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Bernhard Bayer, Thorsten Hillmann u.a. (Hrsg.): Kinder- und Jugendhospizarbeit

Cover Bernhard Bayer, Thorsten Hillmann, Georg Hug, Christa Ruf-Werner (Hrsg.): Kinder- und Jugendhospizarbeit. Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Sterbebegleitung ; [mit CD-ROM]. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2009. 192 Seiten. ISBN 978-3-579-05897-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.

hrsg. im Auftr. des Malteser Hilfsdienstes e.V.
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Zu dem Titel liegt eine Leseprobe vor.

Entstehungshintergrund

In Deutschland leben zirka 22.600 Kinder und Jugendliche mit einer lebensverkürzenden Erkrankung. Jährlich sterben mehr als 1500 von ihnen an unheilbaren Krankheiten. Für die erkrankten Kinder und ihre oft über viele Jahre stark belasteten Familien ist ein Angebot des Lebensbeistands und der Sterbebegleitung unentbehrlich. Hier setzt die Kinder- und Jugendhospizarbeit, als essenzieller und notwendiger Teilbereich der Hospizarbeit an. Um den besonderen Bedürfnissen dieser Familien gerecht zu werden, bedarf es einer speziellen Vorbereitung der Ehrenamtlichen in dieses sensible Tätigkeitsfeld. Aus diesem Grund entwickelte eine Arbeitsgruppe aus erfahrenen Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhospizarbeit der Malteser aufbauend auf „Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Sterbebegleitung“ (herausgegeben von Elke Schölper im Auftrag des Gemeindekollegs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands) das vorliegende Curriculum.

Zielgruppe

Das Buch dient der Vorbereitung von ehrenamtlichen Mitarbeitern (Paten), die als Begleiter in der Kinder- und Jugendhospizarbeit beginnen möchten. Es ist primär für die Kursleitung gedacht, welche dieses Programm durchführen möchte. Hierzu werden zusätzlich für die Kursleitungsteams gesonderte Trainings durch das Referat Malteser Hospizarbeit & Palliativmedizin angeboten. Zudem bietet das Buch aber auch Ideen für Menschen, die in ihrer pädagogischen Arbeit in Berührung mit sterbenden Kindern und Jugendlichen kommen.

Aufbau

  1. Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Kinder- und Jugendhospizarbeit
  2. Zur Planung eines Vorbereitungskurses
  3. Der Grundkurs
  4. Das Praktikum
  5. Der Vertiefungskurs

Hinzu kommt ein Anhang.

Inhalt

Das Buch beginnt mit einem einführenden Kapitel, das dazu dient, die Kinder –und Hospizarbeit mit ihren Adressaten, ihrem Grundverständnis und konkreten Angeboten näher zu beleuchten. Zudem werden Struktur, Ziel und Material des Vorbereitungskurses „Das Celler Modell“ erläutert.

Der zweite Teil beschäftigt sich unter anderem mit folgenden Fragen der Planung eines Vorbereitungskurses Ehrenamtlicher in der Begleitung von Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern und Jugendlichen:

  • Welche Kompetenzen benötigt das Leitungsteam?
  • Welchen Inhalt sollten Auswahlgespräche mit Interessierten haben?
  • Welche Voraussetzungen sind für Teilnehmer am Vorbereitungskurs unabdingbar?
  • Gibt es Ausschlusskriterien für eine Teilnahme?
  • Wie können Zeitstruktur und Veranstaltungsort eines Kurses aussehen?

In den folgenden Kapiteln 3 bis 5 wird der eigentliche Vorbereitungskurs aufgezeigt. Dabei handelt es sich um einen in sich abgeschlossenen, in seinen Einheiten aufeinander aufbauenden Kurs. Die einzelnen Einheiten werden als Schritte bezeichnet, weil sie zur Einübung mitgehender und annehmender Begleitung dienen sollen. Der Zeitumfang jedes Schrittes beträgt drei Stunden und beginnt jeweils mit einer Talking-Stone-Runde.

Das benutzte Lernprinzip stützt sich auf das prozesshafte sowie das teilnehmer- und erfahrungsorientierte Lernen an der eigenen Person und in der Gruppe. Dabei kommt es zur Anregung von Selbst- und Gruppenreflexionsprozessen, die durch ein Selbststudium des Curriculums nicht initiiert werden können.

Da das Celler Modell im christlichen Kontext entwickelt wurde, verwendet es als Leitmotive Bilder der biblisch-christlichen Tradition. Ein eigener christlicher Glaube ist keine Voraussetzung zur Teilnahme am Kurs. Eine gewisse Offenheit, sich auf Inhalte christlicher Tradition einzulassen, wird allerdings erwartet.

Der Kursus erstreckt sich insgesamt über einen Zeitraum von sechs bis zehn Monaten: Grundkurs (9 Einheiten), Praktikumsphase (ca. 3 bis 6 Monate) und Vertiefungskurs (9 Einheiten). Grundkurs und Vertiefungskurs beginnen jeweils mit einer Einführungseinheit, um die Situation der Gruppe zu erörtern und die Gesamtstruktur des folgenden Kursteils zu thematisieren.

Die einzelnen Einheiten / Schritte sind sehr differenziert veranschaulicht. So beinhalten sie:

  • eine Einleitung für das Leitungsteam,
  • Zielformulierungen für jeden Kursschritt,
  • einen tabellarischen Verlaufsplan,
  • didaktisch – methodische Erläuterungen zu den einzelnen Elementen,
  • einen Überblick über die zugehörigen Materialien auf der CD-ROM und
  • ggf. weiterführende Literaturhinweise zum Thema.

Die beigelegte CD-ROM umfasst zu jedem Schritt eine thematische Einführung, eine Verlaufsübersicht und verwendete Materialien (u.a. Grafiken, Gedichte, Textauszüge aus Büchern, Bildmeditationen, Übungen, Handouts zu verschiedenen Thematiken) als Einzeldateien, die ausgedruckt werden können.

Nachfolgend sollen die einzelnen Schritte des Grund- und Vertiefungskurses inhaltlich kurz aufgeführt werden:

Grundkurs

Schritt 1: wahrnehmen (Grundmuster der Wahrnehmung; Entwicklungen im Sterben; Vorstellung einer Familiensituation; Auseinandersetzung mit eigenen Reaktionen)

Schritt 2: mitgehen (Diskussion über Rollen in der Zusammenarbeit mit anderen sowie unterschiedlichen Gefühlszuständen im Sterben; Fokus auf den Sterbensweg von Kindern und Jugendlichen; Kennenlernen eines Begleitungskonzeptes)

Schritt 3: zuhören (Grundlagen des aktiven Zuhörens; Erkennen von unterschiedlichen Interpretationen und die Nicht-Eindeutigkeit einer Botschaft)

Schritt 4: verstehen (System Familie und in ihr ablaufende Prozesse; Dynamiken innerhalb einer Familie; Wertvorstellungen; Genogramm; Akzeptanz eigener ambivalenter Gefühle)

Schritt 5: weitergehen (Auseinandersetzung mit Krisen in der Begleitung bei sich selbst und anderen; realistische Einschätzung eigener Kräfte; Aufzeigen von Möglichkeiten der Kräfteerneuerung)

Schritt 6: bleiben (Ohnmachtserfahrungen in der Begleitung; Reflektieren eigener Gefühle und Handlungsmöglichkeiten, die zum Bleiben in der Begleitung einer Familie befähigen)

Schritt 7: loslassen (Bewusstmachen eigener Wünsche und Erfahrungen beim Loslassen von Menschen oder Dingen; endgültiges Loslassen im Sterbeprozess; Trauerprozesse und eigene Trauererfahrungen)

Schritt 8: aufstehen (Vorstellungen und Bilder aus der christlichen Tradition zur Frage einer Hoffnung über den Tod hinaus; Vorstellungen von Kindern und Jugendlichen über Tod und Sterben; Abschiedsrituale)

Im folgenden Abschnitt über das Praktikum ist Grundsätzliches zur Praktikumsphase, Vorbereitung und Supervision sowie Hinweise zur fallbezogenen Praxisbegleitung, Einsatzfeldern und thematischen Fortbildung während des Praktikums zu finden.

Die Schritte des angrenzenden Vertiefungskurses sind inhaltlich wie folg aufgebaut:

Schritt 1: gerufen (Beschäftigung mit dem eigenen Namen zur Identitätsfindung; Überdenken der eigenen Motivation zur Kinder- und Jugendhospizarbeit; Reflexion des eigenen Lebensweges im Zusammenhang mit dem Begriff „Berufung“; Wahrnehmen von Identitäten und Lebensgeschichten in der Gruppe)

Schritt 2: gefragt (Neigungen zu bestimmten Helferrollen; individuelle Handlungsmuster; Grenzen und Gefahren des Helfenwollens; Reflexion eigener Prägungen und Ereignisse, die den Helferwunsch bestimmen)

Schritt 3: bedacht (Auseinandersetzung mit prägenden Ereignissen der eigenen Lebensgeschichte; Wahrnehmen der Individualität, Persönlichkeit und Würde eines Menschen)

Schritt 4: gelöst (Möglichkeiten und Hindernisse des vertrauensvollen Gespräches; Umgang mit Schuldgefühlen bei Angehörigen und Freunden des Erkrankten; Reflexion von Erfahrungen mit Entlastung und Befreiung und Übertragung dieser auf Begleitungserfahrungen)

Schritt 5: gedeutet (Debatte über Lebensthemen und deren unterschiedliche Deutungen, beispielsweise die des christlichen Glaubens; Eruieren eigener Lebensthemen und die anderer, wie Angst, Krise, Versagen; Hoffnung trotz Begrenztheit unseres Lebens)

Schritt 6: begrenzt (Erfassen eigener Grenzen und der Umgang mit ihnen; Spannung zwischen dem Anerkennen und Überschreiten von Grenzen; Wahrhaftigkeit im Sterbeprozess, als Grenzsituation betroffener Familiensysteme)

Schritt 7: entdeckt (Grundhaltungen des eigenen Lebens; Prägungen und Grundhaltungen anderer erkennen und respektieren lernen; Beschäftigen mit dem eigenen Verständnis von Spiritualität und Glauben als auch mit anderen Sichtweisen; christliche Grundhaltungen)

Schritt 8: bewegt (Reflexion der Vorbereitungszeit und der persönlichen Entwicklung; Hinweise über zukünftige Arbeits- und Einsatzmöglichkeiten; ein Fest feiern)

Ein Anhang enthält abschließend Hinweise zu weiterführender Literatur und wichtige Anschriften für die Kinder- und Jugendhospizarbeit.

Diskussion

Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Sterbebegleitung ist ein höchst detailliert ausgearbeitetes Programm. Die Teilnehmer werden dazu angeregt, sich mit den Themen, Sterben, Tod und Trauer auseinanderzusetzen und eigene Grundhaltungen und Motivationen kritisch zu hinterfragen. Dabei beeindruckt die Sensibilität und Behutsamkeit wie Schritt für Schritt in diese diffizile Thematik eingestiegen wird. Somit kann einer Überforderung der Teilnehmer entgegengewirkt werden. Sie bekommen ein Rüstzeug in die Hand um kompetent, zuversichtlich und gut vorbereitet ihren Dienst an lebensverkürzend erkrankten Kindern und Jugendlichen und deren Familien leisten zu können.

Überzeugend an diesem Kurs ist zudem die didaktisch-methodische Vielfältigkeit. So wird zum Beispiel mit Bildmeditationen, Rollenspielen, Einzelarbeiten, Kreativem Gestalten, Soziometrischer Aufstellung, Rundgesprächen, Körperübungen, Kurzvorträgen und Erfahrungsberichten gearbeitet.

Um einer Inflexibilität vorzubeugen, können die Kursleiter oft zwischen mehreren didaktischen Varianten auswählen bzw. eigene Gedanken und Vorstellungen einbringen. Damit besitzt jeder Kurs vor Ort immer etwas Individuelles und Einmaliges, den Bedürfnissen der Teilnehmer angepasst.

Meiner Meinung nach kann dieses Buch auch didaktisch - methodische Anregungen für hospizferne Gruppenarbeiten, beispielsweise für Selbsthilfegruppen bieten. Überdies gibt es Lesern, auch ohne ehrenamtliches Engagement im Hospizdienst, einen guten Einblick in die Thematik Sterben, Tod und Trauer und motiviert zur persönlichen Auseinandersetzung.

Als mögliche Ergänzung dieser Publikation erscheint mir die Angabe der erfahrungsgemäß optimalen Gruppengröße mit Mindest- und Maximalteilnehmerzahl.

Fazit

Ein unbedingt empfehlenswertes Buch, das einfühlsam Schritt für Schritt in die Thematik Sterben, Tod und Trauer begleitet – nicht ausschließlich für ehrenamtliche Mitarbeiter der Hospizarbeit, sondern für alle, die sich mit diesem essentiellen Thema auseinandersetzen möchten.


Rezensentin
Diplom-Sozialpädagogin Birgit Frahnow
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Zitiervorschlag
Birgit Frahnow. Rezension vom 28.10.2010 zu: Bernhard Bayer, Thorsten Hillmann, Georg Hug, Christa Ruf-Werner (Hrsg.): Kinder- und Jugendhospizarbeit. Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Sterbebegleitung ; [mit CD-ROM]. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2009. ISBN 978-3-579-05897-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9528.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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