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Frank Wolfram Wagner: Soziale Exklusion und Ressentiment gegen Behinderte [...]

Cover Frank Wolfram Wagner: Soziale Exklusion und Ressentiment gegen Behinderte in der modernen Stadt. Greifenverlag zu Rudolstadt (Rudolstadt) 2009. 384 Seiten. ISBN 978-3-86939-799-3. 26,90 EUR.
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Entstehungshintergrund

Die Publikation ist als Doktorarbeit an der International Graduate School (IGSS) der Fakultät für Soziologie an der Universität Bielefeld entstanden.

Zielsetzung und Aufbau

In der Einleitung erläutert der Verfasser Zielsetzung und Aufbau der Arbeit. Sein Ausgangspunkt sind gesellschaftliche Entkoppelungsprozesse, die zur „unsozialen Stadt“ führen, wenn die Stadtregierung nicht gegensteuert. Sozialer Rückbau führt zu Exklusion von Randgruppen, die hier am Beispiel von Menschen mit Behinderung expliziert wird. Zentrale Begriffe als Basis für die Analyse dieser Exklusionsprozesse sind „strukturelle Gewalt“ und „Ressentiment“.

Im empirischen Teil der Arbeit untersucht der Verfasser mit Hilfe der Inhaltsanalyse Periodika von Wohlfahrts- und Sozialverbänden. Er möchte feststellen, welchen Stellenwert die Behindertenpolitik in ihnen einnimmt und ob und mit welcher Zielsetzung Exklusion, strukturelle Gewalt und Ressentiment thematisiert werden.

I. Strukturelle Gewalt

Strukturelle Gewalt wird mit Galtung als soziale Ungleichheit identifiziert. Sie manifestiert sich in der ungleichen Verteilung von Macht. „Im Rechtsstaat, den das Grundgesetz will, hat strukturelle Gewalt keinen Platz. Ein sozialer Rechtsstaat im Sinne des Grundgesetzes bedeutet, dass das Individuum das gesellschaftliche Leben beeinflussen kann, in dem politische und gesellschaftliche Konflikte ausgetragen werden“ (S. 16).

Strukturelle Gewalt wird verschärft durch Privatisierungen, zu denen sich die Städte aus Geldmangel gezwungen sehen. Wird z.B. die Wasserversorgung privatisiert, entscheiden nicht mehr demokratisch gewählte Vertreter, sondern ortsferne Investoren über die Preise. Dadurch kommt es zu einer Schwächung der das soziale Band garantierenden Institutionen.

Eine Folge ist auch die Verschärfung struktureller Gewalt gegen Behinderte. Der Verfasser konstatiert eine „institutionelle Verbehinderung“ der Gesellschaft, die er u.a. an der explosionsartigen Vermehrung der Betreuungsfälle nach der Ablösung des alten Entmündigungsrechtes durch das Betreuungsrecht im Jahre 1992 von damals rund 400.000 auf über 1.000.000 festmacht.

Auch die Kürzung oder Streichung von Leistungen für Menschen mit Behinderung wie das Blindengeld in Niedersachsen kann als strukturelle Gewalt bezeichnet werden, weil die Betroffenen auf das Geld angewiesen sind, wenn sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen. Ebenso fällt der Mangel an behindertengerechten Wohnungen in diese Rubrik, wenn z.B. Menschen, die eigentlich auf einen Rollstuhl angewiesen sind, diesen nicht nutzen können, weil die Wohnung hierfür nicht geeignet ist. Sie werden so zu extremer Isolation verdammt.

II. Behinderung als quantitatives und qualitatives Phänomen in der deutschen Gesellschaft

Im Jahre 2005 hatten in Deutschland 8,6 Millionen Menschen einen Behindertenstatus. Davon waren 6,7 Millionen schwer behindert. Gegenüber 2003 war das ein Anstieg um 3 %. Qualitativ zeichnet der Behindertenstatus sich dadurch aus, dass der sichtbaren körperlichen, geistigen und seelischen Abweichung ein negativer Wert zugeschrieben wird.

„Behinderung ist ein Zustand ungewollter Reduktion. Daraus ergibt sich, dass viele Behinderte jeden Tag eine Menge Zeit mit Warten verbringen müssen. Warten auf Menschen, die ihnen helfen, und somit die Reduktion abmildern“ (S. 64).

III. Soziale Exklusion

Der ursprünglich in der französischen Soziologie entwickelte Begriff der „Exklusion“ wurde im Zuge der deutschen Rezeption mehrfach verändert. Zentrale Elemente sind in Anlehnung an Bremer und Gestring „Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt, die Ausgrenzung durch Segregation, die Ausgrenzung durch Kumulation von Benachteiligungen, sowie die individuelle Reproduktion der Ausgrenzung“ (S. 70). Entscheidend ist, dass Betroffene nicht nur ausgeschlossen sind, sondern auch keine Chance auf Rückkehr in die Gesellschaft haben. Es macht die Schwäche der Exkludierten aus, dass sie weder organisierte Forderungen stellen noch zur Bildung einer organisierten Bewegung in der Lage sind. Damit sind sie auch vom demokratischen Prozess ausgeschlossen.

Beck sieht Exklusion als Dauerzustand, weil keine Inklusion mehr angestrebt wird. Da die Betroffenen nicht einmal mehr zu Ausbeutungszwecken gebraucht werden, muss man die Kosten für ihren Unterhalt möglichst niedrig ansetzen. „Aus diesem Blickwinkel können Behinderte nur unproduktiver Restmüll sein, deren gesellschaftliche Ruhigstellung nicht viel Geld kosten darf“ (S. 75).

Exklusion ist die Folge sozialer Ungleichheit, die eng mit Statusfragen verknüpft ist. Da es im Erwachsenenalter eine allgemeine Tendenz zur gegenseitigen Distanzierung gibt, wird verhindert, dass ein gleichwertiger Status erreicht wird. Ungleichheit im Status hat Konsequenzen für die Durchsetzung von Ansprüchen und Bedürfnissen: Je höher der Status, desto höher die Durchsetzungsfähigkeit.

Menschen mit Behinderung sind von Exklusion vor allem durch residentielle Segregation betroffen. Häufig fehlen ihnen die finanziellen Mittel zur Anmietung von Wohnungen in „gentrifizierten“ Stadtteilen. Zudem ist das Angebot an barrierefreien Wohnungen nach wie vor gering. Die Folge ist, dass 220.000 Menschen in stationären Wohneinrichtungen leben während nur 24.000 auf ambulant betreute Wohnformen zurückgreifen können.

IV. Ressentiment

Der Begriff „Ressentiment“ geht auf Nietzsche zurück, wurde in der Soziologie verschiedentlich aufgegriffen und weiterentwickelt, bisher aber nie mit Behinderung in Verbindung gebracht. Dies versucht der Verfasser nachzuholen. Ressentiment im Sinne von Nietzsche entsteht durch (nicht ausgelebte) Rachegefühle zu kurz gekommener und weniger tüchtiger Menschen sowie durch Neidgefühle.

Nach Conrad (1974) muss Ressentiment als Ungleichheitsbewusstsein verstanden werden, das den Beherrschten ihre Ohnmacht gegenüber den Herrschenden bewusst macht. Für den Berliner Soziologen Müller entsteht Ressentiment in einer Kultur der Gleichheit, die allen alles verspricht. In einer Kultur der Ungleichheit würden Neid und Ressentiment gering bleiben, weil man sich in dieser nur auf die eigenen Kreise bezieht. Die von ihm vertretene Auffassung, es gebe in der Oberschicht keine Ressentiments gegenüber der Unterschicht, ist jedoch falsch. Ressentiment gegen abweichendes Verhalten kann unabhängig von der Schichtzugehörigkeit entstehen.

Der Begriff „Ressentiment“ wird durch den Soziologen Park näher bestimmt und in fünf Typen unterteilt: „Das Ressentiment der Qual, der Rache, des Neides, des Hasses und der Vergaffung“ (S. 135). Wagner grenzt ihn gegen ähnliche Begriffe wie Stereotyp, Stigma und Vorurteil ab. Ressentiments bestimmen auch das institutionelle Handeln: Das Ressentiment des Neides manifestiert sich in Ein-Euro-Jobs, wenn Bürger nicht ertragen können, dass andere Geld erhalten ohne dafür arbeiten zu müssen, das Ressentiment des Hasses in Aufenthaltsverboten für öffentliche Räume, z.B. von Bettlern oder Obdachlosen. Institutionelle Rache führt zur Verslumung von Teilen der Bevölkerung. Ein positives Gegenmodell stammt aus Belgien. Dort bekommt jeder eine Mindestmenge an Energie und Wasser kostenlos. Niemandem wird der Strom abgeschaltet. Höherer Verbrauch wird dagegen sehr teuer – mit ökologischer Lenkungswirkung.

Ressentiments gegenüber Behinderten in der modernen Stadt lassen sich in Anlehnung an die Kategorien von Park auflisten. Das Ressentiment der Vergaffung bedeutet Fixierung der Aufmerksamkeit der Nichtbehinderten auf die Behinderten. Es manifestiert sich besonders in Kneipen, wo Behinderte nicht gern gesehen werden.

Das Ressentiment der Gesinnung exemplifiziert der Verfasser am Beispiel von Sonderschulen, die seines Erachtens einen krassen Fall von Gesinnungsverlogenheit darstellen, weil sie dem Sonderschüler ein individuelles Förderprogramm vorgaukeln, faktisch aber die Exklusion auch im Erwachsenenleben vorbereiten und damit zur Reproduktion sozialer Ungleichheit beitragen.

Das Ressentiment des Neides äußert sich institutionell in der Vorenthaltung notwendiger Mittel, um einem Behinderten ein autonomes Leben zu ermöglichen. Als Beispiel führt der Verfasser die Übertragung der Entscheidung über Einzelfallhilfe von Ärzten und Psychologen auf Verwaltungsbeamte („Fallmanager“) in Berlin an, deren unausgesprochenes Ziel die Kürzung von Mitteln für „privilegierte Sonderbedürfnisse“ (S. 161) von Behinderten sind.

Die Ressentiments der Rache und des Hasses zeigen sich u.a. im Widerstand der Bewohner wohlhabender Stadtviertel gegen die Ansiedlung von Wohnprojekten für Behinderte in ihrer Nähe oder in Klagen auf Entschädigung, wenn man im Urlaub den Anblick von Behinderten ertragen musste. Massive Abwehr des anderen dient als Strategie zur Stabilisierung der eigenen Identität. In ökonomisch unsicheren Zeiten nimmt die Abgrenzung gegenüber Randgruppen zu.

Empirischer Teil

Nach methodologischen Reflexionen über das qualitative Verfahren der Inhaltsanalyse stellt der Verfasser für den empirischen Teil seiner Arbeit folgende Hypothese auf:

„Strukturelle Gewalt, soziale Exklusion und das Ressentiment sind relevante Themen für deutsche Sozialverbandsperiodika des Jahres 2005. Je eindeutiger sich ein Periodikum den genannten Themen widmet, desto relevanter sind dem Periodikum die Anliegen Behinderter. Je vielschichtiger auf die Probleme Behinderter in dem jeweiligen Journal eingegangen wird, desto besser die Arbeit des jeweiligen Sozialverbandes in der täglichen Praxis für Behinderte“ (S. 182).

Durch Auswertung der Verbandszeitschriften von 11 Wohlfahrts- bzw. Sozialverbänden untersucht der Verfasser, inwieweit diese sich der Gefahren struktureller Gewalt, sozialer Exklusion und Ressentiments gegenüber Randgruppen im Allgemeinen und Behinderten im Besonderen bewusst sind und vergleicht diese z.T. an Hand von Beispielen mit der Praxis dieser Verbände.

Die kritische Würdigung der Verbände beginnt mit einer ausführlichen Darstellung ihrer Geschichte, ihrer Wertvorstellungen und ihrer Verfasstheit. Daran schließen sich Informationen aus den Verbandsperiodika zu den o.g. Fragestellungen an.

Wagner zieht folgendes Resümee seiner Analyse:

„Die Auswertung der Sozialverbandsperiodika hat gezeigt, dass die Situation Behinderter in der deutschen Gesellschaft auf die jeweilige verbandsspezifische Art Beachtung genießt. Man darf aber nicht behaupten, dass es einen Zusammenhang zwischen dem thematischen Stellenwert des Ressentiments im jeweiligen Periodikum und der Qualität der geleisteten Arbeit des Verbandes gäbe. Beispielsweise die Volkssolidarität hat in ihrem Periodikum das Ressentiment gegen Behinderte überhaupt nicht thematisiert, leistet aber in überzeugender Weise solidarische Hilfe für all jene in der Gesellschaft, die der Unterstützung in Ostdeutschland bedürfen“ (S. 349).

Fazit

Wichtigstes Verdienst der Arbeit von Wagner ist es, die Situation von Menschen mit Behinderungen im Lichte der neoliberalen Umstrukturierung der Gesellschaft analysiert zu haben. Wenn Städte sozialen Exklusions- und Segregationsprozessen nicht gezielt entgegen steuern, sondern ihre finanziellen Mittel stattdessen in eine den Bedürfnissen der BewohnerInnen gentrifizierter Stadtteile entsprechende Eventkultur stecken, werden die Lebenschancen von Randgruppen und insbesondere Menschen mit Behinderungen erheblich beeinträchtigt. Wer Integration und Inklusion dieser Menschen vorantreiben will, kann nicht auf die Analyse entgegenstehender gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen verzichten. Diese Analyse leistet Wagner, auch wenn kritisch anzumerken ist, dass eine Fülle unterschiedlicher Themen behandelt wird, die nicht immer zielführend auf den Punkt gebracht werden und die Lektüre manchmal durch unnötige formale Fehler beeinträchtigt wird.

Nicht nur Städte, sondern auch die großen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie haben sich in den beiden letzten Dekaden dem neoliberalen Mainstream nicht ausreichend entzogen: die Caritas durch Einrichtung zahlreicher Ein-Euro-Jobs ohne Perspektive auf die Übernahme in ein geregeltes Arbeitsverhältnis, die Diakonie durch Ablehnung eines Mindestlohnes im Pflegebereich.

Der Verfasser bezieht zum ersten Male explizit den Ressentimentansatz auf den Umgang mit Behinderten. Es mag dahingestellt bleiben, ob dieser Ansatz im Vergleich zu psychoanalytischen und sozialpsychologischen Ansätzen der Identitätsbildung und Vorurteilsforschung zusätzlichen Erkenntnisgewinn bringt. Positiv zu werten ist in jedem Falle, dass Wagner Ressentiments auch auf die Haltungen von staatlichen Institutionen und Wohlfahrtsverbänden bezieht und zur Erklärung diskriminierender Handlungen heranzieht.

Trotz einiger Einschränkungen ist die Lektüre des Bandes insgesamt anregend und liefert dem Leser wichtige Erkenntnisse. Es wäre zu wünschen, dass neben der Fachöffentlichkeit auch die Verantwortlichen in Kommunalpolitik und Wohlfahrtsverbänden Wagners Analysen zur Kenntnis nehmen und Konsequenzen daraus ziehen.


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 01.11.2010 zu: Frank Wolfram Wagner: Soziale Exklusion und Ressentiment gegen Behinderte in der modernen Stadt. Greifenverlag zu Rudolstadt (Rudolstadt) 2009. ISBN 978-3-86939-799-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9565.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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