socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sacha Szabo (Hrsg.): Kultur des Vergnügens

Cover Sacha Szabo (Hrsg.): Kultur des Vergnügens. Kirmes und Freizeitparks, Schausteller und Fahrgeschäfte; Facetten nicht-alltäglicher Orte. transcript (Bielefeld) 2009. 331 Seiten. ISBN 978-3-8376-1070-3. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Kultur- und Medientheorie.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Vergnügungswelten – Eine Analyse des Außeralltäglichen

Jahrmarkt, Rummel und Kirmes haben eine lange Geschichte. Schon seit Jahrhunderten bieten sie als vorübergehende, nur für kurze Zeit an einem Ort verfügbare Attraktionen multisensorische Genusswelten und etwas das Gewohnte und Gewöhnliche Überschreitendes. Neben diese punktuellen Erlebniswelten sind heute Themenparks getreten, in deren zeitlich unbegrenzten Phantasiewelten oder übersteigerten Simulationen der Realität der Besucher sich selbst und die perfektionierte Illusion genießen kann. Die Vergnügungswelten – ob vorübergehend oder dauerhaft – sind alltagsfremde Konstrukte mit eigenen Regeln, Ritualen, Sprachen, historischen und kulturellen Hintergründen. Sie sind soziale Orte, deren Studium nicht nur aufschlussreich ist für das Verstehen sozialen Handelns, sondern auch für die Bestimmung der Verfasstheit des Menschseins. Schon Goethes Beschreibung eines Jahrmarktsgewimmels verweist auf die individuelle und kollektive Relevanz von Volksfesten. Sein Osterspaziergang endet mit: „Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet Groß und Klein; Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“[1].

Herausgeber

Der Soziologe und Publizist Sacha Szabo gibt als Gastdozent kultursoziologische Seminare an der Universität Freiburg und beschäftigt sich aus verschiedenen disziplinären Blickwinkeln mit den Regelmäßigkeiten außeralltäglicher Unterhaltungsangebote. In seiner Dissertation „Rausch und Rummel“[2] arbeitete er zu Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Mit der vorliegenden Herausgeberschaft setzt er sein Forschungsinteresse fort.

Entstehungshintergrund

Soziologen, Psychologen, Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler und Volkskundler beschäftigen sich seit Längerem mit dem, was der Herausgeber des Bandes „Kultur des Vergnügens“ nennt. Der Anspruch von Szabo geht jedoch über eine Sammlung dieser vielfältigen wissenschaftlichen Sichtweisen auf dasselbe kulturelle Phänomen hinaus. Er bezieht auch die Stimmen der Szenekenner „hinter den Kulissen“ ein – etwa Schausteller, Achterbahn-Ingenieure und Filmemacher. Auf diese Weise soll das vorliegende Buch ein aktuelles Profil einer „Kultur des Vergnügens“ erstellen (vgl. S. 10).

Aufbau

Ein Geleitwort von Florian Dering bildet den Auftakt des Buches (S. 9), dem eine kurze Einleitung des Herausgebers folgt (S. 11). Mit begrifflichen Bestimmungen erarbeitet Kaspar Maases Beitrag theoretische Grundlegungen (S. 13-27).

Im darauf folgenden, ersten Kapitel „Auf dem Festplatz – Die Welt des Vergnügens“ werden in sechs Aufsätzen Vergnügungswelten wie bspw. Disneyland, Oktoberfest und Salzburger St. Ruperts Dult erfasst (S. 31-98).

Das Kapitel „Hinter den Kulissen – Das Umfeld des Vergnügens“ bietet in sieben Beiträgen Einblicke in die technischen Voraussetzungen des Jahrmarktvergnügens, in historische Besonderheiten des Jahrmarktkinos und der Jahrmarktsorgel sowie in die Lebenswelt von Schaustellerfamilien (S. 101-223).

Das dritte Kapitel „In den Köpfen – Die Innenwelt des Vergnügens“ versammelt in sieben Einzeltexten mit sehr unterschiedlichen Zugängen Vorschläge, auf welche Weise außergewöhnliche Vergnügungswelten individuell und kollektiv hergestellt und aufrechterhalten werden – sowohl auf dem Festplatz selbst als auch in Film und Literatur (S. 227-331).

Inhalt

Die Beiträge des Sammelbandes zeichnen ein perspektivenreiches Bild von Jahrmärkten und Freizeitparks. Nicht nur verschiedene Disziplinen sind hier vereint, sondern auch unterschiedliche Texttypen. Neben wissenschaftlichen Artikeln finden sich eher experimentell gehaltene Beitrage, z.B. von Kay Hoffman (S. 257-266), sowie in jedem der drei Kapitel ein Interview, z.B. mit dem Achterbahn-Ingenieur Werner Stengel. Vier der insgesamt 23 Artikel werden im Folgenden vorgestellt, um einen inhaltlichen Einblick in die Herangehensweise und Ergebnisse des Buches zu geben.

  1. Kaspar Maase (Volkkundler) sucht in seinem Artikel „Die Menge als Attraktion ihrer selbst. Notizen zu ambulatorischen Vergnügen“ nach einem treffenden Begriff für den Gegenstand des Buches. Die Begriffe Fest oder Volksfest sind aufgrund enthaltener Wertungen und zu starker Engführung ungeeignet. Das allen Veranstaltungsangeboten gemeinsame Strukturelement ‚Vergnügen‘ scheidet wegen mangelnder Spezifität aus. Unter Rückgriff auf Ludwig Wittgensteins Konzept der Familienähnlichkeiten erarbeitet Maase den Familiennamen „Orte ambulatorischer Vergnügung“ (S. 16) für die populären Vergnügungsorte der Gegenwart. Mit dem Ambulieren (spazieren gehen) erfasst der Autor zwei wesentliche Kennzeichen: einerseits die sich auf diesen Plätzen präsentierenden mobilen, wandernden Unterhaltungskünstler, andererseits das flanierende, sich drängende, auf Genuss ausgerichtete Publikum. Maase definiert die polymorphen Orte ambulatorischer Vergnügung in ihrer gesteigerten Intensität zwar als vom Alltag abweichend, aber er findet keine Anzeichen dafür, dass die Regeln und Hierarchien der Alltagswelt ins Gegenteil verkehrt sind, wie es etwa in einer „Anti-Struktur“ im Sinne Victor Turners [3] der Fall wäre. Um Anti-Struktur gehe es den populären Vergnügungsorten auch gar nicht, sondern zunächst um eine Differenz zum Gewöhnlichen, die sich auch in einer gesteigerten Verlängerung gewöhnlicher Erfahrung ausdrücken könne (S. 22). Der Autor warnt damit vor einer allzu romantischen oder überhöhten Lesart von Vergnügungswelten und vor einer Hierarchisierung dieser Orte. Romantisch wäre die Tendenz, Gegenwelten zu identifizieren; überhöhend wirke die Neigung, Vergemeinschaftung und Rauscherfahrungen herauszustellen. Er weist damit auf die fehlenden empirischen Studien hin, die der Nutzung von Vergnügungsorten in einer angemessenen Breite nachgehen.
  2. Aldo Legnaro (Sozialwissenschaftler) widmet sich in seinem Beitrag „Nüchterner Rausch und rauschhafte Märchen – der Disney-Kontinent“ den Themenparks, die etwa in Orlando, Paris oder Tokyo als „Disneyländer“ eigene Sinnwelten erzeugen und dabei nüchterne Räusche ebenso evozieren wie die Atmosphäre rauschhafter Märchen (S. 31-43). Die Besucher erkunden und erleben eine simulierte Welt, die durch Sauberkeit, Reinheit und Perfektion gekennzeichnet ist. Alle Widersprüche, alles Störende fehlt dem Disney-Kontinent. Das Alltägliche wird hier magisch überformt. Die Aneignung von Welt werde im Disneyland übersetzt in eine Aneignung von Waren – Konsum stehe im Vordergrund, und Welterfahrung werde als kommerziell vorgeformtes Erlebnis verfügbar gemacht, so Legnaro. In diesen Themenparks geschieht alles in einem Als-Ob-Modus – kein echtes Risiko wird eingegangen, keine wirkliche Bedrohung erfahren (vgl. auch den Beitrag von Claudia Schirrmeister im Band). Auch der Rausch in der Fülle der sensorischen Reize bleibt nur Illusion. Der Disney-Kontinent ist ein Erdteil, auf dem soziale Ordnung auf eine Weise konstruiert wird, die man als Magie ausgibt.
  3. Stefan Poser (Historiker) zeichnet in seinem Artikel „Glücksmaschinen oder Mechanismen des gestörten Gleichgewichts? Technik auf dem Jahrmarkt“ die Technikgeschichte des Jahrmarkts nach (S. 101-121). Am Beispiel der technischen Innovationen macht er deutlich, inwieweit Gesellschaftsgeschichte und Jahrmarktsgeschichte miteinander zusammenhängen. Die Faszination des Menschen für Technik macht diese seit jeher zur Attraktion. Waren anfangs technische Errungenschaften als Schaugegenstand anziehend, so wurden ab Ende des 19. Jahrhunderts technikbasierte Vergnügungsleistungen zum Magnet der Jahrmärkte. Mit den technischen Veränderungen und neuen Möglichkeiten (z.B. Dampfkraft, Elektrizität, Materialinnovationen) veränderten sich auch die Fahrgeschäfte auf den Jahrmärkten. Die Rotationsbewegung (z.B. Karussell) ist das jahrmarkttypische Bewegungserlebnis und evoziert Schwindel, Emotionen, ja Vergnügen. In der ästhetischen Ausgestaltung der Festplatzgefährte finden sich Anleihen aus „wirklicher“ Technik (z.B. Gestaltung der Autoskooter). Posers These ist, dass die Präsentation von Technik und Innovationen auf Jahrmärkten nicht nur zur Attraktivität von Technik beitrug, sondern auch „die Herausbildung eines modernen Technikverständnisses im Sinne von Technik als Teil der Kultur“ (S. 116) begünstigte.
  4. Brigitte Veiz (Psychologin) widmet sich der „Fresskultur und Trinkrituale[n]“ auf dem Münchner Oktoberfest (S. 237-255). Fressen und Trinken in Fülle und Dichte (i.S.v. Nähe der Menschen und hochkalorischen Lebensmitteln) ist ein wichtiges Kriterium der Münchner Wiesn. Veiz sieht im Bedürfnis nach Rausch den Anfang der Geschichte der menschlichen Zivilisation, denn es ginge bei der Etablierung der Landwirtschaft vor allem um den Wunsch, üppige, rauschhafte Feste zu feiern (S. 239). Unter Rückgriff auf den französischen Soziologen Michel Maffesoli zeigt die Autorin, welch entscheidende Bedeutung Fress- und Trinkritualen für ekstatische Formen von Vergemeinschaftung zukommt. Trinkrituale sind Vergemeinschaftungsriten, die zum „orgiastischen Lebensgefühl“[4] beitragen und eine Außeralltäglichkeit erzeugen, die notwendig ist, um den Alltag (wieder) zulassen zu können. Fress- und Trinkrituale erzeugen kollektiven Rausch und Völlerei und sind außeralltägliche Handlungspraxen, deren Verständnis zu einer tieferen Einsicht des sozialen Zusammenlebens führt. Das Volksfestvergnügen in München hat archaische Anklänge, befriedigt Gelüste des Mundes, des Auges, der Ohren und die Sehnsucht nach einer einfacheren, kindlichen Weltordnung. Narzisstische Wünsche der Selbstinszenierung können auf dem Oktoberfest ebenso wahr werden wie der Wunsch nach dem Aufgehen in der Festmasse. Ihr Status des Vorübergehenden macht die Wiesn zu einem Ort des temporären Exzesses, der zeitlich, räumlich und rituell reguliert wird.

Die Beiträge bedienen sich unterschiedlicher theoretischer Konzepte. Mit bspw. Victor Turner, Elias Canetti, Michel Maffesoli, Roger Caillois, Émile Durkheim, Michail Bachtin, Michel Foucault und Erving Goffman zeigen sie in ihrer Vielfalt ein umfassendes Bild dessen, was sich in theoretischer Hinsicht zu einer Kultur des Vergnügens sagen lässt.

Diskussion

Das Konzept des Buches vereint wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Erfahrungsbericht und journalistischem Interview, so dass ein Potpourri entsteht, in dem die Orientierung bisweilen etwas schwer fällt. Dieser Mangel jedoch ließe sich beheben, enthielte die Einleitung einen Überblick über die drei Kapitel sowie eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Artikel. Auch ein Autorenverzeichnis mit Kurzinformationen zu den Beiträgern und ihrer Verbindung mit dem Thema würde den Zugang insbesondere bei einer so interessanten Mischung von Autoren erleichtern. Hinderlich ist auch eine Besonderheit der Formatierung: Die Kopfzeilen der geraden Seiten verzeichnen den Namen des Bandes, nicht aber den Namen des jeweiligen Autors.

Inhaltlich bietet der Band vielfältige Zugänge zu außeralltäglichen Vergnügungsorten und vereint damit lesenswerte Texte zu einem Thema, das in der Forschung bisweilen so außergewöhnlich scheint wie sein Gegenstand. Die Beschäftigung mit Festplätzen und Jahrmärkten lohnt sich ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Buch. Es richtet sich an kulturhistorisch, kulturwissenschaftlich und kultursoziologisch interessierte Leserinnen und Leser und an alle, die über einen Besuch von Kirmes und Freizeitparks hinaus mehr über diese außeralltäglichen Orte erfahren wollen.

Fazit

Das Buch macht deutlich, dass Jahrmärkte und Themenparks mehr sind als bunt, voll und laut. Sie sind soziale Orte, an denen sich die Zentralität des Lebens offenbart. Als wesentlicher Teil unserer Kultur sind Jahrmärkte und deren moderne Verwandte, die Themenparks, Forschungsfelder, die theoretischer und vor allem empirischer Bearbeitung bedürfen. Der vorliegende Band macht einen Anfang und begeht dabei einen Fehler nicht: Er nimmt dem Thema mit Verwissenschaftlichung und Theoretisierung nicht sein faszinierendes Schillern. Das Buch dreht sich nicht nur um Vergnügungswelten; beim Lesen zeigt sich auch, dass der Band mit Spaß, ja vielleicht Vergnügen erarbeitet wurde.


[1] Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie erster Teil. 29. Heft. Husum: Hamburger Lesehefte Verlag, S. 29.

[2] Szabo, Sacha-Roger (2006): Rausch und Rummel. Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Eine soziologische Kulturgeschichte. Bielefeld: transcript.

[3] Turner, Victor (2005 [engl. 1969]): Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur. Frankfurt/New York: Campus.

[4] Maffesoli, Michel (1986): Der Schatten des Dionysos. Zu einer Soziologie des Orgiasmus. Frankfurt am Main: Syndikat.


Rezension von
Dr. Yvonne Niekrenz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Yvonne Niekrenz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Yvonne Niekrenz. Rezension vom 02.06.2010 zu: Sacha Szabo (Hrsg.): Kultur des Vergnügens. Kirmes und Freizeitparks, Schausteller und Fahrgeschäfte; Facetten nicht-alltäglicher Orte. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1070-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9505.php, Datum des Zugriffs 30.03.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung