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Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien

Rezensiert von Dorothea Dohms, 13.12.2010

Cover Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien ISBN 978-3-8376-1371-1

Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis. transcript (Bielefeld) 2010. 236 Seiten. ISBN 978-3-8376-1371-1. 25,80 EUR. CH: 45,80 sFr.
Reihe: Sozialtheorie
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Autorin

Hannelore Bublitz, Jahrgang 1947, studierte Soziologie, Philosophie und Psychoanalyse an den Universitäten Heidelberg und Frankfurt a. M. 1979 promovierte sie an der FU Berlin und habilitierte sich 1984 an der RWTH Aachen. Seit 1995 ist sie Professorin für Allgemeine Soziologie, Sozialwissenschaften und Sozialphilosophie an der Universität Paderborn.

Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Selbststeuerungs- und Normalisierungsdynamiken in modernen Gesellschaften; Forschung zur Verschränkung sozialer Technologien und Ökonomien in der Massenkultur; Technologien des Körpers, des Geschlechts und des Selbst. Mitgliedschaften in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS):

  • Sektion Soziologische Theorie
  • Sektion Kultursoziologie
  • Sektion Frauen- und Geschlechterforschung

Lieferbare Titel:

  • Diskurs. transcript Verl. 2003.
  • Judith Butler zur Einführung. Junius Verl. 2010.
  • Automatismen. W. Fink Verl. 2010.

Nicht mehr lieferbar

  • Das Geschlecht der Moderne. Campus Verl. 1998.
  • Das Wuchern der Diskurse. Campus Verl. 1999.
  • Foucaults Archäologie des kulturellen Unbewussten. Campus Verl. 1999.
  • Der Gesellschaftskörper. Campus Verl. 2000.
  • In der Zerstreuung organisiert. transcript Verl. 2005.

Vorbemerkung

Bewusst wird im folgenden der Versuch einer Inhaltsbeschreibung mit eigenen Worten umgangen und Diktion und Wortwahl der Autorin in Auszügen übernommen, um den begrifflichen Schwierigkeitsgrad der vorliegenden Schrift deutlich zu machen.

Die Inhaltsangabe erfolgt als Reihung von Zitaten aus der zusammenfassenden Einleitung der Autorin.

Inhalt

„Der Titel des Buches… bringt die Relationalität und Spannung zum Ausdruck, in der sich Subjektivierung als Unterwerfung und Bildung des Subjekts… vollzieht. In der medialen Wortergreifung und Spiegelung unterwirft sich das Subjekt zwar medial vorgegebenen Subjektmodellen, die als Applikationsfolien fungieren, aber zugleich rufen die öffentlich-medial inszenierten Bekenntnisrituale und Geständnispraktiken das extensiv ausgeleuchtete Subjekt als solches ins Leben und geben ihm öffentliche Bedeutung…“

„In der medialen Anordnung des Beichtstuhl-Dispositivs zeigt sich (alle folgenden Hervorhebung durch die Autorin) die Masse der Vielen… als Subjekt,… das sich in der Unterwerfung unter ein mediales Blick-Regime als aus der Masse herausgehoben entziffern lässt.“

Kapitel 1 (In den Kulissen der Macht: Der Körper des Königs)

Der „Begriff der Repräsentation“… verweist auf den ‚Körper des Königs‘ (Foucault), der Herrschaft, gebunden an die Person, in der symbolischen Erweiterung des Körpers im öffentlichen Raum zeichenhaft sichtbar und sinnfällig macht. Im Zentrum… steht die Person, verpflichtet, … immer maskiert zu sein. Ihr öffentlicher Auftritt operiert in der… Spannung von… darstellender und… verstellender Repräsentation. Dieses Modell… bestimmt… dann auch die Öffentlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft, in der die… bürgerlichen Privat- und Geschäftsleute sich ihrer selbst gegenseitig vergewissern.“ (I)

„Im 19. Jahrhundert… begegnen sich die unterschiedlichen Individuen zwar als Gleiche, aber das Modell der erst repräsentativen, dann auch kritischen Öffentlichkeit wird unterminiert durch ein Netz ökonomischer Abhängigkeiten, das sich gleichsam als ‚Geschäftskörper‘ hinter dem Rücken der Individuen durchsetzt und sie in ein ökonomisch ausgewiesenes Beziehungsgeflecht sozialer Tausch- und Verkehrsformen einbindet.“ (II)

„Im Eindringen der Marktgesetze ins Privatleben und im… Warenkonsum findet sich… die Grundlegung der Grenzziehung des Privaten zum öffentlichen Bereich als auch derjenigen Verdinglichung- und Verfallserscheinungen, die zu ‚Pseudoöffentlichkeit‘ und ‚Scheinprivatheit‘ führen.“ (III)

„Seitdem scheint die öffentliche Kultur im Verfall begriffen, was sich… nicht nur in der Entgrenzung von Privatleben und Öffentlichkeit, sondern auch im… obsessiven Interesse an der eigenen Person… zeigt.“ (IV)

„Die Allgemeinheit… (wird) zum Steuerungs- und Normierungsinstrument des modernen Individuums, das sich… an deren Signalen ausrichtet. 50 Jahre später erscheint die ‚Sucht nach Öffentlichkeit‘ (Eco) als Kehrseite dieses Phänomens, das auf die Globalisierung der Ökonomie und Vorherrschaft der Kommunikationsapparate zurückgeführt wird…“ (V)

Kapitel 2 (In den Kulissen der Macht: Das Subjekt, das sich selbst spricht)

„Die Selbstrepräsentation des Subjekts (erfolgt) durch Wortergreifung im Blick der anderen.“ (Die Beichte) „ist der Ort der Geständnispraktiken, die zu permanenter Gewissens- und Selbstprüfung führen soll.“ (I)

„In der modernen Gesellschaft geht es… darum, sich als… Individuum zu präsentieren, das… sich in der Gesellschaft immer wieder in Relation zu anderen sozial positioniert. Individualität erscheint… gebunden an Dimensionen sozialer Zurechnung und Zuschreibung sowie an institutionalisierte Praktiken der Selbstsorge. … Normalisierung erscheint… als Effekt einer vorweggenommenen Verallgemeinerbarkeit.“ (II)

„Der Beichtstuhl… fungiert als Anordnung und Kontrollsystem, das Verborgenes bis ins kleinste Detail zutage fördert und das Subjekt zur Rechenschaft zieht … In diesen Sprechakten… entsteht ein Subjekt, das sich medial artikuliert und präsentiert, um… zu werden, was es ist“… (In der Beichte) „verschränken sich Beobachtung und Selbstbeobachtung als Instrumente einer panoptisch, heteronom arrangierten Disziplin…“(III)

Kapitel 3 (In den Kulissen der Macht: Postdisziplinäre Techniken der Selbstführung)

„Vielfältige Formen der ‚Selbstentfaltungskultur‘ bringen das Subjekt ‚zum Sprechen‘, dessen marktförmig ausgerichtete Form der Selbstentfaltung zum Kriterium einer gelungenen Lebensführung geworden ist. Selbstpräsentation (erfüllt)…dynamisch wechselnde Selbstoptimierungsstandards.“ (I)

„Das Selbst (bildet)… eine semiotische Projektionsfläche fluider Zeichensprachen und ästhetischer Formen der Fremd- und Selbstwahrnehmung… (und ist) an die Fiktionalisierung eines offenen Erwartungshorizonts und die Realisierung fiktional erschlossener Möglichkeiten angeschlossen.“ (II)

„Während die Disziplin das Individuum in institutionalisierte Milieus einschließt, tritt in der Kontrollgesellschaft an ihre Stelle seine kontinuierliche Variation und Modifikation.“ (III)

„Das sich selbst führende Subjekt entspricht einer durch Sicherheitsdispositive kontrollierten Gesellschaft, in der sich die Normalisierung… mit hochgradiger Individualisierung verschränkt.“ (IV)

„In deren Fokus steht die ‚freiwillige‘ Selbstkontrolle und –korrektur, die auf der gesellschaftlich erzwungenen Freisetzung selbstregulativer Mechanismen und… selbstgesteuerten Rückkoppelungsprozessen beruht.“ (V)

Kapitel 4 (Mediale Selbsttechnologien)

„In der Selbstentfaltungskultur (betritt)… der ‚Körper des Königs‘… in Gestalt der Vielen die mediale Bühne und die des Marktes, auf denen sich das Subjekt als kreativ-unternehmerisches und ästhetisch-expressives Selbst präsentiert. … Selbstführungs- und Selbstentfaltungskulturen stehen im Zusammenhang mit der Transformation von Medientechnologien, die das Subjekt in ästhetischen, experimentellen und… quasi-marktförmigen Haltungen der Entscheidung zwischen Optionen einüben.“(I)

„Die Medien (bieten sich) als Folie für den … Umgang mit Formen der Selbst-Repräsentation. … In der… Bewegtheit des Subjekts… verweist die unablässige Bewegung und Dynamik… auf die Zersetzung sämtlicher Sicherheiten und den Verlust (einer) sicheren Selbstbegründung.“ (II)

„Experimentelle Selbstbezüglichkeit und Stilisierungsfähigkeit im Umgang mit sich selbst bilden das zentrale Merkmal einer subjektiven Selbstreferentialität…“ (III)

„Im… szenischen Arrangement… zeigt sich eine Ästhetik der Selbstinszenierung, in der sich ästhetische und ökonomische Codes verschränken.“ (IV)

„Es konstituiert sich ein öffentlich und medial verfügbares Subjekt, das sich in medialen Verzeichnissen spiegelt…“ (V)

Kapitel 5 (Öffentliche Manifestation des Subjekts in medialen Verzeichnissen: Therapeutik des Alles-Sagens)

Als beispielhaft für die Selbstinszenierung „prekärer Subjekte“, für deren lustvolle und/oder tabubrechende Bekenntnisse gilt hier die mitternächtlicheTalksendung Domian, ein Format, in dem „sich Abweichungen vom Normalen manifestieren, zum Material einer Aufmerksamkeitsökonomie werden, die Normalisierung und Selbststeuerung an vorgegebenen Standards des Moderators der Sendung binden. … Sprechen und Zuhören, beides Elemente der Anordnung des kirchlichen wie medialen Beichtstuhldispositivs, bilden den Rahmen derjenigen Psychotechniken, die die tradierte Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Innen- und Außenwelt unterlaufen, aber auch aufrufen.“

Kapitel 6 (Öffentliche Manifestation des Subjekts: Selbstpraktiken im Netzwerk medialer Verzeichnisse)

„Hier kommt das Subjekt zum Vorschein, das… zu verschwinden droht. … Inszenierungen eines unverwechselbaren Selbst werden… in den Rahmen einer gemeinsamen, globalen Kommunikation gestellt…“ (I)

„ ‚Gebeichtet‘ wird auch im ‚voyeuristischen‘ Szenarium standardisierter Fernsehshows und Internetportale, ein Begehren, in dem sich ein kollektives Imaginäres spiegelt.“ (II)

„Das Subjekt… positioniert sich immer im Abgleich und in Relation zum anderen.“ (III)

„Das faktische Leben (erscheint) auf der Folie eines medial gespiegelten möglichen Lebens als bloß hypothetische Existenz… Das Subjekt (bewegt sich)… an der Schwelle eines unbestimmten, ‚maßlosen Raums‘, der… zum Normalzustand wird.“ (IV)

Schlussbetrachtung

„Die Zirkulation des Subjekts in Datenströmen, immer verlinkt mit Ranking- und Skalierungsverfahren, ist der Vorgang seiner Produktion: Es ist, was es als Person darstellt und zirkulieren lässt, zum Austausch bringt. … Was öffentlich in Erscheinung tritt, ist ein Selbst, das medial gegenwärtig ist, sich aber zugleich jeder eindeutigen Verfügbarkeit und Zuordnung entzieht.“

Fazit

Hinter dem durchaus griffigen Titel „Im Beichtstuhl der Medien“ verbirgt sich ein in weiten Teilen sperriger Text. Wenn die wissenschaftliche Terminologie der Alltags-Schriftsprache allzu sehr zu entgleiten droht, kann man dies als lediglich ärgerlich noch hinnehmen. Wenn aber über weite Strecken hinweg der Text schier unverständlich bleibt, scheint mir das nicht mehr akzeptabel zu sein. Ein wissenschaftlich aufbereiteter Text darf für den interessierten Laien in Teilen durchaus schwer verständlich sein und Geduld beim Lesen erfordern, wenn er jedoch durch rücksichtslos kopflastiges Akademikerdeutsch sich auch dem geduldigsten Leser zu entziehen droht, durch verquere Abstraktionen, die den Bezug auf die Leserschaft oft genug schmerzlich vermissen lassen, das Textverständnis zusätzlich erschwert, dann ist die Frage nach dem Sinn eines solchen Textes durchaus legitim. In Wortwahl und Satzkonstruktion entfernt sich diese Schrift zunehmend weg vom Primat der Verständlichkeit. Erst ab S. 126 („Domian“) erweckt sie zeitweilig das Interesse des Lesers, was wohl der Tatsache zu verdanken ist, dass hier Mitschnitte der Sendungen zum Teil wortgetreu ausgewertet wurden. Dennoch schmälern auch hier Sätze wie der folgende das Lesevergnügen: „Kathartischer Effekt dieser (Selbst-)Reinigungsprozedur ist das sich selbst transparente Subjekt, das im Medium einer anonymen medialen Öffentlichkeit spricht und sich damit im Normalisierungsfeld psychotechnischer Subjektkonstruktionen positioniert. Qua Sprechakt gelingt es dem medial angehörten Subjekt, sich immer wieder neu zu (re-)konstituieren.“

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 13.12.2010 zu: Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1371-1. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9486.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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