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Richard David Precht: Wer bin ich - und wenn ja wie viele?

Cover Richard David Precht: Wer bin ich - und wenn ja wie viele? Eine philosophische Reise. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2007. 397 Seiten. ISBN 978-3-442-31143-9. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Goldmann.
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Wie passen die philosophischen, psychologischen und neurobiologischen Erkenntnisse über das Bewusstsein zusammen?

„Alles Interesse meiner Vernunft (das speculative sowol als das praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich thun? Was darf ich hoffen?“ – so bringt Immanuel Kant die Herausforderungen im „Zeitalter der Kritik“ in seinem Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) auf den Punkt. Die (richtige) Beantwortung dieser Fragen könne dazu beitragen, die entscheidende Erkenntnis darüber, „Was ist der Mensch?“, zu gewinnen. Das abendländische Denken, die Bestimmungen über Identität, Moral und Dasein, leiten sich von der Frage: „Wer bin ich?“ ab – ob man will oder nicht, ob es einem bewusst ist oder nicht, ob man diese Suche nun philosophisch, existentiell oder einfach nur alltäglich nennt. Dem erkennenden, existentiellen „ego sum“ – Ich bin – muss ja eine Selbst- und Welterkenntnis vorausgehen; das heißt, dass die Frage nach dem „Wer bin ich?“ einschließen muss die Frage nach dem: „Wer sind die anderen?“. Philosophen haben sich darüber zu allen Zeiten des menschlichen Denkens und Sinnens Gedanken gemacht, haben darüber gestritten und Gemeinsamkeiten definiert. Und doch, so stellt der Philosoph Richard David Precht fest, fehlt bis heute, trotz der vielen gelehrten Gedanken und Reflexionen, das Bemühen, „das systematische Interesse an den großen übergreifenden Fragen“ nicht nur in den Gelehrtenstuben zu diskutieren, sondern an den Mann, die Frau, das Kind zu bringen.

Autor und Inhalt

Der 1964 geborene Richard David Precht ist als Publizist und Autor in vielfältiger Weise hervorgetreten. In Zeitschriften-, Zeitungs- und Rundfunkbeiträgen formuliert er die Themen unserer Zeit philosophisch verstehbar und qualitativ erzeugend. In seinem neuesten Buch über die Liebe „Liebe. Ein unordentliches Gefühl“, 5. Aufl. 2009, siehe Rezension) stellt er heute den Sinn und die Aufgabe der Philosophie so dar: „Sie fördert keine großen Wahrheiten mehr zu Tage, sondern sie macht, bestenfalls, neue Zusammenhänge plausibel“. Der Frage „Wer bin ich?“ geht er mit den drei Kantischen Fragen an:

  1. „Was kann ich wissen? –
  2. „Was soll ich tun?“ –
  3. „Was darf ich hoffen?“.

Eine existentielle Standortbestimmung bedarf der zeitlichen und räumlichen Vergewisserung. Der Autor wendet dazu die intelligente Methode an, dass er die jeweiligen Fragen, wie –

Woher kommen wir?

  • Wer ist ich?
  • Wer sind wir?
  • Was ist Wahrheit?
  • Was sind Gefühle? … Gedächtnis? Sprache?

– im ersten Teil Orten und Landschaften zuordnet, die in der Menschheitsgeschichte eine besondere Bedeutung gewonnen haben: Sils Maria, um Friedrich Nietzsche ins Spiel zu bringen; Hadar, um die Entstehung der Menschen zu diskutieren; Madrid, um sich auf die Spuren der rationalen Psychologie zu begeben; Wien, um den Zusammenhang von körperlichen Empfindungen und geistiger Vorstellung zu verdeutlichen…

In der gleichen Weise begibt er sich im zweiten und dritten Teil mit den Kantischen Fragen „Was soll ich tun?“ und „Was darf ich hoffen? auf die Entdeckungsreise wie: „Brauchen wir andere Menschen? und den vielfältigen Aspekten der Moral und der, ob der Mensch, etwa in der Gehirnforschung, in der Gentechnik, usw., alles tun darf, was er kann; wie schließlich auch nach den Fragen aller Fragen, wie: Gibt es Gott? Was ist Liebe? (diese Frage diskutiert er ausführlich in dem Buch: Liebe. Ein unordentliches Gefühl) Was ist Freiheit? Was ist ein glückliches Leben?

Fazit

Bei allem Suchen, Zweifeln, Bestätigen und Infragestellen von Gewissheiten hält Precht es mit dem Zauberer Dalben in Lloyd Alexanders Prydain Chronicles, wenn er sagt: „Oft ist die Suche nach der Antwort wichtiger als die Antwort selbst“. Das ist wohl das Geheimnis, wenn man sich auf die Suche nach dem Ich begibt: Fragen lernen, sich fragen trauen, neugierig auf sich und die Welt, die Mitmenschen zu sein und Respekt zu haben vor sich, den anderen Lebewesen und der Natur. Dazu gehören die philosophischen Paradigmen, wie sie uns überliefert und eingeschrieben sind, wie etwa der Kategorische Imperativ, der sich volkstümlich ausdrückt in: „Was du nicht willst, das man dir tu`, das füg` auch keinen andern zu!“ und in der Bereitschaft und Fähigkeit, das eigene Leben mit eu zên, einem guten Leben zu füllen. Elke Heidenreich hat den Lesern den Rat mit gegeben: „Wenn Sie dieses Buch lesen, haben Sie den ersten Schritt auf dem Weg zum Glück schon getan“. Es ist keine Rezeptologie, sondern eine Anregung zur eigenen Anstrengung!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.05.2010 zu: Richard David Precht: Wer bin ich - und wenn ja wie viele? Eine philosophische Reise. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2007. ISBN 978-3-442-31143-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9462.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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