socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kirsten Aner, Ute Karl (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter

Cover Kirsten Aner, Ute Karl (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 548 Seiten. ISBN 978-3-531-15560-9. 49,95 EUR.

Reihe: OlinePlus.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Stellt man sich die Soziale Arbeit als eine große und ständig weiter wachsende Familie vor, so ist die Soziale Altenarbeit eines der jüngsten Kinder dieser Familie. Bisweilen ungeliebt zeigt sich die Soziale Altenarbeit in Ausdifferenzierung ihres Angebotes und theoretischer Durchdringung ihres Gegenstandes als sehr entwicklungsfähig.

In ihrer Einführung skizzieren die Herausgeberinnen die Soziale Altenarbeit also zu Recht als „randständig“. Sie verweisen darauf, dass die Lebensphase Alter nicht in gleicher Weise rechtlich gerahmt sei wie die Lebensphasen Kindheit und Jugend. Da für ältere Menschen kein eigenständiges Leistungsrecht existiere, liege es in der Hand der Kommunen, in welchem Umfang sie Unterstützungsangebote vorhalten. Die Infrastruktur und Ausgestaltung der Unterstützungsangebote vor Ort sei vor diesem Hintergrund – so die Herausgeberinnen weiter – „stärker durch regionale Bundes- oder Landesförderungsschwerpunkte als durch ein einheitliches fachliches Profil geprägt.“ (S. 9) Dieser marginalen und gewissermaßen rechtlich unsicheren Position steht die Gerontologisierung Sozialer Arbeit entgegen: Angesichts der demographischen Entwicklung wächst in vielen Feldern der Sozialen Arbeit (etwa: Beratung, Bildung, Gesundheit etc.) der Bedarf an gerontologischen Erkenntnissen. Die Herausgeberinnen gehen als Grundlage des Handbuchs von der Annahme eines potentiellen Bedarfs an Begleitung und Unterstützung für ältere Menschen aus, den sie lebenslauftheoretisch begründen: Der Übergang in die Lebensphase Alter gehe mit besonderen Aufgaben einher, die sich von denen anderer Lebensphasen unterscheide; z.B. dadurch, dass kritische Lebensereignisse in einer Lebensphase bewältigt werden müssen, „…die durch zahlreiche Weichenstellungen der Vergangenheit ebenso gekennzeichnet ist wie durch die Tatsache, dass die verbleibende Lebenszeit in ihrer Begrenztheit anerkannt werden muss“ (S. 11).

Dies ist Ausgangsposition und Motiv zugleich für das vorgelegte Handbuch. Sein Konzept wird – dem Gegenstand angemessen - als „multiperspektivisch“ und interdisziplinär gekennzeichnet.

Aufbau und Inhalte

Das Handbuch ist in vier Teile gegliedert:

  1. Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen
  2. Sozialrecht, Sozialpolitik und Lebenslagen im Alter
  3. Soziale Konstruktionen des Alters
  4. Altersforschung

Die ersten beiden (umfassendsten) Teile (zusammen 390 Seiten) enthalten jeweils drei Kapitel, denen dann jeweils wiederum einzelne Beiträge zugeordnet werden. Das erste Kapitel des ersten Teils thematisiert „Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen“: Der Beitrag von Peter Hammerschmidt beschäftigt sich mit „Soziale/r Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe-)politik“, Walter Asam zum einen und Karin Sonja Rohden und Hans Jürgen Villard zum anderen stellen Aspekte (Rahmen, Standards, rechtliche Einbindung) kommunaler Altenhilfeplanung vor.

Kirsten Aner zeichnet in ihrem grundlegenden Beitrag „Soziale Altenhilfe als Aufgabe Sozialer Arbeit“ vor allem historische Entwicklungslinien der Fachlichkeit Sozialer Arbeit im Kontext von Sozial- und Altenpolitik nach. Dabei ist ihrer Bestandsaufnahme zuzustimmen, dass die letzten Jahre von einer Art nachholender Entwicklung des Theoriediskurses Sozialer Altenarbeit gekennzeichnet sind, die aber nicht darüber hinweg täuschen dürfen, dass Soziale Altenarbeit in der Realität nach wie vor oft in prekären Anstellungsverhältnissen geleistet werde, ihre Kompetenzen nicht in dem ihr möglichen Maße einbringen könne und in Konkurrenz zu den Diskursen und Angeboten der gesundheitspflegerischen Berufe stehe.

Cornelia Kricheldorff skizziert, das erste Kapitel abschließend, „Ausbildung und Weiterbildung von Fachkräften Sozialer (Alten-)Arbeit“.

Das zweite Kapitel stellt in elf Beiträgen Felder der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen vor: Freizeitorientierte Soziale Arbeit, Kulturelle Bildung und Kulturarbeit, Bildungsarbeit, Soziale Altenarbeit in Beratungsstellen, Krankheitsprävention, Soziale Altenarbeit in der Rehabilitation, im Krankenhaus, in der Geriatrie, in der Gerontopsychiatrie, in der Palliativersorgung und in der pflegerischen Versorgung.

Dabei wird jeweils der rechtliche Rahmen, die Finanzierung und Trägerschaft, die Entwicklung der Beschäftigten im Feld sowie Stand und Perspektiven der Professionalisierung berücksichtigt.

Kapitel 3 versammelt fünf Beiträge unter dem Titel „Besonderheiten der sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen“: Hier skizziert etwa Lothar Böhnisch einen „sozialisatorischen Bezugsrahmen“ für „Alter, Altern und Soziale Arbeit“ und Kirsten Aner blickt auf Generationenbeziehungen in der sozialen Beratung älterer Menschen.

Teil II beschäftigt sich mit Lebenslagen älterer Menschen im Kontext von Sozialrecht und Sozialpolitik. Das erste Kapitel legt den Schwerpunkt auf „Sozialrecht und Sozialpolitik für alte Menschen“: Es findet sich hier eine historische Skizze zum Thema (Peter Hammerschmidt/Florian Tennstedt) und jeweils Übersichtsartikel zur gesetzlichen Rentenversicherung (Hans-Ulrich Weth), zum Lebensunterhalt außerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung (Helga Spindler), zur Kranken- und Pflegeversicherung (Stephan Rixen) und zum Thema Betreuung und Betreuungsrecht (Gerhard Fieseler/Wolfgang Raack).

Im zweiten Kapitel werden zentrale Lebenslagen wie Einkommen (Dietrich Engels), Wohnen (Wolfgang Voges/Melanie Zinke), Soziale Netzwerke (Harald Kühnemund/Martin Kohli), Gesundheit und Krankheit (Hans-Günther Homfeldt) und Bildung (Karin Stiehr/Mone Spindler/Joachim Ritter) gesichtet.

Das dritte Kapitel stellt – ähnlich wie im ersten Teil – eine Art Container-Kapitel dar, das acht inhaltlich sehr unterschiedliche Beiträge unter dem Titel „Spezifische Themen und Probleme“ versammelt: Das Spektrum reicht von Delinquenz älterer Menschen (Thomas Görgen/Werner Greve/Arnd Hüneke) über „Alte Menschen mit Migrationshintergrund“ (Wolfgang Schröer/Cornelia Schweppe) zum Thema „Sterben und Tod“ (Stefan Dreßke).

Teil III verdeutlicht aus verschiedenen disziplinären Perspektiven (Soziologie, Geschichte, Kulturwissenschaft, Psychogerontologie) die soziale Konstruktion des Alters.

Drei Beiträge in Teil IV sichten den Stand der Altersforschung: Clemens Tesch-Römer und Andreas Motel-Klingebiel stellen zentrale Erkenntnisse der sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Gerontologie in der Bundesrepublik Deutschland vor, Frank Schulz-Niesewandt und Kristina Mann die Altenberichte der Bundesregierung und Hans-Joachim von Kondratowitz die international vergleichende Alternsforschung.

Fazit

Das Handbuch schließt auf überzeugende Art und Weise eine schmerzhafte Lücke im Wissensbestand Sozialer Altenarbeit innerhalb der Sozialen Arbeit. Dadurch stärkt es die Perspektive des Potentials Sozialer Arbeit im weiten Spektrum der – weitgehend von Medizin und Pflege dominierten - Altenhilfe. Diese Perspektive hätte an der einen oder anderen Stelle noch verstärkt werden können – z.B. fehlt beim Thema Sterben und Tod ein Beitrag, der die spezifischen Zugangs- und Bearbeitungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit herausarbeitet.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
E-Mail Mailformular


Alle 17 Rezensionen von Heinz Bartjes anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 10.08.2010 zu: Kirsten Aner, Ute Karl (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-15560-9. Reihe: OlinePlus. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9481.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!