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Jens Boenisch: Kinder ohne Lautsprache

Cover Jens Boenisch: Kinder ohne Lautsprache. Grundlagen, Entwicklungen und Forschungsergebnisse zur unterstützten Kommunikation. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2009. 191 Seiten. ISBN 978-3-86059-211-3.

Internationale Forschungsreihe zur Sonderpädagogik.
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Thema

Dieses Buch ist Teil einer Reihe des Verlags zur „Unterstützten Kommunikation“ (UK). Es beschäftigt sich mit Kommunikationsmöglichkeiten und Sprache von körperbehinderten Kindern. Es bezieht sich dabei auf die quantitativ größte Studie zur UK in Deutschland (120 Schulen mit 1651 Kindern wurden einbezogen).

Aufbau und Inhalt

Einleitung (Kapitel 1) und zweites Kapitel beschäftigen sich mit der Begriffsbestimmung zur UK und deren Entwicklung bzw. derzeitigen Lage in Deutschland. Es werden die Kindergruppen beschrieben, in denen das Kriterium „schwer verständliche oder fehlende Lautsprache“ bzw. „kaum oder nichtsprechend“ zutrifft: Es sind dies im Wesentlichen Kinder, welche unter die „Förderschwerpunkte“ „körperliche und motorische“ bzw. „geistige Entwicklung“ fallen. Darunter finden sich sehr verschiedene Gruppen von Kindern; z.B. einerseits solche mit Sprechstörungen aufgrund von Beeinträchtigungen im zentralen oder peripheren Nervensystem (Dysarthrie, Anarthrie; bei denen also zumindest z.T. davon ausgegangen werden könnte, dass kognitiv ein Sprachsystem aufgebaut werden könnte, wenn tatsächlich nur eine Sprechstörung vorliegt), andererseits solche, bei denen eine Beeinträchtigung oder das Nichtvorhandensein der Sprachentwicklung oder eines (vollständigen) Sprachsystems (z.B. Aphasien) angenommen wird. Aufgrund der Diversität der Fälle entstehen beim Versuch einer eindeutigen Festlegung des Begriffsumfangs Schwierigkeiten; so werden Kinder mit Down-Syndrom oder Autismus manchmal zu dieser Gruppe gezählt, umgekehrt Schwerstbehinderte davon ausgenommen.
Die Geschichte der UK ist recht kurz; Boenisch setzt sie mit ca. 50 Jahren, für Deutschland mit etwa 30 Jahren an. Er beklagt auch die geringe Menge von Publikationen zum Thema und die ebenfalls geringe Vernetzung verschiedener einschlägiger Fachgebiete und sagt zusammenfassend: „…, dass das Themengebiet der Unterstützten Kommunikation mit seiner unklaren Begrenzung, seiner fehlenden theoretischen wie wissenschaftlichen Fundierung sowie seinem nicht eindeutig ausgerichteten Methodenansatz weder ein Therapiemodell noch ein abgeschlossenes pädagogisches Konzept im klassischen Sinne ist.“ (S. 13)

Kapitel 3 beschäftigt sich mit der „Sprach- und Kommunikationsentwicklung körperbehinderter Kinder“. Hier wird unter Heranziehung bekannter Daten aus der Gesamtentwicklung von Kindern ausführlich auf die Zusammenhänge zwischen körperlicher (motorisch-sensorischer) und kognitiver bzw. sprachlicher Entwicklung bei der genannten Gruppe eingegangen. Ein Teilkapitel beschreibt die durch das Nichtvorhandensein von Lautsprache veränderten Kommunikationsbedingungen und -prozesse der betroffenen Kinder.

Kapitel 4 ist den „Problemfeldern der UK“ gewidmet. Diese sind - wie schon in der Einleitung erwähnt - das Verhältnis zwischen Praxis und Theorie, die Theoriebildung selbst sowie die Diagnostik. In einem Teilkapitel bietet der Autor „Aspekte einer UK-Theorie“

Kapitel 5 setzt sich mit der Professionalisierung der UK auseinander, indem die „Paradoxien körperbehindertenspezifischen Lehrerhandelns“ aufgezeigt werden, denen dann notwendige Konsequenzen für die Professionalisierung von PädagogInnen für die Arbeit mit dieser Gruppe bzw. mit der UK-Methode gegenübergestellt werden. Der Autor sieht dabei auch die Gefahr einer solchen Professionalisierung, nämlich zu große Spezialisierung und damit Isolation.

Kapitel 6 schildert aktuelle Forschungsfragen, dazu vorhandene Ergebnisse und verweist auf viele weitere offene Forschungsfragen bzw. -felder.

Kapitel 7 gibt die Ergebnisse der oben erwähnten Studie („Zur Situation von Kindern und Jugendlichen ohne Lautsprache an Schulen mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung in Deutschland“) ausführlich wieder (bundesländerspezifische Ergebnisse sind auf der dem Buch beigelegten CD-ROM nachzulesen). Die Ergebnisse beziehen sich auf die Diagnostik, den Einsatz von Kommunikationsformen, die Art und die Intensität der Förderung und die kommunikative Interaktion.
Der Autor weist darauf hin, dass UK und Lautsprachtraining einander nicht negativ beeinflussen, sondern dass UK bei fast der Hälfte der untersuchten Kinder zu einem wesentlich besseren Lautsprachverständnis geführt hat. Trotz schwerer Körperbehinderung wurden bei ca. 10% der Kinder auch Gebärden erfolgreich eingesetzt. Ein Desiderat ist der Ausbau komplexerer Hilfesysteme, speziell elektronischer, bei deren verstärktem Einsatz der Autor sich ebenfalls positive Entwicklungen erwartet. Es ist daher zu vermuten, dass immer noch sehr viele betroffene Kinder nicht entsprechend gefördert werden. Zugleich wird wahrscheinlich großer Weiterbildungs- und Beratungsbedarf bei den im Feld Arbeitenden bestehen.

Diskussion

Zunächst eine persönliche Stellungnahme des Rezensenten in seiner Berufsrolle als Sprachwissenschaftler: Die vom Autor beklagte zu geringe Vernetzung mit Nachbarwissenschaften kann für die Linguistik wie folgt erklärt werden: Die seit den 1970er Jahren dauernde Vorherrschaft formaler Modelle hat z.B. mit der Ausrichtung psycholinguistischer Forschung auf die Bestätigung dieser Modelle die Linguistik zunehmend in die praktische Bedeutungslosigkeit geführt. Erst mit dem Erstarken von gesamtheitlich ausgerichteten Modellen (und der Hereinnahme von Konzepten der Evolutionstheorie und der Verhaltensforschung), vor allem der sogenannten „Kognitiven Linguistik“ könnte diese Wissenschaft zur kommunikativen Praxis und speziell zur Arbeit mit behinderten Menschen wieder beitragen. Wichtig wäre dazu aber auch noch eine gesteigerte praktische Ausrichtung speziell im letzten Feld. Die Logopädie ist in vielen Fällen von der jüngsten Entwicklung leider noch nicht voll erfasst; auch hier besteht Reformbedarf.

Fazit

Entsprechend seinem Untertitel bietet das Buch Grundlagen, wesentliche Informationen und Forschungsergebnisse zur Unterstützten Kommunikation. Es stellt mit seinen Ergebnissen aber auch ein Plädoyer für ein offenes, „weites“ Verständnis von „Kommunikation“ dar, für welches z.B. eine interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig wäre. Und es motiviert dazu, mit Menschen, denen man von ihrem äußeren Verhalten oft gar nicht zutraut, dass in ihnen „eine Person steckt“, wirklich alle Kommunikationsmöglichkeiten durchzuprobieren.


Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 08.10.2010 zu: Jens Boenisch: Kinder ohne Lautsprache. Grundlagen, Entwicklungen und Forschungsergebnisse zur unterstützten Kommunikation. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2009. ISBN 978-3-86059-211-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9554.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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