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Elisabeth Badinter: Der Infant von Parma oder die Ohnmacht der Erziehung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 19.06.2010

Cover Elisabeth Badinter: Der Infant von Parma oder die Ohnmacht der Erziehung ISBN 978-3-406-60093-7

Elisabeth Badinter: Der Infant von Parma oder die Ohnmacht der Erziehung. Verlag C.H. Beck (München) 2010. 143 Seiten. ISBN 978-3-406-60093-7. 17,95 EUR.

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Erziehung – Chance oder Schicksal?

In der von der UNESCO, der Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen, wird in der „Empfehlung zur internationalen Erziehung“ (1974) Erziehung definiert als „Gesamtprozess des sozialen Leben, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“. Dabei wird besonders herausgestellt, dass dieser Prozess sich nicht auf spezielle Tätigkeiten begrenzt, sondern den ganzen Menschen meint. Es ist nicht verwunderlich, wenn der paideia, der Erziehung und Bildung, von Menschengedenken an eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet ist. Immer, wie etwa beim griechischen Philosophen Aristoteles, geht es darum, den Menschen gut zu machen und sein individuelles und kollektives Denken und Handeln human zu ermöglichen. In der Levana, der „Erziehlehre“, die Jean Paul 1806 seiner „Königlichen Majestät, der Königin Carolinie von Bayern in tiefster Ehrfurcht gewidmet“ hat, beschwört er den „Geist der Erziehung – überall das Ganze meinend - … als das Bestreben, den Idealmenschen, der in jedem Kind umhüllt liegt, frei zu machen durch einen Freigewordenen“. Der homo educandus ist nicht nur ein von Natur aus lernfähiges Lebewesen, sondern er kann und muss auch erzogen werden: Der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Pädagogik ist damit formuliert, und es bedarf des Educanus, des Erziehers dazu. Inwieweit sich jedoch Erziehung in der Spannweite von „Führen oder Wachsen lassen“ (Theodor Litt), von Forderungen nach Disziplin (Martin Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, List-Verlag, Berlin 2006, vgl. die Rezension) und einer Pädagogik der Autonomie (Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis, Münster 2008, vgl. die Rezension) bewegt, ist höchst umstritten und wird äußerst kontrovers diskutiert. Da kann es hilfreich sein, in die Geschichte zu schauen, damit Wirklichkeit sich verändern kann.

Entstehungshintergrund und Autorin

Erziehung ist machtvoll. Und die Wirkungen sind eben entweder ge-macht, oder sie sind ohnmächtig. Dabei kommt es wohl darauf an, wer die Maßstäbe vorgibt, nach denen erzogen werden soll. Es sind natürlich in erster Linie die Erzieherinnen und Erzieher, die sich wiederum an den Messlatten orientieren, die sie als Erzogene selbst erfahren haben oder die qua Sitte und Überlieferung „selbstverständlich“ sind. Das erfährt auch Prinz Ferdinand von Parma, der Enkel des französischen und spanischen Königs. Er wird am 20. Januar 1751als Sohn des spanischen Infanten Don Philipp, Herzog von Parma, und Louise Elisabeth, der ältesten Tochter des französischen Königs Ludwig XV., in Parma geboren. Die Eltern wollen aus dem Jungen einen aufgeklärten Herrscher und damit deutlich machen, dass die „Macht der Erziehung“ alles vermag. Sie verpflichten dafür die bekanntesten Lehrer und Wissenschaftler der Zeit an den Hof, und insbesondere die ehrgeizige Mutter, die Ferdinand und seine beiden Schwestern auf den Thronen in Europa sehen möchte, forciert das Vorhaben, das vom herzoglichen Beauftragten, Auguste de Keralio, stetig verfolgt wird.

Elisabeth Badinter, Philosophie- und Literaturwissenschaftlerin an der Pariser Ecole Polytechnique, schreibt die Geschichte Ferdinands nicht als Biographie; vielmehr will sie am Exempel aufzeigen, dass die in der europäischen Aufklärung in das öffentliche Bewusstsein gehobene Macht der Erziehung ihre Tücken hat und ihre (idealistischen) Versprechungen am Individuum scheitern (können); und, vielleicht ist das eine Erkenntnis aus der Geschichte: Erziehung braucht keine Allmacht und auch keine spekulative und egoistische Kalkulation, sondern das, was heute wichtiger denn je ist: Demut, was ja bedeutet, Mut zum Guten und nicht zum Nützlichsten zu haben.

Aufbau und Inhalt

Ferdinand wächst heran, durchaus ausgestattet mit den von seinen Erziehern und Hauslehrern mit philosophischen und pädagogischen Künsten vermittelten Bildungsgütern und erzogen im Geist der damaligen Zeit. Wenn seine Mutter, Louise Elisabeth, die Früchte der Erziehung mit der Bemerkung lobt: „Mein Sohn ist reizend, wenn er auch recht oft bestraft werden muss“, und damit mit den Erziehungskünsten Keralios zufrieden ist, wird deutlich, was sich interessanterweise wieder findet in den Erfahrungen, die in der heutigen Internatserziehung, etwa in der Odenwaldschule öffentlich werden (Johannes von Dohnanyi, Die Kälte der Eltern. Missbrauch im Internat. Warum manche Väter und Mütter mitschuldig sind, DIE ZEIT; Nr. 16 vom 15. 4. 2010, S. 8). Mit der Wahl des Abbé de Condillac als Hauslehrer, eines in jener Zeit bekannten Theologen und Philosophen, wollten die Eltern Ferdinands das ihrige tun, um aus dem Prinzen einen aufgeklärten Fürsten zu machen. Condillac hat eine Pädagogik entwickelt, die bei den Zeitgenossen erhebliche Irritationen hervorgerufen hat: Die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer sollte nicht mehr autoritär sein, sondern kooperativ; die methodische Herangehensweise sollte sich an dem jeweiligen Fassungsvermögen des Kindes orientieren und den individuellen Rhythmus berücksichtigen; der Lehrer hat sich an den Schüler anzupassen, nicht umgekehrt. Das Ziel: Denken lernen! Der Junge freilich gerät dabei in die Auseinandersetzungen zwischen seinen französischen und italienischen Lehrern, wobei letztere seinen scheinbaren Hang zum mystischen Denken und zur Schwindelei förderten. „Führen oder Wachsen lassen?“. Der Erziehungsplan wird nur peripher gestört durch Eigenschaften, die der junge Prinz ausprobiert, wie: Allzu große Heiterkeit, mangelnder Ernst, Frömmelei, kindisches Benehmen, sich gemein machen mit der Dienerschaft und den Soldaten. Condillac versucht alles, um Ferdinands Verhalten zu ändern; immerhin beabsichtigt er, das lässt er auch seinem Zögling wissen, über seine Erziehungserfolge ein Buch zu schreiben.

Doch die „Macht der Erziehung“ scheitert. Als Ferdinand am 19. Juli 1769 die Erzherzogin Maria Amalia heiratet, da befreit er sich zwar „von der Furchtel seiner Lehrer“, gerät dabei aber, und hier sieht Elisabeth Badinter eine Parallele zu der seiner Eltern, „unter die Furchtel seiner Frau“. Zutage kommen die Eigenschaften, die seine Erzieher mühsam und immer wieder zu unterdrücken versuchten, nämlich sein kindisches und heimtückisches, verlogenes Verhalten. Er „beginnt … mit seiner Erziehung abzurechnen“. In der Lesart seiner Erzieher, Berater und gleichzeitig Verächter drückt sich das so aus: „Der Prinz ist unbegreiflich, denn er ist voller Widersprüche mit sich selbst“. Die Einflussnahmen auf ihn wechseln, von den Erziehern, Beratern und politischen Beamten hin zum Klerus. Die Beobachter und Beauftragten der königlichen Mächte in Frankreich, Spanien und Österreich analysieren das für ihre Majestäten so: „Auf der einen Seite hat man dieses Kind nicht Kind sein lassen, in einem Alter, wo dies notwendig gewesen wäre. Auf der anderen Seite hat man ihm eine so unnachgiebige und strenge Erziehung auferlegt, dass er zur Verstellung und Heuchelei übergegangen ist, die einzigen Fluchtmittel für einen schwachen und kraftlosen Charakter“. Ferdinands (und seiner Frau Amalias) Überzeugung: „Ich kann selbst regieren“, gerät zum Menetekel dadurch, dass sie sich völlig in die Hände der von Papst Clemens XIV. diktierten Kirchenpolitik begeben. Die Wiedereinführung der Inquisition in Parma stellt so etwas wie einen Höhepunkt in der Unfähigkeit Ferdinands dar, tatsächlich ein „aufgeklärter Fürst“ zu sein. Er verfällt immer mehr seiner Frömmelei, entwickelt schizophren anmutende Eigenschaften, trennt sich von Amalia, obwohl er danach weiterhin Kinder mit ihr zeugt, veranstaltet Feste, bei denen „Bäuerinnen tanzen“ und wird so in den Augen seiner Umgebung zum „Fürst der Sakristane“, und in der Geschichtsschreibung zum „Fürsten der Finsternis“, der die Lichter der Aufklärung austreten wollte. Als er am 9. Oktober 1802, 51jährig, in Parma stirbt, da ist das Interesse an diesem künftigen „Fürsten der Aufklärung“ erloschen. Einer seiner jüngsten Biografen, der Italiener Guiseppe Bertini, charakterisiert Ferdinand 2002 als „aufgeklärten Frömmler“.

Fazit

Der Zwiespalt und die Widersprüche, die sich in Ferdinands Leben als Kind und späteren Fürsten auftun und zu vielerlei Interpretationen Anlass geben, werden auch in Elisabeth Badinters klugen Analyse nicht aufgelöst. Ist das Erziehungsexperiment gescheitert, weil die „Macht der Erziehung“ nicht wirkt, oder sind die Hoffnungen auf die „Macht der Vernunft“, die in der Aufklärung zu Tage traten, mit falschen Mitteln genährt worden? Diese Grundfrage ist keine historische allein, sondern wirkt bis heute!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1737 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245