Marianne Gumpinger (Hrsg.): [...] Evaluierung der "Börse Ehrenamt"
Rezensiert von Prof. Dr. Andrea Helmer-Denzel, 18.01.2011
Marianne Gumpinger (Hrsg.): Sozialarbeitsforschung Projekte 2009. Teil 1 Evaluierung der "Börse Ehrenamt". Zeitzeuginnen gelebte Sozialarbeit in Oberösterreich in der Mitte des 20. Jahrhunderts´. Edition Pro Mente (Linz) 2009. 201 Seiten. ISBN 978-3-902724-02-1. 16,80 EUR.
Reihe: Schriften zur sozialen Arbeit - Band 13.
Thema
Zwei unterschiedliche Theorie-Praxis-Projekte werden in diesem Buch vorgestellt. Zum einen wird eine „Ehrenamtsbörse“ in Hinblick auf Internetauftritt und Nutzungshäufigkeit evaluiert, zum anderen findet eine Befragung von Sozialarbeiterinnen früherer Kohorten statt, um aufzuzeigen, in welcher Form Fürsorgepraxis in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Oberösterreich stattgefunden hat.
Herausgeberin, Autorinnen und Autoren
Die Forschungsergebnisse des Bandes - von DozentInnen und Studierenden des Studiengangs „Soziale Arbeit“ an der Fachhochschule Oberösterreich erarbeitet - werden von der Studiengangsleiterin Marianne Gumpinger, in zwei Bänden herausgegeben.
Projekt 1: Projektleitung durch Maria Ehmann und Claudia Pass; Studierende: Josef Burkhart, Gregor Fidler, Ruth Kirchweger, Ferdinand Knoll, Evelin Müller, Bernhard Nagl, Kerstin Ott, Maria Pöchacker, Paul Pupp.
Projekt 2: Projektleitung durch Hans Krottenthaler und JürgenTröbinger; Studierende: Christian Hofer, Barbara Jansky, Sarah Katteneder, Julia Kutschera, Silvia Peham, Katharina Piontek, Karin Roller, Katharina Schmidauer, Sandra Steininger, Sabine Stilzinger, Barbara Wazurka, Iris Zillner.
Entstehungshintergrund
Der Inhalt des Buches besteht aus zwei studentischen Forschungsprojekten, die im Rahmen von dreisemestrigen Veranstaltungen mit unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden erarbeitet werden.
Aufbau
Der Inhalt des Buches besteht aus zwei Teilen.
- Der erste Teil bezieht sich auf die Evaluierung der „Börse Ehrenamt“ in Oberösterreich,
- der zweite Teil bezieht sich auf eine Befragung von Zeitzeuginnen der Sozialarbeit in Oberösterreich.
1. Evaluierung der „Börse Ehrenamt“ in Oberösterreich
Der erste Teil gliedert sich in acht Kapitel.
Im ersten Kapitel wird der Begriff der ehrenamtlichen Tätigkeit definiert und die Funktion der „Börse Ehrenamt“ erklärt. Die „Börse Ehrenamt“ stellt eine Internetplattform dar, auf der sich gemeinnützige Organisationen und Verbände darstellen und sich potenzielle Ehrenamtliche informieren können. Es handelt sich dabei aber nicht um ein Vermittlungs-, sondern um ein Informationsinstrument. Die Bürgerservicestellen der Kommunen, sollen Lobbying für die Plattform betreiben und sind als reale Anlaufstelle auf der Homepage des Internetauftritts genannt. Dorthin können sich interessierte BürgerInnen wenden, wenn sie ehrenamtlich aktiv werden möchten.
Das zweite Kapitel legt die Methodik der Evaluierung, die Evaluierungsschritte und die Evaluierungsfragen dar. Des Weiteren werden Hypothesen formuliert, in denen u.a. davon ausgegangen wird, dass Vermittlungen, die auf Information durch die „Börse Ehrenamt“ zurückgehen, quantitativ eher gering ausfallen dürften.
Im dritten Kapitel erfolgt zunächst die Auswertung der quantitativ zugänglichen Daten, wie z. B. die Zahl der eingetragenen Organisationen pro Regierungsbezirk, die Anzahl der Anzeigenschaltungen pro Bezirk, in denen für die Plattform geworben wurde sowie die Auswertung der Internetzugriffe. Im Anschluss daran werden die Kontakte der Bürgerservicestelle mit interessierten Ehrenamtlichen erfasst.
In einem vierten Kapitel erfolgt die Dokumentation von Leitfadengesprächen mit den Verantwortlichen der sechszehn Bürgerservicestellen des Landes Oberösterreich, die sich u. a. auf die Implementierung, den Personalaufwand und die Dokumentation beziehen.
In einem weiteren Schritt werden im fünften Kapitel KundInnen der Bürgerservicestellen befragt, inwiefern ihnen die „Börse Ehrenamt“ bekannt ist. Im Ergebnis ergibt die Befragung, dass die „Börse Ehrenamt“ in der Bevölkerung nur einen mäßig Bekanntheitsgrad hat, das Ehrenamt an sich aber als wichtig eingeschätzt wird (vgl. S. 59).
Als weiteren Schritt dieser umfassenden Evaluation, werden die beteiligten Organisationen, die sich auf der Homepage darstellen, befragt. Von den 102 befragten Organisationen konnten im Ergebnis fünf Einrichtungen insgesamt 14 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gewinnen.
Im siebten Kapitel erfolgt eine Zusammenfassung der einzelnen Evaluationsergebnisse und die Verifizierung der Forschungshypothese.
In Kapitel acht werden von den Studierenden Handlungsempfehlungen formuliert, die den Bekanntheitsgrad der „Börse Ehrenamt“ steigern sollen. Insgesamt handelt es sich bei diesem Theorie-Praxis-Projekt, um eine breite und tiefe Evaluation, die ein schönes „best practice-Beispiel“ für gelungene Evaluationsprozesse darstellt. Als Ergänzung wäre eine ausführliche Liste der verwendeten Literatur wünschenswert, die hier – bezogen auf Evaluation – nicht vorhanden ist.
2. Befragung von Zeitzeuginnen der Sozialarbeit in Oberösterreich
Der zweite Teil des Buches umfasst als Projekt eine Befragung von Zeitzeuginnen der Sozialarbeit in Oberösterreich. Dieser Teil des Buches gliedert sich in ein Vorwort und sechs folgende Kapitel.
Im Vorwort, wird der Arbeitsauftrag eingegrenzt: „Wir haben uns bemüht, einen Zeitabschnitt fürsorgerischer Arbeit herauszugreifen und ihn mit Hilfe von Zeitzeuginnen zu erhellen.“ (vgl. S. 101).
Im ersten Kapitel wird das Projektziel benannt. Es geht darum, „Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Zeitzeuginnen in den verschiedenen Alterskohorten festzustellen, weiters (sic!) Veränderungen in den Ausbildungsgängen und in der praktischen Arbeit herauszufinden, um schließlich einen allgemeinen Einblick in die Fürsorgepraxis Mitte des 20. Jahrhunderts zu erhalten.“ (vgl. S. 104). Die Erhebung wird mit der Methode „Oral History“ durchgeführt; befragt werden zwei Alterskohorten von ehemaligen Fürsorgerinnen. Zum einen vier Frauen, die bereits vor 1945 Ausbildung und/oder praktische Arbeit aufgenommen haben und zum anderen acht Fürsorgerinnen, die zwischen 1945 und 1954 mit der Ausbildung begannen. Im Laufe der Ausführungen wird der Leserin dann klar, dass alle Fürsorgerinnen, die befragt werden, ihre Ausbildung am „Riesenhof“ - einer Vorgängereinrichtung der Fakultät Soziale Arbeit an der Fachhochschule Linz - ihre Ausbildung aufgenommen haben und so vielleicht auch ein Stück Fakultäts- oder Institutsgeschichte nachgezeichnet werden soll. Dies wird in den Ausführungen jedoch nicht thematisiert.
Das zweites Kapitel bezieht sich auf die Rolle der Fürsorgerin während und nach der NS-Zeit. Hier werden u.a. Motivation/Erwartungen und Rahmenbedingungen der damaligen Fürsorgerinnen abgefragt und in Unterpunkte kategorisiert.
In einem dritten Kapitel wird der jeweilige praktische Arbeitsstart nach der Ausbildung thematisiert und in einem vierten Kapitel kommt der Arbeitsverlauf, sozusagen der Arbeitsalltag der Fürsorgerinnen zur Sprache. Dort werden die Interviewaussagen u. a. in die Kategorien „Aufgabenbereiche“, „Arbeitszeit-/belastung“, „Arbeitsweise“, kollegiale Beziehungen und Fremd-/Selbstbild gegliedert. Das fünfte Kapitel bezieht sich auf das „Arbeitsende“.
In einem sechsten Kapitel erfolgt eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse. Hier ist allerdings zu konstatieren, dass die ursprüngliche Forschungsfrage, nicht anhand der Aussagen der Zeitzeuginnen beantwortet werden kann. Es konnten keine klaren Gemeinsamkeiten und Differenzen in den Aussagen der Zeitzeuginnen nach Kohorten festgestellt werden, zumindest wird dies in Zusammenfassung nicht thematisiert. Wenn eine Forschungsfrage sich nicht beantworten lässt, sollte dies zumindest dokumentiert werden. Die Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit in den Ausbildungsgängen ergeben, werden jedoch sehr gut dokumentiert und mit Interviewaussagen manifestiert. Die Zeitzeuginnen geben mit ihren Aussagen in der Tat einen sehr guten Einblick in die Fürsorgepraxis des 20. Jahrhunderts. Die Kohortenunterschiede konnten mit der verwandten Methode jedoch nicht nachgezeichnet werden. Auch die unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen, die den Hintergrund in den beiden Ausbildungskohorten darstellten, brachten keine kohortenspezifischen Aussagen zutage. Dies tut dem informativen Forschungsergebnis keinen großen Abbruch, eine Dokumentation wäre jedoch, insbesondere im Kontext eines „Lern-Projektes“ wünschenswert gewesen.
Diskussion
In der Ausbildung von SozialarbeiterInnen setzt es sich zunehmend durch, dass im Studium mehrsemestrige Theorie-Praxis-Semester durchgeführt werden, in denen die Studierenden ihre ersten eigenen Forschungserfahrungen sammeln. Im vorliegenden Band werden zwei sehr unterschiedliche Theorie-Praxis-Projekte dokumentiert. Zum einen wird eine Evaluation einer Ehrenamtsbörse durchgeführt, zum anderen kommen Sozialarbeiterinnen früherer Kohorten zu Wort, die in der Vorgängerorganisation der Fachhochschule Linz ausgebildet wurden und die in Form von narrativen Interviews befragt werden. Diese beiden Projekte wurden mit Hilfe von Dozierenden größtenteils sorgfältig ausgeführt und geben einen Überblick über erste Forschungen, die nächsten Studierendengenerationen sehr hilfreich sein können und die weiterführende Ergebnisse generieren, die auch für die Praxis „gewinnbringend“ sind.
Schade ist, dass die Aufgabenstellung, die diesen Forschungen vorausging, im Vorwort der Herausgeberin nicht dargelegt wird, erst in der Mitte des Buches - zur Einleitung des zweiten Projektes - wird hierauf aus studentischer Sicht eingegangen. Diese mangelnde Einbettung und Verknüpfung der Projekte in einen Gesamtzusammenhang wirkt lieblos und lässt die einzelnen Projekte ohne Zusammenhang „im Raum stehen“. Bedauerlich ist auch, dass zu Beginn des Buches nicht geklärt wird, welche Projekte noch in diesem Forschungzusammenhang entstanden sind und in Band II veröffentlicht werden, bzw. wie es dazu kommt, dass gerade die beiden sehr disparaten Projekte in diesem ersten Band zusammen veröffentlicht werden.
Fazit
In dem Buch werden zwei sehr unterschiedliche Projekte vorgestellt, die in mehrsemestrigen Theorie-Praxis-Seminaren von Studierenden zusammen mit Dozierenden erarbeitet wurden. Es handelt sich zum einen um eine Evaluierung einer Internetplattform zum Thema „Ehrenamt“, die mit großer Methodenvielfalt sorgfältig evaluiert wurde, und die deshalb als gelungenes „Lehrstück“ betrachtet werden kann, und zum anderen um Befragungen von Zeitzeuginnen, die als „Fürsorgerinnen“ an der Vorgängerorganisation der Fachhochschule Oberösterreich in Linz ausgebildet wurden. Diese sogenannten Fürsorgerinnen aus verschiedenen Kohorten kommen hier unter der Rahmenbedingung „Oral History“ zu Wort und schildern anschaulich den Arbeitsalltag der früheren Sozialarbeit.
Rezension von
Prof. Dr. Andrea Helmer-Denzel
Studiengang „Senioren/Sozial-gesundheitliche Dienste-Bürgerschaftliches Engagement“ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg - Heidenheim
Mailformular
Es gibt 7 Rezensionen von Andrea Helmer-Denzel.




