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Thomas Schott: Kritik der Erlebnispädagogik

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Michl, 14.03.2011

Cover Thomas Schott: Kritik der Erlebnispädagogik ISBN 978-3-89913-705-7

Thomas Schott: Kritik der Erlebnispädagogik. Ergon Verlag (Würzburg) 2009. 2., ergänzte und überarbeitete Auflage. 339 Seiten. ISBN 978-3-89913-705-7. 48,00 EUR.
Reihe: Systematische Pädagogik - Band 5
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Erlebnispädagogik – Mode, Methode oder mehr?

… so wurde 1991 die erste bundesweite Fachtagung zur Erlebnispädagogik betitelt. Inzwischen hat die Erlebnispädagogik einen Siegeszug angetreten, vor allem in der sozialpädagogischen Praxis. Kritische Stimmen gab es anfänglich zuhauf, doch die normative Kraft des Faktischen war davon nicht zu beeindrucken. Auch zu Beginn des neuen Jahrzehnts boomt die Erlebnispädagogik nach wie vor, vielleicht wuchert sie auch. Thomas Schott setzt sich in seiner Dissertation kritisch mit der Erlebnispädagogik auseinander. Und offenbar fallen seine Ausführungen auf fruchtbaren Boden, denn diese sperrige Dissertation, die mit ca. tausend Fußnoten und 35 Seiten Literaturangaben wirkliche Lesearbeit abverlangt, ist nun sogar in die zweite Auflage gekommen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie trotz ihres Erfolges die erfolgreiche Praxis der Erlebnispädagogik nicht beeinträchtigen.

Aufbau

Das Buch ist in vier große Kapitel gegliedert:

  1. eine „Vorbereitende Untersuchung zum Kritikbegriff“,
  2. „Kritik der Lebens-. Erlebens- und Erlebniskonzepte“,
  3. Kritik des Konzeptes der Erlebnispädagogik“ und
  4. ein abschließendes „Resümee“.

Ein Nachwort von Bernhard Koring – ein kurzer Hinweis zu seiner Person hätte nicht geschadet – und sieben Skizzen zu „Strukturmerkmalen des Erlebens“ beenden die Dissertation.

„Problemstellung“ und Teil I

Schon der Einstieg unter der Unterschrift „Problemstellung“ zeigt Stärken und Schwächen der Arbeit auf. Zum einen merkt man sofort, dass Thomas Schott geistes- und sozialwissenschaftlich geschult ist, in Tiefendimensionen vordringen will, über einen immensen Einblick in die Wissenschaftstheorie verfügt und dieses Fachwissen strukturiert verarbeitet. Zum anderen sprechen die Hinweise auf die „Wildnisschule St. Gallen“ (S. 11), die Anmerkungen zu „Outward Bound“ (S.11f) und die Ausführungen über erlebnispädagogische Weiterbildungen an Hochschulen (S. 12) dafür, dass der Autor nicht auf dem aktuellen Stand der Praxis ist. Die „Wildnisschule St. Gallen“ ist schon vor vielen Jahren in „Planoalto“ umbenannt worden, Outward Bound Deutschland kämpft seit Jahren – fast nur mehr - um das finanzielle Überleben und ist daher längstens kein Marktführer mehr, und die Ausführungen über die Verbindungen von Hochschulen und Erlebnispädagogik sind ebenfalls gänzlich veraltet. Im kurzen Teil I „Vorbereitende Untersuchung zum Kritikbegriff!“ geht der Autor sehr fundiert dem Kritikbegriff nach, vor allem in den Werken von Platon, Aristoteles und Kant.

2. Kritik der Lebens-, Erlebens-und Erlebniskonzepte

In der Fußnote 45 erklärt und begründet Schott, warum er zwischen Erlebnis und Erleben differenziert, offenbar deswegen, weil er befürchtet, dass der Leser den Sinn dieser Unterscheidung nicht zu erkennen vermag. Natürlich dient ihm diese Differenzierung, die andere Autoren nicht vornehmen, dazu, den Hebel der Kritik anzusetzen. Dabei wäre es gut gewesen, die aktuellen – und nicht veraltete - Auflagen einiger der in diesem Kapitel zitierten Bücher zu verwenden. Auf seiner Spurensuche zum Erlebnisbegriff stößt Schott auf zu Unrecht vergessene Philosophen, Psychologen und Pädagogen, jedenfalls in der erlebnispädagogischen Literatur, wie Hans Driesch, Philipp Lersch, Edmund Husserl, Aloys Fischer und Hans-Georg Gadamer. Natürlich ließe sich diese Liste noch mit Namen erweitern, die zum Teil auch in der Schriftenreihe „Wegbereiter der Erlebnispädagogik“ (edition erlebnispädagogik) genannt wurden. Trotzdem führt der Autor den Leser mit diesen Wiederentdeckungen auf ertragreiche Saumpfade.

3. „Kritik des Konzeptes der Erlebnispädagogik“

Im dritten, wohl zentralen, Kapitel geht der Autor zunächst auf die aktuelle Literatur zur Erlebnispädagogik ein, der er zum großen Teil Oberflächlichkeit nachweist. Anschließend beginnt er, wie Torsten Fischer und Jörg Ziegenspeck in ihren „Grundlagen des Erfahrungslernens“ (Bad Heilbrunn 2008, Klinkhardt), eine langwierige historische Exkursion, die sich über etwas ermüdende 50 Seiten zieht. Es handelt sich ohnehin um Konstruktionen, wie z. B. die Behauptung, von Heckmair und Michl 1992 aufgestellt, dass Rousseau und Thoreau Vordenker der Erlebnispädagogik seien. Nachdem dies überall abgeschrieben wurde – auch von diesem Autor – und inzwischen sogar in Wikipedia nachzulesen ist, darf es als wissenschaftliche Wahrheit durchgehen. Der Hinweis von Schott auf die Hahnsche Erlebnistherapie (S. 218), die sich vom Konzept der Erlebnispädagogik unterscheide, zeigt ein grundlegendes Missverständnis auf. Der Begriff Therapie ist bei Kurt Hahn reine Metapher und hat mit therapeutischen Ansätzen nichts zu tun. Die letzten 40 Seiten dieses Kapitels dienen dazu, den „Zusammenhang von Lernen, Erziehung und Bildung mit dem Erlebnis offenzulegen“ (S. 248). Gerade beim Lernbegriff könnte die Literatur aktueller sein, denn die Hirnforschung mit den Ergebnissen und Erkenntnissen von Hüther, Roth und Spitzer spielt in diesem Abschnitt leider keine Rolle.

4. Resümee

Dem kurzen Resümee des Autors kann man zustimmen: Die Güte der Forschung kann derzeit noch nicht mithalten mit der starken Zunahme der Praxisaktivitäten. Inzwischen dürfte der finanzielle Umsatz von Erlebnispädagogik und Outdoor-Training in Deutschland im dreistelligen Millionenbereich liegen, und der Markt dafür wächst immer noch. Die Zahl festen Arbeitsplätze liegt weit über tausend Stellen, die freiberuflichen Stellen betragen ein Vielfaches davon. Natürlich gibt einen großen Forschungsbedarf, denn die Universitäten haben diese Entwicklung sehr lange nahezu ignoriert. Zuerst waren es nur Michael Jagenlauf und Jörg Ziegenspeck, die mit größtem Engagement erlebnispädagogische Themen an deutschen Universitäten vertreten haben. Torsten Fischer hat an anderer Stelle die Themen und Zahlen von Dissertationen in Deutschland aufgelistet; sie lassen sich an den zehn Fingern abzählen.

Fazit

Trotz aller kritischen Anmerkungen liegt hier eine wichtige Forschungsarbeit vor. Dass sie zu Recht beachtet wird, zeigt sich u. a. darin, dass sie die zweite Auflage erreicht hat.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Michl
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Es gibt 37 Rezensionen von Werner Michl.

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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 14.03.2011 zu: Thomas Schott: Kritik der Erlebnispädagogik. Ergon Verlag (Würzburg) 2009. 2., ergänzte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-89913-705-7. Reihe: Systematische Pädagogik - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9501.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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