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Tobias Gaydoul: Qualitätsberichte von Krankenhäusern

Rezensiert von Sozialverwaltungswirtin Susann Staats, 17.01.2011

Cover Tobias Gaydoul: Qualitätsberichte von Krankenhäusern ISBN 978-3-8349-2092-8

Tobias Gaydoul: Qualitätsberichte von Krankenhäusern. Eine empirische Analyse aus informationsökonomischer Sicht. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2009. 238 Seiten. ISBN 978-3-8349-2092-8. 49,95 EUR.
Reihe: Gabler Research.

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Thema

Das Buch „Qualitätsberichte von Krankenhäusern. Eine empirische Analyse aus informationsökonomischer Sicht.“ von Tobias Gaydoul betrachtet Qualitätsberichte nach § 137 SGB V für nach § 108 SGB V zugelassene Krankenhäuser und untersucht diese hinsichtlich ihrer Bekanntheit unter Patienten. Dargestellt werden die Durchführung sowie die Ergebnisse der Evaluation, welche Faktoren unter welchen Umständen welche Patientengruppen in welchem Umfang in der Wahl des Krankenhauses für einen stationärem Aufenthalt beeinflussen.

Autor

Tobias Gaydoul strebte mit der empirischen Analyse der Qualitätsberichte von Krankenhäusern aus informationsökonomischer Sicht die Erlangung der Doktorwürde im Fachgebiet Ökonomik und Management sozialer Dienstleistungen an der Universität Hohenheim an und erhielt sie.

Entstehungshintergrund

Der Anlass zur Erstellung der vorliegenden Untersuchung ist neben dem Promotionsvorhaben das bisherige Fehlen einer derartigen Analyse für die Bundesrepublik Deutschland. Für Deutschland liegt mit der Betrachtung von Tobias Gaydoul erstmals eine Untersuchung des Nutzens und der Nutzung von Qualitätsberichten durch den Adressatenkreis Patienten vor, die die Sinnhaftigkeit von Qualitätsberichten hinterfragt. Somit versucht Tobias Gaydoul mit der vorliegenden Analyse eine Lücke in Deutschlands Gesundheitsökonomie zu schließen.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende wissenschaftliche Untersuchung ist in drei Teile gegliedert – dabei werden in den Kapiteln 1 bis 4 die Grundlagen erläutert, während sich Kapitel 5 der durchgeführten Evaluation widmet und im 6. Kapitel der gesamte Inhalt abschließend zusammengefasst und ein Ausblick gegeben wird.

Das 1. Kapitel beginnt mit einer Einleitung, die neben einer einführenden Betrachtung des Problems – Qualitätsberichte nach § 137 SGB V für nach § 108 SGB V zugelassene Krankenhäuser – das Ziel des Autoren, einen Beitrag zur Weiterentwicklung dieser für einen höheren Nutzungsgrad unter den Patienten in Deutschland zu leisten, beinhaltet.

Anschließend hieran werden zu Beginn des 2. Kapitels die Ziele von Qualitätsberichten dargelegt. Dabei geht Tobias Gaydoul bereits auf die volkswirtschaftliche Konsequenz von Qualitätsinformationen ein und betrachtet die Dienstleistungserbringung in einem Krankenhaus nach Qualitätsgesichtspunkten.

Zudem werden im 2. Kapitel die Vorgeschichte – die noch junge Historie der Qualitätsberichte in Deutschland – sowie die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen aufgezeigt. Dabei geht Tobias Gaydoul auf den Gemeinsamen Bundesausschuss, seine mit den Qualitätsberichten eigentlich verfolgte Ziele sowie deren darauf beruhende Entwicklung ein. Des Weiteren werden die (u.a. darauf beruhenden) inhaltlichen Erweiterungen und strukturellen Anpassungen betrachtet. Die zum Zeitpunkt der Erstellung der Untersuchung aktuelle Struktur (Stand 2009) findet hierbei besondere Berücksichtigung und wird eingehender dargelegt. Daran anschließend erfolgt die Darstellung des Publikationsweges der Qualitätsberichte. Das 2. Kapitel wird abschließend kritisch gewürdigt und der Mangels einer informationsökonomischen Betrachtung des Nutzens für die Leistungsempfänger aufgezeigt.

Das 3. Kapitel widmet sich der informationsökonomischen Betrachtung der Qualitätsberichterstattung. Dabei geht der Autor zunächst auf die asymmetrische Informationsverteilung in der Patienten-Krankenhaus-Beziehung, die er als Prinzipal-Agenten-Beziehung klassifiziert, ein. Hier werden der ungleiche Kenntnisstand sowie die daraus resultierenden Interessenkonflikte betrachtet. Letztere werden vorrangig unter dem Kostenaspekt, der sich aus dem deutschen Gesundheitssystem (Gesetzliche Krankenversicherung) ergibt, analysiert. Anschließend werden die hierauf beruhenden Risiken betrachtet. Die Gefahr der Patientenselektion durch Krankenhäuser mit dem Ziel, Daten für den Qualitätsbericht und somit die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, steht im Vordergrund. Abschließend werden im 3. Kapitel die ursprünglich angedachten Ziele der Qualitätsberichte sowie die sich ferner ergebenden Konsequenzen der Erweiterung des Nutzerkreises bei zusätzlicher freiwilliger Publikation aufgezeigt. Hier wird die Verbindung zum Thema der empirischen Untersuchung hergestellt und das Hauptaugenmerk auf die Adressatengruppe Patientenkollektiv gelegt.

In einem eigenen Unterkapitel betrachtet Tobias Gaydoul die Frage, inwiefern die Publikation von Qualitätsberichten sozial effizient ist, d.h. ob die Veröffentlichung der Qualitätsberichte wirklich eine Steigerung der Wohlfahrt bedeutet und wie sie sich generell auswirkt. Hierzu geht der Autor zunächst der Frage nach, wie viele Informationen und in welcher Form – vollständig oder unvollständige Information – wohlfahrtssteigenden Einfluss auf das Gesundheitssystem haben und betrachtet hierfür verschiedene theoretische Modelle zur Informationsökonomie.

Das 3. Kapitel abschließend betrachtet der Autor die Prinzipal-Agenten-/ Patienten-Krankenhaus-Beziehung und deren Charakteristika mit der Feststellung, dass die Existenz und Veröffentlichung von Qualitätsberichten nicht direkt zu einer Wohlfahrtssteigerung führen, sofern nicht die Eigenschaften der Adressatengruppe berücksichtigt werden.

Den Vergleich von deutschen Qualitätsberichten mit Qualitätsinformationen anderer Staaten, vorrangig der USA, zieht der Autor im 4. Kapitel. Dabei bezieht er sich vorrangig auf bestehende Evaluationen sowie deren Auswirkungen auf das Verhalten von Krankhäusern gegenüber Patienten, den Einfluss von Qualitätsdaten auf die Krankenhauswahl durch Patienten und die Informationsverarbeitungskapazität der Patienten. Daran anschließend wird aufgezeigt, inwiefern Mediziner Qualitätsdaten als Grundlage für die Entscheidung, welches Krankenhaus das für ihre Patienten geeignetste ist, treffen. Darauf aufbauend trägt der Autor zusammen, welche Anreize die Qualitätsberichterstattung für Krankenhäuser hat. Inwiefern die gewonnenen Erkenntnisse für Deutschland übertragbar sind, wird anschließend erörtert. Hierbei geht Tobias Gaydoul auf die verschiedenen Gesundheitssysteme der Staaten und deren Konsequenzen für die ökonomische Bedeutung ein und schließt damit, dass eine gesonderte Betrachtung des Nutzens der Qualitätsberichterstattung für den Adressatenkreis Patienten in Deutschland erforderlich ist.

Diese von ihm durchgeführte Untersuchung erörtert er im 5. Kapitel. Nach der Darstellung der modelltheoretischen und empirischen Evidenz werden drei Hypothesen vorgestellt:

  1. Die Bekanntheit der Qualitätsberichte in Abhängigkeit vom individuellen Informationsniveau
  2. Die inhaltliche Kenntnis der Qualitätsberichte in Abhängigkeit von den Informationsmediären
  3. Die Relevanz der Qualitätsberichte bei der Wahl des Krankenhauses

Nach der Darlegung der Evaluationsgrundlagen – Datenerhebungsinstrument, Fragebogenaufbau, Pilotstudie, Stichprobenkonstruktion und Durchführung – wird die Auswertungsmethode erläutert. Anschließend stellt Tobias Gaydoul seine Ergebnisse vor. Hierzu werden zunächst die Daten zu den teilnehmenden Krankhäusern und Patienten sowie zum Fragebogen selber betrachtet. Daran anschließend werden die drei Hypothesen, die Grundlage der Evaluation waren, anhand der Parameter Operationalisierung des Prüfmodells, deskriptive Statistik und Ergebnis der multivariaten Datenanalyse bzw. Kontingenzanalyse überprüft. Die Kernergebnisse fasst Tobias Gaydoul wie folgt zusammen:

  • Indirekte Bestätigung der 1. Hypothese: Überdurchschnittlich informierte Patienten haben wesentlich häufiger Kenntnis von Qualitätsberichten als Patienten mit einem geringeren Bildungsniveau, einem geringeren sozialen Status und mit begrenzten medialen Zugangsmöglichkeiten.
  • Bestätigung der 2. Hypothese: Dass ein Qualitätsbericht ganz oder teilweise gelesen wurde, hängt wesentlich von dessen Zugänglichkeit ab.
  • Ergebnis zur 3. Hypothese: Haben Patienten vor ihrem Krankenhausenaufenthalt einen Qualitätsbericht teilweise oder ganz gelesen, so hat dies einen mittelmäßigen bis starken Einfluss auf ihre Entscheidung, der sehr stark signifikant davon abhängig ist, ob die Informationen mit Dritten besprochen wurden.
  • Die drei wichtigsten Gründe bei der Wahl eines Krankenhauses für die Grundgesamtheit der befragten Patienten sind die Nähe zum Wohnort, die Empfehlung durch den Haus-/ Facharzt und der Ruf bzw. die Qualifikation des Krankenhauses in der Öffentlichkeit.
  • Die drei wichtigsten Gründe die Wahl des Krankenhauses variieren in Abhängigkeit vom Informationsniveau.

Im letzten Kapitel werden alle Ergebnisse in Zusammenhang gebracht und analysiert. „Die publizierten Qualitätsberichte gemäß § 137 SGB V von nach § 108 SGB V zugelassenen Krankenhäusern verfehlen in der aktuellen Situation die intendierte Zielgruppe der Patienten eindeutig.“

Diskussion

Tobias Gaydouls „Qualitätsberichte von Krankenhäusern. Eine empirische Analyse aus informationsökonomischer Sicht“ basiert auf dem Gedanken, dass es für Deutschland eine Untersuchung zum Nutzen der Qualitätsberichterstattung für den Adressatenkreis Patienten geben muss. Dennoch umfasst seine Evaluation nur das Patientenkollektiv einiger Krankenhäuser Baden-Württembergs. Auch wenn er die komplette Übertragbarkeit der gewonnenen Ergebnisse auf das Patientenkollektiv anderer Bundesländer oder auf das der Bundesrepublik Deutschland negiert, sind die Gründe hierfür nur kurz gefasst und die getroffene regionale Begrenzung basiert auf praktischen Überlegungen. Insofern sollte dies als Anreiz für die Lobby der Patientenschaft gesehen werden, die zum Teil überraschend positiven Ergebnisse vor dem Hintergrund der regionalen Besonderheiten Baden-Württembergs eingehender auf Bundesebene zu betrachten.

Der Autor hat die generelle Notwendigkeit der durchgeführten Untersuchung sowie weiterer dieser Art u.a. mit dem spezifischen Gesundheitssystem Deutschlands im Vergleich zu dem anderen Ländern, die Qualitätsinformationen sammeln und veröffentlichen, wie z.B. den USA und Großbritannien, detailliert herausgestellt und als logische und überfällige Konsequenz vermerkt.

Auch sind die Evaluationsergebnisse in ihrer Bedeutung für das deutsche Gesundheitssystem und den Bereich der Krankenhäuser, insbesondere der Qualitätsberichte nach § 137 SGB V für nach § 108 SGB V zugelassene Krankenhäuser, akut und fordern den Gemeinsamen Bundesausschuss zu einer Überarbeitung der Qualitätsberichte auf, um so eine höhere Nutzung und damit eine bessere Zielerfüllung zu gewährleisten.

Dennoch ist zu vermerken, dass Tobias Gaydoul von Mängeln hinsichtlich der Berücksichtigung des Patientenkollektivs als Zielgruppe von Qualitätsberichten spricht, diese jedoch in seiner Evaluation nur die Möglichkeit haben, zumeist geschlossene Fragen zu beantworten oder gemäß einem 5-Punkte-Ranking eine Bewertung abzugeben. Die empirische Analyse weist insofern einen Mangel in ihrem Umfang auf – den Patienten als Nutzern der Qualitätsberichte wird im Rahmen der Evaluation nicht die Möglichkeit gegeben, ihre Bewertung und ggf. eine negative Sichtweise auf die Qualitätsberichte auch entsprechend zu begründen und individuell erscheinende Mängel der Qualitätsberichte aus Sicht der Patienten aufzuzeigen. Der Mangel von Qualitätsberichten, dass die Nachbehandlung nach einem stationären Krankenhausaufenthalt sowie das entsprechende Endresultat i.S.v. Genesung oder Nicht-Genesung, wird jedoch nicht im Ansatz erwähnt und in die Betrachtung mit einbezogen.

Fazit

Die vorliegende empirische Analyse der Qualitätsberichte aus informationsökonomischer Sicht wendet sich einem Bereich zu, der seit der Einführung der Qualitätsberichte 2003 nicht untersucht wurde, sondern dem vielmehr Anwendung und Nutzung der Qualitätsberichte unterstellt wurde – der Betrachtung der Qualitätsberichte aus Sicht der Patienten hinsichtlich wettbewerblicher Bedeutung bei der Wahl eines Krankenhauses für einen stationären Aufenthalt.

Die vorliegende empirische Analyse der Qualitätsberichte aus informationsökonomischer Sicht zeigt auf, woran sich Patienten bei der Krankenhauswahl orientieren und gibt somit auch Anreize zur Umgestaltung von Qualitätsberichten. Dies wird bei Realisierung durchaus einen positiven Effekt auf die Wohlfahrt des Patientenkollektivs in Baden-Württemberg haben.

Auf jeden Fall stellt die vorliegende Evaluation mit ihrer Auswertung einen Anreiz für die Durchführung einer weiterführenden Analyse – für das gesamte Bundesgebiet – auf Basis der Untersuchung von Tobias Gaydoul dar.

Rezension von
Sozialverwaltungswirtin Susann Staats

Es gibt 3 Rezensionen von Susann Staats.

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Zitiervorschlag
Susann Staats. Rezension vom 17.01.2011 zu: Tobias Gaydoul: Qualitätsberichte von Krankenhäusern. Eine empirische Analyse aus informationsökonomischer Sicht. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-8349-2092-8. Reihe: Gabler Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9544.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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