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Richard David Precht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl

Cover Richard David Precht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2009. 397 Seiten. ISBN 978-3-442-31184-2. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 30,90 sFr.
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Macht es Sinn, über Liebe zu philosophieren?

Der gute Mensch ist mit sich selbst Freund, der schlechte nicht; das ist die Definition von philia, der Liebe, die Aristoteles mit Freundschaft und damit den Tugenden gleichsetzt; oder die Rousseau als Amour-propre und amour de soi (même) als Selbstliebe definiert. Bei der Wichtigkeit und Bedeutsamkeit eines liebenden (und nicht-liebenden) Miteinanders der Menschen nimmt es nicht Wunder, dass die Auseinandersetzungen über die Frage, was Liebe ist, so vielfältig sind wie die Antworten, die Menschen von den verschiedenen Positionen ihres Fragens aus formulieren: biologisch, geisteswissenschaftlich, weltanschaulich. Romane über Liebe, Filme, Theaterstücke… gibt es zahlreiche, mit Aha-Erlebnissen und Nonsens-Ergebnissen; aber niemand kann bisher schlüssig darstellen, was es mit dem Gefühl „Liebe“ auf sich hat, schon gar nicht, wenn es um die biologische Liebe geht. Denn „Liebe ist nur ein Wort“, wie dies Johannes Mario Simmel formuliert, oder „Es ist was es ist / sagt die Liebe“, wie es Erich Fried in seinem Gedicht ausdrückt, oder „Wo die Liebe hinfällt“, der Zufall, die Fügung, wie es das Sprichwort sagt - immer sind es unerklärliche Gefühle, die Menschen in Liebe verbindet; genau so wie der schmale Steg, der zum Gegenteil, zum Hass, führt.

Entstehungshintergrund und Autor

Der 1964 geborene Richard David Precht ist als Philosoph, Publizist und Autor schon vielfach hervorgetreten; und als einer, der in der Lage ist, komplizierte Fragen so zu stellen, dass sie verstanden werden; denn der Sinn der heutigen Philosophie liege darin, nicht mehr große Wahrheiten zu Tage zu fördern, sondern neue Zusammenhänge plausibel zu machen. In seinem Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? hat er in intelligenter Weise viele Fragen aufgeworfen, die für den Suchenden und Fragenden hilfreich sind (vgl. dazu die Rezension). Mit der Frage nach der Liebe – und zwar der geschlechtlichen, mysteriösen, immer wieder überraschenden Liebe zwischen Frau und Mann – fächert der Autor die „biologische Liebe“ auf in die vielfältigen Formen, Gefühlsäußerungen und Ausdrucksweisen, die von den verschiedenen wissenschaftlichen Positionen, der Biologie, der Psychologie, der Soziologie, aus betrachtet werden können. Dabei schreibt er selbstredend keinen „Liebes-Ratgeber“ oder gar eine Ausführungsbestimmung, sondern er befragt als Philosoph die Gefühls-Befindlichkeiten, mit dem Ziel, als Brückenbauer, nicht als Beckmesser zu wirken. Es sind unordentliche Gefühle, wie er sie nennt; was bedeutet, dass es außergewöhnliche Empfindungen sind, die bedacht, reflektiert, entwickelt und gepflegt werden müssen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in drei Teile, denen er jeweils einzelne Kapitel zuordnet:

  1. „Mann und Frau“,
  2. „Die Liebe“ und
  3. „Liebe heute“.

Im ersten Teil geht es um die Frage, was Liebe mit Biologie zu tun hat, um genetische Zusammenhänge, um Männer- und Frauenwünsche und die angeblichen und tatsächlichen Unterschiede im Denken und Verhalten der Geschlechter, und natürlich um die uralte Frage nach den Charakteren. Hier, wie auch bei den weiteren Kapiteln bezieht sich Precht, wie bereits in seinem Buch „Wer bin ich“, auf Protagonisten und wissenschaftliche Vertreter zum jeweiligen Themenbereich.

Im zweiten Teil wird reflektiert, was Liebe von Sex trennt, der Autor stellt das Sprichwort zur Disposition – „Liebe ist nicht alles im Leben, aber ohne Liebe ist alles nichts“ – indem er Ergebnisse aus der Emotions- und Gehirnforschung diskutiert. Auch hier wieder lernen wir Experten kennen, wie etwa Marshall Rosenberg, der mit seinem Konzept der gewaltfreien Kommunikation starken Einfluss auf unsere kognitiven und emotionalen Wissenszustände ausübt (vgl. dazu die Rezension zu Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens, steinbach sprechende bücher, 2007) und sind in der Lage, deren Erkenntnisse in einen neuen Zusammenhang zu stellen. Wenn wir verstanden haben, dass Liebe nicht einfach Emotion ist, sondern mehr, dann bedarf es der Nachschau, wie dieser Mehrwert zustande und woher er kommt. Es sind immer schöne, faszinierende, an- und aufregende, glaubwürdige und konstruierte Geschichten, die Richard David Precht in die jeweiligen Fragenpakete schnürt, etwa denen, welche Bedeutung persönliche und gesellschaftliche Einflüsse auf die vielfältigen Formen von berechnenden, kalkulierten, geplanten, überraschenden, blitzartigen, lang- oder kurzzeitigen… Beziehung haben., und was Liebes(kunst) mit Erwartungen, Vorstellungen, Entdeckungen, Überraschungen… zu tun hat.

Im dritten Teil schließlich geht es um die Frage, ob Liebe heute anders ist als die von den Altvordern verstanden; und wenn ja, wie und warum. Natürlich stimmt Precht der einfältigen Auffassung nicht zu, dass früher alles besser gewesen sei. Mit der soziologischen Interpretation, dass unser Leben heute im wesentlichen durch zwei Faktoren bestimmt werde – „Zugewinn an Freiheit und Verlust an Orientierung“ – benennt er die beiden Pole unseres modernen Selbstverständnisses: Individualisierung und Rückbindung. Wie sie in einer Liebesbeziehung wirken und was sie bewirken (können), hat sicherlich in starkem Maße Ratgebercharakter, erfordert aber auch Reflexions- und Veränderungsanstrengungen. In dem Zusammenhang gilt es auch, die zahlreichen, in den Medien und gesellschaftlichen Konsum- und Wertekanons präsentierten „Liebesbilder“ kritisch zu durchschauen und über die Analyse nachzudenken, dass die Allgegenwart der Sexualität der Grund für deren enormen Bedeutungsverlust sei.

Fazit

Ob es moralisch und gesellschaftlich zu bedauern ist, dass scheinbar früher in Erz und Stein wie in das Bewusstsein der Menschen gepflanzten Wertvorstellungen heute in Frage gestellt werden, sich Auffassungen von institutionalisierten Formen der Liebe, wie etwa Ehe und Familie, ändern, darüber reflektiert der Autor weder ideologisch, noch konservativ oder progressiv. Er bleibt bei seiner Auffassung, dass es besser sei, kluge Frage zu stellen, als fertige Antworten zu präsentieren. Es sind zum einen die Tatsachen, dass „unsere Gene ( ) uns zur Vermehrung (drängen), unsere Lust ( ) uns nach Lusterfüllung (drängt), unsere Emotionen ( ) uns dazu (motivieren), sie als Trieb oder als Liebesgefühle zu deuten, unsere Liebesgefühle ( ) liebevolle Gedanken aus(lösen), unsere liebevollen Gedanken ( ) Vorstellungen und Entdeckungen (wecken)“; zum anderen aber ist bei all dem zu bedenken: „Die Logik unserer Gene ist nicht die Logik unserer Lust, die Logik unserer Lust ist nicht die Logik unserer Gefühle, die Logik unserer Gefühle ist nicht die Logik unseres Denkens, und die Logik unseres Denkens ist nicht die Logik unseres Handelns“. Liebesfähig zu sein ist im Grunde genommen ganz einfach – und doch ungemein schwierig. Deshalb bedarf es des Nachdenkens, Nachschauens und sich Bewusstwerdens von der Einfachheit und Kompliziertheit dieses „unordentlichen Gefühls“. Liebe machen, das ist mehr als Sexualität; es ist eine Lebenskunst. Richard Daviv Precht zeigt das in kluger, nicht schulmeisterlicher und ratgeberhaften Weise gekonnt auf!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.05.2010 zu: Richard David Precht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2009. ISBN 978-3-442-31184-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9461.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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