Ingrid Popp: Pflege dementer Menschen
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 08.07.2003
Ingrid Popp: Pflege dementer Menschen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2003. 2., überarbeitete Auflage. 140 Seiten. ISBN 978-3-17-017475-7. 10,20 EUR.
Zur Thematik und Vorgeschichte des Buches
Ein weiteres Buch über die Pflege Demenzkranker wird vorgestellt. Im Unterschied zur ersten Auflage von 1999 enthält das vorliegende Buch zusätzlich die AEDLs nach Krohwinkel und die "familienorientierte Wohnbereichspflege nach dem Hauswirtschaftsprinzip".
Die Autorin ist Diplom-Lehrerin, Fachschuldozentin und Studiendirektorin im Ruhestand.
Inhalt
In fünf Kapiteln wird eine Vielzahl von Themen, Aspekten und Vorgehensweisen dargestellt.
Das erste Kapitel enthält die Grundlagen über Demenzen: u. a. Definition, Diagnostik, die unterschiedlichen Demenztypen und Therapieformen.
Im zweiten Kapitel werden die Phasen der Demenz (leicht - mittelschwer - schwer) beschrieben und eine Reihe von Empfehlungen hinsichtlich des Umganges mit Demenzkranken im häuslichen Bereich, im Krankenhaus und im Pflegeheim gegeben.
Das dritte Kapitel beinhaltet das "ganzheitliche Pflegekonzept in Einrichtungen der Altenhilfe", wobei vorwiegend pflegeorganisatorische Aspekte wie Pflegeanamnese, Pflegediagnose und Pflegestrukturen wie Funktionspflege und Ganzheitspflege beschrieben werden.
Im vierten Kapitel stehen neben kurzen Hinweisen auf die geriatrischen Erkrankungen die AEDLs (Aktivitäten und existentiellen Erfahrungen des Lebens) nach Krohwinkel im Mittelpunkt der Darstellung, die im einzelnen mit praktischen Hinweisen und Empfehlungen versehen werden.
Das abschließende fünfte Kapitel enthält die verschiedenen gegenwärtig gängigen Kommunikations- und Betreuungsformen für Demenzkranke: u. a. klientenzentrierte Gesprächsführung, Validation, Realitätsorientierungstherapie (ROT), Gedächtnistraining und Snoezelen.
Kritische Würdigung
Der Ankündigung des Klappentextes, dass dieses Buch "das notwendige Grundlagenwissen sowie praxiserprobte Strategien" enthält, kann der Rezensent nicht folgen. Es werden zwar viele Methoden, Vorgehensweisen und Konzepte beschrieben, doch verbleibt das Ganze im Bereich eines bloßen Überblickes, einer Tour d'Horizon. Manches wird unverständlich verkürzt dargestellt, wie zum Beispiel das Realitätsorientierungstraining.
Die Vermittlung von Grundlagenwissen kann nicht auf der Ebene kurzer Beschreibungen verbleiben, sie erfordert in der Regel eine tiefer gehende Analyse, Reflexion und Bewertung des Gegenstandsbereiches.
Auch werden nicht praxiserprobte Strategien vorgestellt, sondern eine Reihe von Ansätzen, die ihren Nachweis hinsichtlich Effektivität, Effizienz und Praktikabilität bisher noch nicht erbracht haben und teils aus Gründen fundamentaler Fehleinschätzungen möglichst in den Heimen nicht eingesetzt werden sollten, wie z. B. ROT und Validation (zur Validation siehe die Rezensionen des Rezensenten hierüber in www.socialnet.de - März 2002).
Auch inhaltliche Fehler können der Autorin nachgewiesen werden. So behauptet sie, dass der "biologische Alterungsprozess" bereits mit der Geburt beginnt (Seite 77). Nach dem Wissensstand des Rezensenten hingegen setzt die Alterung erst im dritten Lebensjahrzehnt ein.
Die Autorin weist sich an verschiedenen Stellen als Befürworterin des so genannten "Integrationsmodells" aus. Das ist ihr legitimes Recht. Hingegen jedoch zu behaupten, dass durch die Homogenisierung der Bewohnergruppen in den Heimen "ein Ghettocharakter" entsteht, der den Krankheitsverlauf beschleunigt, ohne jedoch hierfür Belege anzuführen, lässt die Argumentation unseriös erscheinen (Seite 128). Dem Rezensenten sind nämlich nur Untersuchungen bekannt, die die positiven Auswirkungen des Homogenitätsansatzes auf das Milieu und das Wohlbefinden der Demenzkranken belegen (siehe hierzu u. a. die Verlaufsstudien von Lena Annerstedt in Schweden).
Fazit
Der Anspruch der Autorin, Pflegenden "Hilfe und Anregung für ihre Tätigkeit" zu geben, kann als nicht eingelöst betrachtet werden. Hierzu gehört immer auch, die Spreu vom Weizen zu trennen. Dies ist der Autorin im vorliegenden Buch leider nicht gelungen.
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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