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Christian Bethke, Katja Braukhane u.a. (Hrsg.): Bindung und Eingewöhnung von Kleinkindern

Cover Christian Bethke, Katja Braukhane, Janina Knobeloch (Hrsg.): Bindung und Eingewöhnung von Kleinkindern. SCHUBI Lernmedien (Braunschweig) 2009. 139 Seiten. ISBN 978-3-427-50458-0. 19,90 EUR.

Reihe: Bildung von Anfang an - Lernprozesse 0 - 3 Jahre, herausgegeben von Susanne Viernickel/ Petra Völkel. Ursprünglich veröffentlicht im Bildungsverlag EINS.
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Herausgeberinnen

Prof. Dr. Susanne Viernickel lehrt im Fachbereich Erziehung und Bildung im Kindesalter an der Alice Salomon Hochschule Berlin, während Frau Prof. Dr. Petra Völkel am Lehrstuhl für Grundlagen der Entwicklungspsychologie/ Klinischen Psychologie und Elementarpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Berlin tätig ist.

Autorinnen und Autor

Christian Bethke (M.A. und Geschäftsführendes Vorstandsmitglied), Katja Braukhane (Dipl.Päd.) und Janina Knobeloch (Dipl.Päd.) arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiter und Dozenten am Berliner Institut für Frühpädagogik e. V. Das Berliner Institut für Frühpädagogik e.V. (BIfF) ist ein unabhängiges Fortbildungsinstitut, das sich mit der Analyse und Weiterentwicklung der Pädagogik der frühen Kindheit beschäftigt.

Thema und Zielgruppen

Die Reihe „Bildung von Anfang an“ hat das Ziel, vom ganzheitlichen Bildungsgedanken geleitet, Bildungsangebote für alle Entwicklungsbereiche der Kinder zu unterbreiten, damit die Konzeptions- und Bildungsarbeit zu unterstützen, die Erziehungspartnerschaft mit Eltern zu stärken sowie die Zusammenarbeit mit Institutionen und Lernorten mit einem professionellen Angebot zu fördern. Das vorliegende Handbuch ist ein Bestandteil dieser Reihe, in der bereits Bücher zu solchen Themen wie: „Fühlen, bewegen, sprechen und lernen“, „Früheste Beobachtung und Dokumentation“, „Mit Riesenschritten in die Autonomie“ und „Sprachen und Kulturen sichtbar machen“ erschienen sind.

Es richtet sich vorwiegend an Fachkräfte im Elementarbereich, aber auch an Fachschüler und Studierende der Frühpädagogik.

Aufbau

Nach einem Vorwort der Herausgeberinnen und einer kurze Einführung der Autoren folgen fünf Kapitel, die jeweils mit einen Fazit abschließen. Den Schluss bilden ein ausführliches Literaturverzeichnis und eine Übersicht zu den Rechten der Kinder.

Vorwort der Herausgeberinnen

In der Einleitung wird darauf hingewiesen, dass Bildung und Bindung in einem engen Zusammenhang stehen, was generell für alle Menschen gilt, besonders aber für Kinder unter drei Jahren, bei denen Entwicklung und Lernen ohne eine zuverlässige Beziehung zu einem Erwachsenen nicht denkbar ist.

Anliegen dieses Buches ist es, pädagogischen Fachkräften bei der Konzeption der Eingewöhnungsphase in die Kita einen vertieften Einblick in die Bindungstheorie zu vermitteln und das bundesweit anerkannte „Berliner Eingewöhnungsmodell“ ausführlich vorzustellen.

Vorwort der Autoren

Die Autoren wenden sich insbesondere an Erzieher und pädagogische Fachkräfte in der Praxis, um dem Leser die theoretischen Aspekte der Bindungstheorie und die Umsetzung der Erkenntnisse in den Kindertagesstätten zu begründen und nahe zu bringen.

1. Bindungstheorie

Anhand der Grundlagen der Bindungstheorie von Bowlby und Ainsworth werden der Zusammenhang von Bindung und Erkundungsverhalten hergestellt, die Bindungsphasen erläutert und die Entstehung eines inneren Arbeitsmodells beschrieben. Die Bindungsqualitäten, wie sichere, unsicher vermeidende, unsicher ambivalente und desorganisiert/desorientierte werden anhand der „Fremden Situation“ (einem Test nach Mary Ainsworth für Kinder zwischen 12 und 18 Monaten) genau erläutert und mit der Kategorie elterliche Feinfühligkeit in Zusammenhang gebracht.

2. Der Beziehungsaufbau in der in der Kita

Um sich in einer Kita angemessen bilden und entwickeln zu können, braucht jedes Kind eine sichere Bezugsperson und eine anregungsreiche Umgebung. Auch die Erzieherin-Kind-Beziehung hat in diesem Zusammenhang bindungsähnliche Eigenschaften. Da insbesondere Stresssituationen Bildungsprozesse behindern können, sollte eine sichere Bindung zu einer Erzieherin aufgebaut werden, wobei Wertschätzung und Achtung von Eltern und Kind als Grundhaltung unverzichtbar ist. Das „Beziehungsdreieck“ Erzieherin-Mutter-Kind sollte von einer guten offenen Kommunikation zwischen der Erzieherin und der Mutter/Bezugsperson getragen werden, weil sonst versteckte Disharmonien das Kind verunsichern und damit Lernprozesse beeinträchtigen können.

Als Kriterium für eine gute Erzieherin-Kind-Beziehung gilt ein Merkmal der Kindergarten/ Kinderkrippenskala (KRIPS-S), das sich insbesondere mit der Erzieherin- Kind- Interaktion befasst. Neben entspanntem Umgang, Freundlichkeit und Lächeln sowie Körperkontakt sollte die Erzieherin in jedem Fall auch die nötige Feinfühligkeit besitzen.

Es werden noch weiter Kriterienkataloge vorgestellt, die ebenfalls für den Leser interessant sind, etwa der nationale Kriterienkatalog, „Quasi“ –Qualität im Situationsansatz sowie die Gütekriterien nach Grossmann. Letztere helfen bestimmte Verhaltensweisen von Kindern einzuschätzen und daraus Schlussfolgerungen für die Erzieher zu ziehen.

„Eine sichere Erzieher-Kind-Beziehung entsteht nicht von alleine, die Erzieherin hat als Pädagogin die Aufgabe, diese Beziehung bestmöglich zu gestalten und sich dem Kind als Beziehungspartnerin anzubieten. Dabei entscheidet vor allem ihre Feinfühligkeit gegenüber den Bedürfnissen des Kindes, ob es gelingt, eine sichere Bindungsbeziehung herzustellen. Dazu gehört, dass sie die Signale des Kindes wahrnimmt, angemessen, prompt und im Sinne des Kindes reagiert.“ (S.51f)

3. Die Eingewöhnung

Am Beispiel von Pauline und Tom wird sehr plastisch die Eingewöhnungszeit als Start in eine neue Welt vorgestellt und durch Gedankenspiele Erwachsenen imaginiert, wie Erwachsene in vergleichbaren bindungsrelevanten Situationen fühlen bzw. denken würden. Damit ist es leichter sich in der Welt der Kindheit hineinzuversetzen.

Im Weiteren stellen die Autoren das Berliner Eingewöhnungsmodell vor, das durch folgende Abschnitte gekennzeichnet ist:

  • die dreitägige Grundphase,
  • der erste Trennungsversuch,
  • die Stabilisierungsphase und die Schlussphase.

Bei diesem Modell wird gewährleistet, dass sich die Länge der Eingewöhnungszeit nach der Qualität der Bindung richtet.

Dabei wird sehr ausführlich und praxisrelevant auf dieses Modell und eine Reihe darauf bezogener Materialien eingegangen, um bspw. eine Checkliste und einen Fragenkatalog für die Vorbereitung des ersten Kennenlerngesprächs mit den Eltern, einen Vorschlag für einen Elternbrief, Verhaltensregeln für die Erzieher undEltern sowie Praxistipps anzubieten und zu diskutieren.

4. Organisation in der Kita

Die Autoren gehen der Frage nach, welche strukturellen Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass das Kind und seine Familie gut in der Einrichtung ankommen. Es wird viel Wert darauf gelegt, dass das erste Kennenlernen der Kita durch einen Tag der offenen Tür, offene Spielgruppen bzw. im Elterncafe` erfolgen können, damit die Eltern nicht nur mit formalen Aspekten der Kita bekannt gemacht werden. Es bietet sich an, eine Kurzkonzeption für Eltern zu gestalten sowie Fragebögen zu entwickeln, die die strukturellen Daten des Kindes und der Familie erfassen, aber auch Informationen zum Kind selbst, wie seine Vorlieben, Spiel- und Schlafgewohnheiten sowie die Art und Weise, wie es getröstet werden kann.

5. Konzeption und pädagogische Qualität

Wie bereits ausgeführt, gehört in die Konzeption einer Kita eine gut durchdachte Eingewöhnungsstrategie, die als wichtiges Qualitätsmerkmal die pädagogische Kompetenz der Fachkräfte nach innen und außen dokumentier. Folgendes Zitat untermauert dies noch einmal: „Die Konzeption dient als Aushängeschild der Kita und als Arbeitsplatzbeschreibung für die Leiterin und die Erzieherinnen. Sie ist ein pädagogisches Statement, ein inhaltlicher Leitfaden und eine Beschreibung, wie die Qualität der pädagogischen Arbeit erreicht, erhalten und überprüft werden soll. Weiterhin bietet sie Orientierung für die Eltern und ermöglicht neuen Mitarbeiterinnen, ihre neue Arbeitsstätte schnell kennenzulernen.“ (S.118)

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang das neue Bild vom Kind, welches der heutigen Pädagogik zugrundeliegt, weil dadurch einprägsam die Bedeutung der Eingewöhnungsphase deutlich wird. „Das Kind ist Meister und Akteur seiner eigenen Entwicklung. Durch Spielen, Erkunden und Probieren eignen sich Kinder die Welt an und machen sich ein Bild von ihr. Dazu brauchen sie mindestens eine verlässliche Bindungsperson, die für sie bei Bedarf da ist und ihnen Sicherheit, emotionale Nähe, Schutz und Geborgenheit bietet.“ (S. 123)

Fazit

Insgesamt ist dieses Handbuch ein gut lesbares Dokument, das die Bedeutung neuerer Erkenntnisse kindlicher Entwicklung herausstellt, nachdrücklich bindungstheoretische Grundlagen und die Qualität des Lernens in Zusammenhang bringt sowie die Umsetzung erforderlicher Qualitätsstandards im Kita-Bereich fördert. Das Buch ist für Praktiker geschrieben, die täglich die Entwicklungswege der Kinder begleiten, gestalten und dokumentieren. Es ist uneingeschränkt als Standardliteratur für Kindertagesstätten zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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Zitiervorschlag
Eva-Mia Coenen. Rezension vom 10.09.2010 zu: Christian Bethke, Katja Braukhane, Janina Knobeloch (Hrsg.): Bindung und Eingewöhnung von Kleinkindern. SCHUBI Lernmedien (Braunschweig) 2009. ISBN 978-3-427-50458-0. Reihe: Bildung von Anfang an - Lernprozesse 0 - 3 Jahre, herausgegeben von Susanne Viernickel/ Petra Völkel. Ursprünglich veröffentlicht im Bildungsverlag EINS. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9561.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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