrenzen und eine eigene Identität zu entwickeln. Maßvolle Konflikte mit den Eltern führen in der Regel zu einer besseren Anpassung als keine oder häufige Konflikte. Positiv wirkt sich aus, wenn Eltern mit sich verhandeln lassen und dann auch Ausnahmen von Regeln gestatten. Rund drei Viertel aller Jugendlichen haben ein gutes Verhältnis zu den Eltern – und die übrigen 25% haben sich zumeist schon vor der Pubertät häufig mit ihren Eltern gestritten. Die weitaus meisten Jugendlichen sind lernmotiviert, engagieren sich ehrenamtlich, arbeiten nebenher und interessieren sich für Politik: Die Wissenschaft zeichnet somit ein viel positiveres Bild von Jugendlichen als die Medien.
  8. Kann man Selbstdisziplin lernen? An Schulen gibt es viele Programme, die Kindern besondere Kompetenzen vermitteln sollen, die der Drogenprävention dienen oder mit deren Hilfe die Zahl der Schulabbrecher gesenkt werden soll. Nahezu immer zeigen unabhängige wissenschaftliche Studien, dass ihr Erfolg gering bis mäßig ist. Nur das Vorschulprogramm „Tools of the Mind“ erwies sich als sehr erfolgreich. Hier müssen Kinder lange Rollenspiele durchführen und auch bei anderen Aktivitäten viel Ausdauer zeigen. Es werden abstraktes Denken, Selbstreflexion, Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle gefördert.
  9. So ein braves Kind. Wissenschaftliche Studien zeigten, dass Kleinkinder, die „pädagogisch wertvolle“ Fernsehsendungen und Filme sahen, nicht nur annähernd gleich viel physische Aggressivität zeigten wie Kinder, die eher von Gewalt geprägte Filme wie „Power Rangers“ schauten, sondern auch mehr soziale und verbale Aggressivität. Als Ursache wird genannt, dass in „pädagogisch wertvollen“ Filmen oft über eine längere Zeit ein Konflikt zwischen zwei Figuren aufgebaut wird, der erst in den letzten Minuten aufgelöst wird. Das „soziale“ bzw. „verbale“ Konfliktverhalten wird dann von den Kindern übernommen. Aber auch (ungelöste) Streitigkeiten zwischen den Eltern, das Streben von Eltern, ihre Kinder vor jeder Bedrohung zu schützen, und soziale Beliebtheit (!) tragen zu Aggressivität bei. Diese wird oft eingesetzt, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren oder den eigenen Status in der Gruppe abzusichern. Sozial bzw. verbal aggressive Kinder werden von Lehrern oft übersehen. Sozial kompetente Kinder zeigen neben prosozialem Verhalten durchaus auch antisoziale Reaktionen (Drohungen, Gewalt, Hänseln), um an Macht zu gewinnen und „attraktivere“ Freunde zu werden. Solche „Doppelstrategen“ sind sowohl in Schule als auch im Leben erfolgreich.
  10. Warum Hannah schon sprechen kann und Alyssa noch nicht. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen ist der Wortschatz von Kleinkindern umso kleiner, je mehr sie fernsehen – selbst wenn sie in dieser Zeit „Baby Einstein“-Filme schauten. Kinder lernen sprechen, wenn sie mit Menschen interagieren, aber nicht durch Filme. Je mehr Wörter Babys hören, umso schneller wächst ihr Wortschatz – sofern Wörter auch mit vielen (nonverbalen) Interaktionen mit dem Kind verbunden sind: Babys von Eltern, die häufig auf ihre Laute und Sprechversuche reagieren, sind Kindern, deren Eltern selten reagieren, in der Sprachentwicklung um ein halbes Jahr voraus. Im zweiten Lebensjahr ist hilfreich, wenn die Eltern z.B. Gegenstände benennen, auf die sich die Aufmerksamkeit ihres Kindes gerade richtet.

Im Schlusskapitel berichten Po Bronson und Ashley Merryman, wie durch das Führen eines Dankbarkeitstagebuchs die Lebenszufriedenheit erhöht und materialistischen Einstellungen entgegengewirkt werden kann – aber nur bei Studenten, nicht bei Kindern. So machen sie erneut deutlich, dass man sich von der Annahme verabschieden muss, dass man von Erwachsenen auf Kinder schließen könne. Aber auch die Annahme, dass positive Eigenschaften bei Kindern ein Schutzschild gegen negatives Verhalten seien, wäre in ihrem Buch widerlegt worden.

Fazit

Das Buch ist eine interessante, abwechslungsreiche und wissenschaftlich fundierte Lektüre. Es wurde in einem lockeren Stil abgefasst, wie dies auch von zwei Journalisten zu erwarten ist. Po Bronson und Ashley Merryman haben viele Interviews geführt, aus denen sie zitieren. Sie präsentieren eine Reihe von Fallbeispielen und berichten auch über eigene Erfahrungen mit Kindern. Vor allem aber fassen sie eine große Anzahl zumeist amerikanischer wissenschaftlicher Studien interessant, prägnant und leicht verständlich zusammen. So ist ein gut lesbares, fast schon kurzweiliges Buch entstanden, das sowohl für Eltern als auch für Pädagogen relevant ist.

Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
Mailformular

Es gibt 72 Rezensionen von Martin R. Textor.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245