Jutta Hinke-Ruhnau: Bildung unter drei in der Kindertagespflege
Rezensiert von Prof. Dr. Sabine Mönch-Kalina, 09.11.2010
Jutta Hinke-Ruhnau:Bildung unter drei in der Kindertagespflege. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2009. 117 Seiten. ISBN 978-3-7800-1045-2. 19,95 EUR.
Thema
Das vorliegende Buch wendet sich an Tagespflegepersonen, die (fremde) Kinder unter drei Jahren in privaten Haushalten fördern und betreuen. Es beschreibt Bedürfnisse, bildungstheoretische Grundlagen und bietet praktische Ansätze für den Bildungsalltag in der Kindertagespflege.
AutorIn oder HerausgeberIn
Frau Dr. Jutta Hinke-Ruhnau ist u.a. als Fachberaterin für den Bereich Qualifizierung in der Kindertagespflege tätig.
Entstehungshintergrund
Die Kindertagespflege gibt es in Deutschland schon seit einigen Jahrzehnten. Dennoch steht sie als frühe Bildungs- und Entwicklungsbegleitung hinsichtlich der Anforderungen und der methodisch-didaktischen Möglichkeiten noch eher am Anfang. Aus dem Vorwort der Autorin geht hervor, dass mit diesem Buch die Fragen sehr vieler Tagespflegepersonen in Fort- und Weiterbildungen zum Thema „ Bildung in der Kindertagespflege mit Kindern unter drei Jahren“ beantwortet werden sollen.
Aufbau
Ausgehend von der Beschreibung des Bildungsdreiecks Kinder – Eltern – Tagesmutter werden die Bedürfnisse von Kindern und Eltern ausführlich beleuchtet. Bildungspläne für unter drei Jährige, die mehr und mehr in den Bundesländern entwickelt und gesetzlich verankert werden, werden vorgestellt, bevor der Bildungs- und Entwicklungsprozess in der Tagespflege beschrieben und daraus konkrete Gestaltungsvorschläge für den Alltag in der Tagespflege entwickelt werden. All dies wird angereichert mit praktischen Übungen für die Tagespflegeperson selbst und mit Anregungen für ihren Alltag, für die Begegnung mit Eltern und für das Begleiten der Kinder.
Abschließend erhalten die Leserinnen und Leser Informationen über Fachbegriffe, über die Landesjugendämter in den Bundesländern und durch eine ausführliche Literaturliste Hinweise auf weitere relevante Fachbeiträge.
Zielgruppe
Das Buch richtet sich trotz der im Text verwendeten Bezeichnungen „Tagesmutter“ und „Bildungsbegleiterin“ auch an Männer, die in diesem Tätigkeitsfeld aktiv sind – also an alle Tagespflegepersonen.
Inhalt
Die Einleitung durch zwei Beiträge von Entwicklungs- und Qualifizierungsexperten hebt die Bedeutung guter Bildung auch schon für unsere kleinen Menschen hervor. Beide Beiträge werben für überzeugte und gut qualifizierte Bildungsbegleiter.
Das erste Kapitel des Buches widmet sich dem Bildungsdreieck zwischen Kindern, Eltern und Tagespflegeperson. Dabei geht es vor allen Dingen darum, Aspekte für gelingende Kooperation mit den Eltern aufzuzeigen und die eigene Wahrnehmungsfähigkeit der Tagespflegepersonen zu stärken. Dazu wird eine Übung zum Abschalten und Selbstbesinnen integriert.
Das zweite Kapitel nimmt in den Blick, welche Bedürfnisse kleine Kinder haben. Dabei werden alle Aspekte von Bindung, Bildung und Entwicklung in diesen frühen Jahren ausführlich beschrieben. In diesem Abschnitt findet sich eine Übersicht über die Grenzsteine der Entwicklung von 0 bis 60 Monaten.
Das dritte Kapitel soll den Tagespflegepersonen die Situation der Eltern vermitteln, die ihre Kinder in die Tagespflege geben und damit Unterstützung für ihren jeweiligen Familienalltag suchen. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, wie Tagespflegepersonen Eltern einbeziehen können, um den Selbstbildungsprozess des Kindes zu fördern. Dieses Kapitel beschreibt darüber hinaus auch wichtige organisatorische Rahmenbedingungen für die Tagespflege unter den Stichworten Familienunternehmen, Räume und Vertrauensdienstleistung.
Die Kapitel 4 und 5 handeln von den theoretischen Grundlagen der Bildungsprozesse im Alter von 0 bis 3 Jahren. Eingeführt wird in die gesetzlichen Grundlagen der Kindertagespflege sowie in den Komplex Bildungsplanung für die frühkindliche Bildung. Begleitet wird die Grundlagenvermittlung durch viele praktische und organisatorische Hilfen für Tagespflegepersonen. Neben den Ergebnissen der aktuellen Hirnforschung, einer Übersicht über die verschiedenen Intelligenzen werden die Bildungs- und Entwicklungsfelder der Bildungspläne ausführlich vorgestellt. Auch dem Thema Beobachtung und Dokumentation wird Raum geschenkt. Und wiederum findet sich hier eine Übung zur Bewusstseinsbildung für die Tagespflegeperson selbst.
Das Kapitel 6 zeigt, wie Bildungsbegleitung in der Praxis der Kindertagespflege umgesetzt werden kann. Es handelt von der Eingewöhnungsphase, von vielen nachvollziehbaren Alltagssituationen und bietet Anregungen für Kinder verschiedener Altersstufen genauso wie Hilfestellungen für das „Alltagschaos“. Am Ende dieses Abschnitts bekommt die Tagespflegeperson nochmal Unterstützung durch eine Übung.
Diskussion
Die Einleitung in dieses Buch und damit in das Thema Kindertagespflege weckt das Interesse an den Inhalten des Buches auf engagierte und überzeugende Weise.
Jutta Hinke-Ruhnau beschreibt die Entwicklungsphasen von Kleinkindern unter drei Jahren anschaulich und fundiert. Angemessene Bildungsangebote werden nachvollziehbar und mit guten Beispielen vorgestellt. Dieses Buch bietet wertvolle Informationen und vielzählige Denk- und Handlungsanstöße
Dabei gelingt es der Autorin sehr gut, die Leserinnen und Leser persönlich anzusprechen und ihnen zu vermitteln, wie wichtig ihre Arbeit ist. Der Bezug auf viele Alltagssituationen und auf die sich daraus ergebenden Fragestellungen überzeugt davon, dass die Autorin ganz dicht an der Praxis ist. Die Empfehlungen sind nicht belehrend, sondern begleitend und motivierend.
Zu kritisieren ist allenfalls, dass der Aufbau bzw. der Inhalt der einzelnen Kapitel nicht ganz konsistent ist. So finden sich teilweise wichtige Inhalte an Stellen, wo man sie nicht vermutet hätte (Beispiele: Räume der Tagespflegeperson im Kapitel 3 „Was brauchen Eltern …“ oder Beobachten und Dokumentieren und Ergebnisse der Hirnforschung im Kapitel 4 „Bildungspläne“. Die Bildungs- und Entwicklungsfelder der Bildungspläne finden sich dagegen im Kapitel 5 „Kindertagespflege als Bildungs- und Entwicklungsprozess.) Auch wäre es wünschenswert, wenn die an verschiedenen Stellen zu findenden Hilfestellungen zur Tagespflege als Beruf in einem eigenen Kapitel zusammen gefasst wären. Aber das sehr ausführliche Inhaltsverzeichnis hilft dabei, das Meiste aufzufinden.
Fazit
Dieses Buch von Jutta Hinke-Ruhnau stellt eine große Bereicherung und sehr gute Unterstützung für Tagespflegepersonen dar. Es enthält alle wesentlichen Aspekte und gibt wertvolle Anregungen und Anleitungen für die meistens als Alleinkämpfer tätigen Tagesmütter und -väter.
Darüber hinaus ist es auch für diejenigen sehr lesenswert, die Tagespflegepersonen schulen oder sich um Ausbau und Qualitätsentwicklung in der Kindertagespflege bemühen.
Und auch Eltern ist dieses Buch zu empfehlen, weil es ihnen helfen kann, die für sie richtige Tagespflegeperson auszusuchen und das notwendige Vertrauen zu entwickeln, dass die Betreuung ihres Kindes in der Kindertagespflege die richtige Entscheidung ist. Und es dürfte ihnen damit noch besser gelingen, die nicht immer ganz leichte Phase der Fremdbetreuung ihres Kleinkindes mitzugestalten.
Rezension von
Prof. Dr. Sabine Mönch-Kalina
Lehrgebiet Sozialrecht an der Hochschule Wismar
Website
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