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Bernd Dollinger, Henning Schmidt-Semisch (Hrsg.): Handbuch Jugendkriminalität

Cover Bernd Dollinger, Henning Schmidt-Semisch (Hrsg.): Handbuch Jugendkriminalität. Kriminologie und Sozialpädagogik im Dialog. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 586 Seiten. ISBN 978-3-531-16067-2. 49,95 EUR.
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Thema

Geraten Jugendliche in den Fokus der Öffentlichkeit, so geschieht dies häufig unter negativen Vorzeichen. Das Austesten von Grenzen, das zur Jugendphase untrennbar dazugehört, führt zu Grenzüberschreitungen unterschiedlicher Art. Diese werden von Medien und Politik aufgegriffen und führen oftmals zu einem verzerrten Bild von Jugend und Jugendkriminalität in der öffentlichen Wahrnehmung. Um es mit Anhorn zu sagen: Die öffentliche Rede über Jugendliche wird häufig als „Täterdiskurs“ konzipiert (24). Hier setzt das vorliegende „Handbuch Jugendkriminalität“ einen sachlichen, wissenschaftlich-fundierten und seitenstarken Kontrapunkt. Zudem bringt es zwei unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven, die Kriminologie und die Sozialpädagogik, in einen vielversprechenden Dialog. Dies erschien den Herausgebern von besonderer Bedeutung, da der gesellschaftliche Umgang mit Jugendkriminalität stets auf interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenhänge sowie daraus erwachsende Kooperationszwänge verweise (14). Die Kooperation, so stellen sie weiter fest, „wird gebetsmühlenartig angemahnt, höchst unterschiedlich praktiziert, wenig erforscht, selten in ihren komplexen praktischen Anforderungen ernst genommen und gelingt lediglich hin und wieder“ (ebd.). Damit ist die Ausgangslage grob umrissen, vor der durch dieses Handbuch der „Dialog zwischen Sozialpädagogik und Kriminologie auf der Basis eines breiten Zugangs zum Thema ‚Jugendkriminalität‘ befördert werden“ soll (18).

Herausgeber und Autoren

Angeregt wurde dieser Dialog von den beiden Herausgebern Bernd Dollinger und Henning Schmidt-Semisch.
Prof. Dr. Bernd Dollinger ist an der Abteilung Sozialpädagogik der PH Freiburg tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die Theorie und Geschichte der Sozial-/Pädagogik, Sucht- und Devianzforschung, Professionalisierung sowie Sozialpädagogik und Sozialpolitik.
Prof. Dr. Henning Schmidt-Semisch, Diplom-Kriminologe und Soziologe, ist Professor am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Uni Bremen.
Die beiden Herausgeber versammeln in ihrem Handbuch insgesamt 39 Beiträge von 39 Autoren, überwiegend Professoren, aus den Bereichen Kriminologie, Soziale Arbeit und Rechtswissenschaften. Interessant auch, wer nicht zu den Autoren gehört, wie z.B. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen, der aber an mehreren Stellen kritische Erwähnung findet (z.B. S. 84, 208).

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch ist in acht inhaltliche Abschnitte mit jeweils mindestens drei Aufsätzen gegliedert. Aufgrund der Vielzahl der Artikel kann hier nur ein erster Einblick in die unterschiedlichen Schwerpunkte sowie einzelnen Beiträge gegeben werden, deren Auswahl subjektiv bleiben muss.

Der erste Abschnitt A Einführung enthält drei Beiträge. Die beiden Herausgeber legen im ersten den Anlass und die Ausrichtung des Handbuchs dar, bevor Roland Anhorn in die Genealogie der Lebensphase Jugend als sozialem Problem einführt und darlegt, dass der Blick der Sozialen Arbeit auf diese Altersgruppe derzeit von einer Betonung der Risiken geprägt sei. Hans-Jörg Albrecht analysiert internationale Tendenzen in der Entwicklung des Jugendstrafrechts.

Im Abschnitt B findet der Leser sieben Artikel zu aktuellen Entwicklungen und Diskursen. Fritz Sack hinterfragt in einem launischen Beitrag kritisch die Antriebsfaktoren und repressiven Tendenzen der Kriminal- und Strafrechtspolitik sowie deren Reflexion durch Experten aus Wissenschaft und Politik. Bernd Dollinger kritisiert, dass Sozial- und Kriminalpolitik häufig als getrennte Bereiche wahrgenommen werden und spricht sich dafür aus, sie als Modi politischer Steuerung in den Blick zu nehmen, die sich vielfach überschneiden und überlagern. Im Hinblick auf Jugendkriminalität liegt sein Fokus vor allem darauf, dass beide lebenslaufbezogene Steuerungsfunktionen wahrnehmen, d.h. grundlegend in Chancen der Lebensführung eingreifen. Die Beiträge dieses Themenbereichs machen deutlich, dass das Wissen um Jugendkriminalität abhängig ist von entsprechenden politischen, kulturellen und medialen Darstellungen.

Im Abschnitt C werden theoretische Ansatzpunkte für die Analyse von Jugendkriminalität dargelegt. Eine gute Einführung in dieses Thema bietet der Artikel von Stefanie Eifler. Zu Beginn ihres Beitrags geht sie, wie auch andere Autoren dieses Handbuchs, noch mal kurz auf die Erscheinungsweise von Jugendkriminalität (Ubiquität, Bagatellcharakter, Episodenhaftigkeit) ein. Anschließend unterstreicht sie, dass derzeit viele verschiedene Theorieansätze nebeneinander bestehen. Sie unterscheidet dabei beschreibende Ansätze, wo eine Renaissance biologischer Perspektiven zu beobachten sei, von erklärenden Ansätzen, die z.B. aus einer kontrolltheoretischen Sichtweise die Beziehungen in Familie, Schule und Peergruppe thematisieren sowie Ansätze, die das Wechselspiel von Jugendkriminalität und den sozialen Reaktionen darauf in den Blick nehmen. Dietrich Oberwittler geht in einem weiteren Artikel auf die Frage ein, welchen Einfluss sozialräumliche Faktoren auf die Jugenddelinquenz haben können. Nach der Einteilung von Eifler ist sein Beitrag demnach aus einer erklärenden Perspektive geschrieben. Er legt dar, dass Kontexteffekte sozialräumlicher Benachteiligungen bei Jugendlichen delinquenzverstärkend wirken können. Diese sozialräumlichen Effekte werden in erster Linie über Paarbeziehungen vermittelt. Ihr Einfluss ist jedoch – im Vergleich zu individuellen Risikofaktoren – eher gering.

Der darauf folgende Abschnitt D zeichnet Verlaufsformen und Identitätskonstruktionen nach. Dabei analysieren die verschiedenen Beiträge den aktuellen Forschungsstand zu Verlaufs- bzw. Karrieremodellen und stellen sich der Frage nach Zusammenhängen von jugendlicher Delinquenz und Identitätsentwicklung. Es zeigt sich, dass vorschnelle Polarisierungen (Konformität – Devianz etc.) der Vielschichtigkeit in der Praxis oft nicht entsprechen. Innerhalb dieses thematischen Abschnitts stellt Karl-Heinz Reuband eine der wenigen Langzeituntersuchungen zur selbstberichteten Delinquenz vor. Die Zielgruppe waren Studierende der Sozialwissenschaften an den Universitäten Düsseldorf und Dresden. Zwischen 1993 und 2008 fanden zu insgesamt neun Erhebungszeitpunkten anonyme, schriftliche Befragungen zu Delinquenzerfahrungen statt. Einbezogen wurden dabei nur ausgewählte Delikte, die typisch fürs Jugendalter sind, wie z.B. Schwarzfahren oder Sachbeschädigung. Auch hier wurden wieder allgemein anerkannte Befunde wie Ubiquität und Episodenhaftigkeit von Jugenddelinquenz bestätigt sowie ein genereller Rückgang der Delinquenzverbreitung beobachtet, den Reuband mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Wandel in Verbindung bringt. Die Genderperspektive ergänzt u.a. der Aufsatz von Mechthild Bereswill und Anke Neuber zu „Jugendkriminalität und Männlichkeit“. Der Beitrag nimmt die soziale Konstruktion von Devianz wie auch von Männlichkeit in den Blick und setzt sie miteinander in Beziehung. Dabei werden auch die Einflüsse geschlechtsspezifischer „Ungleichzeitigkeiten sozialen Wandels“ (315) sowie sozialer Ungleichheit auf das Phänomen Jugendkriminalität unterstrichen.

Prognose und Prävention lautet die Überschrift von Abschnitt E, in dem der Wunsch nach entsprechenden Instrumentarien und Ansätzen, zugleich aber auch die damit verbundenen Schwierigkeiten in drei verschiedenen Beiträgen aufgefächert werden. Marcus Hußmann kommt z.B. zu dem Schluss, dass es aufgrund der offenen, individuellen Entwicklungsprozesse von Heranwachsenden kein zuverlässiges Prognoseverfahren für junge Menschen geben kann. Zudem warnt er vor möglichen Stigmatisierungseffekten und weist darauf hin, dass Risikoprognosen zur Kriminalisierung gerade strukturell benachteiligter Jugendlicher beitragen können. Ein weiteres Problem sieht er darin, dass die Jugendkriminalität durch Individualprognosen in ihrer Betrachtung auf Tat und Täter reduziert wird. Kritisch, sogar als „Skandal“ (375), sehen Robin Reder und Holger Ziegler auch die unreflektierte Übernahme des eher versicherungsmathematischen Präventionsbegriffs aus der Kriminologie in die Soziale Arbeit. Stattdessen schlagen sie eine sicherlich auch diskussionswürdige Alternative vor: Prävention in der Sozialen Arbeit als Erziehung und Liebe zu begreifen.

Es folgen in Abschnitt F Ausführungen zu Interventionen im Schnittfeld von Sozialer Arbeit und Justiz. In den sechs verschiedenen Beiträgen werden das breite Spektrum, die Vielfalt und Dynamik sozialpädagogischer und strafjustizieller Interventionen (z.B. Täter-Opfer-Ausgleich, Just Communities) ausschnittsartig dargelegt. Exakt in diesem Spannungsfeld bewegt sich z.B. die Jugendgerichtshilfe, der Thomas Trenczek nachdrücklich empfiehlt, ihre sozialpädagogischen Aspekte stärker zur Geltung zu bringen. Er beobachtet zudem, dass die Praxis der Jugendgerichtshilfe stark durch regional tradierte Strukturen bestimmt ist. Ausgesprochen kritisch fällt Hans-Joachim Plewigs Beitrag zur konfrontativen Pädagogik aus. Das Konzept sei – in Kürze – „theoretisch nicht fundiert, methodisch nicht gerechtfertigt und rechtlich unzulässig“ (437).

Im Anschluss an das Schnittfeld von Sozialer Arbeit und Justiz widmet sich Abschnitt G ganz dem strafjustiziellen Umgang mit Jugendkriminalität und nimmt speziell Interventionen und Maßnahmen des Strafrechts in den Blick. Einen sehr grundlegenden, fundierten Überblick über die Bewährungshilfe, ihre rechtlichen Grundlagen, Organisationsformen und Aufgaben sowie ihre Effizienz und Perspektiven bietet Gabriele Kawamura-Reindl. Karl-Heinz Reuband stellt daneben in seinem zweiten Beitrag eine empirische Untersuchung vor, in der die (im Ergebnis eher milden) Einstellungen der Bevölkerung zu jugendlichen Straftätern untersucht wurden. Auf der Grundlage einer repräsentativen, postalischen Mehrthemenbefragung in fünf Städten, bei der auch drei Fragen zu punitiven Haltungen gestellt wurden, geht er möglichen Einflüssen auf diese Einstellungen nach.

Die Maßnahmen der Inhaftierung und geschlossenen Unterbringung, die im Strafjustizsystem nur als letztes Mittel zum Tragen kommen, bilden in diesem Handbuch auch den letzten inhaltlichen Schwerpunkt im Abschnitt H. Einen interessanten Einblick in einen biographischen Zugang zu Hafterfahrungen bietet Mechthild Bereswill. Dabei wird ein schier unauflösbares Paradoxon deutlich: Das Gefängnis kann Jugendliche kaum zur Freiheit erziehen und dennoch den Erziehungsgedanken nicht aufgeben. Den aussagekräftigen Schlusspunkt des Buchs setzt Knut Papendorf, indem er die abolitionistisch orientierten Forderungen, die der Arbeitskreis junger Kriminologen (AJK) vor ca. 30 Jahren aufstellte, auf ihre Aktualität prüft und trotz einigen Wandels keine Notwendigkeit feststellen kann, Abstriche an diesen Forderungen vorzunehmen.

Diskussion

„Man weiß noch zu wenig über Jugendkriminalität“, sagen die beiden Herausgeber in ihrer Einführung (17). Wer sich die Mühe macht, dieses Handbuch von vorne bis hinten durchzulesen, kann diese Aussage nicht mehr bestätigen. Die meisten Leser werden dieses Buch allerdings anders nutzen: als Nachschlagewerk, Klärungshilfe oder Impulsgeber, bezogen auf spezifische thematische Interessen. Für diese Nutzung ist der breite Zugang, den das Handbuch mit seinen vielen unterschiedlichen Sichtweisen und Themenschwerpunkten bietet, der auch kritische und strittige Aspekte nicht ausblendet, sehr gut geeignet.

Als Zielgruppe dieses Handbuchs nennt der Verlag Wissenschaftler, Lehrende und Studierende der Fachbereiche Sozialpädagogik, Soziale Arbeit und Psychologie an den (Fach-)Hochschulen aber auch soziale und pädagogische Fachkräfte, Leitungskräfte und Mitarbeiter in Polizei- und Justizbehörden sowie Referenten in den zuständigen Ministerien auf Bundes- sowie Landesebene.

Fazit

Ein umfangreiches und ausgesprochen empfehlenswertes Werk, das seinen Nutzern viele verschiedenfarbige und –artige Mosaiksteine bietet, die sich beim Lesen zu einem differenzierten Bild der Jugendkriminalität zusammensetzen.


Rezension von
Gesa Bertels
Soziologin (M.A.) und Diplom-Sozialpädagogin (FH), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
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Zitiervorschlag
Gesa Bertels. Rezension vom 16.05.2011 zu: Bernd Dollinger, Henning Schmidt-Semisch (Hrsg.): Handbuch Jugendkriminalität. Kriminologie und Sozialpädagogik im Dialog. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16067-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9523.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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