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Elisa Bader: Bildungschancen und -aspirationen türkischer MigrantInnen [...]

Cover Elisa Bader: Bildungschancen und -aspirationen türkischer MigrantInnen in Deutschland und Australien. Vor dem Hintergrund divergierender institutioneller Konzepte im Umgang mit Migrationseltern. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. 119 Seiten. ISBN 978-3-8255-0760-2. 18,00 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Thema

Die PISA-Studie 2000 sowie diverse Bildungsberichte der Bundesrepublik Deutschland zeigen immer wieder, dass Kinder mit türkischer Migrationsgeschichte deutlich schlechter in der Schule abschneiden als andere Vergleichsgruppen. Da bekannt ist, dass die Eltern, deren Bildungserfahrungen und -aspirationen sowie Unterstützungsleistungen ihrerseits maßgeblich zum Schulerfolg der Kinder betragen, gibt es seit kurzem an deutschen Schulen Ansätze, die türkischstämmige und -sprachige Eltern in schulische Zusammenhänge gezielt stärker einbinden wollen, z.B. durch Elterninformationsabende oder mehrsprachige Elternabende.

Die vorliegende Arbeit nähert sich auf der Basis qualitativer Interviews, Fragebögen sowie Experteninterviews der Frage, „welche Entwürfe und Erwartungen die Eltern auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen an die Schulausbildung ihrer Kinder haben“ (Bader 2010, 63) und „ob und in welchem Maße divergierende institutionelle Konzepte im Umgang mit Migranteneltern Einfluss auf deren Erwartungen und deren Partizipation im schulischen Alltag nehmen“ (ebd.).

Autorin und Entstehungshintergrund

Elisa Bader (*1984) studierte Internationales Informationsmanagement, Politische Wissenschaft und BWL an der Universität Hildesheim. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin war sie an dem DAAD-geförderten Forschungsprojekt „Diversity and Social Security among Turkish Residents in Germany and Australia“ der Universität Hildesheim und der Monash University, Melbourne beteiligt. Das Forschungsprojekt untersucht Konzepte zur sozialen Sicherung innerhalb der türkisch-muslimischen Migrant(inn)engemeinschaften in Australien und Deutschland mit dem Fokus auf die Frage, ob und inwieweit türkische Muslime in den beiden verglichenen Ländern auf die traditionellen islamischen Institutionen sozialer Sicherung zurückgreifen oder sich auf die vom Staat gewährten Sozialleistungen einlassen. Die vorliegende Arbeit entstand aus der Magisterarbeit der Autorin, die sie im Rahmen des Forschungsprojekts verfasste.

Neben ihrer Tätigkeit für eine Kinder- und Jugendorganisation unterrichtet die Autorin an der Universität Hildesheim im Fach Soziologie.

Aufbau und Inhalte

Kapitel 1 (S. 5-18) nähert sich den theoretischen Grundlagen, auf die das Thema der Arbeit aufbaut. So wird zunächst der gegenwärtige Bildungsbegriff, wie er in Deutschland mit wandelnden Konnotationen im historischen Rückblick sowie aktuell (v.a. in politischen und medialen Bildungsdebatten) verwendet wird, besprochen - von Bildung als „Entfaltung und Entwicklung aller individuellen Kräfte, die das Leben im Ganzen in Anspruch nimmt“ im 18. Jahrhundert (Sandkaulen 2005, zit. nach ebd., 6) hin zu Bildung als „Investition und […] Ressource für das nationale und globale Wachstum“ ( ebd., 7) in heutigen kapitalistisch organisierten Informationsgesellschaften. Auch der Zusammenhang von Bildung und sozialer Sicherung im Kontext der beiden verglichenen Länder wird dargestellt. Daran anschließend erläutert die Autorin knapp die Rolle und Bedeutung der an der kindlichen Bildungsentwicklung beteiligten Akteure und Institutionen: Familie und Schule.

Kapitel 2 (S. 19-42) referiert überblicksartig die Geschichte der Einwanderung türkischer Migrant(inn)en in Deutschland, Kapitel 3 (S. 43-61) bezieht sich mit gleicher Intention auf Australien. Beide Kapitel greifen die familialen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen auf, die von den unterschiedlichen politischen und rechtlichen Reaktionen des jeweiligen Aufnahmelandes stark beeinflusst sind (z.B. Anwerbung von reinen Arbeitskräften in Deutschland vs. Anwerbung von neuen Staatsbürgern, die ihren Teil zum „population building“ beitragen, in Australien; Unterschiede in der Entwicklung eines Selbstverständnisses als Einwanderungsland etc.). Daran anschließend stellt die Autorin die grundlegenden Strukturen und Entwicklungen der Bildungssysteme in Deutschland und Australien dar, die sich insbesondere durch den stärkeren privaten Bildungssektor (türkische Privatschulen) und die auf die Anerkennung ethnischer Diversität zielenden bildungspolitischen Maßnahmen seit den 1970er Jahren in Australien, voneinander unterscheiden. Hiernach werden die konkreten Bildungssituationen der Schüler(innen) mit türkischer Migrationsgeschichte in beiden Ländern dargestellt, wobei in Australien die größten Schwierigkeiten im Übergang von Schule zur Berufswelt liegen, in Deutschland dagegen im Übergang von der Primarstufe zu weiterführenden Schulen. Abschließend stellt die Autorin beispielhaft einige Modellversuche und Konzepte vor, mit denen Schulen und / oder andere Initiativen, z.B. Migrant(inn)enselbstorganisationen, kooperativ die Zusammenarbeit zwischen Schulen und türkischstämmigen Eltern auf eine neue Grundlage stellen wollen.

In Kapitel 4 (S. 63-74) beginnt die Darstellung der empirischen Untersuchung. Zunächst wird die Fragestellung vorgestellt und in knapper Form einige Grundlegungen der qualitativen Sozialforschung skizziert, woran sich die Darstellung der in der vorliegenden Arbeit verwendeten Methoden anschließt: problemzentrierte Interviews nach Witzel, Fragebögen und Expert(inn)engespräche mit Repräsentant(inn)en der Schulsysteme in Deutschland und Australien (Lehrenden, Schulleiter(innen), Sozialpädagog(inn)en) und einem Vertreter einer interkulturellen Elternselbstorganisation in Deutschland. Zudem wird die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring als Auswertungsmethode sowie die verwendeten Analysekategorien vorgestellt.

In Kapitel 5 (S. 75-104) wird die Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten präsentiert. Insgesamt wurden zehn Personen interviewt (je fünf aus Deutschland und Australien), die mindestens ein schulpflichtiges Kind haben. An der Fragebogenuntersuchung nahmen 21 Personen teil und es wurden acht Expert(inn)eninterviews geführt.

Erkennbar wird hier, dass das elterliche Wissen um schulische Strukturen und Abläufe sehr unterschiedlich ist, was u.a. an den unterschiedlichen eigenen Schulerfahrungen im jeweiligen Aufnahmeland liegt, die je nach Einreisealter divergieren. Dem entsprechend variiert auch die Wahrnehmung der Möglichkeiten der eigenen Einflussnahme auf schulische Prozesse und Entscheidungen.

Es kristallisiert sich in den Interviews mit den Eltern, aber insbesondere mit den Lehrenden und dem Vertreter der Mirant(inn)eninitiativen ebenfalls heraus, dass Initiativen, wie beispielhaft in Kapitel 2 und 3 vorgestellt, die sich gezielt an türkischsprachige Eltern wenden, zur erhöhten Teilhabe türkischstämmiger Eltern führt. Insbesondere die Zurverfügungstellung sprachlicher Unterstützung (z.B. durch Dolmetscher oder türkischsprachige Leitungspersonen) baut Hindernisse und Hemmnisse ab.

Kapitel 6 (S. 105-106) schließt mit einem kurzen Fazit ab, in welchem die Autorin insbesondere die australischen Beispiele der Schule-Eltern-Kommunikation als Anlass für ein Kurz-Plädoyer für vermehrte schulische Einbeziehung von Familien sowie die Überwindung des „Amtssprache-Deutsch-Prinzips“ (ebd., 106) in der schulischen Elternarbeit nimmt.

Diskussion

Einige Teile der vorliegenden Arbeit sind etwas zu kurz ausgefallen, ihnen hätte durchaus mehr Raum gegeben werden können; dazu gehören die Methodendiskussion, die Darstellung der gewählten Untersuchungsinstrumente sowie der Aufriss des Erkenntnisinteresses und der Fragestellung. Hier bleibt die Autorin relativ oberflächlich bzw. kurz und knapp gehalten. Kritisch anzumerken ist zudem, dass die im ersten Kapitel besprochenen theoretischen Grundlegungen bei der Analyse und Interpretation nicht wieder aufgegriffen werden, dies bleibt den Lesenden vorbehalten. Insbesondere für die Abschlussanalyse und das Fazit wäre eine Rückkoppelung zu den theoretischen Grundlegungen des ersten Kapitels wünschenswert gewesen, um die Ergebnisse der Untersuchung auch theoretisch zu unterfüttern und ihnen mehr Argumentationskraft zu geben.

Denn die vorliegende Arbeit betrachtet ein sehr spannendes Feld der schulischen Arbeit, auf dem zurzeit (bisher leider vornehmlich) lokal einiges passiert: Die Frage, wie das deutsche Bildungssystem mit den Ergebnissen der PISA-Studie und der Bildungsberichte (dass Schüler(innen) mit türkischer Migrationsgeschichte im Durchschnitt deutlich schlechter abschneiden als andere Vergleichsgruppen) umgeht und v.a. darauf reagiert, ist hoch aktuell. Statt Schuldzuweisung in Richtung der türkischstämmigen Bevölkerungsgruppe und Verschärfungen der schulischen Selektion, muss hier das gesamte deutsche Bildungssystem, deren Strukturen, Wirkungsweisen und Selbstverständlichkeiten deutlicher hinterfragt werden. Dies geschieht bisher hauptsächlich durch „das Engagement und die Initiative einzelner Schulen oder Personen“ (ebd., 106), muss aber zukünftig strukturell verankert werden.

In diesem Zusammenhang sind Ländervergleiche, insbesondere mit klassischen Einwanderungsländern stets Erkenntnis erhellend (z.B. Sievers 2009, Dirim et al. 2008), denn hier werden eingespurte Selbstverständlichkeiten des monolingualen Habitus (Gogolin) des deutschen Schulsystems und auch der ausgrenzenden Tendenzen der deutschen Integrations- und Bildungspolitik deutlich. Zudem werden alternative Haltungen zum Umgang mit ethnischer und / oder religiöser Diversität und Konsequenzen daraus erkennbar: In der Auswertung der Interviews bemerkt die Autorin bspw., dass „die australischen InterviewpartnerInnen viel offener und ungezwungener mit ihrer religiösen Identität“ (ebd., 97) umgingen als die deutschen, die sich scheinbar in einer Position empfanden, „sich gegenüber extremistischen Glaubensgruppierungen abgrenzen zu müssen“ (ebd., 98-99).

Insgesamt wäre ein detaillierterer Ländervergleich spannend gewesen.

Die von der Autorin beispielhaft vorgestellten Projekte und Initiativen zu einer veränderten Elternarbeit der Schulen und deren Erfolge sind einen intensiveren Blick wert. Hier wären weitere und tiefer gehende Untersuchungen sehr spannend. Zu bedenken ist jedoch, dass es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Magisterarbeit handelt, deren zeitlicher und somit auch inhaltlicher Rahmen klar begrenzt ist.

Fazit

Die Arbeit von Elisa Bader beleuchtet ein wichtiges, spannendes und von der Forschung relativ neu entdecktes Feld der schulischen Elternarbeit mit bildungsbenachteiligten Bevölkerungsgruppen: neue Konzepte des gezielten Einbezugs, Aufgabe des monolingualen Habitus, Anerkennung der Beteiligten etc. Im Rahmen einer Magisterarbeit, die sich in explorativer Weise dem Gegenstand nähert, kann notgedrungen nur ein kleiner Einblick gegeben werden, der hier aber gut gelingt und einer weiteren und tiefer gehenden Beschäftigung den Weg bereitet.


Rezension von
Dipl.-Päd. Zita Beutler
- Interkulturelle Pädagogik - Leibniz Universität Hannover Philosophische Fakultät
Homepage www.interpaed.uni-hannover.de
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Zitiervorschlag
Zita Beutler. Rezension vom 07.09.2010 zu: Elisa Bader: Bildungschancen und -aspirationen türkischer MigrantInnen in Deutschland und Australien. Vor dem Hintergrund divergierender institutioneller Konzepte im Umgang mit Migrationseltern. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-8255-0760-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9440.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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