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Tobias Werron: Der Weltsport und sein Publikum

Cover Tobias Werron: Der Weltsport und sein Publikum. Zur Autonomie und Entstehung des modernen Sports. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. 512 Seiten. ISBN 978-3-938808-77-1. 44,90 EUR, CH: 73,00 sFr.
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Autor

Tobias Werron, Jg. 1970, studierter Jurist, ehemaliger Rechtsanwalt, ist heute Akademischer Rat an der Soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld. Seine Forschungsschwerpunkte: Soziologische Theorie; Theorie der Weltgesellschaft; Sportsoziologie.

Worum geht es?

Das Erkenntnisinteresse des durch Luhmann und Stichweh geschulten systemtheoretischen Autors gilt der Verknüpfung einer sportsoziologischen mit einer globalisierungstheoretischen These. Die letzte Umschlagseite des Buches kann diesbezüglich wie ein Prospekt des voluminösen Werkes gelesen werden: „Die sportsoziologische These besagt, dass nicht primär Athleten, nicht Funktionäre und Organisatoren, sondern die unablässigen Kommentare von Journalisten und anderen Beobachtern für die Entstehung des modernen Sports verantwortlich waren. Im Begriff ‘Weltsport‘ steckt die These, dass die Globalisierungsdynamik des modernen Sports auf der Fähigkeit beruht, einen eigenen Möglichkeitshorizont und in diesem Sinne eine eigene Welt zu entwerfen…“

Vom Spiel zum Sport

Man kann Fußball spielen oder ihn als Sport betreiben. (vgl. S. 38) Ist letzteres der Fall, steht der Wettkampf im Mittelpunkt, der von der leistungsvergleichenden Betrachtung des Publikums lebt. Jegliches Spiel beginnt erst da zum Sport zu werden, wo das kommentierende und evaluierende Betrachtetwerden hinzutritt (vgl. S. 23) und mit dem Publikum ein „öffentliches Gedächtnis“ ins Spiel kommt, in dem Legenden, Statistiken und Datenbanken angelegt werden, die Gesprächsstoffe ohne Ende bieten.

Einfacher gesagt: Spielen 11 Männer gegen 11 Männer Fußball, so wird ihr Treiben erst dann zum „Sport“, wenn der „12. Mann“ hinzutritt. Der 12. Mann, das Publikum, tritt aber erst dann hinzu, wenn es im Spiel um Sieg und Niederlage, Meisterschaft und Abstieg etc. geht und nicht primär um ein geselliges Vergnügen der Akteure (wie am historischen Anfang des Fußballs der Fall), bei dem der Ausgang des Spiels eine nachgeordnete Rolle spielt. Oft war in der Frühzeit des Fußballs das „Dinner nach dem Spiel der eigentliche Höhepunkt des Matches“. (S. 334) Moderner Sport ist also primär Zuschauersport und nicht Aktivenvergnügen. Mit dem modernen Sport setzt seine Professionalisierung und Globalisierung ein. Der „Professional“ löst den „Amateur“ ab; heute ist der Amateur, von dem einst alles ausging, nur noch ein Kauz. – Und die treibende Kraft dieser Entwicklung ist das Publikum: „Mit dem Publikumsbegriff rückt…die öffentliche Selbstbeobachtung des Sports vom Rand in das Zentrum der Theorie des modernen Sports…“ (S. 435)

Vom Wettkampfsport zum Weltsport

Mit dem Aufkommen der Massenkommunikationsmedien, angefangen mit Presse und Telegraphie, wird die „lokale Limitierung der Vergleichshorizonte“ (243) aufgehoben. Die Wettkämpfe lassen sich nun weltweit wahrnehmen, vergleichen und diskutieren. Lokalen Tabellen folgen „Weltranglisten“, Dorfmeisterschaften enden in „Weltmeisterschaften“.

Die großen Wettkampfsportarten – exemplarisch nennt das Buch immer wieder Fußball, Baseball und Basketball: Mannschaftssportarten allesamt, warum? – sprechen nun eine Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Insofern sind die Zuschreibungen für den modernen Sport zutreffend, wenn er eine „lingua franca“ genannt wird, ein „global idiom“ oder ein „Esperanto of races“ (vgl. S. 28)

Das Buch schildert, wie es dazu binnen weniger Jahre in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gekommen ist: Regeln müssen vereinheitlicht und weltweit durchgesetzt werden. (vgl. S. 344ff) Ein lokaler, nationaler und internationaler Wettkampfbetrieb muss organisiert werden. (vgl. S. 292ff) Ein weltweites Publikum und eine internationale Sportpublizistik kommunizieren die Ereignisse rund um die Uhr. Gegenstand der Kommunikation sind die Leistungen und Leistungsbedingungen der Athleten. Eine Eigenwelt des Sports (= „Autonomie“), eine „globale Leistungsvergleichswelt“ (S. 106) etabliert sich: Der „Weltsport“ und „sein Publikum“ sind zwei Seiten einer Medaille.

Das besondere Verdienst der Arbeit liegt darin, wie schon betont, die aktive Rolle des Publikums bei der Emanzipation der lokalen Spiele zum „Weltsport“ deutlich zu machen.

Das Publikum prägt den modernen Sport, aber es wird auch von ihm geprägt. Die wesentliche Sozialisationsleistung des modernen Wettkampfsports scheint darin zu bestehen, sein Publikum auf die geltenden Wettbewerbsbedingungen einzuschwören. Wer ein Fußballstadion betritt, besucht immer auch eine ideologische Schule, in der das Hohelied der vergesellschaftenden Kraft der Konkurrenz gesungen wird.

Publikumsfiguren

Was macht die Attraktivität sportlicher Wettkämpfe für das zuschauende Publikum aus? Das Buch unterscheidet vier „Erlebnispotentiale“ des Sports und ordnet diesen vier idealtypische „Publikumsfiguren“ (vgl. S. 110ff) zu:

  1. „Leistung“. Wird eine bestimmte Marke erreicht, überboten etc.? „Freundschaftsspiele“ sind für den Leistungsorientierten weniger interessant als „Meisterschaftsspiele“; man will ein „qualitativ gutes“ Spiel sehen und kein „schlechtes“. Manche gehen auch nur deshalb zum Wettkampf, weil sie gewettet haben und miterleben wollen, ob ihr Tipp gewinnt. – Der leistungsinteressierte Zuschauertyp heißt bei Werron „Opportunist“.
  2. „Kontingenz“. Die Ergebnisoffenheit der Wettkämpfe ist der ausschlaggebende Reiz. In Film und Theater weiß wenigstens einer, wie das Stück ausgeht; im Sport weiß es niemand. – Der kontingenzorientierte Zuschauer heißt im Buch „Experte“, weil das Spiel „lesen“ können muss (sprich: die Regeln verstehen), wer die Kontingenz erleben will. Was das Spektrum der Erlebnismöglichkeiten des Fußballspiels in dieser Dimension angeht, so haben wir es mit einem besonders „kontingenzfreundlichen“ Sport zu tun (vgl. S. 118). Man könnte auch sagen: der Fußball öffnet dem Zufall Tür und Tor. Hier liegt womöglich eine Erklärung für die weltweite Massenfaszination des Fußballs – und nicht des Wasserballs.
  3. „Identifikation“. Die „Parteinahme“ für die eine und gegen die andere Seite ist hier ausschlaggebend; das „Mit-Siegen“ beglückt, das „Mit-Verlieren“ bestürzt. – Der parteiische Zuschauertyp heißt im Buch „Fan“. Wie man zum Fan wird, über seine Sozialisation und Inauguration, verliert das Buch nur wenige Worte.
  4. „Präsenz“. Das Erleben vor Ort, die „Atmosphäre“ des Stadions (an der man selbst aktiv mitwirkt), die Ästhetik von Spielzügen („schönes Spiel“), die Erwartung von „Highlights“ und „Sternstunden“ stehen im Vordergrund. – Das Buch nennt den auf das Präsenzerleben focussierten Zuschauer „Eventhusiast“.(vgl. S. 137 ff), ein durchaus treffender Neologismus des Autors.

Fazit

Eine außerordentlich fleißige Arbeit eines stupend belesenen Autors! Fragt sich nur, ob der Erkenntnisgewinn einem Paradigmenwechsel gleichkommt, wie der Autor insinuiert, indem er die „Beobachtungsleistungen des Publikums“ (S. 421) in den Mittelpunkt seiner Beobachtungen rückt und für die dynamischen Entwicklungen des Sports seit rund 150 Jahren verantwortlich macht. Ungeachtet dessen bietet das Werk eine Vielzahl neuer „Kontaktmöglichkeiten“ zwischen soziologischer und historischer Forschung.

Das Buch ist in einem mitunter selbstgewissen Ich-Ton verfasst. Der Autor, hier merkt man seine Herkunft aus dem Rechtsanwaltsberuf, referiert und diskutiert nicht nur die ca. 700 Titel seines Literaturverzeichnisses, er hält stellenweise geradezu Gericht über sie. Große Namen schrecken ihn nicht ab. Auch Pierre Bourdieu und Norbert Elias, um nur zwei „Big Shots“ zu nennen, werden „beschränkte Denkmittel“ nachgewiesen. Wenn es in der Scientific Community so etwas wie „wissenschaftliche Zivilcourage“ geben sollte, so ist das vorliegende Buch ein Beispiel dafür!


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 04.08.2010 zu: Tobias Werron: Der Weltsport und sein Publikum. Zur Autonomie und Entstehung des modernen Sports. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. ISBN 978-3-938808-77-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9445.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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