socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrike Petermann, Franz Petermann: Training mit sozial unsicheren Kindern

Cover Ulrike Petermann, Franz Petermann: Training mit sozial unsicheren Kindern. Einzeltraining, Kindergruppen, Elternberatung. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2006. 9., vollständig überarbeitete Auflage. 294 Seiten. ISBN 978-3-621-27597-2. 44,90 EUR, CH: 71,00 sFr.

Reihe: Materialien für die klinische Praxis.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-621-27709-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Störungen mit sozialer Unsicherheit führen bei den betroffenen Kindern zu einem Übungsdefizit beim Kompetenzerwerb, das die Schere zu altersgemäß entwickelten jungen Menschen immer stärker auseinander gehen lässt. Folge ist eine ungünstige Prognose im unbehandelten Störungsverlauf: Studien belegen eine hohe Persistenz der Störung, oft mit komorbid auftretenden psychischen Folgeproblemen. Interventionen sollten daher möglichst früh erfolgen und einen ausreichenden Trainingsanteil aufweisen. In Deutschland hat Ulrike Petermann 1983 das erste Manual zur Diagnostik und verhaltenstherapeutischen Behandlung sozial unsicherer Entwicklungsstörungen eingeführt, später kam Franz Petermann als Zweitautor hinzu. Das Trainingsprogramm, das längst zum Kanon unserer verhaltenstherapeutischen Literatur gehört, liegt nun in der 9., vollständig überarbeiteten Ausgabe vor.

Aufbau und Inhalte

Im ersten Kapitel Ausdrucksformen und Verlauf begründen die Autoren die Begriffswahl "Soziale Unsicherheit". Der Terminus fasst ein Störungsspektrum zusammen, das die Internationale Klassifikation ICD-10 als Störung mit Trennungsangst, Störung mit sozialer Überängstlichkeit, soziale Phobien und generalisierte Ängste differenziert. Die diagnostische Unterscheidung störungswertiger und altersnormaler Ängste setzt systematisierte Beobachtung und empirisch fundiertes Wissen über normale Entwicklungsvarianten voraus. Die zweite Kapitel geht gründlich und gut verständlich auf die  Diagnostik der sozial unsicheren Störungen ein. Die zentralen differentialdiagnostischen Kriterien werden diskutiert, Checklisten und Explorationsleitfäden vorgestellt und die wichtigsten Testverfahren beschrieben. Die Ausführungen zur Diagnostik sind auf dem neuesten Stand, konkret und anwendungsbezogen. Im nachfolgenden Buchabschnitt diskutieren die beiden Autoren Erklärungsansätze zur Störungsentwicklung. Aufgegriffen werden ausgewählte Befunde zu biologischen, psychischen und sozialen Faktoren der Störungsgenese. Die Autoren erstellen dabei eine idealtypische Konstruktion unterschiedlicher Störungsverläufe in Zusammenhang mit familiärer Vernachlässigung oder Verwöhnung. Als Interventionsverfahren werden ausschließlich verhaltenstherapeutische Ansätze genannt; eine Auseinandersetzung mit anderen psychotherapeutischen Behandlungsformen und Überlegungen zur differentiellen Indikation der unterschiedlichen kognitiv-behavioralen Methoden werden nicht vorgenommen. Übergeordnetes Ziel des Trainingsprogramms ist der Aufbau sozial kompetenten Verhaltens. Das Training zielt zum einen auf ein "Freisein" des Erlebens von sozialer Angst durch

  • Aufbau eines positiven Selbstkonzepts
  • Stärkung des Selbstvertrauens und
  • Förderung selbstsicheren Verhaltens,

zum anderen beabsichtigt das Übungsprogramm eine Verbesserung der sozialen Fertigkeiten durch

  • Förderung der Wahrnehmungs- und Rollenübernahmefähigkeit,
  • Förderung der Interaktionsfähigkeit und
  • Förderung der Selbstbehauptungsfähigkeit.

Die in den wesentlichen Zügen unveränderte Konzeption des Therapieprogramms umfasst Kindertraining einzeln und in der Gruppe, sowie Elternberatung, die in der vorliegenden Auflage weiter vertieft wurde. Das Einzeltraining umfasst für Schulkinder vier Einzelsitzungen 100 Minuten, bzw. bei jüngeren oder wenig belastbaren Kindern acht 50-minütige Sitzungen. Die Gruppenphase beginnt für alle Kinder mit 2 kürzeren Kennenlernsitzungen, anschließend erfolgen 6 Gruppensitzungen 100 Minuten (bzw. bei limitierter Belastbarkeit 12 verkürzte Termine). Hinzukommen insgesamt 6 Termine mit den Eltern. Die Stundenzahl liegt damit gegenüber vergleichbaren Trainings im oberen Bereich. Das Manual enthält nützliche Arbeitsmateralien für die Durchführung der Sitzungen, beginnend mit dem "Trainingsvertrag", der mit den Kindern geschlossen wird, dem "Detektivbogen" zur Unterstützung der Selbstbeobachtung, Selbstinstruktionskarten und Aufgabenlisten. Die Blätter für die Trainingsmappe des Kindes und alle weiteren Arbeitsmaterialien sind der aktuellen Auflage auf CD-ROM als PDF-Druckvorlagen beigefügt. Die Texte der zur Psychoedukation verwendeten Fotogeschichten sind gut gelungen, das Bildmaterial wirkt hingegen manchmal etwas in die Jahre gekommen. Ersatzweise kann Videomaterial zum Manual hinzubestellt werden. Das Übungsmaterial zur Emotionserkennung, die "Wolkenköpfe", stellt recht hohe Anforderungen an die Diskriminationsfähigkeit des Kindes. Andere Trainingsmanuale bieten meist eindeutiger unterscheidbare Basisemotionen dar. Im letzten Einzeltrainingsmodul steht die Einfühlung in störungsrelevante soziale Interaktionssequenzen im Fokus, Übungsmaterial sind abstrakte Comicgeschichten und Rollenspiele. Der Schwerpunkt der Rollenspielarbeit liegt im Gruppentraining. Die Übungen erfolgen graduiert hinsichtlich der trainierten Fertigkeiten und des vorgestellten Interaktionspartners. Beginnend damit, positive Gefühle gegenüber vertrauten Personen zum Ausdruck zu bringen, eigene Ansprüche gegenüber bekannten Personen durchzusetzen und Ansprüche anderer zu erkennen, steigt der Schwierigkeitsgrad bis zum "Äußern von Gefühlen, Meinungen und Kritik" gegenüber nicht verwandten Autoritätspersonen und Personengruppen. Die Rollen werden jeweils durch kurze Fotogeschichten eingespielt.

Neu in die aktuelle Auflage aufgenommen wurde das Training mit Kindergartenkindern. Aus der Resilienzforschung ist bekannt, dass die Fähigkeit zur kohärenten Versprachlichung der eigenen Erfahrung ein zentraler protektiver Entwicklungsfaktor ist. Petermann und Petermann rücken die Überwindung von Sprechängsten und die Verbesserung der verbalen Kohärenz konsequenterweise in den Fokus des vorschulischen Trainings. Die konkreten Trainigsmodule entsprechen konzeptionell dem Programm der Schulkinder. Für jüngere Kindergartenkinder werden die Aufgaben teilweise eine recht hohe kognitive Anforderung bedeuten. Die Elternberatung erfolgt psychoedukativ, gefördert wird das Verständnis für das sozialängstliche Erleben und für die typischerweise assoziierten, aufrechteerhaltenden Interaktionsprozesse im Bezugssystem. Günstige, auf Verhaltensmodifikation abzielende Alternativen werden vorgegeben. Die Schlusskapitel des Manuals geben Hinweise auf bereits durchgeführte Studien zur Effektivität des Trainings und Tipps zum Erlernen des praktischen Vorgehens. Ein Begriffsglossar und Stichwortverzeichnis beschließen das Buch.

Fazit

In der therapeutischen Auseinandersetzung mit sozial unsicherem Problemverhalten gilt das Kästnersche Moralprinzip: "es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Die Betroffenen brauchen zur Bewältigung ihrer Störung konkrete Impulse und Modellvorgaben. Ob jede einzelne Intervention dabei 100% trifft, ist weniger entscheidend als das Durchhalten eines gestuften Übungsprogramms, das der Betroffene selbst und seine Bindungspersonen als sinnvoll und zielorientiert erleben. Beim "Training mit sozial unsicheren Kindern" ist dies hundertfach erprobt der Fall. In der aktuellen Auflage hat es an Nutzerfreundlichkeit gewonnen. Besonders zu begrüßen ist der Versuch, das Training auf Kindergartenkinder auszuweiten. Es ist sehr zu wünschen, dass in dieser Altersgruppe systematische Erfahrungen mit Frühinterventionen bei sozial unsicheren Entwicklungen gesammelt werden.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
E-Mail Mailformular


Alle 39 Rezensionen von Christian Brandt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 02.11.2007 zu: Ulrike Petermann, Franz Petermann: Training mit sozial unsicheren Kindern. Einzeltraining, Kindergruppen, Elternberatung. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2006. 9., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-27597-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/944.php, Datum des Zugriffs 25.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung