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Stefan Köngeter: Relationale Professionalität

Cover Stefan Köngeter: Relationale Professionalität. Eine empirische Studie zu Arbeitsbeziehungen mit Eltern in den Erziehungshilfen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 322 Seiten. ISBN 978-3-8340-0640-0. 29,80 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Grundlagen der sozialen Arbeit - Band 22.
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Thema

Der Autor stellt eine eigene Studie vor, die auf der Basis von Fallanalysen aus dem Bereich der erzieherischen Jugendhilfe versucht, die gängige Professionalisierungsdebatte innerhalb der Sozialen Arbeit um einen Modus der relationellen Professionalität zu erweitern.

Autorin

Dr. phil. Stefan Köngeter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim.

Aufbau und Inhalt

Das Werk gliedert sich in acht Kapiteln.

Das 1. Kapitel gibt als Einleitung eine Einführung in die Studie und erläutert ihren Aufbau.

Im 2. Kapitel behandelt Köngeter die Begriffe Professionalität und Arbeitsbeziehungen in der Sozialen Arbeit. Er fragt nach Strukturbedingungen professionellen Handelns und stellt das in psychoanalytischer Tradition stehende Arbeitsbündnis nach Ulrich Oevermann vor. Daran schließt sich eine Erörterung der Grenzen von Professionalität an, eine Darstellung des Arbeitsbündnisses nach Burkhard Müller sowie der professionstheoretische Fokus der Studie. Diese ist an einer Mehr-Ebenen-Perspektive ausgerichtet, nämlich Fallarbeit, der Organisation Sozialer Arbeit und der Funktion der Sozialen Arbeit. Abgerundet wird dieses Kapitel durch eine Darstellung empirischer Zugänge zur sozialpädagogischen Professionsforschung.

Das 3. Kapitel thematisiert die forschungsmethodologische Anlage der Studie, für die als heuristischer Zugang eine qualitative Mehr-Ebenen-Analyse gewählt wurde. Untersucht wurde damit auf der Ebene der institutionellen Vorgaben, der Ebene des beruflichen Diskurses sowie auf der Ebene der konkreten beruflichen Praxis. Für die Untersuchung wurde das Verfahren der sequenzanalytischen Rekonstruktion gewählt. Aus insgesamt 19 Interviews wurden vier Fälle exemplarisch aufgearbeitet.

Das 4. Kapitel widmet sich den institutionellen Bedingungen der Erziehungshilfe. Es wird kurz die Institution Familie behandelt, deren Verhältnis zu Erziehung, familiäre Krisen sowie die Rahmenbedingungen für Hilfe und Erziehung. Gestreift wird dabei das Verhältnis von Hilfe und Kontrolle, der Status von Klienten und Professionellen. Angeschlossen wird dieses Kapitel durch eine Betrachtung der institutionellen Bedingungen für die Arbeitsbeziehungen in der Erziehungshilfe.

Im 5. Kapitel werden die Reformstrategien der Erziehungshilfe thematisiert und beleuchtet, inwieweit konzeptioneller Anspruch und organisationelle Wirklichkeit übereinstimmen. Die zentralen Stichworte sind hier Flexibilisierung, Kooperation und Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII. Zur Illustration werden hier Interviewsequenzen von fallführenden Mitarbeiter/innen eingearbeitet (S. 146 ff.).

Das 6. Kapitel stellt in einer Rekonstruktion ausführlich die Untersuchung der Arbeitsbeziehungen von Eltern zu den Fachkräften der Erziehungshilfe vor. Exemplarisch werden an Interviewpassagen aus vier Fällen aufgezeigt, welche Vorstellungen und Sichtweisen die Eltern artikuliert haben.

Bezugnehmend auf das vorherige Kapitel versucht der Autor im 7. Kapitel, auf Basis der vorgenommenen Rekonstruktion ein relationelles Modell von Arbeitsbeziehungen zu entwerfen. Er thematisiert Spannungen innerhalb der Arbeitsbeziehungen von Klienten und Fachkräften, um dann drei Hauptkategorien vorzustellen, die die wirkenden Faktoren bündeln können: Vernetzheit, Prozessualität und Feldförmigkeit des Gegenstandes der Arbeitsbeziehung. Köngeter unterzieht dann die Arbeitsbündnismodelle von Oevermann und Müller für das Handlungsfeld Erziehungshilfe einer Revision, indem er eine Erweiterung vornimmt, die er in sechs Thesen fasst. Alle Aspekte dazu werden durch Fallbeispiele illustriert.

Das 8. Kapitel schließlich zieht ein Resümee. Der Autor fasst zusammen, dass er ein deskriptives Modell einer relationellen Arbeitsbeziehung entwickelt hat, welches den Anspruch verfolgt, die zentralen Strukturmerkmale in Arbeitsbeziehungen mit Eltern in den Erziehungshilfen zu erfassen. Er grenzt sein Modell von zwei anderen Professionalitätsmodellen ab, nämlich dem Modus der klinischen Professionalität (z.B. Oevermann) und dem Modus der reflexiven Professionalität (z.B. Dewe/Otto). Er erhebt abschließend den Anspruch, dass für das Handlungsfeld der Erziehungshilfe sein Modus der relationellen Arbeitsbeziehung die zentrale Rolle spielen kann.

Diskussion

Mit diesem Buch wird ein spannender forschungsbezogener Zugang zu der wichtigen Professionalisierungsdebatte der Sozialen Arbeit angeboten. Dabei ist aber auffallend, wie scheinbar wenig sorgsam der Autor mit Zuordnungen umgeht. Zentraler Referenzbegriff ist für ihn die Soziale Arbeit, die als Funktionssystem bekanntermaßen aus dem Zusammenfinden von Sozialarbeit und Sozialpädagogik erwächst. Bis auf wenige Passagen sieht Kongeter aber nur „sozialpädagogische Professionalität“ (S. 2), „sozialpädagogischen Fachdiskurs“ (S. 5), „disziplinäre Sozialpädagogik“ (S. 6) oder „sozialpädagogisches Handeln“ (S. 30). Wenn dann von „traditionell obrigkeitsstaatlich geprägter Sozialer Arbeit“ (S. 6) die Rede ist, muss wohl die klassische Sozialarbeit gemeint gewesen sein? Es liegt zumindest der Verdacht nahe, dass hier – mit Verweis auf die beruflichen Wurzeln des Autors in universitärer Sozialpädagogik und Soziologie – jemand argumentiert, der im Rahmen der Professionalisierungsdebatte eine große Nähe zum Subordinationstheorem in der Lesart pflegt, dass das Eigentliche der Sozialen Arbeit nur die Sozialpädagogik sein kann, weshalb ihr eine Heraushebung zustehe. Dieser Eindruck verstärkt sich auch dadurch, dass bei der theoretischen Erörterung der Professionalisierungsdebatte auf wichtige Beiträge aus den Reihen der Sozialarbeit, beispielsweise von Silvia Staub-Bernasconi, Albert Mühlum oder Wolf Rainer Wendt, keinerlei Bezug genommen wird.

Eine zweite kritische Anmerkung bezieht sich auf die vorgenommenen Setzungen hinsichtlich des Verhältnisses von Klienten und Fachkräften. Es ist Kongeter uneingeschränkt zuzustimmen, dass ein relationeller Ansatz für die Arbeit in der Sozialen Arbeit zu favorisieren ist. Es ist wohl dem gewichtigen Wissenschaftskontext einer Universität geschuldet, so viele komplizierte Ableitungen zu Beziehungen konstruieren zu müssen, um damit auf eine professionelle Praxis stoßen zu können. Praxisnäher wäre es möglicherweise gewesen, sich im Feld stärker auf die vorliegenden theoretischen und praktischen Arbeiten zur Systemtheorie zu beziehen. Aus systemischer Sicht kann man nämlich der sich durchziehenden Annahme des Autors widersprechen, dass eine professionelle Fachkraft Teil des Problems werden muss, um eine Arbeitsbeziehung herstellen zu können. Es ist etwas völlig anders, wenn man anerkennt, dass über den Anschluss an ein Klientensystem ein Beratungssystem entstehen muss.

Ebenso wenig braucht es m.E. in heutiger Zeit eine Haltung, wonach „der Problemzusammenhang stellvertretend (durch die Fachkraft – PB) bearbeitet“ werden muss (S. 299). Hier wären sicherlich die Vorstellungen zur Bedeutung von Co-Kreation in Beratungsverläufen von Hilfe gewesen.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für interessierte Fachkräfte in der Praxis und der Hochschule sowie für Studierende der Sozialen Arbeit, die sich vertiefend mit der der Professionalisierungsthematik beschäftigen wollen.

Fazit

Es ist ein informatives und anregendes Buch, welches sich gut liest. Die große Bandbreite des Themas bringt es mit sich, dass der Autor notwendigerweise Eingrenzungen vornehmen musste, um den eigenen ,roten Faden‘ beibehalten zu können, was aber teilweise zu Lasten einer angemessenen Vertiefung geht. Es ist – ungeachtet der oben angemerkten Schwächen – ein wertvoller theoretischer Beitrag zur Professionalisierungsdebatte innerhalb der Sozialen Arbeit.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 01.07.2011 zu: Stefan Köngeter: Relationale Professionalität. Eine empirische Studie zu Arbeitsbeziehungen mit Eltern in den Erziehungshilfen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. ISBN 978-3-8340-0640-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9494.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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