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Herbert Schubert: Wirkungen sozialräumlicher Kriminalprävention

Cover Herbert Schubert: Wirkungen sozialräumlicher Kriminalprävention. Verlag Sozial Raum Management (Köln) 2009. 205 Seiten. ISBN 978-3-938038-05-5. 20,00 EUR.

Reihe: Wirkungen sozialräumlicher Kriminalprävention, Band 1.
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Thema

Dass Kriminalität etwas mit Milieus zu tun hat, in denen sie sich entwickeln kann, dass Familienverhältnisse und überhaupt soziale Verhältnisse auch deviantes Verhalten produzieren und reproduzieren, ist inzwischen eine Binsenweisheit.

Was erst so ganz allmählich ins Bewusstsein der Kriminologie eindringt, aber auch nicht zu den klassischen Erkenntnissen der Stadtforschung zählt, ist die Erkenntnis, dass die strukturellen Bedingungen des Quartiers, seine städtebauliche Gestaltung, seine Zugänge zur Kernstadt, sein Grad der Deprivation und des sozialen, kulturellen und ökonomischen Abgekoppelt-Seins von der Kerndynamik einer Stadt zu Segregationseffekten führt, die wir inzwischen als Kontext- oder Quartierseffekte kennen - das dürfte auch in der empirischen Stadtforschung noch nicht zu den gefestigten Erkenntnissen gehören. Ein depriviertes Habitat erzeugt auch immer einen deprivierten (oder devianten) Habitus!

Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Dr. Herbert Schubert ist Professor an der Fachhochschule Köln

Prof. Dr. André Kaiser ist Professor an der Wirtschaft- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln

Dr. Katja Veil ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Köln

Holger Spieckermann M. A. ist Dozent und Koordinator des Forschungsschwerpunktes Sozial - Raum - Management an der Fachhochschule Köln

Daniela Jäger M. A. ist Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich

Entstehungshintergrund

Dieser und eine weiterer Band (vgl. dazu die Rezension) dokumentieren Ergebnisse eines Forschungsprojektes "Wirkungen sozialräumlicher Kriminalprävention auf Sicherheit und Integration, Evaluation räumlich gestaltender, wohnungswirtschaftlicher und sozialplanerischer Maßnahmen in zwei deutschen Großsiedlungen (Köln-Kölnberg und Dortmund-Clarenberg)". Es ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Universität zu Köln und der Fachhochschule Köln, das von der RheinEnergieStiftung Jugend/Beruf, Wissenschaft in Köln gefördert wurde.

Aufbau

Im diesem Band werden städtebauliche und wohnungswirtschaftliche Maßnahmen evaluiert, wobei nach einer Einleitung in sechs weiteren Kapiteln

  • die Vorgehensweise und Methodik,
  • die Beschreibung der Stadtteile,
  • die Analyse der Sicherheitssituation,
  • die Wirkungen sozialräumlicher Kriminalprävention und
  • die Nachbarlichkeit und Sicherheit

bearbeitet werden und mit einer Schlussbetrachtung abgeschlossen werden

In einem zweiten Band, der gesondert rezensiert wird, geht es um Erfolgsfaktoren von „New Governance“ in Stadtteilen mit Erneuerungsbedarf.

Inhalt

Es wurden zwei zu vergleichende Stadtteile ausgesucht, die von ihren Kontextfaktoren vergleichbare Strukturen aufweisen. Beide sind zur ungefähr gleichen Zeit gebaut worden und ihre Bewohnerschaft weist ähnliche sozialstrukturelle Merkmale auf. In Dortmund-Clarenberg wurde zu Beginn der 90er Jahre eine umfassende Sanierung nach dem Leitbild des sicheren Wohnens durchgeführt; in Köln-Kölnberg wurden die Sicherheitsmaßnahmen anders bewertet, was zu unterschiedlichen Strategien des Umgangs mit Sicherheit führte. Auf der Basis einer Strukturanalyse (Auswertung polizeilicher Daten, städtebauliche Strukturen) und einer Haushaltbefragung wurden die beiden Stadtteile miteinander verglichen. Die gebildeten Indikatoren und intervenierenden Variablen beziehen sich auf hypothetische Zusammenhänge von sozialstrukturellen und sozial-integrativen Variablen einerseits und sozialräumlichen Bedingungen der Stadtteile andererseits.

Nach einer ausführlichen historischen und sozialstrukturellen Beschreibung der Stadtteile, die auch einiges verdeutlicht, was die Entwicklung bestimmter Milieus angeht und die Herausbildung eines bestimmten raumbezogenen Habitus betrifft - nach einer derartigen Beschreibung werden die Wirkungen sozialräumlicher Kriminalitätsprävention analysiert.

Bei allem, was man in Blick auf die praktischen Kriminalprävention vor Ort an Erkenntnissen hat und was sich in vielen Ratgebern für die Polizei und die Kriminalpräventiven Räte einiger Länder widerspiegelt - es gibt kaum gesicherte Forschungserkenntnisse über den Zusammenhang von städtebaulichen Strukturen und kriminellem Verhalten.

Was an Erkenntnissen vorliegt - Überschaubarkeit der sozialen Räume, nachbarschaftliche Vernetzung, die Gestaltung öffentlicher Räume - wird in diesem Projekt überprüft und auf die Beschreibung der städtebaulichen Situation der beiden Stadtteile bezogen. Dann wird diese städtebauliche Situation auf ihre Qualität in Blick auf die Erzeugung des subjektiven Gefühls der Sicherheit hin überprüft. Auf Grund der unterschiedlichen städtebaulichen Strukturen ist nach den Ergebnissen das Sicherheitsgefühl in dem eher ländlich geprägten Stadtteil Clarenberg deutlich höher als in Kölnberg. Die städtebauliche Gestaltung kann zwar ein notwendiger, aber kein hinreichender Indikator für das Sicherheitsempfinden sein.

Was das Sozialmanagement als ein Verfahren der Wohnungswirtschaft anbelangt, kommen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass zunächst auch die Selbstorganisationsfähigkeit der Akteure nicht ausreicht, zumal eine informelle Sozialkontrolle nicht mehr gegeben ist, um Sicherheit herzustellen. Sowohl für die Herstellung von nachbarschaftlichen Netzwerken als auch für die Aneignung öffentlicher Räume durch die Bewohnerschaft bedarf es mehr als psychosozialer Zugänge. Hier gibt es auch einen Zusammenhang zwischen der Attraktivität des Wohnumfeldes und der Art und Qualität der Netzwerke und der Aneignung öffentlicher Räume.

Inwieweit Nachbarlichkeit, also nachbarschaftliche Netzwerke zur sozialen Verortung und zum Vertrauen in das Quartier beitragen, wissen wir bereits seit den klassischen Studien der Stadtsoziologie, insbesondere der Gemeindestudien der Chicagoer Schule. Nachbarschaften als Hilfs- und Unterstützungssysteme kennen wir bei aller Modernisierung und ihren Folgen der Individualisierung auch in der modernen Stadt - auch in Form einer in Rudimenten zumindest vorhandenen Form der Sozialkontrolle.

Gerade was die Stadt als soziale Organisation (L. Wirth u. a.) ausmacht, ist für das Vertrauen in den Stadtteil und das Gefühl der Sicherheit hoch relevant. Vertrauen basiert auch auf Anerkennung und auf dem Gefühl, dass andere auch dazugehören und dass man für diese relevant ist. Das setzt soziale Verortung - auch längere Verortung - im Stadtteil voraus. Hohe Fluktuation - so auch die Autorinnen und Autoren - führt zu diesem Vertrauen nicht und damit auch nicht zu Sicherheit.

In ihren Schlussbetrachtungen fassen die Forscherinnen und Forscher ihre Ergebnisse noch mal zusammen und ziehen ein Fazit. Die unterschiedlichen Sicherheitsstrategien führten in beiden Stadtteilen zu einem unterschiedlichen Sicherheitsgefühl, auch zu einer unterschiedlichen Sicherheitslage. Das drückt sich auch in einem unterschiedlichen Grad der Wohnzufriedenheit aus, die in Clarenberg insgesamt höher ist als in Kölnberg. Dies beruht auch auf dem Konzept der Nachbarlichkeit. Dabei wurde deutlich "dass das Vertrauen in die Nachbarn und die Erwartung durch Nachbarn in einer Notsituation Hilfe zu erwarten mit der städtebaulichen Bewertung der Wohnsiedlungen statistisch korreliert". (179). Dagegen ist durch die "Broken-Window-These" in Kölnberg zu belegen, dass Sicherheit zu einer zunehmenden Abwanderung der Bevölkerung führt.

Was auch immer Kontext- oder Quartierseffekte sind und wie sie auch immer empirisch und analytisch trennscharf von anderen Bedingungen des Handelns abgegrenzt werden können - die städtebauliche Gestaltung des öffentlichen Raums hat Auswirkungen auf den Habitus derer, die in ihm und durch ihn leben.

Ob die Wohnungswirtschaft durch Sozialmanagement stabile Nachbarschaften herstellen kann, ist fraglich. Sicher ist die Quartiersbindung von städtebaulicher Gestaltung abhängig, auch die soziale Kontrolle von der Attraktivität öffentlicher Räume und des Wohnumfeldes. Aber informelle soziale Kontrolle ersetzt institutionelle soziale Kontrolle nicht.

Schließlich fragen die Autorinnen und Autoren noch einmal nach der Aussagekraft des angewandten ISIS Modells, das Infrastrukturen im soziokulturellen Kontext, Sozialmanagement, Intermediäre Netzwerke und Städtebauliche Maßnahmen in einen Zusammenhang bringt.

Diskussion

Der hier dokumentiere Teil des Forschungsprojekts hat seinen Fokus in den städtebaulichen und wohnungswirtschaftlichen Maßnahmen der Kriminalprävention und ihren Wirkungen. Aber es weist auch darüber hinaus. Es geht nämlich überhaupt um die Frage nach den Quartierseffekten, nach den sozialräumlichen Bedingungen des Lebens und Handelns, die sich aus der städtebaulichen Gestaltung des Quartiers, seiner infrastruktureller Ausstattung, seiner Attraktivität öffentlicher Räume und seiner Anbindung an die Kernstadt ergeben. Wenn man nicht nur in einen Raum integriert ist, sondern durch ihn, entstehen ganz bestimmte Denk- und Verhaltensmuster, die an den Raum gebunden sind, in dem sie entstehen.

Die Vielfalt der angewandten Methoden macht auf die Komplexität des Themas aufmerksam und die empirische Absicherung der Erkenntnisse macht diese Studie auch valide und sie kann damit auch Ausgangspunkt weiterer Fragestellungen werden.

Aber auch, weil Kriminalprävention selbst schwierig ist, wenn sie sich nicht auf sekundärpräventive Maßnahmen erstreckt, ist diese Studie wichtig. Die banale soziologische Erkenntnis, dass Verhältnisse auch das Verhalten bestimmen, wird hier auf einen Zusammenhang fokussiert, der erst noch plausibel gemacht werden muss: dass nämlich deprivierte städtebauliche Verhältnisse und Strukturen auch zu deviantem Verhalten führen können. Das macht diese Studie auch so wertvoll.

Fazit

Dieser Band sei allen empfohlen, die sich mit Kriminalprävention auseinandersetzen; aber auch denen, die in der Stadtplanung und Stadtentwicklung danach fragen, warum bestimmten Stadtteilen es eher gelingt, ihre Bewohnerschaft zu integrieren als anderen und warum es deshalb auch Unterschiede im Ausmaß abweichenden Verhaltens gibt. Dass die Unterschiede in den städtebaulichen Strukturen zu vermuten sind oder aber dort gesucht werden müssen, kann zu neuen Handlungsansätzen in der Kriminalprävention führen.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 28.01.2011 zu: Herbert Schubert: Wirkungen sozialräumlicher Kriminalprävention. Verlag Sozial Raum Management (Köln) 2009. ISBN 978-3-938038-05-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9524.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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