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Uwe Kleinbeck, Klaus-Helmut Schmidt (Hrsg.): Arbeitspsychologie

Rezensiert von Prof. Dr. Anton Hahne, 20.06.2011

Cover Uwe Kleinbeck, Klaus-Helmut Schmidt (Hrsg.): Arbeitspsychologie ISBN 978-3-8017-0598-5

Uwe Kleinbeck, Klaus-Helmut Schmidt (Hrsg.): Arbeitspsychologie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. 1223 Seiten. ISBN 978-3-8017-0598-5. 189,00 EUR.
Reihe: Enzyklopädie der Psychologie - Themenbereich D, Praxisgebiete - Serie III, Wirtschafts-, Organisations- und Arbeitspsychologie - Band 1
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Thema

Die Arbeitspsychologie ist Teil der ingenieurwissenschaftlich geprägten Arbeitswissenschaften und gleichzeitig Bestandteil der ABO- oder AOW-Spezialisierung in der Psychologie, womit der Anwendungsbereich Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft in unterschiedlichem Zuschnitt gefasst wird.

Herausgeber und Autoren

Als Herausgeber zeichnen Uwe Kleinbeck und Klaus-Helmut Schmidt verantwortlich. Beide kommen von der Technischen Universität Dortmund. Während Kleinbeck, der inzwischen emeritiert ist, vor allem als Gutachter und in berufsständischen Organisationen tätig ist, leitet Schmidt die Projektgruppe „Flexible Verhaltenssteuerung“ am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung. Neben ihnen werden 40 weitere Autorinnen und Autoren im Autorenverzeichnis genannt. Vier Fünftel von ihnen sind Universitätsprofessorinnen und –professoren. Die akademische Anbindung lässt sich an fast allen Korrespondenzadressen erkennen. Wer auf dem Gebiet der Arbeitspsychologie in Deutschland Rang und Namen hat, ist hier vertreten.

Entstehungshintergrund

Die Enzyklopädie der Psychologie besteht aus 25 Serien, die vier Themenbereichen zugeordnet sind: Geschichte, Methoden, Theorie und Praxis. Zum letztgenannten Themenbereich zählt u.a. eine Serie mit 6 Bänden zur Wirtschafts-, Organisations- und Arbeitspsychologie. Der hier vorliegende Band „Arbeitspsychologie“ ist der erste dieser sechs Bände.

Aufbau

Der 1223 Seiten umfassende Enzyklopädieband gliedert sich in drei Abschnitte: Teil I thematisiert Grundlagen des menschlichen Arbeitshandelns einschließlich des Arbeitens in Gruppen in sechs Kapiteln. Teil II beinhaltet 14 Kapitel ausgewählter Themen der Arbeitspsychologie, womit „klassische“ Themen wie Sozialisationsprozesse oder Aufgabengestaltung ebenso gemeint sind wie Themen im Zusammenhang mit aktuell veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen, z. B. Mensch-Computer-Interaktion oder Arbeit und Privatleben. Der Teil III beschreibt in vier Kapiteln grundlegende empirische Fragen in Form von methodischen Ansätze der arbeitspsychologischen Forschung und Anwendung.

Teil I: Grundlagen des menschlichen Arbeitshandelns

Der Altmeister der Arbeitswissenschaften Winfried Hacker stellt an prominenter erster Stelle die „psychische Regulation von Arbeitstätigkeiten“ vor. Diese handlungsorientierte Konzept, was erst in Nachwendejahren im Westen ausführlich rezipiert wurde, zielt auf eine ganzheitliche oder vollständige Arbeitstätigkeit und – auf einer anderen Ebene – auf eine Psychologie zielgerichtet-volitiver Tätigkeit und ihrer psychischen Regulation.

Julia Schüler und Veronika Brandstätter thematisieren „Zielbildung und Zielbindung“. Sie integrieren Überlegungen zum Commitment-Begriff und diskutieren u. a. das drei-Komponentenmodell des organizational commitments.

„Volitionale Prozesse der Zielverfolgung“ stehen im Mittelpunkt der Überlegungen von David Scheffer und Julius Kuhl. Dies ist schon deshalb ein zentraler Gegenstand der Arbeitspsychologie, da keine Managementfortbildung ohne die sogenannte SMART-Formel auskommt und Management by Objectives (MBO) zur Zielvereinbarung sich in vielen Unternehmen als Methode der Wahl durchgesetzt hat.

Klaus-Helmut Schmidt stellt „Leistungsbeurteilung, Leistungsfeedback und Feedbackwirkungen“ dar; Herbert Heuer behandelt die eher ergonomischen Aspekte von „Wahrnehmung und Arbeitshandeln“.

Eine zentrale Bedeutung kommt „Arbeiten in Gruppen“ zu, ein Kapitel, das von Felix C. Brodbeck und Yves R.F. Guillaume verfasst wurde. Sie skizzieren ein heuristisches Modell der kollektiven Handlungsregulation in Arbeitsgruppen. Sie versuchen, „Gruppen als Systeme individueller und kollektiver Handlungen zu beschreiben, die individual- und sozialpsychologischen Gesetzmäßigkeiten folgen, die es zu beachten gilt, wenn mit arbeitspsychologischen ‚Verfahren Prozessverlauste minimiert und Prozessgewinne maximiert werden sollen.“ (S. 272)

Teil II: Ausgewählte Themen der Arbeitspsychologie

Die Themen und Autoren der 14 Kapitel des zweiten Teils seien hier aus Platz- und Übersichtsgründen summarisch aufgelistet:

  • Bärbel Bergmann: Sozialisationsprozesse bei der Arbeit
  • Norbert K. Semmer, Simone Grebner und Achim Elfering:„Psychische Kosten“ von Arbeit: Beanspruchung und Erholung, Leistung und Gesundheit
  • Andreas Seeber und Christoph van Thriel: Verhaltenstoxikologie
  • Gerhard Blickle und Paula B. Schneider: Anpassungs- und Veränderungsbereitschaft angesichts des Wandels der Arbeit
  • Gisela Mohr: Erwerbslosigkeit
  • Heinzpeter Rühmann und Heiner Bubb: Grundsätze ergonomischer Arbeitsplatz- und Betriebsmittelgestaltung
  • Eberhard Ulich: Aufgabengestaltung
  • Günter F. Müller und Bettina S. Wiese : Selbstmanagement und Selbstführung bei der Arbeit
  • Sabine Sonnentag und Charlotte Fritz: Arbeit und Privatleben: Das Verhältnis von Arbeit und Lebensbereichen außerhalb der Arbeit aus Sicht der Arbeitspsychologie
  • Uwe Kleinbeck: Förderung motivationaler und volitionaler Kompetenzen in Arbeitsgruppen
  • Udo Konradt: Mensch-Computer-Interaktion
  • Theo Wehner, Klaus Mehl und Peter Dieckmann: Handlungsfehler und Fehlerprävention
  • Karlheinz Sonntag und Ralf Stegmaier: Trainingsgestaltung
  • Rainer Wieland: Gestaltung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen

Teil III: Grundlegende methodische Ansätze der arbeitspsychologischen Forschung und Anwendung

Ohne Anwendung empirischer Untersuchungen ist höchstens die Deskription nicht aber die Erklärung psychologischer Phänomene im Kontext beruflicher Tätigkeiten möglich. Christian Dormann, Dieter Zapf und Franziska Perels zeigen dies an „Quer- und Längsschnittstudien in der Arbeitspsychologie“. Als Beispiele in den kurz vorgestellten Modellen verwenden sie durchgehend die Variablen Handlungsspielraum und Arbeitszufriedenheit. Sie prognostizieren, dass zukünftig Strukturgleichungsmodelle mit Multi-level-Modellen verstärkt im Kombination vorkommen werden.

Von großer Bedeutung ist die „Evaluation arbeitspsychologischer Interventionsmaßnahmen“, die Peter Nickel und Friedhelm Nachreiner vorstellen. Systematische Evaluationen seien im Betrieb immer noch eher die Ausnahme als die Regel, betonen sie (S. 1033). Dies ist jedoch keine Wunder, wenn z.B. die (sozial-)politischen und ethischen Fragen mitberücksichtigt werden, selbst wenn – wie sie fordern – unter der jeweiligen Perspektive und den jeweils gegebenen Bedingungen nur der günstigste Ansatz zur Bewertung von Interventionsmaßnahmen gewählt wird.

„Metaanalysen“ sind kein randständiges Thema mehr, betonen Bernd Six und Iris Six-Materna . Sie seien gerade in der Arbeits- und Organisationspsychologie zu einem Routineverfahren der Verarbeitung empirischer Forschung geworden. Tabellarisch listen sie 179 Metaanalysen zwischen 1984 und 2007 auf, diskutieren ihren Einsatz und ihre Randbedingungen.

Abschließend widmen sich Heiner Dunckel und Marianne G. Resch der „Arbeitsanalyse“, womit die systematische Erfassung und Bewertung von Informationen über die Interaktion von Mensch und Arbeitsbedingungen gemeint ist. Praktische Bedeutung haben in letzter Zeit vor allem Gefährdungsanalysen im Zusammenhang mit Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Insofern bildet der Beitrag einen sinnvollen Abschluss, wird doch verwiesen auf die Diskussion um Standards „guter“, menschengerechter Arbeit.

Diskussion

Enzyklopädien haben den Anspruch, das Fachgebiet sowohl in der Breite als auch punktuell in der Tiefe darzustellen. Diesem Anspruch wird der vorliegende Band „Arbeitspsychologie“ voll gerecht – wenn auch Abgrenzungsfragen zur sonstigen Organisations- und Wirtschaftspsychologie aufgeworfen werden. Die „ergonomische Arbeitsplatzgestaltung“ ist z. B. auch ein ingenieurpsychologischer Ansatz, das „Arbeiten in Gruppen“ gleichzeitig ein organisationspsychologischer.

Was in dieser enzyklopädischen Darstellung nicht erfolgt, ist eine integrative Darstellung der Vielzahl unterschiedlicher Theorien, Modelle und Konzepte. Hier wird der Leser eher fündig in einem umfassenden Lehrbuch oder einer Monographie, die eine einheitliche Perspektive auf das Forschungsgebiet liefert.

Innerhalb der Serie III Wirtschafts- Organisations- und Arbeitspsychologie ergeben sich also größere Schnittmengen zwischen den Gebieten Arbeitspsychologie (der vorliegende Bd. 1), Ingenieurpsychologie (Bd. 2) und Organisationspsychologie (Bd. 3 und 4). Bibliotheken ist daher zu empfehlen, immer die vollständige Serie zu beziehen. Erst dann erschließt sich das Fachgebiet vollständig.

Fazit

Der Enzyklopädieband „Arbeitspsychologie“ wird schon aus Preisgründen in der Regel Wissenschaftlern vorbehalten bleiben, die sich einen komprimierten Überblick zur Einzelfragen der Arbeitspsychologie verschaffen wollen. Fortgeschrittene Studierende der AOW-Psychologie werden von den Beiträgen sicher ebenfalls profitieren. Der Verlag bewirbt daneben auch Praktiker, die sich darüber informieren wollen, welche Instrumente und Vorgehensweisen zur Lösung ihrer Probleme geeignet seien, einschließlich der Bedingungen ihrer Anwendung. Dafür erscheint dem Rezensenten der Band nur bedingt geeignet. Sicher bietet er demjenigen aber einen guten Einstieg in die Fachdiskussion, der den State of the Art der Arbeitspsychologie kennenlernen will.

Rezension von
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
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Es gibt 16 Rezensionen von Anton Hahne.

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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 20.06.2011 zu: Uwe Kleinbeck, Klaus-Helmut Schmidt (Hrsg.): Arbeitspsychologie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-8017-0598-5. Reihe: Enzyklopädie der Psychologie - Themenbereich D, Praxisgebiete - Serie III, Wirtschafts-, Organisations- und Arbeitspsychologie - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9562.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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